[3. Teil]: Privilegien, hegemoniale Männlichkeit und Konstruktion von Männlichkeiten

<– Themen im 2. Teil: Doing Gender, Körper, Sozialisation und Heteronormativität; Geschlechterstereotypen

INHALT VON TEIL 3

2.Privilegien, hegemoniale Männlichkeit und Konstruktion von Männlichkeiten

2.1Männliche und weiße Privilegien und Intersektionalität

In der Erwartung / Beurteilung wie Männer* und Frauen* sein sollen, sind nicht nur Bevorzugungen von Männern*, sondern auch Diskriminierungen von Frauen enthalten. Gleichzeitig ist es auch möglich, dass Männer* unter Geschlechterstereotypen leiden (vgl. 1.3 Geschlechterstereotypen und 3.5 Auswirkungen von Geschlechterstereotypen / gesellschaftlichen Rollenerwartungen auf Männer), allerdings ist Diskriminierung von Männern ohne Sexismus gegen Frauen* nicht möglich. Die Begriffe „hegemoniale Männlichkeit“ und „patriarchale Dividende“ spielen für dieses Verständnis eine zentrale Rolle.

Lucy Gillam führt in “When Worlds Collide: Fandom and Male Privilege” aus, dass männliche Privilegien so allgegenwärtig sind, dass sie unsichtbar erscheinen; dass sie dermaßen universell sind, dass sie als „normal“ aufgefasst werden und höchstens dann bemerkt werden, wenn sie abwesend sind.

Sanczny schreibt in ihrem ausführlichen und sehr zu empfehlenden Blogartikel „Was ist Sexismus?“ über „Privilegien“ unter anderem: „Privilegien sind Vorteile, die die Gesellschaft bestimmten Gruppen zuerkennt, und von denen Leute allein aufgrund ihres sozialen Status profitieren. […] Da sich sozialer Status aus der Positionierung in mehreren Strukturen ergibt („Rasse“, Klasse, Geschlecht, sexuelle Identität, Alter… vgl. „Statuskategorien“ 1.2 / 2. Teil, Anm. LY) sind alle Menschen sowohl privilegiert als auch nicht, profitieren an einer Stelle von einem Privileg während sie an anderer Stelle benachteiligt sein können. Und wie sich Privileg auswirkt, hängt wiederum von der individuellen Position in der sozialen Hierarchie ab.“

(Nicht nur aufgrund dieser Unsichtbarkeit von Privilegien ist es meiner Meinung nach für eine emanzipatorische Praxis von grundlegender Wichtigkeit, dass sich Männer* über strukturelle männliche Privilegien in der Gesellschaft Gedanken machen. Diese zu reflektieren ist auch deswegen so wichtig, weil sie eine wichtige Säule des Patriarchats darstellen, welches sowohl im Kopf, als auch in der Praxis zurück gedrängt werden können.)

Es haben also nicht per se alle Männer* dieselben Privilegien, genauso wie Sexismus nicht alle Frauen* gleich betrifft. (Dieser Punkt wird u.a. unter „2.2 Hegemoniale Männlichkeit“ genauer behandelt, ). So haben z.B. „ökonomisch privilegierte Frauen (gewöhnlich die politisch einflussreichsten) […] ebenso wie Männer ein Interesse, wirtschaftlichen Reformen Widerstand entgegenzusetzen, die die Geschlechterungleichheit tiefgehend verändern könnten. Dies würde das System der Konzerne, von dem sie profitieren, stark erschüttern“ (Connell 2013: 128).

Male Privileges verschwinden nicht, „weil ein Mann in einer anderen Struktur benachteiligt ist. Eine Person kann mehrfach benachteiligt sein. […] Eine Frau aus der Oberschicht, die insgesamt einen höheren sozialen Status hat, orientiert sich nicht an einem Mann aus der Unterschicht als Bezugspunkt für Geschlechtergerechtigkeit. Wogegen eine Frau aus der Unterschicht gegenüber Männern aufgrund ihres Geschlechts, und gegenüber Männern aus höheren Schichten aufgrund ihrer Klasse diskriminiert ist. Eine Person of Color entgeht nicht Rassismus oder Frauenfeindlichkeit, weil sie der Oberschicht angehört“.

Connell hingegen formuliert es so: „Die meisten Geschlechterordnungen privilegieren [strukturell] auf der ganzen Welt Männer und benachteiligen Frauen, […] aber die Einzelheiten sind nicht so einfach. Es gibt unterschiedliche Formen der Privilegierung und Benachteiligung. Sie reichen von purer Symbolik bis zu brutaler Gewalt“ (Connell 2013: 14).

Um die Überschneidung von Diskriminierung genauer zu bestimmen, ist ein kurzer Einschub notwendig, indem eine intersektionale Analyse betont wird: Der Begriff der Intersektionalität meint unter anderem, dass „soziale Kategorien wie Gender, Ethnizität, Nation oder Klasse nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden können, sondern in ihren ‚Verwobenheiten’ oder ‚Überkreuzungen’ (intersections) analysiert werden müssen. Additive Perspektiven sollen überwunden werden, indem der Fokus auf das gleichzeitige Zusammenwirken von sozialen Ungleichheiten gelegt wird. Es geht demnach nicht allein um die Berücksichtigung mehrerer sozialer Kategorien, sondern ebenfalls um die Analyse ihrer Wechselwirkungen.“

„Male Privilege ist eine Reihe von Privilegien, die die Gesellschaft Männern (als Gesamtheit) aufgrund ihrer institutionellen Macht zuerkennt. […] Privileg entsteht aus Dominanz und dient dazu, diese zu sichern. Male Privilege und die Heteronorm basieren auf der Geschlechterhierarchie […]. Oft wird es erst bemerkt, wenn es fehlt. Männliche Interessen werden fast überall privilegiert. Und weil das Männliche als Norm und Weibliches [Weiter kann Abweichung als alles „Nicht-Männliche“ gefasst werden: Frauen*, Trans*, Inter*, wer nicht als männlich gelesen wird, Anm. LY] als Abweichung gilt, werden in unserer Gesellschaft männliche Interessen oft gar nicht als geschlechtsspezifische erkannt.“ 

Somit sind nicht nur männliche, sondern auch weiße Privilegien wirkmächtig. „Privilege makes you blind. Privilege is a big bag of stuff you’re not forced to think about. If you’re white, have you ever wondered to what extent those who find you sexually attractive do so because of your race? Have you ever wondered why a certain colour is called “flesh-tone?” Have you ever worried that the way you act might cause someone to judge your entire race? If the answer to any of those question is […] no, this is your opportunity to change that.”

Das bestätigt auch Friederike Habermann: „Weißsein bleibt unsichtbar und wird so beständig als privilegierter Ort reproduziert. Diese strukturelle Unsichtbarkeit gilt auch im Alltäglichen für jene, welche unangezweifelt der Norm angehören – nicht jedoch für jene, welche von Sexismus, Rassismus oder Homophobie betroffen sind. Deren tägliche Erfahrungen machen die Norm meist nur allzu deutlich“ (Walgenbach 2002: 123, zit. n. Habermann 2008: 23). Es geht also um Vorteile, die für jene, welche sie genießen, unsichtbar und damit normal erscheinen. Das ist auch der Grund dafür, warum manche Männer* bei dem Thema „männliche Privilegien“ mit derailing antworten,  diese relativieren, oder auch selbstsicher behaupten „es gibt doch gar keine Privilegien von Männer“. Anstatt darauf einzugehen und im Alltag mal darauf zu achten, ob sie nicht vielleicht „doch“ irgendwo Privilegien entdecken und diese auch ernsthaft reflektieren: Viele Männer* machen keine Erfahrungen mit Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts und gehen daher davon aus, dass diese auch für Frauen* nicht existieren, oder „eh nicht so schlimm sind“ (sic!). Ist mann in dieser Position, so lassen sich alltägliche sexistische Erfahrungen von Frauen* leicht herunterspielen und relativieren. Dies ist als Weigerung (nicht „bloß“ Ignoranz) zu bezeichnen, sich nicht bewusst und selbstkritisch mit der eigenen Position in der Gesellschaft zu befassen, die Lebensumstände von einem selbst im Kontext (im Vergleich mit anderen) zu betrachten und daher ein Privileg.

2.2 Hegemoniale Männlichkeit, patriarchale Dividende und Intersektionalität

Das Modell ‚hegemoniale Männlichkeit‘ wurde in den 1980er-Jahren von Raewyn Connell (geboren als Robert William Connell) entwickelt. Sie „geht davon aus, dass hegemoniale Männlichkeit eine gesellschaftliche Strategie darstellt. Diese Strategie beschreibt das zu einer bestimmten Zeit kulturell maßgebliche Deutungsmuster von Männlichkeit. Mit dieser Deutung wird die gesellschaftliche Machtstellung von Männern* legitimiert. Hegemoniale Männlichkeit ermöglicht die Überlegenheit von Männern* und die Diskriminierung von Frauen. Das ist möglich, weil die Beschreibung hegemonialer Männlichkeit stets Männer als kraft- und machtvoll beschreibt. Kulturell ist sie so fest verankert, dass die Hegemonie unhinterfragt als normal gilt. Selbst nicht herrschende Gruppen unterstützen dieses Bild aktiv.“

Die doppelte Relation des Begriffs ist hier ausschalggebend: „Hegemoniale Männlichkeiten werden verstanden als Hegemonie gegenüber Frauen einerseits und gegenüber untergeordneten undmarginalisierten Männern andererseits“ (vgl. Tunç 2012: 3).

Nicht eine, sondern viele Formen von Männlichkeit
Nach Connell greife es aber zu kurz, „von männlicher Hegemonie zu sprechen, denn es vernachlässige, dass es nicht die Männlichkeit gibt, sondern auch hier Identitätsunterschiede bestehen. Männer* und Frauen* sind jeweils keine homogenen Gruppen, es gibt jeweils unzählige Differenzen in diesen (vgl. Spannbauer 1999: 62), , abgesehen davon sind unzählige Ausprägungen von Geschlecht(ern) und Identitäten möglich.

Connell sieht den Manager, welcher sich auf globalen Märkten bewegt, als Inbegriff einer hegemonialen Männlichkeit – nur wenige Männer näherten sich diesem Ideal tatsächlich an, es diene vielmehr als soziales Orientierungsmuster“ (Habermann 2008: 19).  Die Betonung des „Orientierungsmusters“ ist wichtig, denn kaum ein Mann* entspricht diesem Bild hegemonialer Männlichkeit, eher werden verschiedenste Männlichkeiten gelebt.

Hegemoniale Männlichkeit und Intersektionalität
„Obwohl verschiedene Privilegien bestimmte gemeinsame Charakteristika haben (etwa Mitgliedschaft in der Norm), kann die Form eines Privilegs je nach dem Machtverhältnis, das es produziert, variieren. Männliche und heterosexuelle Privilegien sind das Ergebnis einer Geschlechterhierarchie;  Klassen Privilegien stammen aus wirtschaftlicher, auf Reichtum basierter Hierarchie“ (Übersetzung von Stephanie Wildman 1996: 17)

Um Privilegien analysieren / beschreiben zu können, ist „Intersektionalität“ (s.o.) ein wichtiges Stichwort. Denn Formen von Diskriminierung überschneiden sich genauso wie soziale Zugehörigkeiten, etwa soziale Herkunft, Ethnizität, Generation usw. (vgl. Meuser/Scholz 2005: 213). In weiterer Folge handelt es sich also bei hegemonialer Männlichkeit nicht um Privilegien von allen  Männern* in gleicher Weise, sondern um die „Privilegierung einer bestimmten Form von weißer Männlichkeit, und nicht notwendigerweise von weißen Männern. Diese symbolische/ kulturelle/ diskursive Hierarchisierung aber schlägt sich als naturalisierte körperliche/ materielle/ ökonomische/ strukturelle Machtbeziehungen nieder“ (Peterson 2003: 14 nach Habermann 2008: 19).

Bei hegemonialer Männlichkeit handelt es sich um keine Eigenschaft von einer individuellen Person, sondern um ein in einem bestimmten gesellschaftlichen und historischen Kontext dominantes kulturelles Ideal. „Hegemoniale Männlichkeiten entsprechen somit auch den hegemonialen Subjektpositionen. Es geht hier um das, was als gesellschaftlich bedeutsam artikuliert ist und welche Nahelegungen damit verbunden sind, bzw., was darüber marginalisiert, ausgeblendet oder delegitimiert wird. Die Herausforderung besteht darin, dies nicht allein als Privilegien und Machtpositionen von Männern, sondern als eine bestimmte Form von Männlichkeit zu fassen“ (Brenssell 2009: 177). Nicht nur in diesem Zitat wird deutlich, dass hier kein Bild von „alle Männer sind böse“ vs. „alle Frauen sind gut“ gezeichnet wird, wie es manche Maskulisten „dem Feminismus“ (sic!) pauschal vorwerfen.

Patriarchale Dividende und Intersektionalität
Ein weiterer, wichtiger Begriff, der ebenso von Cornell geprägt wurde ist „patriarchale Dividende“. Dies wird von ihr als „Überschuss von Ressourcen“ (Connell 2013: 192) bezeichnet sowie als der Vorteil, „den Männer als Gruppe davon haben, dass die ungleiche Geschlechterordnung aufrechterhalten wird. Geldeinkommen ist nicht die einzige Form von Nutzen. Weitere sind Autorität, Respekt, Dienstleistungen, Sicherheit, Wohnung, Zugang zu institutioneller Macht, emotionale Unterstützung und Kontrolle über das eigene Leben“ (ebd.). Dies spielt beim Punkt „3.1 Lohnarbeit / Haus- und Sorgearbeit“ eine wichtige Rolle. Dabei geht es darum, dass diese noch immer meist von Frauen* unbezahlt ausgeführt und gesellschaftlich geringer wertgeschätzt wird, als Lohnarbeit. Weiters beschreibt der Begriff der patriarchalen Dividende den „Nutzen durch das Patriarchat auch für jene, die innerhalb der hierarchisch strukturierten Männlichkeit [untergeordnet] sind. Dies betrifft unter anderem nicht-weiße Männer. Gleichzeitig besteht eine solche Dividende für alle Weißen, für alle Heteros, für alle Menschen ohne Behinderungen etc.“ (Habermann 2008: 19). Bei dieser Dividende geht es also darum, dass manche Männer* mehr  „als andere [bekommen], andere Männer kriegen weniger oder nichts, je nach ihrer Verortung in der sozialen Ordnung“ (Connell 2013: 192). Hier ist es wieder notwendig, die Überschneidungen von Diskriminierungsformen (Intersektionalität) mitzudenken. „Hegemoniale Männlichkeit ist nicht geschlechtsneutral und doch nicht den Männern vorbehalten“ (Brenssell 2009: 177). Hier beschreibe ich, dass im gesellschaftlichen Alltag Diskriminierung nicht auf Geschlecht allein beschränkt ist.

Connell macht das anhand eines Beispiels deutlich: „Ein reicher Geschäftsmann bezieht hohe Dividenden aus dem geschlechtsspezifischen Akkumulationsprozess im fortgeschrittenen Kapitalismus“ (ebd.: 193). Connell nennt hier die drei reichsten Menschen / Männer* der Welt: Bill Gates, Warren Buffet, Carlos Slim Helú, welche alle ein Vermögen um die 50 Mrd. US Dollar besitzen. Daneben steht beispielsweise ein nicht erwerbstätiger Mann* aus der Arbeiter_innenklasse, welcher  ökonomisch gar keine patriarchale Dividende bezieht (vgl. ebd.), aber im Gegensatz dazu durchaus im Alltag (vgl. 3. Kapitel / Teile 4 bis 9) Privilegien genießt. Darüber hinaus werden weitere, bestimmte Gruppen von Männern* „ausdrücklich von Teilen der patriarchalen Dividende ausgeschlossen. […] So sind homosexuelle Männer in den meisten Teilen der Welt von der Autorität und dem Respekt ausgeschlossen, die mit Männern verbunden werden, die hegemoniale Formen der Männlichkeit verkörpern; allerdings können sie Anteil an den allgemeinen wirtschaftlichen Vorteilen von Männern haben und tun dies in den reichen Ländern auch häufig“ (Connell 2013: 193).

Gleichzeitig haben auch manche Frauen* Anteile an der patriarchalen Dividende, allerdings meist nicht außerhalb der Geschlechterhierarchie. „Im Allgemeinen dadurch, dass sie mit reichen Männern verheiratet sind. Diese Frauen beziehen Nutzen aus dem geschlechtsspezifischen Akkumulationsprozess, d. h. sie leben von einem Strom von Profit, der teilweise durch die unterbezahlte und unbezahlte Arbeit anderer Frauen geschaffen wurde“ (ebd.: 193). Dazu kommt die mindere Wertschätzung dieser Form der Arbeit und wird dazu oftmals nicht mal als „Arbeit“ anerkannt, was mit ihrer Geringschätzung einher geht.

Das Andere vs die Norm (vgl. auch mit 1.1 Der weiße, bürgerliche Mann als Norm)
„Sprachliche Markierungen des ‚Anderen‘ sind zulässig – sie sind ja auch nicht böse gemeint. Wenn ‚das Andere‘ aber die Normalität der vermeintlichen Mehrheit in Frage stellt und deren unbekannt Identitäten (und jenen zu­­grun­­de lie­­gen­­de Macht­ver­­hält­­nis­­se) be­­nen­nt: Ze­ter und Mor­­dio! Dann ist ein Wort auf ei­n­mal nicht mehr nur ein Wort, son­­dern ei­ne Be­­lei­­di­­gung, gar eine Agen­­da. Dann sind auf einmal die Ge­füh­le der Be­trof­fenen nicht mehr nur Ge­jammer, son­dern ein legi­ti­mer Ein­wand.“ 

In diesem Blogpost soll u.a. herausgearbeitet werden, dass (nicht nur aber vor allem) der weiße, bürgerliche Mann eine gesellschaftliche Norm verkörpert und Abweichungen davon als das „andere“ markiert werden. (Dabei ist es ebenso ein männliches Privileg, dass Abweichungen von dieser männlichen Norm markiert werden). Der Begriff „das Andere“ taucht in der Philosophie sehr unterschiedlich auf (vgl. Habermann 2008: 16), in den cultural studies wird das „Andere“ „auf Gemeinschafts-Identitäten bezogen. Auch hier bildete ´das Andere´ nicht ein binär verstandenes Andere im neutralen Sinne ab, sondern das Außen bzw. die ausgeschlossenen Seiten der hegemonialen Identitäten: der Weißen, der EngländerInnen, der Männer, der Heterosexuellen. Wieder impliziert diese Binarität Hierarchisierung, denn die ausgeschlossene Gruppe verkörpert das Gegenteil der Tugenden, welche die Identitätsgemeinschaft auszeichnen“ (ebd.). Der einzelne Mann verkörpert niemals das „Männliche“ an sich, und das „Männliche“ ändert von Zeit zu Zeit seine Zusammensetzung, aber es bleibt immer ein Gegensatz zum „Weiblichen“. (Dies spiele wieder darauf an, dass nicht alle Männer* per se privilegiert und nicht alle Frauen* per se diskirminiert sind; vielmehr sind strukturelle, männliche Privilegien gemeint). Praktische Beispiele dafür, dass Merkmale von Menschen, mit welchen sie von der Norm abweichen markiert werden, finden sich hier: 3.3.1 / 6. Teil.

„Frauen, People of Color oder Homosexuelle [werden] in jeweiligen (historischen) Situationen als das ´Andere´ stigmatisiert […], sei es offen oder implizit“ (Habermann 2008: 17). Dafür sind die Begriffe „patriarchale Dividende“ und „hegemoniale Männlichkeit“ zentral: „Als Ausschließungen damit verbunden sind die Konstruktionen der ´Anderen´, doch heisst das gerade nicht, dass alle oder nur weiße Männer Gewinner der Globalisierung wären und dass Frauen, People of Color oder Homosexuelle keine Karriere machen könnten – im Gegenteil ist die hegemoniale Bedeutung des homo o als Rollenmodell so stark, dass er auch für Frauen / People of Color Gültigkeit erlangt hat: unabhängig zu sein, flexibel und erfolgreich“ (Habermann 2008: 18). Der Soziologe Georg Simmel hat bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert „als ein wesentliches Merkmal der Herrschaft der Männer über die Frauen beschrieben, daß ihr eine Hypostasierung (= Grundlage, Anm. LY) des Männlichen zum Allgemein- Menschlichen zugrunde liegt – in welcher sie sich als Herrschaft unkenntlich macht und einer Wahrnehmung als geschlechtlich markiert entzieht“ (Meuser/Scholz 2005: 225).

2.3 Konstituierung von Männlichkeiten über den Wettbewerb und Männerbünde

Männerbünde bestehen heute in vielfältigen informellen oder latenten Formen. Es geht nicht nur um deklarierte Männerbünde, sondern um Institutionen, die faktisch wie Männerbünde wirken.

Männerbünde sind durch folgende Charakteristika geprägt:
„1. Es handelt sich um freiwillige und oft bewusste Zusammenschlüsse von Männern (Mitgliedschaft)

  1. Zwischen den Männern besteht eine solidarische Verbindung. Sie ist nicht rational, sondern emotional begründet (Verbindung)
  2. Die Mitgliedschaft im Männerbund impliziert die Anerkennung bestimmter Werte und Ziele. Häufig stellen sie eine Überhöhung des gesellschaftlichen Wertekanons dar (Teilen von Werten)
  3. Männerbünde sind hierarchisch strukturiert. Es gibt Anführer und Geführte (hierarchische Struktur)
  4. Zwischen den Mitgliedern gelten spezifische Verkehrsformen, Verhaltensmuster und Werte, die wiederum von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben sind (code of conduct)
  5. Männerbünde grenzen sich durch die Abwehr von Anderen, Fremden und vornehmlich des Weiblichen ab (Abgrenzungspolitiken)
  6. Schließlich ist der Zugang zum Männerbund durch spezifische Riten und bisweilen magische Techniken geregelt (Zugangsrituale)“ (Kreisky 1996: 593ff nach Bührmann 2012: 18).

Ein zentrales Element sowohl von Männerbünden, als auch von Männlichkeiten allgemein ist der Wettbewerb. „Der Modus, in dem unterschiedliche Männlichkeiten sich in ein hierarchisches Verhältnis zueinander setzen, ist der des Wettbewerbs. Der Wettbewerb, das Bemühen, einem anderen Mann – in welcher Weise auch immer – überlegen zu sein, wird frühzeitig eingeübt, er ist ein zentrales Mittel männlicher Sozialisation. Er ist jedoch nicht nur ein Modus der Distinktion, sondern vielfach auch – und in ein- und derselben Interaktion-, so paradox das möglicherweise erscheinen mag, ein Mittel männlicher Vergemeinschaftung […]. Tosh betont die Dialektik zwischen Kameradschaft und Wettbewerb“ (Meuser/Scholz 2005: 221). Formen von Männlichkeiten werden vorgelebt, weiter getragen und somit als erlerntes Geschlecht reproduziert. Bei Männlichkeitskonstruktionen ist somit auch eine ständige Verstärkung und Bestätigung notwendig, um diese Konstruktionen aufrecht zu erhalten. „Die Ritualisierung des Wettbewerbs verweist auf eine zentrale Funktion. In sozialisationstheoretischer Perspektive stellt sich der Wettbewerb als eine ‚Strukturübung‘ dar. Bourdieu unterscheidet drei Formen der Sozialisation: erstens ein ‚Lernen durch schlichte Gewöhnung‘, zweitens die explizite Unterweisung. Drittens und zusätzlich zu diesen Formen sieht ‚jede Gesellschaft Strukturübungen vor‘, mit denen bestimmte Formen ‚praktischer Meisterschaft‘ übertragen werden. In diesen Strukturübungen erwerben Männer praktische Meisterschaft nicht nur in dem Sinne, daß sie sich die Modalitäten bzw. Spielregeln der ernsten Spiele des Wettbewerbs aneignen, vor allem lernen sie, diese Spiele zu lieben“ (Meuser/Scholz 2005: 222).

Gleichzeitig gehören auch „gewaltförmige Formen des Wettbewerbs“ zu dieser Strukturübung (vgl. ebd.). Zu beachten ist allerdings, dass darin Gewalt nicht „als normaler Modus männlicher Dominanz erlernt [wird] – charakteristischerweise lassen die weitaus meisten gewaltaffinen männlichen Adoleszenten nach dem Übergang in den Erwachsenenstatus vom Gewalthandeln ab. Eingeübt wird die formale Logik des männlichen Geschlechtshabitus. In diesem Sinne einer strukturellen Homologie mit anderen, ernsten Spielen des Wettbewerbs ist Gewalt ein typisch männliches Phänomen und eine Handlungsressource, welche Männern mehr als Frauen kulturell zur Verfügung steht“ (Meuser/Scholz 2005: 222-223). Allerdings ist „die gesellschaftliche Dominanz von Männern und Männlichkeit(en) […] weniger durch direkten Zwang und Gewalt konstituiert, sondern vielmehr durch eine soziale Vorherrschaft von Männlichkeit, die auf Einverständnis und Konsensbildung beruht. Unter ‚männliche Hegemonie‘ ist die Dominanz männlicher Wert- und Ordnungssysteme, Interessen, Verhaltenslogiken und Kommunikationsstile etc. zu verstehen“ (Meuser/Scholz 2005: 223). Männlichkeit wird geformt und weitergegeben durch Geschichten, die wir uns erzählen, d.h. auch durch Diskurse wird gesellschaftliche Realität geschaffen.

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 4. Teil:
2.4 Zwischenfazit: Der Körper als Vermittler zwischen Struktur und Praxis
3. [Hauptteil]: Männliche Privilegien / Vorteile von Männlichkeiten / sexistische Stereotypen / Marginalisierung von Frauen* / Diskriminierungen von Frauen – eine Reflexion
3.1 Gesellschaftliche Geringschätzung von Haus- und Versorgungsarbeit im Gegensatz zu Lohnarbeit
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