[5. Teil]: Männliche Privilegien: „Ungleiche Bezahlung“ und „sexualisierte Gewalt“

<– Themen im 4. Teil: Zwischenfazit: Der Körper als Vermittler zwischen Struktur und Praxis; [Hauptteil]: Vorteile von Männlichkeiten; Gesellschaftliche Geringschätzung von Haus- und Versorgungsarbeit im Gegensatz zu Lohnarbeit

INHALT VON TEIL 5

3.2 Thematisierung von „ungleiche Bezahlung“ und „sexualisierte Gewalt“

Es geht nicht nur um männliche Privilegien, sondern auch um Dominanz von Formen von Männlichkeiten: manches sind Beispiele dafür, wie Männer* besser bzw. höher angesehen werden als Frauen*, oder wie viele Männer* davon profitieren, dass sämtliche Bereiche auf Männer* abgestimmt sind und dass das Männliche als Norm fungiert (vgl. 2.2 / 3. Teil). In diesem neunteiligen Artikel wird nicht vernachlässigt, dass auch Männer* unter Rollenerwartungen leiden (vgl. 3.5 / 9. Teil) (allerdings nicht in der gleichen Weise wie Frauen, vgl. 3.4 / 8. Teil). Im Folgenden geht es um ungleiche Bezahlung von Männern* und Frauen* sowie um sexualisierte Gewalt. (Hier wird kein Zusammenhang zwischen diesen Themen hergestellt, dennoch werden die beiden Probleme nicht in zwei unterschiedliche Kapitel unterteilt, da sie jeweils nur angeschnitten werden).

Nach der ungleichen gesellschaftlichen Bewertung von Sorge- und Lohnarbeit ist die ungleiche Bezahlung von Männern* und Frauen* das offensichtlichste männliche Privileg, welches institutionalisiert ist. „Dreißig Jahre, nachdem die Vereinten Nationen die Konvention zur Eliminierung aller Formen der Diskriminierung von Frauen verabschiedet haben, verdienen Frauen nirgendwo auf der Welt gleichviel wie Männer. Sie erreichen in Schweden 81 Prozent des Einkommens der Männer, aber folgende Zahlen sind typischer: 64 Prozent des Einkommens von Männern in Frankreich, 63 Prozent in den USA, 55 Prozent in der Ukraine, 46 Prozent in Indonesien, 39 Prozent in Mexiko“ (Connell 2013: 20). Zusätzlich muss hier ergänzt werden, dass der übliche Vergleichsmaßstab (also Lohn für Vollzeitbeschäftigung) „echte“ Einkommensunterschiede eher verschleiert, da von einer tendenziellen „männlichen“ Normalerwerbsbiographie ausgegangen wird und tendenziell „weibliche“, prekäre, unstetige Erwerbsbiographien mit viel Teilzeitbeschäftigung nicht wirklich berücksichtigt werden (vgl. z.B. Connell 2000: 103).

Darüber hinaus sind es noch immer zumeist Männer*, welche die wichtigen und mächtigen Jobs innehaben – in der Politik, aber auch bzgl. Toppositionen in Unternehmen: „Hier liegt der Anteil 2012 bei den Geschäftsführungen bei 5,1%, bei den Aufsichtsräten bei 11,2%, wovon 42,9% der ArbeitnehmerInnenvertretung angehören. In 43,7% der Unternehmen sind weder in Geschäftsführung noch Aufsichtsrat eine Frau vertreten. Auffällig ist, dass dieser Anteil bei den börsennotierten Unternehmen (ATX, Prime Market, Mid Market, Standard Market Auction, Standard Market Continuous) noch geringer ausfällt. Hier liegt der Frauenanteil bei den Geschäftsführungen bei 1,7%, bei den Aufsichtsräten bei 9,4%)“ (Studie der Arbeiterkammer 2008 nach Bührmann 2012: 20). Zu der Unterrepräsentation von Frauen* in beinahe allen gesellschaftlichen Bereichen (Bsp. siehe unten) kommt, dass männlich zu sein in manchen (aber sehr einflussreichen Kreisen) als „Qualifikation“ gilt: https://twitter.com/aufschreien/status/459304250498363392
Allgemein gilt: je höher der Posten, desto weniger Frauen* sind beteiligt. Ein Beispiel dafür bietet diese Graphik (in dieser wird das generische Maskulinum verwendet, Frauen* werden mitgemeint (sic!); siehe bzgl. dieser Marginalisierung in der Sprache 3.3.1 / 6. Teil)

Somit ist die weitgehend informelle „Karrierekultur“ immer noch von männerbündischen Symbolen und Ritualen bestimmt: Die Zugehörigkeit zu einem „Beziehungsnetz“, einer „Seilschaft“, die Präsenz in der als Informationsbörse nicht unwichtigen Stammtischkultur, all das sind die nicht unbedeutenden Voraussetzungen einer Karriere in der Bürokratie / in Unternehmen und nicht Erfahrungen mit Hausarbeit, Kindererziehung oder Altenpflege. (Hier geht es um gesellschaftliche Wertigkeiten und nicht darum, was bedeutend sein sollte). Das heißt nicht, dass es keine Frauen* gibt, die Karriere in diesen Bereichen machen. Vielmehr handelt es sich hier um eine Erklärung, warum sie auch in diesem Bereich dermaßen unterrepräsentiert sind.

Frauen* werden auch beim Berufszugang nach wie vor benachteiligt. „Das betrifft zunächst das Ausmaß der Erwerbsbeteiligung. Es ist in den vergangenen Dekaden stark gestiegen, doch sind auch heute noch Frauen in geringerem Umfang erwerbstätig als Männer. Insbesondere in der Kindererziehungsphase ziehen sich Frauen entweder ganz aus der Berufstätigkeit zurück oder sind teilzeitbeschäftigt. Teilzeitarbeit ist mit schlechteren Karriereaussichten verbunden, und Erwerbsunterbrechungen trüben diese Aussichten noch weiter. Schließlich lässt sich nach wie vor eine ausgeprägte berufliche Segregation feststellen: Frauen konzentrieren sich auf bestimmte Tätigkeiten wie etwa Heil- und Pflegeberufe, die vergleichsweise schlechte Karrierechancen bieten. Zudem werden Frauen schlechter entlohnt als Männer. Der Brutto-Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen beträgt etwa 30 Prozent […]. [Es] werden Frauen auch bei gleicher formaler Qualifikation, gleicher Tätigkeit und gleicher Stellung in der betrieblichen Hierarchie immer noch schlechter entlohnt als Männer.“

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der „erste Wiener Gleichstellungsmonitor“. Aus diesem geht hervor, dass Wienerinnen täglich vier Stunden unbezahlt arbeiten, dazu haben sie „eine halbe Stunde weniger Freizeit als männliche Bewohner […] und verdienen, wenn sie unselbstständig beschäftigt sind, 2,40 Euro brutto weniger pro Stunde als männliche Kollegen“.

Hier kommt oft das Argument, dass alle Menschen doch die Möglichkeit haben, sich „frei“ zu entscheiden, welchen Beruf sie ausüben. „Chancengleichheit“ gibt es nicht, weil diese von Bildung, Elternhaus, soziales Umfeld etc. abhängig ist. Dazu kommt, dass „typisch männliche / weibliche“ Berufe wiederum oftmals an Sozialisation / Erziehung gebunden sind. Auch wenn es Ausnahmen gibt ist es wichtig, die Relation zu berücksichtigen.

Das dritte Beispiel männlicher Privilegien und Diskriminierungen von Frauen* mit weitreichenden, gesellschaftlichen Konsequenzen ist ([keine] Angst vor) sexualisierte_r Gewalt. Dieser Begriff wird verwendet, da “sexueller MISSbrauch suggeriert, dass es einen akzeptablen GEbrauch geben könnte: Der Gebrauch von etwas bezieht sich immer auf ein Objekt und nicht auf zwei Personen, die sexuelle Handlungen konsensual ausführen. „Mit ’sexualisierte Gewalt‘ soll verdeutlicht werden, dass es sich um Gewalt handelt, die gezielt durch sexuelle Handlungen ausgeübt wird. Ursprung dieser Gewalt ist nicht Sexualität. Vielmehr geht es um die Demonstration von Macht und Überlegenheit. Sexualisierte Gewalt beginnt, wenn Frauen und Mädchen auf ihren Körper reduziert, belästigt und gedemütigt werden.“ (vgl. auch 3.3.2 / 6. Teil). Denn oftmals gilt in der gegenwärtigen, androzentrischen (vgl. 3.3.6 / 7. Teil) Gesellschaft der Körper von Frauen* als etwas, das für Männer* jederzeit zur Verfügung steht. So ist jede dritte Frau* in der EU Opfer von Männergewalt, wie die EU-Grundrechtsagentur in einer weltweit bislang umfangreichsten statistischen Erhebung diesbezüglich erkannte (EU weite Studie): „Sie passiert täglich und in allen Kontexten“ (vgl. European Union Agency for Fundamental Rights 2014), inklusive Diagramme und Graphiken.

„Hinreichend bekannt ist, dass Gewalt und Morde an Frauen Ausdruck strukturell-gesellschaftlicher Bedingtheiten sind. Viele internationale Institutionen wie Vereinte Nationen, Europäische Union, oder Weltgesundheitsorganisation sehen Gewalt an Frauen als häufigste Menschenrechtsverletzung an. So sind Vergewaltigungen in der Ehe als solche gesetzlich strafbar, immer wieder sind Vergewaltigungen Machtausdruck in Kriegen. Immer haben Frauen und Kinder diese Traumatisierungen lebenslänglich zu tragen.“

Zusätzlich muss beachtet werden, dass Frauen* bei sexualisierten Übergriffen bei Anzeigen / vor Gericht oft nicht geglaubt wird. Darüber hinaus kommt es in Deutschland bei Vergewaltigungsprozessen in Deutschland immer seltener zu einer Verurteilung. Das geht aus einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen hervor. Berivan Aslan bezeichnet sexualisierte Gewalt als „‘Verbrechen ohne Sanktionen‘, das zudem mit einer Viktimisierung der Opfer einhergeht.“

In einem Artikel über #rapeculture formuliert es die taz mit einer Metapher: „Man stelle sich vor, in einer Wohnung fängt der Weihnachtsbaum Feuer, bald steht das ganze Wohnzimmer in Flammen. Jemand ruft die Feuerwehr. Aber statt loszufahren, fragt diese erst mal nach: Sind Sie ganz sicher, dass es brennt? Gibt es Zeugen? Haben Sie sich fahrlässig verhalten oder das Feuer womöglich absichtlich gelegt? Ach, Sie haben schon Brandwunden? Die können Sie ja auch vom Plätzchenbacken haben. Kann es sein, dass Sie sich einfach wichtig machen wollen? Und finden Sie es nicht vielleicht auch ein bisschen geil, die Flammen zu sehen und die Hitze zu fühlen?“

Es soll hier nicht bestritten werden, dass auch Männer* unter (häuslicher) Gewalt leiden, welche von Frauen* ausgeübt wird (insbesonders Mütter gegenüber ihren Kindern). Allerdings ist das an dieser Stelle nicht das Thema, denn bei Gewalt an Männer* (vgl. 3.5 / 9. Teil) gibt es andere Umstände, hat andere Ursachen, kommt seltener vor (wenn Gewalt an Männern* von Frauen* ausgeübt wird), abgesehen davon, dass männliche Gewalt sowohl mit Männerbünden, mit Wettbewerb (vgl. 2.2 / 3. Teil), als auch der „Erziehung zum Mann*“ eng verknüpft ist.

Dazu kommt, dass der Satz „auch Männer* leiden unter Gewalt“ meist dann ins Feld geführt wird, um vom Thema „(sexualisierte) Gewalt gegen Frauen“ abzulenken. Denn Männer sind vorrangig gefährdet, Opfer von körperlicher Gewalt durch andere Männer* in der Öffentlichkeit zu werden. Wenn beim Thema „Gewalt an Frauen“ „argumentiert wird, dass „auch Männer Opfer von Gewalt sind“ (was unbestritten ist, aber ganz andere Ursachen hat, vgl. 3.5), wirkt es suggestiv oftmals so, als wären im Umkehrschluss Frauen* die Täterinnen. Es stimmt, dass manche Männer* Gewalt durch ihre Partnerinnen erfahren. Dennoch darf dies „nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Konsequenzen der Übergriffe für weibliche Opfer überwiegend gravierender sind als für männliche Opfer und dass weibliche Opfer zumeist schwerer verletzt werden als männliche Betroffene. Dass Gewalt gegen Männer existiert, rechtfertigt keinesfalls, Gewalt gegen Frauen und die Bedeutung öffentlicher Hilfen für Frauen zu bagatellisieren“  (Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generation, Gewaltbericht 2001: 70).

(Zusätzlich sind die Schlagzeilen der Tageszeitungen täglich mit diesen Stories gefüllt. Das Wording [„Beziehungstat“] in diesem Artikel ist kritisch zu hinterfragen, es wirkt verharmlosend.)

Diese drei Beispiele (unterschiedliche Bewertung von Lohnarbeit/Hausarbeit, ungleiche Bezahlung, (häusliche) sexualisierte Gewalt an Frauen) sind die offensichtlichsten Privilegien von Männern bzw. Diskriminierungen / schlechter Stellung von Frauen*. Sie betreffen (fast) alle Frauen* und sind daher von großer gesellschaftlicher Relevanz, da diese (negative) Auswirkung auf Lebensumstände von Frauen* haben. Im Kapitel 3.3 wird es um Männliche Privilegien / Vorteile von Männlichkeiten / sexistische Stereotypen / Marginalisierung von Frauen* / Diskriminierungen von Frauen im Alltag gehen (welche sich selbstverständlich zum Teil mit den ersten drei Beispielen überschneiden): In den folgenden Beispielen geht es meistens darum, dass das jeweilige diskriminierende Verhalten nicht bewusst so gewählt wird, sondern sich vielmehr daraus ergibt, wie Männlichkeiten in der Erziehung (vgl. 1. / 1. Teil), durch Wettbewerb und Männlichkeitskonstruktionen (vgl. 2.2 / 3. Teil) erlernt wurden, sich aus der Normierung des weißen bürgerlichen Manns ergeben (vgl. 1.1; 2.2), wodurch das „Andere“ markiert wird und Männlichkeiten „unsichtbar“ erscheinen (bzw. schwer zu erkennen sind). Es geht nicht darum, dass absichtlich sexistisch gehandelt wird, vielmehr sind verinnerlichte Strukturen ausschlaggebend. Diese gelten als normal, ihnen wird in zwischenmenschlichen Interaktionen keine besondere Bedeutung beigemessen. Diese sind nicht so leicht zu erkennen, daher muss bewusst auf diese geachtet und nach ihnen geforscht werden. Daher ist die Reflexion von Männlichkeiten / Privilegien essentiell. „[D]ie gesellschaftliche Dominanz von Männern und Männlichkeit(en) sind weniger durch direkten Zwang und Gewalt konstituiert, sondern vielmehr durch eine soziale Vorherrschaft von Männlichkeit, die auf Einverständnis und Konsensbildung beruht“ (Meuser/Scholz 2005: 223).

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 6. Teil:
3.3 Weitere Beispiele bzgl. männliche Privilegien / Vorteile von Männlichkeiten / sexistische Stereotypen / Marginalisierungen und Diskriminierungen von Frauen* aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen
3.3.1 Männliche Dominanz / das Männliche als Norm (vgl. 1.1 / 1. Teil; 1.3 / 2. Teil)
3.3.2 Geschlechterstereotypen / Sexismus in der Werbung / Reduzierung von Frauen auf Schönsein und Sexualität
3.3.3 Marginalisierung / Ausschluss von Frauen*

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