[1. Teil]: Gesellschaftliche Prozesse sind immer auch vergeschlechtlichte Prozesse. Ein queerfeministischer Ansatz zur Reflexion männlicher Privilegien

INHALT VON TEIL 1

Einleitung

Kennst du Ronja?
Ronja ist wie du.

Gewalt, Privileg, Diskriminierung ist ein Teil einer jeden Gesellschaft, sie sind alltäglich und werden permanent ausgeübt; Manche Personen streiten ab (allen voran Maskulisten, Antifeministen, aber auch andere), dass Männer* in unserer Gesellschaft Privilegien genießen und diese überall vorhanden sind: nicht nur strukturell in staatlichen Institutionen vorhanden, in traditionellen Vorstellungen von „Familie“, sie können von reiner Symbolik bis zu ganz offensichtlicher Gewalt reichen.

„ABER Frauen haben auch Privilegien bzw. Männer leiden auch unter Gewalt” bekommt man oft zu hören, wenn man männliche Privilegien anspricht. Dieser Satz stimmt zum Teil (und dann wieder nicht) und ist zudem sehr verkürzt und vor allem aus dem Zusammenhang gerissen, weshalb ich das in den folgenden 9. Teilen etwas detaillierter ausführen möchte. (Grundsätzlich meine ich, dass es ignorant und einfältig ist, wenn als Reaktion auf das gesellschaftliche Problem x mit “ja, aber auf x geh ich jetzt nicht ein, ich finde y wird noch viel mehr diskriminiert“ reagiert wird. Diese Strategie wird auch als derailing bezeichnet).

Ich schreibe diese Serie, weil ich mich als als Ally / Profeminist sehe, der sich mit seinen männlichen Privilegien auseinandersetzt und diese reflektiert. Im Folgenden werde ich auf Themen eingehen, welche von Feministinnen in diversen Artikeln / Blogposts bereits behandelt wurden (und hier zum Teil zitiert werden); ich möchte nicht mansplainen (falls dennoch der Eindruck entsteht: ich bin offen für Kritik). Vor allem möchte ich mich in einem queer-feministischen Rahmen in einem anti-sexistischen Kontext mit meiner eigenen Position als Mann* sowie mit Männlichkeit beschäftigten und Männer* auffordern, dies auch zu tun. Außerdem wird darauf eingegangen, dass „Mann und Frau“ keine natürlichen Kategorien sind, sondern sozial / kulturell aus einem langen gesellschaftlichen Diskurs entstehen.

INHALT

Bevor ich mich mit praktischen Beispielen männlicher Privilegien und Diskriminierungen von Frauen* beschäftige (hier und hier und hier), möchte ich im theoretischen Teil (1. und 2. Veröffentlichung) auf Geschlechterverhältnisse und deren gesellschaftliche Aufladung / Bewertung / Beurteilung eingehen. Diese stellen das Fundament dieser Privilegien dar, denn die „beiden“ (sic!) Geschlechter stehen gesellschaftlich in einem hierarchischen Verhältnis zueinander. Dabei handelt es sich auch um strukturelle Privilegien, welche meist mit einer biologistischen Argumentation der Unterschiede zwischen Männern* und Frauen* mit natürlichen Wesensmerkmalen konstruiert werden. Weiters werde ich im Theorieteil auf Privilegien, hegemoniale Männlichkeit und Konstruktion von Männlichkeiten eingehen sowie auf Intersektionalität, männliche und weiße Privilegien, als auch auf die Begriffe „hegemoniale Männlichkeit“ und „patriarchale Dividende“. Abgerundet wird der Theorieteil mit der Ausführung, wie sich Männlichkeiten über Wettbewerb und Männerbünde konstituieren.

Zu betonen ist hier folgendes: Es ist nicht so, dass alle Männer* per se immer und unter allen Umständen gegenüber Frauen* privilegiert wären. Vor allem heißt das nicht, dass alle Männer* kollektiv „schuldig“ wären und schon gar nicht zeichne ich das Bild vom Mann* als Täter per se und der Frau* als Opfer per se. Eine reiche Frau* aus der Oberschicht genießt etwa mehr Lebensqualität als ein Mann* aus der Unterschicht und hat aufgrund eines höheren Vermögens auch mehr Handlungsspielräume in der Gesellschaft. Dafür ist es wichtig, Analysen über Gesellschaft immer intersektional durchzuführen, was dieser Begriff genau bedeutet, habe ich unter 2.1 erklärt.

Daher haben nicht alle Männer in gleicher Weise Privilegien, genauso sind nicht alle Frauen in gleicher Weise diskriminiert. (Damit diese Analyse nicht oberflächlich und einseitig vollzogen wird ist nämlich mitzudenken, dass es nicht „die Männer / die Frauen“ gibt, da beide Gruppen jeweils sehr heterogen beschaffen sind). Vielmehr handelt es sich um die „Privilegierung einer bestimmten Form von weißer Männlichkeit und nicht notwendigerweise von weißen Männern. Diese symbolische/ kulturelle/ diskursive Hierarchisierung aber schlägt sich als naturalisierte körperliche/ materielle/ ökonomische/ strukturelle Machtbeziehungen nieder“ (Peterson 2003: 14 nach Habermann 2008: 19).

Weiters wäre es ein Fehler, sich lediglich mit der Kategorie Geschlecht zu beschäftigen, da viele weitere Formen alltäglicher, gesellschaftlicher Diskriminierung vorherrschend sind.

Den Begriff „das Männliche als Norm“ habe ich in einem kürzeren Blogpost behandelt, aber auch

Anmerkung: Ich gehe prinzipiell davon aus, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt – also auch Trans-, Inter-, etc. Personen, jedoch muss in folgender Diskussion von „Männern“ und „Frauen“ gesprochen werden, um Elemente der patriarchalen Unterdrückungsstrategien beleuchten zu können, welche immer nur das naturalisierte Verhältnis innerhalb der einschränkenden Mann – Frau Dichotomie kannte. Denn so lange Menschen in einem gesellschaftlichen Kontext in dieser Zweiteilung wahrgenommen werden, ist die Unterscheidung zwischen Männern* und Frauen* als analytische Kategorien notwendig, um den Status quo zu beschreiben / zu analysieren. Herrschende Verhältnisse werden etwa mit dem „Postgender-Konzept“ verschleiert und ad absurdum geführt. In anderen Worten:

„Ich meine die Unterscheidung zwischen Geschlecht als sozialer Konstruktionauf der einen und Geschlecht als Bezugspunkt gesellschaftlicher Strukturierung auf der anderen Seite“ (Becker-Schmidt 2013: 19)

In diesem Blogpost geht es darum, dass der weiße, bürgerliche Mann in dieser Gesellschaft (etwa in Staaten des globalen Nordens, aber auch darüber hinaus) als Norm gilt (siehe Auflistung oben) und Privilegien genießt, welche reflektiert werden sollen (vgl. 3. Kapitel / ab 4. Teil). Damit werden gleichzeitig u.a. People of Color, Frauen*, untere Klassen diskriminiert, indem sie als „die anderen“ markiert werden, was damit zusammen hängt, dass sie kein Teil der Norm sind. Auch im Jahr 2015 sind Menschen noch immer nicht etwa in der Hinsicht gleichberechtigt, dass Frauen* und Männer* für die gleiche Lohnarbeit die gleiche Bezahlung bekommen (vgl. 3.2 / 5. Teil), gleichzeitig kann die geschlechtliche Arbeitsteilung und die Art und Weise, wie Haus- und Sorgearbeit gesellschaftlich (minder) bewertet wird, als sexistisch und männliche Bevorteilung bezeichnet werden.

Zudem ist jede dritte Frau* in der EU Opfer von Männergewalt, wie die EU-Grundrechtsagentur in einer weltweit bislang umfangreichsten statistischen Erhebung diesbezüglich erkannte (vgl. European Union Agency for Fundamental Rights 2014; vgl. 3.1). Daneben sind Frauen* in Spitzenpositionen, in Wissenschaft, Politik, aber auch im öffentlichen Raum / im Stadtbild (etwa Gassennamen, Statuen, Denkmäler…) unterrepräsentiert, darüber hinaus werden Frauen oftmals auf ihren Körper reduziert, was sich nicht nur in sexistischer Werbung äußert (vgl. 3.3.2 / 6. Teil), oder sie werden von diversen Veranstaltungen / aus verschiedenen Bereichen komplett ausgeschlossen (vgl. 3.3.3 / 6. Teil). Ferner ist es häufig der Fall, dass Männer* durch ihre (u.a. durch Sozialisation) zugeschriebene und daher auch erlaubte Dominanz nicht nur in Gesprächen / Diskussionen leichter das Wort ergreifen und in verschiedenen alltäglichen Situationen selbstbewusster auftreten können (vgl. 3.3.1 / 6. Teil). Die Kategorie „Geschlecht“, die Aufteilung und somit Kategorisierung aller Menschen in „Männer“ und „Frauen“ ist wirkmächtig und hat im Alltag unzählige Konsequenzen auf Menschen (s.u. 1. Kapitel). In den letzten 100 Jahren hat sich bezüglich der Gleichberechtigung der Geschlechter sehr viel getan, allerdings sind Männer*, Frauen*, Trans*, Inter* und alle anderen Geschlechter noch keineswegs gleichberechtigt. Um dort hinzukommen ist viel emanzipatorisches Streiten / Kämpfen erforderlich. Aber erstmal der Reihe nach…

Allgemeine Anmerkungen für diesen Artikel:

  • In der deutschen Sprache wird bzgl. der Anrede und Beschreibung von bzw. dem Sprechen über Personen alles negiert, was außerhalb von „sie“ oder „er“ / „der oder „die“ liegt. Die Art des Sprechens spiegelt jedoch die Tatsache der vollkommenen Ignoranz: Es gibt offiziell nur Frauen* und Männer*, Toiletten existieren ausschließlich für jene Geschlechter. Somit schafft Sprache ebenso eine Norm, bzw. ist sie ein Abbild von Macht- und Herrschaftsprozessen (vgl. 3.3.1): „Dagegen möchte ich einen anderen Ort von Geschlechtlichkeit setzen, einen Ort, den es zu erforschen gilt und um den wir kämpfen sollten, er sieht so aus: _.“ Der * hinter den Worten Mann* / Frau* soll hingegen verdeutlichen, dass es mehr als nur zwei Geschlechter gibt.

  • Da der Artikel aufgrund des umfangreichen Themas etwas lang geraten ist, wurde er in 9 Teilen veröffentlicht.

  • Bei jedem „vgl. xy“ (sofern es sich um einen Verweis auf einen Punkt innerhalb des Artikels handelt) ist nach dem Schrägstrich auch auf den Teil des Artikels verwiesen, in welchem dieses Thema zu finden ist.

  • Das Literaturverzeichnis für schriftliche Quellen findet sich hier, bzw. ist auch immer am Ende von jedem Teil verlinkt. Onlinequellen wurden (mit sieben Ausnahmen) immer direkt im Text verlinkt.

1. Naturalisierung der Kategorien “Männer” und “Frauen“ als Grundlage männlicher Privilegien

Geschlecht und Sexualität sind nicht „von Natur“ aus determiniert, vielmehr ist es unmöglich, sie unabhängig von einem gesellschaftlichen Umfeld zu denken. „Einen Organismus losgelöst von ihn umgebenden Faktoren zu betrachten, einen Menschen ohne die ihn umgebenden Einflüsse anderer Menschen zu sehen ist praktisch unmöglich“ (Voß 2011: 52-53). Körper werden in jeder Kultur, in jeder Gesellschaft politisch und kulturell mit Bedeutungen aufgeladen und sind daher niemals unabhängig von Geschichte, Kultur, Epoche und Gesellschaft zu denken. „Nichts den Menschen Umgebendes ist außergesellschaftlich, nichts für den Menschen Wahrnehmbares ist außerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse und außerhalb gesellschaftlicher Prägung denkbar“ (Voß 2011: 50).  (Dies wird im 2. Teil mit dem „doing gender Ansatz“ verdeutlicht).

„Unser symbolisches Leben ist nachhaltig vom Unterschied zwischen Frauen und Männern gezeichnet. Namen, Anredeformen, Sprechstile, Stimmen, Haartracht, Körperpflege, Körperpräsentationen etc. symbolisieren ihre Geschlechtsidentitäten“ (Kotthoff 2003: 128). Darin sind bereits männliche Privilegien erkennbar, worin sich auch die Hierarchisierung des weißen, heterosexuellen, bürgerlichen Mannes als Norm zeigt. Hingegen werden Frauen*, Proletarier_innen, homosexuelle Menschen, Schwarze etc. als „anders“ markiert. Eine kurze, historische Betrachtung, wie diese Zweiteilung ab dem 18. Jahrhundert explizit betont wurde, erfolgt im nächsten Abschnitt unter 1.1.

„Die Vorstellungen von dem, was  Frauen und Männer sind, spiegeln nicht Natur. Sie rühren von kulturellen Gewohnheiten her, die in soziale Machtbeziehungen eingebettet sind: Ideen über die ‚Natur der Geschlechter‘ entstehen aus Machtbeziehungen, in denen Diskurse mit Institutionen, Gesetzen, Programmen [eingelagert sind]“ (Bublitz 2002: 67). Ein Ansatz queerer und feministischer Positionen ist, dass gender in jeder Interaktion hergestellt wird, was mit dem „Doing Gender“ Konzept erklärt werden kann. Dieser Ansatz geht weiter als die sex/gender Unterscheidung (vgl. Gildemeister 2008: 167), weil darin nicht nur die Naturhaftigkeit von Mann und Frau kritisiert wird. Es geht darum, dass gender in der Interaktion, also in sozialen Situationen dargestellt und somit hergestellt wird, indem Individuen miteinander handeln (vgl. Villa 2011: 109). Bevor darauf unter 1.3 / 2. Teil näher eingegangen wird, erfolgt zunächst eine historische Betrachtung davon, wie mit dem Aufkommen von Industrialisierung / Bürokratisierung angebliche Unterschiede zwischen vermeintlich zwei Geschlechtern betont wurde.

1.1 Sozial – historisch: Der weiße, bürgerliche Mann als Norm

Geschlecht und Körper können nicht unabhängig von Geschichte, Sozialisation, Erziehung, Kultur, gesellschaftlicher Struktur betrachtet werden. Die Einteilung in Männer* und Frauen* (vgl. insbes. 1.2; 1.3 / 2. Teil) gab es zwar auch schon vor dem 18. Jahrhundert, allerdings wurde eine angebliche Wesensverschiedenheit von Männern* und Frauen* erst mit dem aufstrebenden Bürgertum betont und institutionalisiert. „‘Geschlechtscharakter‘, dieser heute in Vergessenheit geratene Begriff bildete sich im 18. Jahrhundert heraus und wurde im 19. Jahrhundert allgemein dazu verwandt, die mit den physiologischen korrespondierend gedachten psychologischen Geschlechtsmerkmale zu bezeichnen. Ihrem Anspruch nach sollten Aussagen über die ‚Geschlechtscharaktere‘ die Natur bzw. das Wesen von Mann und Frau erfassen“ (Hausen 2012: 19).

Die Wörterbuchdefinitionen der Stichwörter „Geschlechtseigentümlichkeiten“ / „Geschlechtscharaktere“ aus „Meyers‘ Großem Konversationslexikon“ von 1904, dem „Brockhaus“ (1895) und anderer Lexika (Zedler 1735; Krünitz 1778) (vgl. Hausen 2012: 22ff.). sollen an dieser Stelle nicht im Detail wiedergegeben werden, lassen sich aber damit zusammen fassen, dass Männern* Aktivität und Rationalität, Frauen* hingegen Passivität und Emotionalität zugeschrieben wurde (vgl. ebd.), bzw. auch im Jahr 2014 zum Teil immer noch wird. „Die variationsreichen Aussagen über ‚Geschlechtscharaktere‘ erweisen sich als ein Gemisch aus Biologie, Bestimmung und Wesen und zielen darauf ab, die ‚naturgegebenen‘, wenngleich in ihrer Art durch Bildung zu vervollkommnenden Gattungsmerkmalen von Mann und Frau festzulegen“ (Hausen 2012: 23). („Der Glaube an die Charakter-Dichotomie ist noch immer stark“ (Connell 2013: 90)); diese Geschlechterstereotypen haben sich bis heute erhalten und werden in vielen Situationen des alltäglichen Lebens reproduziert, vgl. 1.3). „Demgegenüber sind die älteren vor allem in der Hausväterliteratur und den Predigten überlieferten Aussagen über den Mann und die Frau Aussagen über den Stand, also über soziale Positionen und die diesen Positionen entsprechenden Tugenden“ (Hoffmann 1959 nach Hausen 2012: 25), anstatt Männer* und Frauen* in unterschiedliche Wesensmerkmale einzuteilen.

So ordnete auch Chr. Wolff den Geschlechtern Anfang des 18. Jahrhunderts „der ehelichen, väterlichen und herrschaftlichen Gesellschaft zu und bestimmt danach die erforderlichen Tugenden der Herrschaft bzw. des Gehorsams und der Tüchtigkeit des Wirtschaftens bzw. Arbeitens“ (Wolff 1725 nach Hausen 2012: 26). Dies zeigt sich ebenso in „Zedlers Universal-Lexikon“ von 1735: „Frau oder Weib ist eine verehelichte Person, so ihres Mannes Willen und Befehl unterworfen, die Haushaltung führet, und in selbiger ihrem Gesinde vorgesetzt ist“ (Zedler 1735 nach Hausen 2008: 26). Diese Zitate belegen zwar ein hierarchisiertes Verhältnis zwischen den Geschlechtern und eine Unterordnung von Frauen* unter Männer*, allerdings ist es ein Unterschied, Geschlechter anhand von gesellschaftlichen Aufgaben oder nach Wesensmerkmalen zu differenzieren. Denn erst mit einer Zuordnung von männlichen und weiblichen Charaktereigenschaften findet eine Trennung von weiblicher (häuslicher) und männlicher (öffentlicher) Arbeit statt, wie weiter unten gezeigt wird. So nennt auch Krünitz (1778) „unter dem Stichwort ‚Frau‘ nicht Charaktereigenschaften, sondern die Rechte, Pflichten und Verrichtungen der Hausfrau und spezifiziert seine Aussagen für die Handwerks- und Kaufmannsfrau“ (Krünitz 1778 nach Hausen 2012: 26).

Gleichzeitig und analog zur Betonung einer angeblichen Wesensverschiedenheit der Geschlechter erfolgte in dieser Zeit eine Trennung in eine häusliche, weibliche und eine öffentliche, männliche Sphäre, welche „um die Wende zum 19. Jahrhundert mit der verallgemeinerten Durchsetzung bürokratischer Prinzipien im Instanzenzug der Behördenorganisation und im Berufsbeamtentum erheblich beschleunigt wurde“ (Hausen 2012: 40). Reinhard Spree beschäftigt sich ebenso mit der veränderten Beziehung zwischen Männern* und Frauen* im 19. Jahrhundert. „Aus Frauen und Männern mit einem partnerschaftlichen Verhältnis bei jeweils eigenen, aber gleichwertigen und auch nicht prinzipiell fixierten Aufgabenbereichen im Haushalt wurde ein Unterordnungsverhältnis von biologisch dichotomisierten Wesen, in dem angeblich die Natur dem Manne eine grundsätzliche Dominanz der Frau zuwies.“

Hingegen arbeiteten nach derzeit weitverbreiteter Auffassung Männer gemeinsam mit Frauen „in der vorindustriellen Haushalts- und Familienform des ‚ganzen Hauses’, die typischerweise bei Bauern, Handwerksmeistern und Kaufleuten anzutreffen war, mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen, aber partnerschaftlich zusammen. Im ‚ganzen Haus’ waren Erwerbs- und Privatsphäre unter einem Dach vereinigt und auch symbolisch kaum getrennt, indem die Kernfamilie […] gemeinsam arbeitete, wohnte und aß. Das ‚ganze Haus’ ‚bezeichnete somit eine Rechts-, Arbeits-, Konsum- und Wirtschaftseinheit‘“ (vgl. auch Hausen 2012: 28).

Dennoch bestand ein Unterordnungsverhältnis, welches sich darin zeigt, welche Arbeit Männern* und Frauen* zugemutet wird. Im Brockhaus von 1815 ist zu lesen: „Aus dem Manne stürmt die laute Begierde; in dem Weibe siedelt sich die stille Sehnsucht an. Das Weib ist auf einen kleinen Kreis beschränkt, den es aber klarer überschaut; es hat mehr Geduld und Ausdauer in kleinen Arbeiten. Der Mann muß erwerben, das Weib sucht zu erhalten; der Mann mit Gewalt, das Weib mit Güte oder List. Jener gehört dem geräuschvollen öffentlichen Leben, dieses dem stillen häuslichen Cirkel […]. Der Mann stemmt sich dem Schicksal selbst entgegen, und trotzt schon zu Boden liegend noch der Gewalt; willig beugt das Weib sein Haupt und findet Trost und Hilfe noch in seinen Thränen“ (Brockhaus 1815 nach Hausen 2012: 22). Mit der Zeit wurde die Arbeit von Frauen aus der öffentlichen Anerkennung verdrängt und in der kleinbürgerlichen Familie geradezu isoliert und als ökonomisch wertlos herab gesetzt (vgl. Duden / Bock 1977 in Wichterich 1998). Denn „Mitte des 19. Jahrhunderts war die Familie und der Haushalt ein wesentlicher Ort für die Konstruktion, Verkörperung und Weitergabe der Werte des Bürgertums geworden“ (Habermann 2008: 233).

Der Punkt ist hier, dass diese Unterscheidung von männlicher und weiblicher Arbeit und die damit einhergehende scharfe Trennung davon, was die „beiden“ (sic!) Geschlechter ausmacht nicht schon immer vorhanden, sondern entstand vielmehr mit der zunehmenden Kapitalisierung, Marktabhängigkeit, Industrialisierung, der Herausbildung bürokratischer Systeme. „Die ideologische Neubegründung der Unterordnung der Frau unter den Mann, vor allem im Bürgertum, seit dem frühen 19. Jahrhundert kann als Abwehrkampf der Männer gegenüber den die familialen Machtverhältnisse in Frage stellenden Forderungen der Französischen Revolution und der Aufklärung gesehen werden“ (Gestrich 1999: 102) Somit kann auch die Funktion der Charakterbestimmung von Männern* und Frauen* als „ideologische Absicherung von patriarchaler Herrschaft“ (Hausen 2008: 31) gesehen werden. Dies wurde auch explizit so argumentiert, beispielsweise von Carl Theodor Welcker im Staatslexikon unter dem Stichwort „Geschlechtsverhältnisse“ (vgl. ebd.). „Welcker hält die durch das Menschenrecht begründete Gleichheit im bürgerlichen Recht im Hinblick auf die Frauen für problematisch; ist doch ’so vielfache Ungleichheit zwischen dem Manne und der Frau, so große Verschiedenheit ihrer Lebensaufgaben und ihrer Kräfte, also auch ihrer Rechtsverhältnisse, schon durch die Natur selbst bestimmt‘“ (ebd.). Gleichzeitig argumentiert Welcker gegen eine rechtliche Gleichstellung von Mann* und Frau* (vgl. Welcker 1838 nach Hausen 2012: 34).

Unterdessen muss hier betont werden, dass sich dieses Ideal der Trennung von weiblicher und männlicher Arbeit zuerst im Bürgertum breit machte und sich erst mit der Zeit auch auf andere Klassen übertragen hat (vgl. Hausen 2012: 38). Zwar waren auch Familien im Mittelalter patriarchalisch organisiert, jedoch wurden Frauen erst mit dieser anderen Produktionsweise „in die ökonomische und emotionale Abhängigkeit von Männern gedrängt“ (vgl. (Opitz [Ayim] 1997 [1986]: 25 nach Voß / Wolter 2013: 79). Erst mit „der Trennung in Privatsphäre und außerhäuslicher Produktion kam der […] Bürgersfrau die Rolle der treusorgenden Gattin, Hausfrau und Mutter zu. Diese Entmachtung wurde verklärt und idealisiert, wobei im 18. Jahrhundert die Mehrzahl der deutschen Frauen dem neuen Frauenideal nicht entsprechen konnte, weil sie in Manufakturen und Fabriken Schwerstarbeit leistete“ (Opitz [Ayim] 1997 [1986]: 25 zit. nach Voß / Wolter 2013: 79).

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 2. Teil:
1.2 Doing Gender, Körper, Sozialisation und Heteronormativität
1.3 Geschlechterstereotypen

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