„Wirtschaftsflüchtlinge“, Doppelmoral und unterlassene Hilfeleistung

Jeden Tag sterben im Mittelmeer Menschen, jedoch waren es in der Nacht vom 18. zum 19. April 2015 so viele, dass es von internationalen Medien nicht mehr ignoriert werden konnte. Sogenannte „Flüchtlingskatastrophen“ gibt es regelmäßig (tatsächlich geht es ja eher um „unterlassene Hilfeleistung“ von Seiten der EU). Beispielsweise sind im Oktober 2013 vor Lampedusa zwei Flüchtlingsschiffe verunglückt, mehr als 350 Menschen starben. „The Migrants Files“ dokumentiert die unzähligen Todesfälle von Geflüchteten auf ihrem Weg nach Europa. Dies ist ein Projekt „by a European consortium of journalists that aims at precisely assessing the number of men, women and children that died as a result of EU Member States migration policies.“

Bereits im März 2014 wurde die Zahl der Todesopfer des EU-Grenzregimes seit dem Jahr 2000 auf mindestens 23000 geschätzt. Hier gehts es zur Interaktiven Karte.

Quelle: proasyl beruft sich auf Daten von „The migrants Files“

Eine kurze Chronologie verschiedener Flüchtlingskatastrophen der letzten Jahre findet sich zum Beispiel auch hier.

Die EU hat bereits vor drei Tagen erste Ergebnisse eines Gipfeltreffens vorgestellt, welche eher als Farce, anstatt als echte Hilfe bezeichnet werden kann. Die Flüchtlingskatastrophe scheint bloß ein gefundener Vorwand zu sein, Asylgesetze weiter zu verschärfen.

In einem heutigen Beschluss gaben EU-Staaten bekannt, der Frontex-Organisation Triton beizutreten: mit britischen Kriegsschiffen und Hubschraubern, französischen Patrouillenbooten, einem slowenischen Marine-Patrouillenschiff, auch Faymann gab bekannt, das Vorhaben mit „mehr Experten“ zu unterstützen. Eines der Ziele von Triton ist übrigens „der Schutz und die Überwachung der Außengrenzen.“ Daher bleibt die Maxime wohl dieselbe wie vor der letzten Flüchtlingskatastrophe: „Flüchtlinge abwehren, statt retten.“ Ob die Probleme dadurch gelöst werden, ist fraglich vielleicht werden sie durch diesen 10 Punkte-Plan sogar verschärft.

 

„Viele sind ja ohnehin ’nur‘ (sic!) Wirtschaftsflüchtlinge“

In den Kommentaren und Analysen bezüglich der EU-Flüchtlingspolitik mehren sich die Stimmen, dass viele einwandernde Menschen „nur Wirtschaftsflüchtlinge“ wären. Abgesehen davon, dass diese reine Vermutung nicht mit der Wirklichkeit überein stimmt, werden mit dem Begriff „Wirtschaftsflüchtling“ Menschen zweiter Klasse geschaffen und in „nützlich und wertlos“ eingeteilt.

„In der deutschen Debatte heißt es oft, die meisten Bootsflüchtlinge im Mittelmeer kämen aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa.“ Menschen die versuchen, ihre persönliche Situation zu verbessern und unabhängig von Krieg und Verfolgung in ein anderes Land gehen, werden mit dem Wort „Wirtschaftsflüchtlinge“ diskreditiert und abgewertet. Dieses Wort hat den Zweck, Menschen zweiter Klasse zu schaffen und diese zu brandmarken. Allerdings handelt es sich bei dem Wort „Wirtschaftsflüchtlinge“ um eine weitere Episode des „Messens mit zweierlei Maß“, oder um es schärfer auszudrücken: Das ist „verlogen“.

 

Viele Menschen wechseln den Ort / ziehen in eine größere Stadt, um ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern

Das ist weder gut, noch schlecht, sondern zuerst einmal ein Faktum. Menschen ziehen von ihrem Dorf in eine Stadt, weil sie sich dort bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz versprechen, weil es dort mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Universität, oder andere Möglichkeiten zur Fortbildung gibt, eben Binnenmigration. (Trotzdem ist es ein riesiger Unterschied, ob ein junger Mensch sein Dorf und das Haus seiner Eltern zB. im Südburgenland verlässt, um in Wien zu studieren, oder ob Menschen im Sahel vor der Dürre fliehen).

 

Mediale Funktion der Verwendung des Begriffs „Wirtschaftsflüchtling“

Problematisch ist es, wie doppelmoralisch in diesem Kontext viele Politiker_innen, Journalist_innen, Medienunternehmen, agieren, wenn sie Menschen (konkreter: Asylant_innen, Migrant_innen) als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnen: IMMER wenn sie dieses Wort in den Mund nehmen oder darüber schreiben, meinen sie ausschließlich, dass Asylant_innen / Migrant_innen „kein Recht“ dazu hätten, sich in der EU anzusiedeln. Menschen lassen sich dort nieder, wo sie sich einen ökonomischen Vorteil erhoffen. Das machen alle Menschen, immer, nicht nur Flüchtlinge. Warum wird hier bei Migrant_innen aber mit zweierlei Maß gemessen?

Ein Grund dafür ist, dass Flüchtlinge in einer bürgerlichen Gesellschaft eines EU-Staats als Menschen zweiter Klasse behandelt werden (sowohl rechtlich, als auch im gesellschaftlichen Alltag), bzw. in die menschenfeindlichen Kategorien „nützliche und nicht nützliche Ausländer“ eingeteilt werden (was übersetzt so viel heißt wie „für den Kapitalismus verwertbare und nutzlose Menschen“). Ein hochoffizielles Beispiel bietet die Migrationsplattform der österreichischen Bundesregierung. „Qualifizierten Arbeitskräften aus Drittstaaten“, also jene Menschen, die auch „etwas leisten“, sind in Österreich gerne gesehen. Menschen jedoch, die „bloß“ hoffen, in Europa ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten zu verbessern und gar nicht vor Kriegen flüchten, nicht.

Die Rede vom „Wirtschaftsflüchtling“ kommt einem Euphemismus gleich. Gemeint ist damit ein Mensch, der keine Berechtigung hat, „hier“ zu leben, weil er „nur“ aus wirtschaftlichen Gründen sein Land verlassen hat. Bei dem Wort „Wirtschaftsflüchtling“ schwingt immer die Konnotation mit, dass es sich angeblich um „illegale Migrant_innen“ handelt. Kein Mensch ist illgeal, jeder sollte selbst bestimmen können, wo er_sie sich aufhalten möchte.

 

Der neoliberale Begriff der „Standortsicherung“

Die Doppelmoral rund um den Begriff des „Wirtschaftsflüchtlings“ wird noch deutlicher, wenn man das neoliberale Konzept der „Standortsicherung“ betrachtet. Im ökonomischen, neoliberalen Alltag geht es für Konzerne immer darum, billiger zu produzieren, um ungeachtet von sozialen, ökologischen, gesellschaftlichen Folgen höhere Profite zu erzielen. Dies wird oft durch den Wechsel des Standorts gewährleistet. „Standortsicherung“ hat von der Bedeutung des Begriffs viele strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Begriff „Wirtschaftsflüchtling“.

Mit einem entscheidenden Unterschied: „Standortsicherung“ wird in den verschiedenen gesellschaftlichen Diskursen als etwas Positives, Erstrebenswertes, für die Wirtschaft „sinnvoll“ betrachtet. Sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“  hingegen werden im medialen Diskurs niemals positiv konnotiert.

Das besondere am kapitalistischen System ist seine eindeutige und rechenbare Zielsetzung: die Maximierung des Gewinns in einer bestimmten Periode.

Konzerne aus Ländern des globalen Nordens (oder auch: aus OECD Ländern) wechseln permanent zu jenem Standort, der ihnen als der günstigste erscheint. So sind in den letzten Jahrzehnten ganze Industrien in Länder abgewandert, welche ökonomisch ärmer sind und vor allem, in welchen Arbeitsrechte / Gewerkschaften nicht, oder nur wenig vorhanden sind, in welchen für die Sicherheit der Arbeitenden in Fabriken nicht in der gleichen Weise gesorgt wird (etwa wie in Europa, den USA,  Australien, Südkorea, oder Japan). Es gibt viele Beispiele dafür, etwa der Tod von 100 Menschen, nach einem Feuer in einer Textilfabrik in Bangladesch im Jahr 2012. Oder der Großbrand einer Fabrik in Pakistan, der 300 Menschenleben forderte, „weil Fenster vergittert waren und Notausgänge fehlten.“

 

Conclusio

Selbst jene Artikel, die sich darauf beziehen, dass die meisten Menschen keine Wirtschaftsflüchtlinge sind, sondern politische, sind ebenso problematisch: Denn alle Menschen haben das Recht, sich dort anzusiedeln, wo sie sich wirtschaftliche Vorteile versprechen. Dass machen Menschen zB. in Europa genauso (auch wenn die Ausgangsposition für sie grundsätzlich eine andere, nämlich einfachere ist) , warum sollte das Flüchtlingen, die nach Europa kommen wollen verwehrt bleiben? Jede_r siedelt sich dort an, wo es für ihn_sie am besten ist. Das ist doch gerade auch eine kapitalistische Logik (ich finde diese kapitalistische Logik nicht gut, oder wünschenswert, möchte aber deutlich machen, dass mit dem Begriff „Wirtschaftsflüchtlinge“ Menschen zweiter Klasse geschaffen werden und es sich hier vonseiten bürgerlicher Medien um ein Bewerten mit zweierlei Maß handelt).

Zusätzlich ist zu bedenken, dass es laut Genfer Flüchtlingskonvention legal ist, in einem Land aufgenommen zu werden, wenn man verfolgt wird. Dies ist aber schon allein deswegen ein Widerspruch, weil Menschen immer illegalisiert in ein Land einreisen müssen.

Die europäische Flüchtlingspolitik geht in eine völlig falsche Richtung. Letztlich geht es „um die Bekämpfung der Flucht als solcher, zum Schluss der Flüchtlinge selbst.“ Nicht-Europäer_innen stehen in Europa nicht auf einer Ebene mit Europäer_innen und das muss problematisiert werden.

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Soziale Konstruktion der ’natürlichen Welt'“: „Raum“ (Rezension der Habilitation „Raumsoziologie“ von Martina Löw)

Nicht nur Geschlecht (damit habe ich mich bzgl. der „Naturalisierung von Männern und Frauen“, Doing Gender, Heteronormativität, Transsexualität, Sozialisation und Geschlechterstereotypen beschäftigt), auch unzählige andere Dinge, denen eine „natürliche Gegebenheit“ unterstellt werden, sind sozial konstruiert. Es geht darum, dass manche Dinge, von denen angenommen wird, sie seien “natürlich” (wie Raum, Geschlecht, Emotionen, Wert, Arbeit) als “Ergebnis von gesellschaftlichen Wertvorstellungen” aufzudecken. Es geht darum, zu zeigen, dass nichts im gesellschaftlichen Alltag “einfach so” existiert, sondern immer ein Prozess von gesellschaftlichen Diskursen ist.

Dieser Artikel soll zeigen, dass Gesellschaft von Menschen und deren Handlungen / Kategorien geschaffen wird, dass Macht- und Herrschaftsverhältnisse niemals ’natürlich‘ sind (was ist denn ’natürlich‘ außer Nahrungsaufnahme, deren Ausscheidung und Wetter? [über letzteres lässt sich heutzutage auch streiten] ), dass wir Gesellschaft verändern können, selbst wenn uns diese manchmal zu erdrücken scheint. Was ist Wirklichkeit? Was ist Natur? Was können wir wissen? Diesen Fragen möchte ich mich (ohne Anspruch auf „Wahrheit“) in diesem und den folgenden Blogposts annähern. Vielleicht habt ihr Interesse an den Themen, oder Anregungen, Gedanken und Kritik zu den folgenden Überlegungen, dann hinterlasst doch unten einen Kommentar. In diesem Blogpost werde ich mich hauptsächlich mit der Habilitation von Martina Löw beschäftigen: [Löw, Martina (2001). Raumsoziologie. Suhrkamp: Frankfurt/Main.] Eine Rezension über dieses Werk findet sich zB. hier. Anmerkung zu dem Begriff „Struktur“ : „Strukturen sind Regeln und Ressourcen, die rekursiv (also „selbstbezogen“; Anm. LY) in Institutionen eingelagert sind und die unabhängig von Ort und Zeitpunkt Geltung haben“ (Löw 2001: 226). Nach Giddens sind Strukturen isolierbare Mengen von Regeln und Ressourcen (zB. rechtliche, ökonomische, politische Strukturen) (vgl. Löw 2001:  178).

Soziale Konstruktion von Raum und Inhalt von Martina Löws Werk

„Nimmt man Welt-Raum in einem wörtlichen Sinne, handelt es sich um eine Mythologie der Beherrschung über Konstruktion dieses Raums durch Rekonstruktion von Ereignissen – wir erschaffen die Welt, indem wir ihr Gewordensein interpretieren und damit strukturieren: das Thema der Geschichte“ (Gehmann 2010: 13).

Martina Löws Ziel ist es, einen soziologischen Raumbegriff zu entwickeln. Durch Technologien des Cyberspaces, Hochgeschwindigkeitstransporte, Verinselung der Lebenswelten / Vereinzelung der Menschen etc. ist es notwendig geworden, über die sozialwissenschaftlichen Raumvorstellungen nachzudenken, bzw. diese gänzlich neu zu überdenken. In ihrer Habilitation „Raumsoziologie“ geht sie der Frage nach, wie Raum als Grundbegriff der Soziologie präzisiert werden kann, um aufbauend auf dieser Begriffsbildung eine Raumsoziologie zu definieren. (Dieses Werk ist aber nicht nur in Sozialwissenschaften, sondern auch für das Verständnis von „Raum“ im Alltag der Menschen von Bedeutung). Löw stellt eine Mikrotheorie auf, welche jedoch sehr wohl makrotheoretische Bezugspunkte aufweist. Löw stellt äußerst viele Studien, unter anderem aus dem Gebiet der Psychologie, Stadt- und Raumplanung, Humanökologie etc. dar, um einen relationalen Raumbegriff zu entwickeln. Wichtig mitzudenken ist, dass für Löw Raum und Zeit nicht voneinander zu trennen sind.

Absolutistisches Raumverständnis (AV) vs. relativistisches Raumverständnis (RV)

Im absolutistischen Raumverständnis wird davon ausgegangen, dass Raum und Körper einen Dualismus bilden, dass also Raum und Körper unabhängig voneinander existieren, wofür Handlungen jeweils unbedeutend seien (vgl. Löw 2001: 17), Räume existieren in dieser Konzeption für sich selbst  (vgl. ebd.: 18). Raum ist in absolutistischen Diskursen ein starrer Behälter, der bloß mit Gegenständen aufgefüllt wird. Im relativistischen Raumverständnis hingegen ergibt sich Raum „aus der Struktur der relativen Lagen der Körper“ (ebd.). (Weiter unten wird dieser Satz genauer behandelt). Argumentiert wird im AV, dass es „bewegte Handlungen in einem an sich unbewegten Raum gibt“ (ebd.), wie zB. abgesteckte Territorien. Im AV wird von der Annahme ausgegangen, dass „Handeln immer im Bezug auf den euklidischen, dreidimensionalen Raum geschieht, welcher das Denken und die Orientierung leitet“ (ebd.). Im absolutistischen Raumverständnis geht es also um die Alltagsvorstellung, dass „Menschen ‚im Raum‘ leben“ (ebd.: 19).  Im relativistischen Diskursen hingegen ist Raum in seiner soziologischen Relevanz immer das Ergebnis von einem Prozess der Anordnung (es muss zuerst eine Handlung von Menschen passieren, dass ein Ort zum Raum wird).

Euklidische Geometrie vs. Relativitätstheorie

Berühmte Männer (zu deren Lebzeiten war es Frauen [heute ist dies ja nur manchen Frauen in manchen Ländern auf der Welt] ja noch nicht in gleicher Weise möglich, am öffentlichen Leben teilzuhaben) wie Kopernikus, Kepler, Galilei, Newton, Kant haben sich für eine absolutische Raumvorstellung stark gemacht. Dafür sind die Vorstellungen einer euklidischen Geometrie notwendig (vgl. Löw 2001: 17; 28-31).

  1. Raum habe keine eigene Realität.
  2. Raum ist ordnendes „Prinzip, das jeder Erfahrung vorausgeht“
  3. Raum „ist etwas, das Menschen durch ihre Vorstellungen schaffen“
  4. Raum erfüllt Funktion, wahrgenommenes wie mit Schablone zu ordnen (vgl. Löw 2001: 29-30).

In diesem Verständnis waren Räume ausschließlich als „zweidimensionale Behälterräume“ (Löw/ Sturm 2005: 32) konzeptualisiert, der ursprünglich leere Raum muss erst aufgefüllt werden. „Soziales war nur verdinglicht […] vorstellbar“, wie z.B. der „Staat als Behälter der Gesellschaft“ (Löw/ Sturm 2005: 32). Dies veränderte sich im 19. Jahrhundert und es werden verstärkt soziale Praxen und Symbole mit einbezogen. Durch physikalische Erkenntnisse (Entdeckung des Elektrons, Röntgenstrahlung, Radioaktivität, Entwicklung einer nichteuklidischen Geometrie) kamen Einstein und seine Kolleg_innen (seine Frau war maßgeblich an den Ergebnissen der Relitivitätstheorie beteiligt, vgl. Löw 2001: 31) schließlich der Relativitätstheorie näher (vgl. ebd.). Somit war es möglich anzunehmen, dass „der Raum nicht eine fertige ‚Mietskaserne‘ ist, in welche die Materie einbezieht, sondern dass die Materie selbst erst die Raumstruktur bestimmt“ (Weizäcker 1990: 149 zit. nach Löw 2001: 31). „Eine Kernaussage der Relativitätstheorie ist, dass zwei Ereignisse, die in einem System gleichzeitig ablaufen, in einem anderen System nicht gleichzeitig ablaufen müssen“ (Löw 2001: 31f.) was die klassische Physik anders sah, ein Stab von einem Meter ist überall ein Meter lang, genauso laufen Uhren in allen Systemen gleich schnell, die Relativitästheorie hat dies widerlegt (vgl. ebd.).

„Das heißt, je nach Bezugssystem der Beobachter, fällt der Stein zu einem anderen Zeitpunkt auf den Erdboden. Daraus folgt, dass Raum und Zeit nicht ‚absolut‘ sind, sondern ‚relativ‘ zum Beobachtungssystem der Beobachterinnen existieren. Einstein spricht […] von einem ‚Raum-Zeit-Kontinuum“ […]. Für Theorien über Räume hat die Relativitätstheorie die Konsequenz, dass der metaphysischen Konstruktion des absoluten Raums gänzlich die wissenschaftliche Basis entzogen wurde“ (Löw 2001: 33).

Eine weitere Schlussfolgerung ist, dass Raum

„nicht länger der starre Behälter [ist], der unabhängig von den materiellen Verhältnissen existiert, sondern Raum und Körperwelt sind verwoben. Der Raum, das heißt die Anordnung der Körper, ist abhängig vom Bezugssystem der Beobachter“ (Löw 2001: 34).

Die Relativitätstheorie hat somit auch im Alltagsverständnis die Vorstellung der Menschen verändert, wie Raum betrachtet werden kann. Dass Raum kein starrer Behälter ist, der erst aufgefüllt werden muss, sondern erst aus der Relation von Struktur und Handlung entsteht (was das genau heißt: siehe unten). Lange Zeit war für Menschen die Erde eine Scheibe, diese „falsche Tatsache“ hat sich mit Galileis Erkenntnissen radikal verändert und somit auch das Verständnis von Raum. Bis zum 15. Jahrhundert dachten zB. die Portugiesen, dass sich südlich von Nordafrika der Eintritt zur Hölle befindet. Dieses falsche Raumverständnis wurde ebenfalls erweitert und zwar mit Entdeckungen und der Löschung weißer Flecken auf den Landkarten. Genauso hat Einsteins Relativitätstheorie das Alltagsverständnis der Menschen bzgl. der Vorstellung von Raum verändert. Somit ist offensichtlich, dass das Raumverständnis der Menschen nicht immer gleich war, vielmehr hat es sich über die Jahrhunderte ständig gewandelt.

Raum als „relationale (An)Ordnung von Körpern“

Im absolutistischen Raumverständnis wird als unumgängliche Voraussetzung angenommen, „Raum“ und „Materie“ werden systematisch unterschieden (vgl. Löw 2001: 63). Daher führt Löw das Konzept der „Theorie der Strukturierung“ von Giddens weiter, „da hier der Dualismus von (objektiven) Strukturen versus (subjektivem) Handeln in eine Dualität übersetzt wird“ (Löw 2001: 36ff). (Dennoch kritisiert Löw den Strukturbegriff von Giddens, weil er zu starr ist; Bourdieu dient in ihrem Konzept als Mittler zwischen Struktur und Handeln (vgl. Löw 2001: 16). Löw versteht Raum als die Wechselwirkung zwischen Struktur und Handeln. Einige Ausgangspunkte im raumsoziologischen Konzept von Martina Löw: 1. Allgemein

  • Die Konstitution von Raum selbst wird als sozialer Prozess aufgefasst, da Handeln als raumbildend verstanden wird.
  • Zentrale Aspekte des absolutistischen Raumbegriffs werden aufgegriffen und in einen prozesshaften Raumbegriff integriert. Daraus ergibt sich nicht ein neuer Begriff des Raums, sondern vielmehr einer, den Löw als „relational“ bezeichnet (vgl. Löw 2001: 67).
  • Bei Nutzung und Aneignung des Raums müssen Klassen- und Machtverhältnisse mitreflektiert werden (vgl. ebd.: 137f. sowie „3. Vier Ebenen sozialer Ungleichheit“).

2. „Soziale Güter“ unterscheidet Löw in

  • primär materielle (etwa Tische, Sessel, Häuser etc.) und
  • primär symbolische (Lieder, Werte, Vorschriften etc.) soziale Güter (vgl. Löw 2001: 152; 193; 224ff)

3. Bei der Analyse der Konstitution von Raum sind vier Ebenen sozialer Ungleichheit zu unterscheiden:

  • Reichtums-Dimension: Verfügungsmöglichkeiten über soziale Güter
  • Wissens-Dimension: Wissen bzw. Zeugnisse
  • Rang-Dimension: Verfügungsmöglichkeiten über soziale Positionen
  • Assoziations-Dimension: Nicht-Zugehörigkeit
  • Ein immanentes Moment von Raum ist das Prinzip der Verteilung: Differenz von Eingeschlossen und Ausgeschlossen (vgl. Löw 2001: 214).

==> Die „Körper“ haben gemein, dass sie Produkte gegenwärtiger und vergangener materieller, sowie symbolischer Handlungen (also soziale Güter) sind (vgl. Löw 2001: 153-154). Dies kann auch mit der sozialen Konstruktion von Geschlecht verknüpft werden, womit ich mich hier, hier und hier beschäftigt habe.

Wie entsteht nun Raum, wenn dieser nicht einfach „für sich selbst“ existiert? (Bei Raum – das macht Löw deutlich – geht es immer auch um Menschen. Auf der ganzen Welt gibt es kaum einen Ort, der von Menschen unbenutzt ist, selbst dann sind diese von Menschen nicht komplett unabhängig, sondern in irgendeiner Weise strukturiert).

Löw definiert Raum schließlich als relationale (An)Ordnung von Körpern (also Lebewesen und sozialen Gütern), welche permanent in Bewegung sind, wodurch sich die (An)Ordnungen selbst ständig verändern (vgl. Löw 2001: 158). Der Begriff „(An)Ordnung“ in genau dieser Schreibweise ist doppeldeutig und weist zum einen auf die Ordnungsdimension von Räumen hin (Verweis auf die gesellschaftliche Struktur), zum anderen wird auf die Handlungs-Dimension (also der Prozess des „Anordnens“) aufmerksam gemacht (vgl. Löw 2001: 131). Löw betont also die Wechselwirkung zwischen Struktur und Handlung. Der Begriff „(An)Ordnung“ weist auf diese Dualität hin, da er einerseits den Prozess des Anordnens, also die Handlungsebene beinhaltet, als auch den Begriff der Ordnung, der auf die Strukturebene hinweist. Nach Löw entstehen Räume erst, wenn diese „aktiv durch Menschen verknüpft werden“ (Löw 2001: 158). Löw definiert Raum also als „relationale (An)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern“ (ebd.) . Relational deutet darauf hin, dass einerseits die einzelnen Elemente, als auch die Beziehung zwischen diesen zu betrachten sind (vgl. Löw 2001: 155f). Handeln differenziert sich im Konzept von Löw in den Prozessen „Spaceing“ und „Syntheseleistung“. Spaceing bedeutet das Platzieren von sozialen Gütern, Menschen und symbolischen Markierungen, bzw. das Platzieren in Relation zu anderen Platzierungen. Durch die Syntheseleistung  wird es hingegen möglich, über Wahrnehmungs-, Vorstellungs-, oder Erinnerungsprozesse Güter und Menschen zu Räumen zusammen zu fassen.  Weil jede Platzierung Orte hervor bringt und Orte Ziel und Resultat der Platzierung sind, können Orte als Ensemble soziale Güter in die Synthese einschreiben (vgl. Löw 2001: 158ff). Da sich Handlungen meistens wiederholen (alltägliche Handlungen können ohne langes Nachdenken ausgeführt werden), spricht Löw auch von „institutionalisierten Räume[n]“. Durch diese repetitiven Handlungen werden Räume immer wieder auf die gleiche Weise hergestellt (Löw 2001: 164). Wichtig mitzudenken ist außerdem, dass Struktur und Handeln immer von „Gesellschaft“ und „Klasse“ durchzogen sind und mit dem Körper, aber auch mit dem Habitus in Beziehung stehen (vgl. Löw 2001: 176). Weitere Strukturprinzipien (Goffman nennt diese „Statuskategorien“) sind Geschlecht, Alter, Herkunft (vgl. Goffman: 1994: 93ff). [Goffman, Erving (1994). Interaktion und Geschlecht. Campus Verlag. Frankfurt/Main. New York.] Diese hängen maßgeblich mit der Reproduktion von Normen zusammen, weil auf ihrer Grundlage permanent Kategorisierungen, Einteilungen und Zuschreibungen, Verallgemeinerungen von Menschen über andere Menschen getroffen werden. Da Statuskategorien für jede gesellschaftliche Betrachtung und Analyse von großer Bedeutung sind, können sie auch für Überlegungen bzgl. Raum nicht ignoriert werden. Die Gesellschaft ist von Strukturprinzipien durchzogen und gehen wie „räumliche, zeitliche, juristische und ökonomische Strukturen in die Körperlichkeit des Menschen [ein] und [drücken] sich somit im Habitus [aus]. Sie sind nicht nur in die Körper eingelagert, sondern strukturieren den gesellschaftlichen Umgang mit Körpern in einer Weise, daß diese als geschlechts- und klassenspezifische in die Welt treten“ (Löw 2001: 176). Daher sind Räume nicht von Machtpraktiken zu trennen (Löw veranschaulicht das in dem Kapitel „Raum und soziale Ungleichheit“, vgl. Löw 2001: 210-218; siehe auch oben „3. Bei der Analyse der Konstitution von Raum sind vier Ebenen sozialer Ungleichheit zu unterscheiden“). Nicht zuletzt maßgeblich für die Konstitution von Raum sind Atmosphäre und Wahrnehmungen, welche für alle Menschen unmittelbar, vorstrukturiert und daher nicht für alle Menschen gleich sind. In einer Forschung (aber auch unabhängig von der Betrachtung von Raum im Alltag, zB. beim Verfassen von Blogposts, oder Kommentaren in Foren) ist schließlich besonders wichtig, seine eigenen Beobachtungen zu reflektieren, somit „bleibt die Erkenntnis, dass die eigene Perspektive immer begrenzt ist und Raum in der wissenschaftlichen Erforschung selbst konstituiert wird“ (Löw 2001: 220), was eine reflexive Analyse sinnvoll erscheinen lässt. Denn wichtig ist, im Hinterkopf daran zu denken, dass „Wissenschaft […] nicht die Wirklichkeit des Raums, ab[bildet], sondern [dazu beiträgt], Raum zu konstruieren“ (vgl. ebd.).

Verdeutlichung des historischen Geworden-seins von Raum

Gabriele Sturm entwickelte ein methodologisches Raummodell, um das persönliche Erkenntnisinteresse, die Reichweite sowie das Zusammenspiel der verschiedenen Komponenten zu bestimmen, welches Löw zu Hilfe nimmt, um ihre Konzeption von Raum zu veranschaulichen (vgl. Löw 2001: 220).

Methodologisches Quadrantenmodell für Raum mit Zeitspirale

Dies ist ein Quadrantenmodell für Raum mit Zeitspirale, welche das historische Geworden-sein von Raum verdeutlichen soll. Es muss nicht jede Untersuchung im Quadranten mit der Nummerierung I. beginnen (Quelle: Sturm 1997a: 210 zit. n. Löw 2001: 221).

  • Im I. Quadranten finden sich die sozialen Güter und Menschen in ihren (An)Ordnungen (inklusive den materiellen und symbolischen Aspekte und ihren atmosphärischen Wirkungen),
  • im II. Quadrant ist die Synthese platziert (wodurch auch Vorstellungen, Wahrnehmungen und Erinnerungsprozesse miterfasst sind).
  • Der III. Quadrant umfasst das Spacing (somit auch das institutionalisierte und das abweichende Handeln, welches durch den Habitus geprägt ist).
  • Im IV. Quadrant sind die Strukturen sowie die Strukturprinzipien verortet. Die kleinen Abbildungen unter der Grafik verdeutlichen die Beziehungsmuster. „Die Zeitspirale im Uhrzeigersinn symbolisiert die veränderten, auflösenden Prozesse, gegen den Uhrzeigersinn drücken sie bewahrende, vergegenständlichende Prozesse aus“ (vgl. Löw 2001: 222).

Abschließend

„Die meisten räumlichen (An)Ordnungen sind institutionalisiert und werden entweder durch Zäune, Mauern etc. abgegrenzt, durch symbolische Zeichen markiert oder durch Erfahrungs- wissen vermittelt. Diese zu Institutionen materialisierten Arrangements verfestigen sich zu Anordnungsstrukturen der Gesellschaft. Sie strukturieren das Handeln vor. Gleichzeitig existieren sie auf Dauer nur, weil im Handeln individuell und kollektiv auf sie Bezug genommen wird“ (Löw 2007: 14). Auch Cyberspace kann als „Raum“ begriffen werden. (Da dieser Blogpost schon so lange ist, möchte ich an dieser Stelle auf das Unterkapitel „virtuelle Räume“ in Löws Habilitation (Löw 2001: 93-104) verweisen, welches komplett online abrufbar ist. Räume können nicht unabhängig von Handlungen betrachtet werden, Menschen schaffen Räume auf ganz unterschiedliche und vielschichte Arten und Weisen: Einrichtung der eigenen Wohnung, Gestaltung des Gartens, (temporäre) Aneignung gesellschaftlicher Räume durch soziale / poltische Gruppierungen, etwa Demonstrationen /Flashmobs, aber auch andere (politische) Aktionen bespielen und gestalten private und öffentliche Räume. Diese Liste ist ein kleiner Ausschnitt und ist noch um viele Beispiele erweiterbar. Raum kann nie neutral sein, da in diesem gesellschaftliche Strukturen gespiegelt werden, zugleich wird Raum durch Handlungen von Menschen (re)produziert.

Weiterführende Literatur

Von Blaumeisen und Rotkehlchen

 

Max Uthoff

„Frühling, Frühling, er ist da, spüren Sie ihn auch? Frühling überall. Sicherheitskräfte schlagen aus, Spekulationen blühen, Hans Werner Sinn schießt ins Kraut und schon reagiert man allergisch. Und in Frankfurt haben sich die diebischen Elstern von der EZB ein neues Nest gebaut.

Wütend protestieren die Rotkehlchen und zünden die Polizeiautos der Blaumeisen an und das freut so manchen gemeinen Journalisten Gimpel, denn wenn er sich über brennende Autos aufregen kann, dann muss er nicht darüber nachdenken, um wie viel schlimmer die Gewalt der EZB ist, die sie in den südlichen Ländern Menschen gegenüber ausübt.“