Thomas Bernhard – „Die Ursache bin ich selbst“ und „Heldenplatz“

„Wir sind katholisch erzogen worden, wir sind von Grund auf zerstört worden. Der Katholizismus ist der große Zerstörer der Kinderseelen, der große Angsteinjager, der große Charaktervernichter des Kindes. Millionen und schließlich Milliarden verdanken der katholischen Kirche, dass sie von Grund auf zerstört und ruiniert worden sind für die Welt. Dass aus ihrer Natur eine Unnatur gemacht ist.

Die katholische Kirche hat den zerstörten Menschen auf dem Gewissen, den chaotisierten, den letzten Endes durch und durch unglücklichen, das ist die Wahrheit, nicht das Gegenteil. Denn die katholische Kirche duldet nur den katholischen Menschen, keinen anderen, das ist ihre Absicht und ihr fortwährendes Ziel. Die katholische Kirche macht aus Menschen Katholiken, stumpfsinnige Kreaturen, die das selbständige Denken vergessen und für die katholische Religion verraten haben, das ist die Wahrheit.

Wenn wir auch in Betracht ziehen, dass die katholischen Bräuche uns als Kind immer entzückt haben, sie für uns am Anfang nichts anders als ein Märchen gewesen sind – unser schönstes, zweifellos, so haben dieses Märchen und dieses Schauspiel doch alles Natürliche in diesen Menschen ruiniert, sie mit der Zeit zugrunde gerichtet.“

Aus der Dokumentation: „Die Ursache bin ich selbst“

 

„Sie fallen ja immer wieder auf Österreich herein
aber weil Sie einmal in einem Gasthaus gut essen
oder in einem Kaffeehaus einen guten Kaffee trinken
dürfen Sie nicht vergessen
daß Sie sich in dem gemeingefährlichsten aller
europäischen Staaten befinden
wo die Schweinerei oberstes Gebot ist
und wo die Menschenrechte mit Füßen getreten werden“ (Bernhard 1995: 148).

„Ich war nie ein Anhänger der Monarchie
das ist ganz klar
das waren wir alle nicht
aber was diese Leute aus Österreich gemacht haben
ist unbeschreiblich
eine geist- und kulturlose Kloake
die in ganz Europa ihren penetranten Gestank verbreitet
und nicht nur in Europa
dieser größenwahnsinnige Sozialismus
der mit Sozialismus schon seit einem halben (sic!) Jahrhundert
nichts mehr zu tun hat
was die Sozialisten hier in Österreich aufführen ist ja nichts als verbrecherisch […]
den Sozialismus haben die österreichischen Sozialisten
schon in den frühen fünfziger Jahren umgebracht seither gibt es in Österreich keinen Sozialismus mehr
nur noch diesen ekelerregenden Pseudosozialismus“ (Bernhard 1995: 96).

Thomas Bernhard (1995) [1988]. Heldenplatz. Suhrkamp. 1. Auflage.

 

[8. Teil]: Was können Männer* tun; „Priv“ von Frauen*

<– Themen im 7. Teil: div. Bspe: Unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Tätigkeit von Männern* und Frauen*; Familie / Ehe / Karriere / Kinder; Verschiedenes; Weiterführende Links / Leseempfehlungen

INHALT VON TEIL 8

3.3.8 Was können Männer* tun? Wie sollen sie mit männlichen Privilegien umgehen?

Verschiedene Formen von Männlichkeit sind also in dominanter Art und Weise allgegenwärtig, während Frauen* in vielen Bereichen der Gesellschaft marginalisiert werden, wie in den Beispielen im 3. Kapitel veranschaulicht. Es ist zwar auch möglich, dass einige Frauen* von der patriarchalen Dividende (vgl. 2.2 / 3. Teil) profitieren, allerdings in einer ganz anderen Relation. Dabei gründen sich fast alle dieser Privilegien / Diskriminierungen auf der Naturalisierung und Konstruktion von vermeintlich zwei Geschlechtern, welche angeblich heterosexuelle Liebesbeziehungen miteinander eingehen. Diese strikte Trennung in nur zwei Geschlechter sowie Beschränkung auf Heterosexualität schränkt Menschen ein, eine solche Kategorisierung diskriminiert jene, die nicht in eine solche Zweiteilung aller Menschen hineinpassen können oder wollen. Gleichzeitig ist zu beachten, dass Überschneidungen mit anderen marginalisierten Gruppen bestehen. (Stichwort „Intersektionalität“, vgl. u.a. 2.1; 2.2 / beide: 3. Teil).

Wie können nun Männer* mit den Privilegien, von denen sie tagtäglich profitieren nun umgehen?
(Zur Erinnerung: männliche Privilegien haben mit struktureller / institutionalisierter Gewalt zu tun, was nicht als “kulturell-böswillige Erfindung” zu bewerten, sondern sozial, kulturell, historisch entstanden / gewachsen ist; vgl. Meuser/Scholz 2005: 224).
– Klassische Geschlechterrollenklischees reflektieren: Zunächst ist es eine wichtige Voraussetzung zu erkennen, dass Mann* und Frau* keine natürlichen Kategorien sind.
– Reflektiere in Gruppen Verhaltensmuster von Männern*.
– Reflektiere deine eigenen Verhaltensweisen inklusive der Auswirkungen dieser Verhaltensweisen auf Menschen in einer sozialen Situation.
– Verzichte auf alle Formen der (sexualisierten) Gewalt und der Kontrolle über Menschen.
– Beobachte dich selbst: verhältst du dich dominant? Andere darauf hinweisen, dass sie sich evt. dominant verhalten.
– Männlichkeiten einfach abzuschaffen ergibt keinen Sinn, es ist ja in den Köpfen verwurzelt. Was schwer abzustellen ist, sind männliche Verhaltensweisen. Das ist das, was mann als männliches Privileg unbewusst kennen gelernt hat: Daher sollte eher auf klassische männliche Symboliken verzichtet werden, oder diese zumindest reflektieren (Schusswaffen als „ästhetisches Symbol“, Autos als Statussymbol, Mimik, Gestik, breitbeinig sitzen (zB. in Öffis, auch Frauen* ernst nehmen). Klarerweise hilft es nicht, die Symbolik zu ändern, wenn die Verhaltensweise dieselbe bleibt.
– Strategien: Pluralität! Viele Formen! Aber nicht die eine bessere Form von Männlichkeit.
– Daher ist es notwendig, vielfältige Identitäten denkmöglich und schließlich lebbar zu machen sowie „Sexualität ihrer vermeintlichen Natürlichkeit zu berauben und sie als ganz und gar von Machtverhältnissen durchsetztes, kulturelles Produkt sichtbar zu machen“ (Jagose 2001: 11). Wichtig ist es außerdem, den Stellenwert von Sexualität in (Liebes)Beziehungen zu reflektieren (Oftmals wird allein Penetration als „Sex“ definiert. Damit wird Sex als heterosexuelle, männliche Norm gesetzt, welche abzulehnen ist und kritisiert werden muss).

  • Haben wir gewaltfreie liebevolle (Liebes-)Beziehungen und Umgangsformen?
  • Welche Rolle spielen Liebe und Beziehungen, gehen wir in der Sexualität achtsam miteinander um?
  • Ist unsere Utopie und Praxis offen für vielfältigste Lebensentwürfe (kulturell, sexuell, religiös, spirituell, körperlich)?

Mit „queer“ sollen Identitäten verhandelt und politisiert werden und eine Auseinandersetzung mit Identitäten und den Grenzen von „Identitäts- und Reformpolitik“ stattfinden (vgl. Holzleithner 2001; Jagose 2001: 167).
– „Eine queere Forderung lautet deshalb, dass es nicht darum gehen kann, Politik auf einer Identität aufzubauen, die das Ergebnis von Herrschaft ist. Vielmehr ginge es darum, diejenigen gesellschaftlichen Praktiken und Kontexte, die diese Zuschreibung von ‚Identität‘ begünstigen, aufzuzeigen und anzugreifen“ (Jagose 2001: 167-168). Weiters ist es wichtig festzuhalten, dass queer an keine „bestimmte Identitätskategorie gebunden ist“ (Jagose 2001: 14). Der Begriff stellt auch keine neue Identität dar, sondern möchte vielmehr Kritik an Identitäten üben, um aufzudecken, wie Begriffe konstruiert sind (vgl. Villa 2007: 178).

Weitere Fragen, welche für die Reflexion von Privilegien hilfreich sein können
• Wer macht die reproduktive Arbeit (Raum fegen, Abwasch, Essen vorbereiten, emotionale Beziehungsarbeit, Kindererziehung)?
• Wie ist unser Redeverhalten?
• Wie ist zahlenmäßig das Verhältnis Frauen* – Männer* in Gruppen?
• Warum nehmen Frauen* weniger am öffentlichen Leben teil?
• Wie sind die ökonomischen Verhältnisse, wie gleichen wir diese aus?
• Wer organisiert / plant Kinderbetreuung, wer führt diese schließlich durch?
• Ist unsere Utopie und Praxis offen für vielfältigste Lebensentwürfe (kulturell, sexuell, religiös, spirituell, körperlich)?

3.4 „Privilegien“ von Frauen*

Pension und Wehrpflicht
Oftmals werden als „offensichtliche Privilegien von Frauen“ angeführt, dass diese einerseits die Wehrpflicht im Gegensatz zu Männern nicht leisten müssen und früher in Pension gehen können. Nun sind aber Gewalt-Institutionen des Staates wie Militär und Polizei männlich und männerbündisch organisiert und daher gesellschaftlich wichtige Institutionen, in welchen sich Männlichkeiten begründen (vgl. 2.3 / 3. Teil). Vom Militärdienst waren Frauen* beispielsweise in Deutschland, als auch in Österreich bis 1.1.2001 ausgeschlossen, für die Öffnung aller Laufbahnen der Bundeswehr war etwa eine Verfassungsänderung nach einem Urteil des EuGH erforderlich. (Was bedeutet, dass Frauen* wie in so vielen gesellschaftlichen Bereichen per Gesetz ausgeschlossen waren). Die Formulierung „Frauen* müssen nicht Militärdienst leiten“ ist also irreführend, näher an der Realität ist der Satz „Frauen* durften nicht Militärdienst leisten.“ Daraus folgt: „Hegemoniale Männlichkeit wird in den sozialen Feldern konstituiert, in denen, historisch variabel und von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich, die zentralen Machtkämpfe ausgetragen und gesellschaftliche Einflußzonen festgelegt werden. Das war im imperialen Nationalstaat des 19. Jahrhunderts das Militär, und das sind in den gegenwärtigen globalisierten neoliberalen Gesellschaften des Informationszeitalters vermutlich das technokratische Milieu des Top-Managements und die Massenmedien“ (Meuser/Scholz 2005: 217). Männerbünde sind keine Orte der Gleichheit. Militär und Bürokratie sind Beispiele dafür. Der männliche, soldatische, heroische Mann ist das politische Ideal. Alle anderen werden als „Weiber“ abgewertet (Weber 1972: 616). Militär als Männerinstitution pflegt das Geheimnis, wodurch der Mann* zum Mann* wird (Erdheim 1982: 336). Die Struktur des Militärs reproduziert sich über Initiationsriten, wodurch die ungleiche Ordnung hingenommen wird. Kasernensozialismus macht Rekruten zunächst zu „Frauen“ im sozialen Sinne. (müssen Tätigkeiten übernehmen, die in der Gesellschaft von Frauen erledigt werden).

Das Militär als Institution ist problematisch und müsste als Ganzes abgeschafft werden. Es ist keinem Mann* geholfen, wenn nun auch Frauen* den Militärdienst leisten müssten. Dazu kommt, dass es in der EU nur mehr in 6 Staaten die Wehrpflicht gibt. Außerhalb der EU (zB. in Norwegen und in Israel) gibt es die Wehrpflicht auch für Frauen*.

Ebenso ist es kein Privileg von Frauen*, dass sie früher in Pension gehen dürfen, als Männer*. Dabei muss die Frage gestellt werden, wem dies nutzt. Nach Sibylle Hamann nämlich dem_der Arbeitgeber_in (mit Erreichen des Pensionsalters erlischt der besondere Kündigungsschutz), den Arbeitskollegen (Karrieresprung, Gehaltserhöhung), ggf. ihrem Ehemann (Bewältigung von Hausarbeit), den erwerbstätigen Kindern und Schwiegerkindern (Babysitten), den alten Eltern und Schwiegereltern (Pflegearbeit). „Schließlich nützt es jenen, die alle tatsächlichen Benachteiligungen von Frauen in der Gesellschaft schönreden wollen. Gehaltsschere, Diskriminierung am Arbeitsplatz, ungleiche Verteilung von familiären Pflichten, Doppelbelastung.“ Gleichzeitig würde eine Anhebung des Pensionsantrittsalters Frauen* länger in die Arbeitslosigkeit bzw. in die Altersarmut treiben. Andere argumentieren, es sei ein Nachteil, dass Frauen fünf Jahre früher in Pension gehen können. „Einerseits weil den Frauen die einkommensstärksten Jahre für die Pension fehlen, andererseits weil ihnen oftmals der letzte Karrieresprung aufgrund des ohnehin bald nahenden Ruhestands verwehrt bleibt.“

Viele der „angeblichen Privilegien“ von Frauen* beruhen grundsätzlich auf geschlechtlichen Rollenklischees

  1. Der Mann* sei das starke, die Frau* das schwache Geschlecht: darauf gründet sich etwa der Ausschluss der Wehrpflicht von Frauen*, hinzu kommt die jahrhundertelange männerbündische Organisierung dieser Institutionen. „Systeme wie die Wehrpflicht scheinen zunächst von Vorteil für Frauen zu sein, genauer betrachtet verstärken sie aber die sexistischen Institutionen, die sowohl Männer als auch Frauen an wirklicher Gleichberechtigung hindern. Außerdem sollte angemerkt werden, dass es nicht zwangsläufig den Gegenpart des ‚weiblichen Privilegs‘ geben muss, nur weil ein männliches Privileg existiert. Das liegt daran, dass, obwohl es in den letzten Jahren einige Fortschritte hin zur Gleichberechtigung gab, Frauen als Klasse noch immer nicht das Spielfeld geebnet haben. Weitaus weniger Frauen sitzen in den Machtpositionen der Institutionen, die Männern als Klasse ihre Macht geben.“

  2. Menschen, welche in ein normiertes, gesellschaftliches Bild von „Schönheit“ hineinpassen werden privilegiert (wobei sich dies bei Frauen* anders verhält, als bei Männern* bzw. haben es zweitere in manchen alltäglichen Situationen leichter, weil Männer* nicht so oft wie Frauen* auf Schönsein reduziert werden).
    Ist es tatsächlich ein Privileg, auf Körper, Sexualität, Sexappeal reduziert zu werden (ein als „schön“ wahrgenommener Mann* wird im Gegensatz zu einer Frau* nicht auf diese Kriterien reduziert, da bei diesem immer auch andere „Kriterien“ miteinbezogen werden, eine reine Reduzierung als Objekt ist meist nicht der Fall) und dadurch „Vorteile“ zu haben? Nein! Die angeblichen Vorteile einer „gutaussehenden, jungen Frau*“ können allerdings schnell nach hinten losgehen, etwa wenn sie für „schön dumm“ gehalten und weniger ernst genommen wird. Oder wenn beim neuen Job gesagt wird: „Die hat den Job doch nur bekommen weil sie gut aussieht“.

Intersektionalität und wohlwollender Sexismus
Abermals muss hier intersektional vorgegangen werden, da weitere Diskriminierungen bei dieser Thematik hinzukommen: Ableismus, Lookismus, fat shaming, Ageismus sowie weitere Stereotypen und Vorurteile, welche sich auf Schönheitsnormen gründen. Mit dem Vorteil „schöner Menschen“ sind also auch Benachteiligungen von jenen verbunden, die nicht in dieses Bild passen, was insbesondere Frauen* trifft, da deren Aussehen grundsätzlich mehr beurteilt wird, als jenes von Männer* (vgl. 3.3.2 / 6. Teil).
Wie kann es als Privileg gesehen werden, wenn Frauen* auf ihren Körper reduziert, als Sexsymbol / Verführung konstruiert werden und als Folge dieser Konstruktion angebliche „Vorzüge“ genießen, welche auf der Reduktion als Objekt fußen? Das ist kein Privileg, sondern „wohlwollender Sexismus“. (Siehe auch hier).

Denn „privilegiert“ werden Frauen* ausschließlich dann, wenn sie sich in das gesellschaftliche Konstrukt von Geschlecht und Schönheit anpassen. Frauen*, die weder in diese Schönheitsnorm passen und sich nicht in die Rolle des zu beschützenden Wesens unterordnen wollen, haben auch diese Pseudoprivilegien nicht. Dazu kommt, dass es female Privileges auch aus folgendem Grund nicht gibt: „In einer Geschlechterhierarchie, die von einem binären Geschlechterverhältnis ausgeht, kann nur ein Geschlecht oben stehen. Female Privilege ist eine andere Bezeichnung für wohlwollenden Sexismus, und der ist kein Privileg.“ Diskriminierung von Männern* gibt es ohne Sexismus gegen Frauen* nicht (vgl. 3.5 / 9. Teil). Somit stimmt auch der Satz „Privilegien von Frauen* gibt es ohne Sexismus gegen Frauen*“ nicht.

Außerdem ist zu beachten, dass angebliche „Privilegien“ von Frauen* nicht am Fundament des Patriarchats rütteln, keines dieser Pseudovorteile stellen in irgendeiner Weise das Patriarchat in Frage und genau das ist der springende Punkt, warum female Privileges nicht existieren. Weiters ist es absurd, Rollenbilder gegeneinander auszuspielen, unter welchen alle Geschlechter leiden. Es geht um Zwänge / stereotype Rollenerwartungen und den damit verbundenen Einschränkungen, denen Menschen jeden Tag ausgesetzt sind.

„Größtenteils erfahren Frauen Begünstigungen aus ritterlichem Glauben, die häufig als ‚weibliche Privilegien‘ [wahrgenommen] werden, so wie Männer Vorteile aus dem System der männlichen Privilegien erlangen. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass der Status Quo für die Männer ihnen Status und Macht gewährt, sowohl in öffentlichen als auch privaten Räumen, wohingegen der Status Quo für Frauen einer ist, der ihre Macht auf den deutlich kleineren, eingegrenzteren häuslichen Bereich limitiert.“ 

Wohlmeinender Sexismus, der oft auch noch als „Beschützertum“ oder „Ritterlichkeit“ verkauft wird, ist nämlich eines der zentralen Merkmale dafür, dass unser Konstrukt von Männlichkeit und Weiblichkeit einer konservativen Kultur entspringt. […] Dieses Phänomen wird definiert als „negative Konsequenz einer männlichen Haltung, die Frauen als rein, moralisch und anbetungswürdig idealisiert; als Objekte, die von Männern verehrt, beschützt und versorgt werden müssen. Viele dieser Manieren werden schon in der Kindheit erlernt, und zwar um Mädchen und Jungen dazu zu erziehen, wahre ‚Damen‘ und ‚Kavaliere‘ zu werden (anstatt sie einfach zu anständigen und liebenswürdigen Menschen heranwachsen zu lassen, die zusammenhalten). Kurz, was viele Leute für Ritterlichkeit und ‚männliches Benehmen‘ halten.“ Damit werden Frauen* aber nicht nur als „wunderbare Wesen dargestellt, sondern gleichzeitig auch als schwach, inkompetent, kindlich und schutzbedürftig“. So werden klassische Vorurteile aufrechterhalten.

Weiters soll an dieser Stelle erwähnt werden, dass der Ausschluss von Männern* in manchen Räumen nicht einfach als „umgekehrter oder positiver Sexismus“ bezeichnet werden kann. Vielmehr geht es darum, Räume zu schaffen, die für alle offen sind, unter patriarchaler Unterdrückung leiden. Dies stellt eine antisexistische Strategie dar, da in der Gesellschaft ohnehin extrem viele Räume existieren, die als „Männerräume“ (vgl. 3.3 / 6. Teil) zu bezeichnen sind. Eine Auseinandersetzung mit, bzw. Erklärung davon, was FLIT* Politik ist, findet sich hier.

Zuletzt soll angemerkt werden, dass angebliche Privilegien von Frauen* oftmals dann angeführt werden, wenn männliche Privilegien angesprochen werden. Dies ist eine derailing Strategie. „When this happens, it becomes disruptive of the discussion that’s trying to happen, and has the effect (intended or otherwise) of silencing women’s voices on important issues such as rape and reproductive rights.” Das bedeutet nicht, dass nicht auch über Männer* und Maskulinität diskutiert werden sollte und darüber, wie Männer* unter Gewalt leiden (Dies wird im nächsten Punkt 3.5 angesprochen). Allerdings nicht, wenn es in einer Diskussion gerade um etwas anderes geht.

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 9. Teil:
3.5 Auswirkungen von Geschlechterstereotypen / gesellschaftlichen Rollenerwartungen auf Männer*
3.6 Männer* und Gewalterfahrungen; Schlussfolgerungen

[7. Teil]: Weitere Beispiele für männliche Privilegien aus verschiedenen, gesellschaftlichen Bereichen (II)

<– Themen im 6.Teil: Weitere Bspe männl. Privilegien; Marginalisierungen und Diskriminierungen von Frauen* aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen; Männliche Dominanz / das Männliche als Norm; Geschlechterstereotypen / Sexismus in der Werbung / Reduzierung von Frauen auf Schönsein und Sexualität

INHALT VON TEIL 7

3.3.4 Unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Tätigkeit von Männern* und Frauen*

  • Vieles was Männer* machen, wird per se als positiv bewertet (Männer*, die Kinderwagen schieben: offen, progressiv; Überstunden: toller Karrieremann); vieles was Frauen* tun, wird als negativ beurteilt (in Technikberufen nicht ernst genommen (wie dieses Bsp. zeigt); Frauen*, die Überstunden machen: würden sich nicht um das Kind sorgen).
  • Die Beurteilung einer Tätigkeit eines Menschen erfolgt viel zu oft danach, ob dieser als Mann* oder als Frau* wahrgenommen wird. Wenn zB. ein Bub* an Küchengeräten spielt: „Du interessierst dich für Technik“, wenn das ein Mädchen* macht: „Du wirst bestimmt mal eine gute Hausfrau.“ Dasselbe Verhalten wird völlig unterschiedlich interpretiert; das liegt auch an den Geschlechterstereotypen (vgl. 1.3 / 2. Teil): erwartetes Verhalten wird verstärkt, andernfalls wird es ignoriert.
  • Gedankenexperiment: Ein Mann* und eine Frau* gehen im Abstand von 10 Minuten jeweils allein und oben ohne durch eine belebte Fußgänger_innenzone: Wie reagieren die Passant_innen jeweils auf die beiden? Frauen* haben im Gegensatz zu Männern* nicht die Möglichkeit, oben ohne durch die Straßen zu gehen. Manche vermuten möglicherweise: „Natürlich, können sie ja einfach machen“. Das stimmt nicht, sie können es nicht „einfach machen“, wenn sie sich nicht den (höchstwahrscheinlich) sexistischen Reaktionen (Reduktion auf den Körper, „geil / sexy“, Bewertungen) aussetzen wollen. Auch hier wird Abweichendes von der Norm wieder markiert: Männer* mit nacktem Oberkörper sind allgegenwärtig und in vielen Kontexten anzutreffen. Männer* müssen keinen Bikini tragen, weil männliche Brüste nicht sexualisiert sind.
  • Ähnlich verhält es sich mit dem Privileg von Männern*, in der Öffentlichkeit seine Notdurft zu verrichten. Dieses Privileg hängt mMn etwa nicht mit dem anatomischen Unterschied zusammen, dass dies im Stehen leichter als im Sitzen durchzuführen ist, sondern abermals mit der Reaktion und unterschiedlichen Bewertung auf diese Handlung. Unabhängig davon gibt es auch Möglichkeiten für Menschen mit Vagina, im Stehen zu pinkeln.
  • Bestimmte Dinge werden mit Männlichkeit verknüpft, beispielsweise ein halbnackter Putin. Hingegen gibt es bei halbnackten Frauen völlig andere Assoziationen. Dies liegt unter anderem auch an Geschlechterstereotypen (vgl. 1.3), oder daran, dass wir es gelernt haben, Männer* anders als Frauen* zu bewerten. „Wenn Frauen und Männer das Gleiche tun und sagen, ist es aufgrund der unterschiedlichen Bewertung noch lange nicht das Gleiche!“
  • im Berufsleben, wenn Männer* und Frauen* das Gleiche tun oder sagen u er als ehrgeizig und sie als aggressiv bewertet wird.
  • beim Autofahren, wo Männer* und Frauen*, wenn sie sich gleich verhalten, sie als furchtsam und er als vorsichtig gilt.
  • bei Beschwerden, wenn sie sich gleich ausdrücken, Männer als wütend und Frauen als vulgär gelten.
  • Frauen* werden beim Reden häufiger unterbrochen als Männer* – und zwar meistens durch Männer*. Das, was Frauen* zu sagen haben, wird oft nicht so ernst genommen oder eben belächelt (vor allem wenn auf Formen der Diskriminierung hingewiesen wird); oder bei einem Vortrag werden Fakten von Männern* wiederholt, obwohl es die Rednerin bereits viel besser formulierte.
    Ten simple words every girl should learn

  • Männer*, die sich über ein vergewaltigtes Mädchen* lustig machen.

3.3.5 Familie / Ehe / Karriere / Kinder

  • Frauen* wird „Hauptverantwortung“ der Kindererziehung zugesprochen (vgl. 3.1 / 4. Teil; 3.2 / 5. Teil)
  • Männer* gelten (insbesondere in den Weltreligionen, aber auch in säkularisierten Gesellschaften) noch immer häufig als „Familienoberhaupt“, deren Lohnarbeit mehr Wert zu haben scheint; gleichzeitig müssen sich Frauen* anhören, dass sie als „Hausfrau“ (sic!) „eh nicht arbeiten! (sic!), weil sie von einem Mann* finanziert werden.
  • Daraus folgt, dass der Mann* seiner Karriere nachgehen kann, die Frau* aber für die Kindererziehung und den Haushalt verantwortlich gemacht wird. Weil der Mann* angeblich für die Repräsentation nach außen verantwortlich ist, die Frau* aber nur innerhalb der eigenen vier Wände agiert, genießt der Mann* mehr gesellschaftliches Ansehen.
  • Nach diesem Artikel zu urteilen, sind die ehelichen, sexuellen Pflichten noch immer nicht abgeschafft, da sie eingeklagt werden können.
  • Als Mann* habe ich das Privileg, dass die Entscheidung, mich für einen bestimmten Job einzustellen nichts mit der Vermutung zu tun hat, ob ich in der nächsten Zeit schwanger werde und eine Familie gründen möchte. (Dieses und folgende Beispiele sind zum Teil von hier übernommen).
  • Von mir wird nicht erwartet, dass ich nach einer Eheschließung meinen Nachname ändere; es wird auch nicht in Frage gestellt, wenn ich nicht diesen Namen ändere.
  • Wenn ich keine Kinder habe, wird meine Männlichkeit nicht in Frage gestellt
  • Wenn ich Kinder habe, mich um diese aber nur bedingt kümmere, wird mir meine Männlichkeit nicht abgesprochen;
  • Wenn ich Kinder habe und Karriere mache, wird niemand denken, dass ich egoistisch bin, weil ich nicht zuhause bin und mich um diese kümmere.
  • Es ist nicht von jeder Frau* der größte Wunsch, Kinder zu bekommen.

  • When is she getting married? Will she have children? Is she pregnant now? „My ‚value as a woman‘ isn’t measured by motherhood“. Hier geht es zwar um einen Star, daher fand dieser Artikel auch relativ viel Beachtung. Allerdings trifft diese Reduzierung auf Mutterschaft wohl auf viele Frauen* zu.
  • Oftmals werden stillende Frauen* in der Öffentlichkeit als Provokation empfunden.
  • Immer wieder habe ich es erlebt, dass Männer* (ihnen bekannten) schwangeren Frauen* ohne zu fragen auf den Bauch greifen, als wäre es selbstverständlich, dies zu „dürfen“. Dies ist ein Eingriff in die Privatsphäre, ob dieser Eingriff „schwer oder leicht“ ist, hat hier keine Relevanz.

3.3.6 Verschiedenes

  • Manche meiner männlichen Privilegien fallen mir gar nicht auf bzw. bemerke diese erst, wenn mir Frauen* von diversen Erlebnissen erzählen. Daher ist Reflexion als Prozess / als permanentes Lernen notwendig. Ein Beispiel: Auf einer Party lerne ich einen Mann* kennen. Dieser macht einen recht netten Eindruck, wir unterhalten uns über dieses und jenes, es gibt (für mich) keinerlei Anzeichen, dass dieser ungut / sexistisch sein könnte. (Manchmal fällt es sofort auf, aber das ist eine andere Geschichte). Später erfahre ich von Frauen*, dass er Frauen* permanent angebaggert hat, anzügliche Witze machte. Dies ist eines meiner männlichen Privilegien, dass dieser Typ auf mich „relativ freundlich“, aber auf Frauen* ganz anders wirkt.
    Hier handelt es sich um 2 Privilegien: 1. bin ich nicht vom „anbaggern“ betroffen. 2. muss ich nicht (wenn ich in der Nähe bin und dies miterlebe / beobachte) nicht Stellung beziehen. (Wozu man aber verpflichtet ist, wenn man solidarisch sein möchte). Wie bei Rassismus: Der weiße Mensch hat den Luxus, dass er / sie sich damit nicht auseinandersetzen muss.
  • Letztens hat mir eine Freundin erzählt, was ihr gehörig auf die Nerven geht: Frauen* müssen immer überzeugen (das müssen Männer* zwar auch, aber anders): viele (nicht alle) Männer* haben eine Art „Grund- bzw. Urselbstvertrauen“, dass bei Männern* öfters zu beobachten ist. Kommt dieses bei Frauen* zum Vorschein, sticht sie raus, wird markiert, weil es bei ihr nicht erwartet wird. In der gesellschaftlichen Erwartungshaltung gelten Männer* „immer cool und super“ (vgl. 3.3.4 / siehe oben), Frauen* zuerst mal als schön (vgl. 3.3.2 / 6. Teil). „Und dieses Schönsein-sollen“ macht mich auch fertig. Wir werden im Alltag ja auch eben die ganze Zeit konsumiert und biedern uns an und Männer* suchen aus.“
  • So ist es für Frauen* eben kein Kompliment, wenn sie mit „He Schnecke / Süße / Prinzessin etc.“ etwa auf der Straße angesprochen werden. Es ist nicht höflich oder „nett gemeint“, sondern eine Reduzierung auf den Körper, darüber hinaus ist es eine Verletzung der Privatsphäre.  Männer* müssen sich damit nicht rumärgern.
  • Männer* müssen sich im besten Fall nicht damit beschäftigen, im worst case werden sie von anderen Männern* in der Öffentlichkeit in einer anderen Art und Weise „angemacht“ (vgl. 3.5 / 9. Teil): In Form einer Auseinandersetzung / Streit, bei welchem auch mal Schläge angedroht werden: „Hirschkampf“, anstänkern, sich schlagen wollen – dies hat wiederum andere Ursachen: Wettbewerb, Konstruktionen von Männlichkeiten (2.2 / 3. Teil), zeigen, wer „der Stärkere“ / „der Beste“ ist, „männlich sein“, sich profilieren usw.
    “- When you dance in a ballroom, you won’t have to do it backwards in high heels;
  • When you speak in a boardroom, you won’t have to second-guess yourself in case you’re coming across as “shrill”. You reached that boardroom with the grain, not against it.
  • You don’t judge yourself for eating a cake;
  • „You haven’t, since childhood, been encouraged by the media and by every careless comment from your family to have a relationship with food that borders on psychosis.” 
  • Wenn ein Mann* mit vielen Frauen* schläft, geht die Wahrscheinlichkeit gegen null, dass er als „Schlampe“ bezeichnet wird, außerdem gibt es kein männliches Gegenstück zu „slut-shaming“. Noch genauer: Die Sprache ist von Machos geprägt und zutiefst patriarchal: Es gibt ebenso keine Bezeichnung für eine männliche „Schlampe“. Denn ein Mann*, der Sex mit vielen Frauen* hat, wird „Frauenheld“ genannt, inklusive der positiven Konnotation.
  • Als Mann* kann ich in der Öffentlichkeit zu einer großen Gruppe sprechen, ohne dass ich aufgrund meines (angenommenen) Geschlechts beurteilt werde.
    Nicht zuletzt ist folgendes zu beachten, daher ist Reflexion über Macht- und Herrschaftsstrukturen dermaßen wichtig:

Diese Beispiele sind nur eine Auswahl, die Liste lässt sich bis ins Unendliche fortsetzen. Klarerweise gibt es unzählige Privilegien mehr, welche ich unbewusst innehabe.

3.3.7 Weiterführende Links / Leseempfehlungen

 In nomine patris – Die Interessen der Väter“bewegung“ (Arte Dokumentation)

If Men Were Women
• Aufschreien gegen Sexismus – eine Sammlung: alltagssexismus.de
14 Reasons We All Need Feminism (there are many more reasons, why we need Feminism)
• Follower-Empfehlung: @femInsist auf Twitter: hier werden nicht nur male Privileges gesammelt, sondern auch Sexismus, Misogynie etc.
Die vielen Facetten des Sexismus
#HaekelKon – Dekonstruktion der Männlichkeit (Daniel Schweighöfer)
• Intersexualität und Queer-Politiken: Grenzen und Möglichkeiten der geschwisterlichen Zusammenarbeit
• Die Belästigung von Frauen ist normaler Teil [nicht nur] der österreichischen Gesellschaft geworden. Die kulturelle Definition von Männlichkeit muss hinterfragt werden.
• Wie sähe die Welt aus, wenn es keine Vergewaltigung gäbe? Ein Gedankenspiel: Wie soll man eine solche Welt beschreiben? Wahrscheinlich gliche sie der Welt, in der die allermeisten Männer leben: eine Welt, in der sexuelle Gewalt ein Abgrund ist, von dessen Existenz sie zwar wissen, in dessen Nähe das eigene Leben aber nie kommt.
• Spielzeugindustrie und Rollenklischees

Der feministische Blick
A blog dedicated to ending the oppression and minoritization of women everywhere through critical thinking, writing, expression and visual communication. Fearless Feminism means not taking no for an answer, and facing the demons we are often to afraid to confront, but that we can, and must, overpower.
• Sammlung von #Sexismus / Misogynie
8 Things Women Couldn’t Do On The First Women’s Equality Day In 1971 — And 6 They Still Can’t
Gender: Power and Privilege
Zur gesellschaftlichen Konstruktion von biologischem Geschlecht – Heinz-Jürgen Voß
10 Ways to Be a Better Male Feminist
Antifeminismus und Männerbündelei
Betty Brown – A primer on privilege: what it is and what it isn’t.
• There’s No Comparing Male and Female Harassment Online.

Nicht nur diese Beispiele, sondern sämtliche Argumentationen in diesem Artikel machen deutlich, dass unsere gegenwärtige Gesellschaft (etwa Mitteleuropa, Europäische Union, aber wohl auch darüber hinaus) als androzentristisch und sexistisch zu bezeichnen ist.

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 8. Teil:
3.3.8 Was können Männer* tun? Wie sollen sie mit männlichen Privilegien umgehen?
3.4 „Privilegien“ von Frauen: Pension und Wehrpflicht