Für eine sensible Sprache und darüber hinaus: das Binnen I geht nicht weit genug

Seit einigen Wochen arbeite ich an einem umfangreichen Blogartikel, in welchem u.a. die Naturalisierung von „Männern“ und „Frauen“ entmystifiziert werden soll. Außerdem soll sichtbar gemacht werden, dass Privilegien von Männern bereits in dieser künstlichen, sozialen, geschichtlichen, kulturellen Unterscheidung „zwischen den Geschlechtern“ (sic!) erkennbar sind. Das Hauptanliegen des Artikels, welcher in 9 Teilen veröffentlicht wurde ist, männliche Privilegien (also auch meine eigenen) zu reflektieren. In diesem Kontext steht auch dieser Blogpost: Ich appelliere daran, das Sprachkonzept „Performing the gap“ (siehe unten) zu verwenden, anstatt „Frauen im generischen Maskulinum nur mitzumeinen“.Gendern ist nur eine von vielen wichtige Strategien, die „Norm des Männlichen“ aufzubrechen.


Immer wieder gibt es Menschen, die ein Problem damit haben, eine (geschlechter)sensible Sprache zu verwenden. So auch 800 Lehrer_innen, Professor_innen, Philosph_innen, Journalist_innen, und andere Sprachkritiker_innen. In ihrem offenen Brief (welcher in der Zeitung „Wiener Sprachblätter“ des Vereins Muttersprache abgedruckt wurde) wird unter anderem dazu aufgerufen, „zur sprachlichen Normalität“ zurück zu kehren, behauptet wird, dass Sprache „allein der problemlosen Verständigung“ dient. Außerdem wird darüber gejammert, dass durch das Binnen I Texte schwerer zu lesen seien.

Wichtig ist es darauf hinzuweisen, wo der „Verein Muttersprache“ gesellschaftspolitisch zu verorten ist (das ist nicht das Hauptanliegen dieses Blogartikels, die Information finde ich dennoch essentiell):

„Die Debatte der letzten Tagen und Wochen über gendergerechte Sprache und die österreichische Bundeshymne hat eines verdeutlicht: Seit mittlerweile einigen Jahren gibt es einen reaktionären Backlash. Eine wesentliche Rolle spielen dabei bürgerliche wertkonservative Bewegungen. Taktgeber für diesen Backlash sind oftmals rechtsextreme Bewegungen.“ 

Performing the gap
Vordergründig geht es beim Gendern ja um die Sichtbarmachung von Frauen*, zu sagen, sie sind etwa im generischen Maskulinum „eh mitgemeint“ ist nicht nur absurd, sondern falsch. Das Binnen I finde ich auch problematisch, viel besser ist es mMn einen Unterstrich, oder einen Stern zu verwenden: Mit diesem Sprachkonzept, auch „Performing the gap“ genannt, geht es um Sichtbarmachung: in der deutschen Sprache wird bzgl. der Anrede und Beschreibung von bzw. dem Sprechen über Personen alles negiert, was außerhalb von „sie“ oder „er“ / „der oder „die“ liegt (vgl. arranca! 2003, obiger Link). Denn Sprache schafft ebenso eine Norm, bzw. ist sie ein Abbild von Macht- und Herrschaftsprozessen:
„Dagegen möchte ich einen anderen Ort von Geschlechtlichkeit setzen, einen Ort, den es zu erforschen gilt und um den wir kämpfen sollten, er sieht so aus: _“ (ebd.). Alle, „die sich nicht unter die beiden Pole hegemonialer Geschlechtlichkeit subsumieren lassen wollen und können [werden] entweder aus diesem Repräsentationssystem ausgeschlossen oder von ihm vereinnahmt“ (ebd.).
Sprache ist nicht „objektiv“, welche „allein der problemlosen Verständigung“ dient, sondern entwickelt sich mit der Zeit und kann zudem von Macht- und Herrschaftsprozessen nicht unabhängig sein. So ist auch in der deutschen Sprache deutlich erkennbar, dass Zweigeschlechtlichkeit – und in dieser – „das Männliche“ eine Norm darstellt, nach der sich alles zu richten hat (oder sich in der Praxis danach richtet). Daher bin ich stark dagegen, diese patriarchale Sprache (genauso wie das Patriarchat bzw. die Männergesellschaft, in welchem / welcher wir (nicht nur) in Österreich leben) „einfach so zu lassen“. So stellen „Transgender-People und Gender-Outlaws […] jene ‚Abweichungen‘ von Geschlecht dar, durch die sich unsere Geschlechterordnung ihrer Normalität versichert. Diese Konstruktion verliert ein gutes Stück ihrer Schlüssigkeit in jenem Moment, in dem wir diesen Ort in die Sprache eintreten lassen: _“. (ebd.)

„Gendern ist zu kompliziert“ und „die Normalität von Sprache“

Wenn einige meinen, gendern macht die deutsche Sprache noch viel komplizierter, als sie ohnehin schon ist: Ich denke schon, dass gendern eine gewisse Umstellung bedeutet, welche aber sehr schnell in die eigenen Routinen des Lesens / Schreibens einfließen, bis eins dies gewohnt ist. „Es ist komplizierter“ ist ohnehin kein Argument: Auf eine sensible Sprache zu achten, in welcher versucht und reflektiert wird, möglichst niemanden zu diskriminieren / auszuschließen / unsichtbar zu machen ist nun mal mit gewissen (minimalen) „Anstrengungen“ verbunden. Eine weitere Möglichkeit ist, immer nur die weibliche Form, in welcher Männer* selbstverständlich mitgemeint sind, zu verwenden. Diese Praxis würde Männer* keinesfalls „diskriminieren“, da es aufzeigt, wie unterrepräsentiert Frauen* (nicht nur) in der Sprache sind, dazu würde es männliche Dominanz in der Sprache deutlich machen und diese möglicherweise ein kleines Stück zurück drängen. In einem ORF-Interview mit Konrad Paul Liessmann (geführt im Arkadenhof der Universität Wien, in welchem sich über viele Jahrhunderte nur Büsten von Männer* befanden) sagt dieser, gendern sei „aus ästhetischen Gründen wenig akzeptabel“ (Interview ab 1:27Min, Zugriff möglich bis 28.7.14). Ist es etwa wichtiger, beim Lesen und Schreiben nicht zu denken, anstatt auf politische Korrektheit zu achten? Nein, Gleichberechtigung von Menschen darf keine Frage der Ästhetik seien!

Weiters haben die Unterzeichner_innen des offenen Briefs dazu aufgerufen, zur „sprachlichen Normalität wieder zurückzukehren“. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass sich Sprache permanent und heutzutage in einer schnelllebigen Welt immer rasanter wandelt: Was ist denn „sprachliche Normalität“ überhaupt? Hier entsteht der Eindruck, dass die Unterzeichner_innen für die Fortsetzung männlicher Dominanz (nicht nur in der Sprache?) eintreten.

Was viel wichtiger ist und thematisiert werden muss
Es geht ja eigentlich nicht um das Binnen I – zwar schon auch, aber wichtiger ist m.E. etwas viel Grundlegenderes: Angefangen bei der Zweiteilung „der Geschlechter“ (sic!), womit Männer* als stark, Frauen* als schwach konstruiert werden, womit es möglich wurde, Frauen* Jahrhunderte lang von Wissenschaft, Politik, gesellschaftlichem Leben, Mitspracherechten etc. auszuschließen und dies mit Biologismen zu „begründen“: Thematisiert werden sollte vielmehr die Unsichtbarmachung von allem, was nicht der heterosexuellen – und in dieser der männlichen – Norm entspricht und damit im Zusammenhang stehend männliche Privilegien. Somit entsteht der Anschein, dass der Kampf gegen das Binnen I das Ergebnis eines ängstlichen Abwehrkampfes von Männern* gegen den Aufstieg von Frauen* ist, womit von wesentlichen und tiefgreifenden patriarchalen Strukturen abgelenkt wird, über welche wir dringend diskutieren sollten – nein, müssen! Doch insbesondere (alte, weiße, männliche) PolitikER wissen mit einer allseits bekannten Formel, diese Diskussionen abzuwürgen, oder mit einer Täter-Opfer-Umkehr jede Kritik im Keim zu ersticken.

Schlussfolgerungen
In einer tiefverwurzelten, patriarchalen Gesellschaft ist die symbolische Sichtbarkeit und Wertschätzung von Frauen* in der Sprache gering. (Un)Sichtbarkeit bzw. (Nicht)Wertschätzung sind eine Grundlage für Diskriminierung und Achtung in der Gesellschaft. Die Frage, wer im gesellschaftlichen Leben stark / wenig / gar nicht sichtbar ist, hängt nicht nur mit einer sensiblen Sprache zusammen, sondern auch mit hegemonialer Männlichkeit, Patriarchat, männlichen Privilegien, männlicher Herrschaft.

„Die Grenze mit ihrer unsichtbaren Bevölkerung wird zum Ort, indem die beengenden Schranken der Zweigeschlechtlichkeit – du Leser auf der einen, und du Leserin auf der anderen – auseinander geschoben werden, um dem verleugneten Anderen Platz zu machen: du Leser_in nimmst diesen Platz ein“ (arranca! 2003).

In dem im Entstehen befindenden Artikel geht es genau darum: In der patriarchalen Normalität ist es für ein emanzipatorisches Streiten essentiell, dass auch von Männern* männliche Privilegien reflektiert werden. Darüber hinaus ist es mir ein Anliegen, die Begrifflichkeit und Wirkung von „Mann und Frau“ als das aufzuarbeiten, was sie ist, aber durch die Naturalisierung „der beiden Geschlechter“ (sic!) verschleiert wird: Eine gesellschaftliche Konstruktion, die sozial, kulturell, historisch entstanden ist und in jeder Interaktion reproduziert werden muss, damit diese Zweiteilung der Geschlechter als Norm bestehen bleibt. Darin sind bereits männliche Privilegien deutlich erkennbar. Daher schreibt die Verwendung des Binnen I lediglich diese Zweiteilung fest, weshalb es notwendig ist, Konzepte wie „Performing the Gap“ anzuwenden.

Edit (3.8.14): Sehr spannendes und zu empfehlendes Interview mit Sigrid Schmitz (Biologin und Professorin für Genderstudies):
Über verbale Grenzüberschreitungen im Internet, das Geschlecht als letzten Ort der Sicherheit und neurowissenschaftliche Argumente für eine geschlechtssensible Sprache.

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