[7. Teil]: Weitere Beispiele für männliche Privilegien aus verschiedenen, gesellschaftlichen Bereichen (II)

<– Themen im 6.Teil: Weitere Bspe männl. Privilegien; Marginalisierungen und Diskriminierungen von Frauen* aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen; Männliche Dominanz / das Männliche als Norm; Geschlechterstereotypen / Sexismus in der Werbung / Reduzierung von Frauen auf Schönsein und Sexualität

INHALT VON TEIL 7

3.3.4 Unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Tätigkeit von Männern* und Frauen*

  • Vieles was Männer* machen, wird per se als positiv bewertet (Männer*, die Kinderwagen schieben: offen, progressiv; Überstunden: toller Karrieremann); vieles was Frauen* tun, wird als negativ beurteilt (in Technikberufen nicht ernst genommen (wie dieses Bsp. zeigt); Frauen*, die Überstunden machen: würden sich nicht um das Kind sorgen).
  • Die Beurteilung einer Tätigkeit eines Menschen erfolgt viel zu oft danach, ob dieser als Mann* oder als Frau* wahrgenommen wird. Wenn zB. ein Bub* an Küchengeräten spielt: „Du interessierst dich für Technik“, wenn das ein Mädchen* macht: „Du wirst bestimmt mal eine gute Hausfrau.“ Dasselbe Verhalten wird völlig unterschiedlich interpretiert; das liegt auch an den Geschlechterstereotypen (vgl. 1.3 / 2. Teil): erwartetes Verhalten wird verstärkt, andernfalls wird es ignoriert.
  • Gedankenexperiment: Ein Mann* und eine Frau* gehen im Abstand von 10 Minuten jeweils allein und oben ohne durch eine belebte Fußgänger_innenzone: Wie reagieren die Passant_innen jeweils auf die beiden? Frauen* haben im Gegensatz zu Männern* nicht die Möglichkeit, oben ohne durch die Straßen zu gehen. Manche vermuten möglicherweise: „Natürlich, können sie ja einfach machen“. Das stimmt nicht, sie können es nicht „einfach machen“, wenn sie sich nicht den (höchstwahrscheinlich) sexistischen Reaktionen (Reduktion auf den Körper, „geil / sexy“, Bewertungen) aussetzen wollen. Auch hier wird Abweichendes von der Norm wieder markiert: Männer* mit nacktem Oberkörper sind allgegenwärtig und in vielen Kontexten anzutreffen. Männer* müssen keinen Bikini tragen, weil männliche Brüste nicht sexualisiert sind.
  • Ähnlich verhält es sich mit dem Privileg von Männern*, in der Öffentlichkeit seine Notdurft zu verrichten. Dieses Privileg hängt mMn etwa nicht mit dem anatomischen Unterschied zusammen, dass dies im Stehen leichter als im Sitzen durchzuführen ist, sondern abermals mit der Reaktion und unterschiedlichen Bewertung auf diese Handlung. Unabhängig davon gibt es auch Möglichkeiten für Menschen mit Vagina, im Stehen zu pinkeln.
  • Bestimmte Dinge werden mit Männlichkeit verknüpft, beispielsweise ein halbnackter Putin. Hingegen gibt es bei halbnackten Frauen völlig andere Assoziationen. Dies liegt unter anderem auch an Geschlechterstereotypen (vgl. 1.3), oder daran, dass wir es gelernt haben, Männer* anders als Frauen* zu bewerten. „Wenn Frauen und Männer das Gleiche tun und sagen, ist es aufgrund der unterschiedlichen Bewertung noch lange nicht das Gleiche!“
  • im Berufsleben, wenn Männer* und Frauen* das Gleiche tun oder sagen u er als ehrgeizig und sie als aggressiv bewertet wird.
  • beim Autofahren, wo Männer* und Frauen*, wenn sie sich gleich verhalten, sie als furchtsam und er als vorsichtig gilt.
  • bei Beschwerden, wenn sie sich gleich ausdrücken, Männer als wütend und Frauen als vulgär gelten.
  • Frauen* werden beim Reden häufiger unterbrochen als Männer* – und zwar meistens durch Männer*. Das, was Frauen* zu sagen haben, wird oft nicht so ernst genommen oder eben belächelt (vor allem wenn auf Formen der Diskriminierung hingewiesen wird); oder bei einem Vortrag werden Fakten von Männern* wiederholt, obwohl es die Rednerin bereits viel besser formulierte.
    Ten simple words every girl should learn

  • Männer*, die sich über ein vergewaltigtes Mädchen* lustig machen.

3.3.5 Familie / Ehe / Karriere / Kinder

  • Frauen* wird „Hauptverantwortung“ der Kindererziehung zugesprochen (vgl. 3.1 / 4. Teil; 3.2 / 5. Teil)
  • Männer* gelten (insbesondere in den Weltreligionen, aber auch in säkularisierten Gesellschaften) noch immer häufig als „Familienoberhaupt“, deren Lohnarbeit mehr Wert zu haben scheint; gleichzeitig müssen sich Frauen* anhören, dass sie als „Hausfrau“ (sic!) „eh nicht arbeiten! (sic!), weil sie von einem Mann* finanziert werden.
  • Daraus folgt, dass der Mann* seiner Karriere nachgehen kann, die Frau* aber für die Kindererziehung und den Haushalt verantwortlich gemacht wird. Weil der Mann* angeblich für die Repräsentation nach außen verantwortlich ist, die Frau* aber nur innerhalb der eigenen vier Wände agiert, genießt der Mann* mehr gesellschaftliches Ansehen.
  • Nach diesem Artikel zu urteilen, sind die ehelichen, sexuellen Pflichten noch immer nicht abgeschafft, da sie eingeklagt werden können.
  • Als Mann* habe ich das Privileg, dass die Entscheidung, mich für einen bestimmten Job einzustellen nichts mit der Vermutung zu tun hat, ob ich in der nächsten Zeit schwanger werde und eine Familie gründen möchte. (Dieses und folgende Beispiele sind zum Teil von hier übernommen).
  • Von mir wird nicht erwartet, dass ich nach einer Eheschließung meinen Nachname ändere; es wird auch nicht in Frage gestellt, wenn ich nicht diesen Namen ändere.
  • Wenn ich keine Kinder habe, wird meine Männlichkeit nicht in Frage gestellt
  • Wenn ich Kinder habe, mich um diese aber nur bedingt kümmere, wird mir meine Männlichkeit nicht abgesprochen;
  • Wenn ich Kinder habe und Karriere mache, wird niemand denken, dass ich egoistisch bin, weil ich nicht zuhause bin und mich um diese kümmere.
  • Es ist nicht von jeder Frau* der größte Wunsch, Kinder zu bekommen.

  • When is she getting married? Will she have children? Is she pregnant now? „My ‚value as a woman‘ isn’t measured by motherhood“. Hier geht es zwar um einen Star, daher fand dieser Artikel auch relativ viel Beachtung. Allerdings trifft diese Reduzierung auf Mutterschaft wohl auf viele Frauen* zu.
  • Oftmals werden stillende Frauen* in der Öffentlichkeit als Provokation empfunden.
  • Immer wieder habe ich es erlebt, dass Männer* (ihnen bekannten) schwangeren Frauen* ohne zu fragen auf den Bauch greifen, als wäre es selbstverständlich, dies zu „dürfen“. Dies ist ein Eingriff in die Privatsphäre, ob dieser Eingriff „schwer oder leicht“ ist, hat hier keine Relevanz.

3.3.6 Verschiedenes

  • Manche meiner männlichen Privilegien fallen mir gar nicht auf bzw. bemerke diese erst, wenn mir Frauen* von diversen Erlebnissen erzählen. Daher ist Reflexion als Prozess / als permanentes Lernen notwendig. Ein Beispiel: Auf einer Party lerne ich einen Mann* kennen. Dieser macht einen recht netten Eindruck, wir unterhalten uns über dieses und jenes, es gibt (für mich) keinerlei Anzeichen, dass dieser ungut / sexistisch sein könnte. (Manchmal fällt es sofort auf, aber das ist eine andere Geschichte). Später erfahre ich von Frauen*, dass er Frauen* permanent angebaggert hat, anzügliche Witze machte. Dies ist eines meiner männlichen Privilegien, dass dieser Typ auf mich „relativ freundlich“, aber auf Frauen* ganz anders wirkt.
    Hier handelt es sich um 2 Privilegien: 1. bin ich nicht vom „anbaggern“ betroffen. 2. muss ich nicht (wenn ich in der Nähe bin und dies miterlebe / beobachte) nicht Stellung beziehen. (Wozu man aber verpflichtet ist, wenn man solidarisch sein möchte). Wie bei Rassismus: Der weiße Mensch hat den Luxus, dass er / sie sich damit nicht auseinandersetzen muss.
  • Letztens hat mir eine Freundin erzählt, was ihr gehörig auf die Nerven geht: Frauen* müssen immer überzeugen (das müssen Männer* zwar auch, aber anders): viele (nicht alle) Männer* haben eine Art „Grund- bzw. Urselbstvertrauen“, dass bei Männern* öfters zu beobachten ist. Kommt dieses bei Frauen* zum Vorschein, sticht sie raus, wird markiert, weil es bei ihr nicht erwartet wird. In der gesellschaftlichen Erwartungshaltung gelten Männer* „immer cool und super“ (vgl. 3.3.4 / siehe oben), Frauen* zuerst mal als schön (vgl. 3.3.2 / 6. Teil). „Und dieses Schönsein-sollen“ macht mich auch fertig. Wir werden im Alltag ja auch eben die ganze Zeit konsumiert und biedern uns an und Männer* suchen aus.“
  • So ist es für Frauen* eben kein Kompliment, wenn sie mit „He Schnecke / Süße / Prinzessin etc.“ etwa auf der Straße angesprochen werden. Es ist nicht höflich oder „nett gemeint“, sondern eine Reduzierung auf den Körper, darüber hinaus ist es eine Verletzung der Privatsphäre.  Männer* müssen sich damit nicht rumärgern.
  • Männer* müssen sich im besten Fall nicht damit beschäftigen, im worst case werden sie von anderen Männern* in der Öffentlichkeit in einer anderen Art und Weise „angemacht“ (vgl. 3.5 / 9. Teil): In Form einer Auseinandersetzung / Streit, bei welchem auch mal Schläge angedroht werden: „Hirschkampf“, anstänkern, sich schlagen wollen – dies hat wiederum andere Ursachen: Wettbewerb, Konstruktionen von Männlichkeiten (2.2 / 3. Teil), zeigen, wer „der Stärkere“ / „der Beste“ ist, „männlich sein“, sich profilieren usw.
    “- When you dance in a ballroom, you won’t have to do it backwards in high heels;
  • When you speak in a boardroom, you won’t have to second-guess yourself in case you’re coming across as “shrill”. You reached that boardroom with the grain, not against it.
  • You don’t judge yourself for eating a cake;
  • „You haven’t, since childhood, been encouraged by the media and by every careless comment from your family to have a relationship with food that borders on psychosis.” 
  • Wenn ein Mann* mit vielen Frauen* schläft, geht die Wahrscheinlichkeit gegen null, dass er als „Schlampe“ bezeichnet wird, außerdem gibt es kein männliches Gegenstück zu „slut-shaming“. Noch genauer: Die Sprache ist von Machos geprägt und zutiefst patriarchal: Es gibt ebenso keine Bezeichnung für eine männliche „Schlampe“. Denn ein Mann*, der Sex mit vielen Frauen* hat, wird „Frauenheld“ genannt, inklusive der positiven Konnotation.
  • Als Mann* kann ich in der Öffentlichkeit zu einer großen Gruppe sprechen, ohne dass ich aufgrund meines (angenommenen) Geschlechts beurteilt werde.
    Nicht zuletzt ist folgendes zu beachten, daher ist Reflexion über Macht- und Herrschaftsstrukturen dermaßen wichtig:

Diese Beispiele sind nur eine Auswahl, die Liste lässt sich bis ins Unendliche fortsetzen. Klarerweise gibt es unzählige Privilegien mehr, welche ich unbewusst innehabe.

3.3.7 Weiterführende Links / Leseempfehlungen

 In nomine patris – Die Interessen der Väter“bewegung“ (Arte Dokumentation)

If Men Were Women
• Aufschreien gegen Sexismus – eine Sammlung: alltagssexismus.de
14 Reasons We All Need Feminism (there are many more reasons, why we need Feminism)
• Follower-Empfehlung: @femInsist auf Twitter: hier werden nicht nur male Privileges gesammelt, sondern auch Sexismus, Misogynie etc.
Die vielen Facetten des Sexismus
#HaekelKon – Dekonstruktion der Männlichkeit (Daniel Schweighöfer)
• Intersexualität und Queer-Politiken: Grenzen und Möglichkeiten der geschwisterlichen Zusammenarbeit
• Die Belästigung von Frauen ist normaler Teil [nicht nur] der österreichischen Gesellschaft geworden. Die kulturelle Definition von Männlichkeit muss hinterfragt werden.
• Wie sähe die Welt aus, wenn es keine Vergewaltigung gäbe? Ein Gedankenspiel: Wie soll man eine solche Welt beschreiben? Wahrscheinlich gliche sie der Welt, in der die allermeisten Männer leben: eine Welt, in der sexuelle Gewalt ein Abgrund ist, von dessen Existenz sie zwar wissen, in dessen Nähe das eigene Leben aber nie kommt.
• Spielzeugindustrie und Rollenklischees

Der feministische Blick
A blog dedicated to ending the oppression and minoritization of women everywhere through critical thinking, writing, expression and visual communication. Fearless Feminism means not taking no for an answer, and facing the demons we are often to afraid to confront, but that we can, and must, overpower.
• Sammlung von #Sexismus / Misogynie
8 Things Women Couldn’t Do On The First Women’s Equality Day In 1971 — And 6 They Still Can’t
Gender: Power and Privilege
Zur gesellschaftlichen Konstruktion von biologischem Geschlecht – Heinz-Jürgen Voß
10 Ways to Be a Better Male Feminist
Antifeminismus und Männerbündelei
Betty Brown – A primer on privilege: what it is and what it isn’t.
• There’s No Comparing Male and Female Harassment Online.

Nicht nur diese Beispiele, sondern sämtliche Argumentationen in diesem Artikel machen deutlich, dass unsere gegenwärtige Gesellschaft (etwa Mitteleuropa, Europäische Union, aber wohl auch darüber hinaus) als androzentristisch und sexistisch zu bezeichnen ist.

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 8. Teil:
3.3.8 Was können Männer* tun? Wie sollen sie mit männlichen Privilegien umgehen?
3.4 „Privilegien“ von Frauen: Pension und Wehrpflicht

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