[2. Teil]: Körper und Geschlecht sind niemals unabhängig von Geschichte, Kultur, Wertvorstellungen, Sozialisation

<– Themen im 1. Teil: Einleitung; Essentialisierung der Kategorien “Männer” und “Frauen“ als Grundlage männlicher Privilegien; Sozial – historisch: Der weiße, bürgerliche Mann als Norm

INHALT VON TEIL 2

1.2 Doing Gender, Körper, Sozialisation und Heteronormativität

Die „getrennte Kultur“ von „Mann und Frau“ beginnt in der Kindheit und zieht sich durch fast alle gesellschaftlichen Bereiche. Dazu kommt die Behauptung, Unterschiede zwischen Männern* und Frauen* seien genetisch bedingt oder natürlich. Diese Argumentation wird oft dazu verwendet, Männer* und Frauen* in verschiedene Rollen hinein zu drängen (Kindererziehung,  Schönheit, das „starke“ / „schwache“ Geschlecht usw) und v.a. als Ausrede und Legitimation für Hierarchien zu verwendet.

Bei „Doing Gender“ geht es also um die Frage, in welcher Weise Geschlechter sozial konstruiert werden, zudem spielt „die Ebene der Interaktion“ (Villa 2011: 108, H.i.O.) eine zentrale Rolle. Oftmals wird die (De)Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit an der Transsexualität festgemacht (vgl. Knoblauch 2002: 119). Denn Transsexualität erschüttert die Annahme des dichotomen Verhältnisses von Mann* und Frau* sowie dass „die Geschlechtszugehörigkeit am Körper eindeutig ablesbar, angeboren und unveränderbar [sei]“ (Gildemeister 2008: 175).

„Doing Gender“ fragt auch danach, „was [wir tun], um das Geschlecht zu sein“ (Villa 2011: 89), die „Frage ist nicht, wie wirklich ist die Zweigeschlechtlichkeit […], sondern, wie sie eine Wirklichkeit ist“ (Hirschauer 1993: 241) bzw. erst eine Wirklichkeit wird. Anzumerken ist, dass Körper nicht „einfach existieren“, sondern immer in einem bestimmten Kontext betrachtet werden, in welchem eine Bewertung / Beurteilung stattfindet. Menschen können „nicht nicht kommunizieren“ (Marc/Picard 1991: 55; Watzlawick/Beavin/Jackson 1972 zit.n. Gugutzer 2004: 93), denn der Körper sendet allein durch „status-bestimmende Merkmale“ (Alter, Geschlecht, Klasse, ethnische Zugehörigkeit) immer Symbole und Zeichen aus und wird permanent von Menschen kategorisiert.

Diese Statuskategorien hängen maßgeblich mit der Reproduktion von Normen zusammen, weil auf ihrer Grundlage permanent Einteilungen, Zuschreibungen, Verallgemeinerungen von Menschen über andere Menschen getroffen werden. „Da ,ist‘ irgendein vorsozialer Körper, aber sobald wir ihn musternd erblicken oder gar anfangen zu beschreiben, was wir in ihm sehen, hat er aufgehört ein unkonstruierter,  natürlicher Körper zu sein“ (Hirschauer 1989: 112). Zu- und Beschreibungen von Körpern beginnen aber bereits vor der Geburt eines Menschen, was etwa durch die Frage „wird es ein Bub oder ein Mädchen?“ deutlich wird. (Hier sind Debatten rund um pränatale Diagnostik interessant. Etwa die Frage, ab welchem Zeitpunkt von „Leben“ gesprochen wird und wie dieses gleich kategorisiert wird (vgl. Orland 2003)). Somit ist festzuhalten, dass der Körper „als integrale[r] Bestandteil sozialen Handelns“ (Gugutzer 2004: 92) enorme Bedeutung hat, worin auch Macht- und Herrschaftsprozesse verankert bzw. sichtbar sind. Darauf geht auch Anne Fausto-Sterling ein, indem sie betont, dass soziale Interaktion als auch Sozialisation nicht nur die Wahrnehmung prägen, sondern sich direkt in den Körper einschreiben (vgl. Voß 2010: 66). „Beispielsweise Trainings, Bewegungsspielräume, Ernährung wirkten sich direkt auf die Konstitution aus und beeinflussten die Größe, die Ausbildung von Muskel- und Fettgewebe, die Beweglichkeit, aber auch die physiologischen Prozesse, die einen Menschen, einen Organismus kennzeichnen bzw. zu denen er in der Lage ist“ (ebd.).

Geschlechterbezogene Erziehung
Privilegien von Buben* / Männern*, bzw. Diskriminierungen von Mädchen* / Frauen* schreiben sich also bereits in der frühen Sozialisierung eines Menschen fest. Bei Mädchen* wird besonderen Wert auf den Körper gelegt, bei Buben* wird eher darauf geschaut, dass „sie sich austoben“ können: Buben* und Mädchen* werden geprägt, indem erstere entweder angehalten werden körperbetonte, aggressive Ballsportarten zu spielen, indem ihnen gelehrt wird, Schmerzen möglichst nicht zu zeigen, bzw. zweitere dazu erzogen, auf ihren Körper / ihre Körperhaltung / Gesichtsausdruck zu achten. Während Mädchen* / Frauen* Emotionalität zugeschrieben wird, werden Buben* / Männer* dazu erzogen, physische und psychische Schmerzen zu leugnen und zu negieren.

Weitere gesellschaftliche Erwartungen an Kinder: Jungen* sollen  stark, kräftig, durchsetzungsfähig sein und dürfen Aggressivität und Grobheit an den Tag legen. Mädchen* hingegen sollen nachgiebig sein, auf die Bedürfnisse anderer achten und Rücksicht nehmen. Außerdem sollen sie nicht aggressiv sein, sondern schön und niedlich und sich ihrer „Rolle im Haushalt“ (vgl. Universität Duisburg-Essen 2008)  bewusst werden. Diese sind als kulturell und gesellschaftlich gelernte Verhaltenscodes zu bezeichnen. Denn Geschlecht wird „im praktischen Einsatz spezifischer Gesten, Gesichter, Gangarten und Kleidungsstücke [konstituiert]“ (Hirschauer 2004: 77). Das zeigt sich beispielsweise an „geschlechtsspezifischen Spielzeug“: Für Mädchen* gibt es Puppen, Küche, Backofen, für Buben* Baukästen, Autos. „Dabei wird überprüft, inwiefern geschlechtskonforme Verhaltensweisen durch Eltern und andere Erwachsene geprägt werden. So zeigte sich in einer Reihe von Studien, dass Mädchen und Jungen von ihren Eltern unterschiedliches Spielzeug angeboten wird und dass mit Jungen ausgelassener und wilder gespielt wird. […] Während Eltern (insbesondere Mütter) mit ihren Töchtern häufiger und ausführlicher über Gefühle sprechen, werden Gefühlsäußerungen von Jungen insbesondere von den Vätern eher unterdrückt“.

Darüber hinaus ist das Geschlecht ebenso in die Kleidung eingeschrieben, wenn daran gedacht wird, dass ein Mädchen* / eine Frau* in einem Kleid beispielsweise gar nicht die Möglichkeit hat, „lässig dazustehen“, bzw. mit ihren Stöckelschuhen wegzulaufen. Röcke, welche die Bewegungsfreiheit einschränken, Nagellack, um immer auf die Verwendung der Hände zu achten usw. (Früher trugen Frauen* sogar Korsette!). Indem von Frauen* (im Gegensatz zu Männern) erwartet wird, vorsichtig mit ihren Körpern umzugehen und auf diese zu achten sind Einschränkungen in die gesellschaftliche Erwartungshaltung des Frau-Seins bereits eingeschrieben. (An dieser Stelle soll die gesellschaftliche Funktion dieser geschlechtsspezifischen Kleidung / Symbolik betrachtet werden, anstatt Menschen vorzuschreiben, was sie (nicht) anziehen (sollen)). Damit wird unterstrichen, dass geschlechtsspezifische Bewegungs- und Verhaltensweisen sozial konstruiert sind, womit schließlich der Annahme der „Naturhaftigkeit“ von Männern und Frauen* jede Argumentationsbasis entzogen wird.

Heteronormativität
Sämtliche Privilegien / Hierarchien / Herrschaftsverhältnisse in der konstruierten Bipolarität von Mann* und Frau* bauen auf dieser Essentialisierung bzw. Naturalisierung auf und sind maßgeblich für Rollenbilder, Kategorien, Wertvorstellungen von Männern*, Frauen*, Heterosexualität. Damit ist der Begriff der „Heteronormativität“ eng verknüpft. Nicht nur Mann* und Frau*, auch „Heterosexualität“ ist Produkt gesellschaftlicher Diskurse und von Geschichte. „Es ist nicht die Natur, die uns in eine heterosexuelle Welt hineinstellt. Dass wir das soziale Leben ‚heterosexualisiert‘ erfahren, ist viel mehr eine Folge von historisch gewachsener Praxis und institutionalisierten Bahnen des Redens, Denkens und Wahrnehmens“ (Ziegler 2008: 13). So wird Heterosexualität allgemein als Grundform jeder sozialen Beziehung gesehen, sie ist nicht nur im Staat und gesellschaftlichen Institutionen wie Schule, Ehe, Militär eingeschrieben, sondern auch in jenen Rahmen zu finden, die nicht auf den ersten Blick etwas mit sexuellem Begehren zu tun haben (vgl. Woltersdorff 2003). Die Bedeutung von Heterosexualität in der Gesellschaft, mit der jeder Mensch als eines von zwei Geschlechtern verstanden und in seinem Begehren auf das „andere“ Geschlecht bezogen gilt, wird als „Heteronormativität“ bezeichnet. Das „Prinzip der Heteronormativität [werde] in die gesellschaftliche Arbeitsteilung, in die Institution Familie, in die herrschenden Geschlechterverhältnisse und Geschlechterbeziehungen und in deren Vorstellungswelt eingeschrieben“ (Ziegler 2008: 13). Die zweite Ebene, auf welcher die Heteronormativität als strukturierendes Prinzip wirkt, ist die Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung (vgl. ebd.). Somit erscheint die Heterosexualität als die einzige „natürliche“ Form der Sexualität und Partnerschaft, Rich prägte daher den Begriff der „Zwangsheterosexualität“ (vgl. Rich 1989: 268, 270, 272ff. nach Villa 2007: 167). Zudem gibt es unzählige weitere Formen der sexuellen Orientierung wie Pansexualität, Homosexualität, Heteroflexibilität, queer, oder die eigene Definition eines jeden Menschen. Hier wird deutlich, dass Normatives – wie Mann*, Frau*, Heterosexualität – etwas Wirkmächtiges ist, von dem nicht nur subtile Zwänge ausgehen, sondern auch Verbote, Autorität, oder das Einschränken von Individuen. Konkrete sexistische Ausformungen dieser Heteronormativität sind beispielsweise, dass Männer* als triebgesteuert, potent, aggressiv, Frauen* als gefühlsbetont konstruiert werden, welche sexualisierter Gewalt „ausgesetzt sind“, was als Normalität innerhalb einer „rape culture“ angesehen werden kann. „In Anlehnung an verschiedene Theorierichtungen  zeigen sich in queeren Ansätzen  die Kategorien Sex/Gender, Hautfarbe, Kultur, Rollen, Ethnizität, Religionen, Gemeinschaften etc. nicht nur als Identitätsmix, sondern führen Konzepten der Trans-, Cross-, Nicht-Identität etc. zur Aufhebung aller eindeutigen und vermeintlich natürlichen Identitäten“ (Perko 2006: 9).

1.3 Geschlechterstereotypen

An dieser Stelle soll mit Kate Bornstein deutlich gemacht werden, wie „die beiden Geschlechter“ (sic!) im sozialen Kontext verankert sind, bzw. woran sie im Alltag oftmals festgemacht werden. Folgende sieben Punkte werden meist auch dazu verwendet, Menschen in Männer* und Frauen* einzukategorisieren, oder ihnen die Attribute männlich / weiblich zuzuordnen. Zum Teil sind darin männliche Privilegien und Diskriminierung von Frauen (in Ansätzen) erkennbar.

Bornstein, Kate (1994). Gender outlaw. On men, women and the rest of us. Routledge. New York.:
„Hinweise auf Geschlecht“ (im Original: „gender cues“) im Alltag:

  • Verhalten (Auftreten, „Benimmregeln“, wie Männer* und Frauen* sich verhalten bzgl. der gesellschaftlich erwarteten Norm)
  • textlich (Orig.: „textual“) (historisch, Namen von Gassen / Gebäuden)
  • Mythisch (archetypisch: „das schwache / starke Geschlecht“)
  • Machtverhältnisse (Durchsetzungsvermögen, Beharrlichkeit, Aggression)
  • Sexuelle Orientierung (jedem Mensch wird unterstellt, dieser sei heterosexuell, bis das Gegenteil bewiesen wird (sic!))
  • Biologisch (das zugewiesene Geschlecht eines Menschen, Chromosomen, Hormone)

Zu den Symbolen, welche spezifisch mit einem der angeblich zwei Geschlechtern verknüpft werden, kommen unzählige Erwartung(en)(shaltungen) an Rollen von Männern* und Frauen*:

Von Männern* wird erwartet (oder manchmal auch gefordert), dass sie stark, intelligent, Familienoberhaupt, Ernährer sein sollen, bzw. wird ihnen dies zugeschrieben. Weitere männliche Eigenschaften, welche von einer bürgerlichen Mainstream-Kultur definiert werden sind: tiefe Stimme, kurze Haare, bestimmend, Zurückhalten von Emotionen, Männern* wird eher Aggressivität zugemutet / das Ausüben von Aggression unterliegt weniger Restriktionen, technikversiert, dominant, Beschützerrolle usw.

Frauen* hingegen werden als schwach, zierlich, zurückhaltend, hohe Stimme, zurückhaltend, als schön konstruiert, oftmals in die Rolle der „Hausfrau“ hinein gedrängt, welche unbezahlte Haus- und Sorgearbeit verrichtet (vgl. 3.1 / 4. Teil), schutzbedürftig, emotional, passiv, für Erziehung zuständig, mütterlich, pflegend, mögen romantische Komödien, unentschlossen, finanziell abhängig, höflich, zickig, hysterisch etc. erwartet.

(Wie zwischen Männern* und Frauen* plakativ unterschieden wird zeigt sich in einer beliebigen Bildersuchmaschine, wenn nach den Begriffen „Mann“ / „Frau“ gesucht wird.)

„What gender cues do you think you respond to the most? How do you identify someone’s gender, especially if you’re uncertain? (*hint: it never hurts to ask politely if someone has a pronoun preference, and it is generally appreciated by the answerer.)“ aus: „Empower yr sexy self. A workbook“.

In einem Interview geht Reawyn Connell auf diese Darstellung und Beurteilung von Geschlecht im Alltag ein: „Manche Männer sind vielleicht aggressiver, manche Frauen emotionaler, daraus aber eine Generalisierung abzuleiten, ist falsch. Vielmehr fällt uns das, was wir erwarten, am stärksten auf. Es ist keine Kunst zu sehen, dass ein kleiner Bub aggressiv ist, denn wir erwarten ja nichts anderes von einem Buben. Falls er davor andere Verhaltensweisen an den Tag gelegt hat, haben wir das womöglich nicht einmal bemerkt. Unter Umständen fördern wir sein Verhalten auch, indem wir ihm bestimmte Aufgaben übertragen. Aus den daraus aufgebauten Erfahrungen baut er ein Repertoire an Verhaltensmustern auf. […] Die alten Muster der Ungleichheit bringen Privilegien für Männer. Sie haben in diesem System Macht und bekommen Unterstützung, weil sie Frauen in die Rolle der Unterstützerinnen gegossen haben. Ich nenne das patriarchale Dividende – ein Vorteil, den viele Männer nicht aufgeben wollen.“ (Zu dem Begriff der „patriarchalen Dividende“ vgl. 2.2 / 3. Teil).

In den geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen kommt in gewaltvoller Art und Weise zum Ausdruck, wie begrenzt / einschränkend ein binäres Geschlechtermodell ist. Hier zeigt sich, dass alles, was nicht in das enge Schemata von Mann* oder Frau* hinein passt diskriminiert, ja nicht einmal Beachtung findet, weil es als  medizinisch „krank“  im Sinne einer Abweichung von der Norm bezeichnet wird. In der wissenschaftlichen Literatur wird dafür oftmals der Begriff der „symbolischen Gewalt“ verwendet: „Mit dem Begriff symbolische Gewalt erfaßt [Connell] die soziale Wirkmächtigkeit der hierarchischen symbolischen Zweigeschlechtlichkeit. Bourdieu zeigt, daß in die kognitiven Strukturen und in die Körper der Individuen die Zweiteilung der sozialen Welt in männlich und weiblich sowie die Vorstellung von der männlichen Überlegenheit bereits eingeschrieben ist“ (Meuser / Scholz 2005: 224). Eine Frage, die sich an dieser Stelle jede_r  selbst stellen (und beantworten) kann:

“Why is that a lot of gender and sexual norms are defined based on one’s gender presentation?” aus: „Empower yr sexy self. A workbook“.

gender_back

Der „Doing Gender“ –Ansatz verweist darauf, dass Geschlecht in jeder sozialen Situation interaktiv hergestellt,  bzw. reproduziert wird. Der Körper eines Menschen dient als Medium sozialen Handelns und als „Mittel“ zur Selbstdarstellung. Umgekehrt können Männlichkeiten und Weiblichkeiten gleichzeitig auch verwirrt / verflüssigt werden, indem Menschen durch das Anlegen von Zeichen mit der Wahrnehmung der Menschen brechen, weil diese jeweils geschlechtlich gelesen werden, aber nicht in die vorgegebenen Kategorien von „Mann“ oder „Frau“ hinein passen: Hier können Beispiele queerer Aktionsformen wie „Radical cheerleading“, „cross dressing“, öffentliche „kiss ins“  angeführt werden, weil hier der Körper als Medium für Selbstdarstellung und Performativität fungiert (vgl. Gugutzer 2006: 20).

Weitere Beispiele: wenn ein als Mann* wahrgenommener Mensch eine Oberweite hat, kann eine solche „Sexuierung“ (vgl. Hirschauer 1989: 103 bzw. 2.1) Verwirrung stiften, oder

  • wenn der Rufname eines als Frau u interpretierten Mensch männlich ist
  • wenn eine Frau* mit einer Pinkeltüte im Stehen ihrem Harndrang nachgibt oder
  • wenn ein Mann* mit „atypischen“ Gesten, die nicht von ihm erwartet werden, einen Bruch mit männlicher Identität erzeugt
  • indem sich Frauen* einen Bart aufmalen, die Brüste abbinden, die Haare auf den Beinen nicht rasieren.

Denn „[z]entral für den interaktiven Einsatz des Körpers bei der Konstruktion des Geschlechts sind […] Ressourcen, die sichtbar und hörbar die Geschlechtszugehörigkeit darstellen“ (Villa 2011: 116).

Dazu zählen jene Sexuierungsprozesse, welche notwendig sind, um im Alltag Geschlechterdifferenz herzustellen: „Stimme, Kosmetik, Kleidung, Gesten, Mimik“ (ebd.), welche von Kessler/McKenna auch als „kulturelle Genitalien“ (Kessler/McKenna 1978: 155 zit.n. Hirschauer 1993: 26, vgl. auch 2.1 / 3. Teil) bezeichnet wurden. Indem Menschen sich nicht so repräsentieren, wie es von ihnen erwartet / zugeschrieben wird, können klassische Geschlechterrollen irritiert werden. Anne Fausto-Sterling betont, dass soziale Interaktion, als auch Sozialisation nicht nur die Wahrnehmung prägen, sondern sich direkt in den Körper einschreiben (vgl. Voß 2010: 66). „Beispielsweise Trainings, Bewegungsspielräume, Ernährung wirkten sich direkt auf die Konstitution aus und beeinflussten die Größe, die Ausbildung von Muskel- und Fettgewebe, die Beweglichkeit, aber auch die physiologischen Prozesse, die einen Menschen, einen Organismus kennzeichnen bzw. zu denen er in der Lage ist“ (Voß 2010: 66).

„Die stereotypen gemeinschaftlichen Attribute, die Frauen zugeschrieben werden, sind ebenfalls Merkmale die, wenn sie im täglichen Umgang übernommen werden, eine Person in eine untergeordnete, weniger starke Position bringen. So können die positiven Charakterzüge, die Frauen zugeschrieben werden, den niedrigeren Status noch verstärken.“ 

1.4 Trans- und Intersexualität: „Agnesstudien“ von Garfinkel

Der „Doing Gender“ Ansatz geht also weiter also die „sex-gender Unterscheidung“ (vgl. Gildemeister 2004: 132), weil darin nicht nur die Naturhaftigkeit von „Mann und Frau“ kritisiert wird. Es geht darum, dass gender in der Interaktion, also in sozialen Situationen dargestellt und somit hergestellt wird, indem Individuen miteinander handeln (vgl. Villa 2011: 109; bzgl. der Begriffe „(soziale) Interaktion“ siehe 2.3.1).

Das wurde von Harold Garfinkel in den „Agnes-Studien“ begründet, welche die „Verkörperung von Geschlechtszugehörigkeit“ (Hirschauer 1993: 24) behandeln. In diesen Studien beobachtete er wie Agnes, eine Mann zu Frau Transsexuelle „nach ihrer Operation […] auf allen Ebenen des Verhaltens in das kulturelle Frau-Sein im Kalifornien der sechziger Jahre einübte“ (Kotthoff 2003: 126).

Damit hat Garfinkel deutlich gemacht, dass Menschen, die ihr Geschlecht wechseln, „die selbstverständlichen Methoden der Herstellung des Geschlechtes explizit lernen [müssen]“ (Knoblauch 2002: 122), während dies für andere Individuen aufgrund ihrer Sozialisation als selbstverständlich erscheint.

Zudem ist unmissverständlich geworden, dass Menschen, die als Mann* oder Frau* erzogen werden, eine permanente wie komplexe und aufwendige Reproduktion ihres Geschlechts vollbringen (müssen). Im Alltag wird „gender gesellschaftlich so inszeniert […], dass es als natürliche Unterscheidung hingenommen werden kann, die unhinterfragt gilt“ (Kotthoff 2003: 127, H.i.O.). Dabei ist der „Rekurs auf ‚natürliche Unterschiede‘ […] ein Rekurs auf eine kulturell konstituierte Zeichenrealität“ (Hirschauer 1993: 22, H.i.O.). Das bedeutet, dass Geschlecht immer mit Zeichen (siehe oben „kulturelle Genitalien“) sowie mit Zuschreibungen verknüpft ist. Somit werden weibliche und männliche Symbole als „natürlich“ wahrgenommen, weswegen sie unhinterfragt bleiben (vgl. Hirschauer 1989: 110).

Zuletzt möchte ich noch in aller kürze auf eine neue, naturwissenschaftliche Studie verweisen. In „Nature“ (laut wiki eine der angesehensten Zeitschrift für Naturwissenschaften) erschien der aktuelle Beitrag (April 2015) „Sex redefined„. Die_der Autor_in Claire Ainsworth „weist die noch immer geläufige Sicht zurück, dass männliches Geschlecht eine Fortentwicklung aus dem basalen weiblichem Geschlecht darstelle. (Diese Sicht wird heute teilweise noch in zu simplen Beschreibungen der Testosteron-Wirkung und der Bedeutung von SRY geäußert.) Und sie stellt fest: „Die allgemeine Annahme, jede Zelle eines Individuums hätte dasselbe Set von Genen, ist schlichtweg falsch.“

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 3. Teil:
2. Privilegien, hegemoniale Männlichkeit und Konstruktion von Männlichkeiten
2.1 Männliche und weiße Privilegien
2.2 Hegemoniale Männlichkeit und patriarchale Dividende
2.3 Konstituierung von Männlichkeiten über den Wettbewerb und Männerbünde

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