Kritik und andere Herangehensweise an die Begriffe „Wert“ und „Arbeit“

INHALT

  1. Eine andere Herangehensweise an den Wertbegriff
  2. Kritik des Arbeitsbegriffs
  3. Wandel der Produktion und der Lohnarbeit – Prekarisierung
  4. Literatur- und Quellenverweis

1. Eine andere Herangehensweise an den Wertbegriff

Auch in diesem Blogpost geht es wie in jenem über „Soziale Konstruktion der ‘natürlichen Welt’”. 1. Teil: ‚Raum‘ „ darum, dass im Alltag gängige (und meist unhinterfragte) Begriffe (wie etwa „Raum“, oder „Geschlecht“) nicht „natürlich“ sind, oder „einfach so“ existieren. Im Falle der in diesem Artikel thematisierten Begriffe sind sie durch einen gesellschaftlichen Diskurs entstanden und mit gesellschaftlichen Vorstellungen aufgeladen. In dem nun folgendem Artikel wird nun versucht, diese Fragen zu beantworten:

  • Was kann Wert in einer nicht-ökonomischen Betrachtungsweise bedeuten?
  • Mit welchen (begrifflichen) Problemen ist eins konfrontiert, wenn eins den Begriff „Wert“ beibehält?
  • Die grundlegende Frage ist schließlich: „Was ist Wert, wenn man sich nicht an einer kapitalistischen, marktwirtschaftlichen Logik orientiert?“

Wertvoll sind nicht nur warenförmige Produkte, sondern auch freundschaftliche Beziehungen, das Genießen von Müßiggang jenseits der Lohnarbeit, das Gespräch mit einem geliebten Menschen, aber beispielsweise auch ein Foto welches eine Szenerie abbildet, mit welcher man intensive Emotionen verbindet, oder ein Essen, auf das man sich freut usw. Also Dinge, welche sinnvollerweise nicht mit Geld quantifizierbar sind. Der Wert, der durch das Geld gemessen wird (Tauschwert am Markt) ist nicht unbedingt der Wert, der für Menschen interessant ist. Wenn ich keinen Hunger habe, ist Essen weniger wert als paar Stunden später, wenn ich Hunger habe. Wichtig ist hier, dass es sich im Alltag permanent um zeitlich intersubjektiv wechselnde Werte handelt und zwar abhängig von der Situation, in der sich ein Mensch gerade befindet und v.a.nach seinem_ihrem momentanen, persönlichen Bedürfnis. Diese Thematik hängt auch mit der Umsonstökonomie zusammen, welche im Gegenteil zu kapitalistischen Wertkonzeptionen viel mehr an den Bedürfnissen der Individuen orientiert ist, indem nicht versucht wird, für jeden Gebrauchsgegenstand einen fixen (Geld)Wert zu bestimmen. (Eine Einführung in die Umsonstökonomie findet sich auch hier, hier und hier. Gleichzeitig ist es wichtig, Kritik an der Umsonstökonomie zu üben und diese nicht als „die ultimative Lösung“ zu betrachten).

Im krassen Gegensatz zu kapitalistischem Wirtschaften handelt es sich bei der Umsonstökonomie um geldfreies Wirtschaften jenseits von profitorientiertem Denken. Bei der Frage „Was ist wertvoll?“ ist aber auch immer die Frage relevant: Was möchte ich und was brauche ich (tatsächlich)? In kapitalistisch geprägten Gesellschaften wird es befördert, Güter mit hohem Tauschwert anzuhäufen, selbst wenn diese bereits seit Jahren am Dachboden verstauben, werden sie i.d.R. nicht hergeschenkt. Bei umsonstökonomischen Ansätzen geht es hingegen um die Trennung von „Nutzung“ und „Eigentum“. In dieser Logik besitzt man jene Dinge, die man aktiv nutzt, anstatt etwas in seinem_ihren Eigentum zu horten, ohne es aktiv zu gebrauchen. So fällt etwas dann aus dem persönlichen Besitz, wenn es nur noch rumsteht, dann besitzt man es faktisch nicht mehr.

Eine andere, nämlich handlungstheoretische Definition von „Wert“ bietet Kluckhohn, er definiert „‚values‘ as ‚conceptions of the desirable‘: they were ideas that played some sort of role in influencing the choices people make between different possible courses of action (1951a: 395). By ‚desirable’ he meant that values are not simply what people want (even though desires are largely social, real people want all sorts of different things); they are ideas about what people ought to want. They are the criteria by which people decide whether specific desires are legitimate and worthwhile, or not” (Kluckhohn 1951a: 395 nach Graeber 2005: 446). Für Kluckhohn ist ein Wert also eine Empfindung von etwas Erstrebenswerten, oder auch von etwas, das man „begehren sollte“. Die Formulierung kann so gewählt werden, wenn man Wert als etwas begreift, das sozial und kulturell sozialisiert bzw. gelernt und somit konstruiert ist. Mit Rössler kann man sagen, dass „kulturelle Werte erheblichen Einfluss auf den wirtschaftlichen Prozess aus[üben]” (2012: 104), zudem können sie stabil sein und sich gleichzeitig schnell verändern und sind ferner von sozialen Faktoren abhängig (vgl. ebd.: 114).

Dies kann nun auf sämtliche gesellschaftliche Bereiche erweitert werden. (Soziale Konstruktion von Wert(vorstellung)

Kulturelle und soziale Wertvorstellungen sind nicht nur die Grundlage davon, wie Menschen wirtschaften, sondern auch wie sie miteinander (etwa Natur, Umwelt, Tieren) umgehen. Außerdem aber auch dafür verantwortlich, wie verschiedene gesellschaftliche Bereiche (zB. Bildung, Sexualität, Militär, Gewalt etc.) aufgeladen sind. Weiters bestimmen die entsprechenden Aufladungen von Werten (also jeweils abhängig davon, wie die jeweilige Wertkonzeption des jeweiligen Gebiets überhaupt definiert ist) sämtliche kollektive Vorstellungen davon, wie man mit verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen umgehen soll.

  • Hat bspw. ein Prinzip, das auf der Verwertung der Individuen sowie auf dem Verkauf ihrer Arbeitskraft beruht, einen hohen, oder geringen Wert?
  • Ist eine Gesellschaft so viel wert, wie sie bereit ist, für die (sozial) Schwächsten ein Netz auszuspannen, in dem jede_r aufgefangen werden kann? (vgl. Ringel 2001:: 66).
  • Wie geht man in einer Gesellschaft mit Menschen um, die einer bestimmten Norm nicht entsprechen können oder wollen und wie reagiert diese auf solche Abweichungen? (Beispielsweise mit Homophobie, Sexismus, Rassismus, Klassismus, Transphobie, Heteronormativität etc.).

Somit kann festgestellt werden, dass „Wert […] den Dingen nicht grundsätzlich immanent [ist], er wird ihnen durch das Urteil von Subjekten zugeordnet“ (Dabringer 2014b) und ist somit sozial konstruiert und mit kulturellen Bedeutungen aufgeladen. Jedoch kommt es nicht nur auf das Urteil an, das von den Subjekten jeweils zugeordnet wird, sondern eben auch darauf, wie gesellschaftliche Werte grundsätzlich besetzt sind und wie die verschiedenen Diskurse in einer Gesellschaft darüber beschaffen sind. „Value is the way in which an individual actor’s actions take on meaning, for the actor herself, by being incorporated into a larger social whole” (Graeber 2001: 67).

David Graeber „Toward An Anthropological Theory of Value“

David Graeber konzipiert in seinem Werk „Wert“ als Modell menschlichen Handelns – „Value as the Importance of Actions“ (vgl. Graeber 2001) und möchte somit eine Alternative zu kapitalistischen Wertkonzeptionen aufzeigen. Dieser Ausschnitt beschäftigt sich mit Graebers allgemeinen Überlegungen bezüglich Produktion und Wert und soll zu einer „theory of action“ (Graeber 2001: 58) hinführen. Graeber ist der Ansicht, dass Produktion in allen Gesellschaften

  1. zum ersten dadurch bedingt ist, Bedürfnisse der Produzierenden zu befriedigen (Nahrung und Schutz vor Umwelteinflüssen sind hier immer inkludiert, aber nicht darauf beschränkt (vgl. ebd.). (Kritik an Graeber: in kapitalistischen Gesellschaften wird nicht bedürfnisorientiert produziert).
  2. Den Mensch als soziales Wesen zu begreifen bedeutet gleichzeitig, dass dieser ein System von sozialen Beziehungen schafft (in Form von Familien, Clans, Gilden, Ministerien, etc.), in welchen sie ihre produktiven Aktionen untereinander koordinieren (vgl. ebd.).
  3. Das heißt gleichzeitig, dass „production also entails producing the producer as a specific sort of person (seamstress, harem eunuch, movie star, etc.). In cooperating with others, a person defines herself in a certain way – this can be referred to as the ,reflexive element in action” (ebd.: 59).
  4. „The process is always open-ended, producing new needs as a result of (1), (2) and (3) and thus bearing within it the potential for its own Transformation. So we start with a notion of intentional action, productive action aimed at a certain goal“ (ebd.). Diese Aktionen produzieren soziale Beziehungen (vgl. ebd.), wodurch sich die Produzierenden weiter entwickeln, was ein Anzeichen des zyklisch stattfindenden sozialen Prozesses ist. Dadurch wird gleichzeitig „soziales produziert“.

Schematisch dargestellt aber etwas verkürzt bedeutet nun die theory of action in Zusammenhang mit Wert nun folgendes. „First, value is the way actors represent the importance of their own actions to themselves as part of some larger whole” (Graeber 2005: 453). Akteur_innen bewerten die Wichtigkeit / Bedeutung ihrer eigenen Handlungen unter der Berücksichtigung der gesellschaftlichen Einbettung. Werte sind sozial und kulturell konstruiert, können daher nicht als Totalität betrachtet werden, sondern unterliegen immer dem Vergleich mit etwas anderem, das als Bezug dazu dient: „Second, this importance is always seen in comparative terms. Some forms of value are seen as unique and incommensurable; others are ranked (as in categories of kula valuables […]); for yet others, such as money in market systems, value can be calculated precisely, so that one can know precisely how many of item A are equivalent to one item B. Third, importance is always realised through some kind of material token, and generally is realised somewhere other than the place it is primarily produced” (ebd.: 451-452). Graeber bemerkt bei dem letzten Punkt gleichzeitig, dass es nicht in allen Gesellschaften von größter Wichtigkeit ist, materielles zu produzieren und bringt mit Turners Untersuchung der Kayapo in Brasilien ein Beispiel dafür. „One of Turner’s key points is that in non-capitalist societies the bulk of social labour is not so much directed at creating material objects as at shaping and reshaping human beings and the relations between them; the Kayapo see material production as a subordinate aspect of the reproduction of people“ (ebd.: 452).

Die Kritik an Graeber betrifft nun insbesondere das Faktum, dass Graeber „Wert“ anders definieren möchte, dafür aber die Begrifflichkeit beibehält, anstatt einen neuen, oder anderen Terminus dafür zu finden. Das ist eine begriffliche Problematik in erster Linie: man kann sagen, es gibt Begriffe, die haben verschiedene Bedeutungen. ZB. eine Bank: zum drauf sitzen & für Geldgeschäfte. Daher ist es falsch, wenn Graeber meint: „The study of value, then, invariably takes us beyond what we normally refer to as ‘economics’, for it leads us into moral, aesthetic and symbolic territory that is very hard to reduce to rational calculation and science” (Graeber 2005: 452-3). Denn es ist nicht möglich bei einem umfassend definierten und entwickelten Begriff zu behaupten, „das ist jetzt etwas ganz anderes“. Besser wäre es also Synonyme zu „Wert“ in einem nicht-ökonomischen Sinn zu finden, um begrifflich und analytisch damit umzugehen, um diese Begrifflichkeit weiter zu entwickeln.

2. Kritik des Arbeitsbegriffs

„Denn das Leben und die Zeit des Menschen sind nicht von Natur aus Arbeit, sie sind: Lust, Unstetigkeit, Fest, Ruhe, Bedürfnisse, Zufälle, Begierden, Gewalttätigkeiten, Räubereien etc. Und diese ganze explosive, augenblickhafte und diskontinuierliche Energie muss das Kapital in kontinuierliche und fortlaufend auf dem Markt angebotene Arbeitskraft synthetisieren, was Zwang impliziert: den des Systems der Beschlagnahme“ (Foucault 1976: 117).

Spricht man in kapitalistischen Gesellschaften von „Arbeit“, dann ist meistens direkt „Lohnarbeit“ gemeint, diese Begriffe werden also oft synonym verwendet. Die Frage, warum dem so ist, könnte damit beantwortet werden, dass Lohnarbeit eine Grundlage im Kapitalismus ist, der enorm viel Wert zugesprochen wird. „Die Entwicklung des Kapitalismus ist eng mit der Aufwertung der Arbeit als zentrales Vergesellschaftsungsprinzip verbunden“ (Riegler 2010: 122). Wer nicht arbeitet, so meint der „Volksmund“, lebt auf Kosten anderer, manche Politiker wie etwa der ehemalige Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) zitieren sogar mit einer Abwandlung aus der Bibel: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“. [Das Originalzitat lautet: „Und da wir bei euch waren, geboten wir euch solches, daß, so jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen“ (Bibel 2006: 2. Thessalonicher, 3. Kapitel, 10. Vers)]. Meines Erachtens ist dieser Begriff von Arbeit nicht nur falsch, uneindeutig, zu kurz gegriffen, zu eng, weil Arbeit mehr ist als Lohnarbeit, sondern vor allem menschenfeindlich und klassistisch. Diese Ansichten sind von der Ideologie des Neoliberalismus durchdrungen, wo „Arbeit“ zum Selbstzweck geworden ist, Individuen müssen Kriterien wie Flexibilität und Mobilität erfüllen, aber vor allem fähig sein, sich anzupassen. (Und den damit verbundenen Disziplinierungsmaßnahmen und „Sanktionen“, wenn dem nicht Folge geleistet wird).

Nicht nur um dem Obigen etwas entgegen zu wirken, sondern vor allem um einen sinnvollen Begriff von „Arbeit“ zu schaffen, ist es notwendig, diesen neu zu besetzen. Denn „Arbeit“ ist „nicht nur als die instrumentell gebundene, mehr oder weniger gut entlohnte zielgerichtete Tätigkeit zu verstehen, sondern Arbeit findet ebenso außerhalb der Lohnarbeit […] statt“ (Notz 2011: 13). Gemeint ist hier nicht nur Haus- und Sorgearbeit, sondern auch „Erziehungsarbeit, Pflegearbeit für Alte, Kranke und Behinderte, unbezahlte Konsumarbeit, Subsistenzarbeit, bürgerliches Engagement, ehrenamtliche, politische, soziale und kulturelle Arbeit, unbezahlte Arbeit in Selbsthilfegruppen und andere ‚Gratisarbeit‘“ (ebd.). Das grundlegende Problem des Arbeitsbegriffs ist, dass oftmals ausschließlich bezahlte Arbeit als „wertvoll“, „produktiv“ und sogar als einzige „sinnvolle“ Arbeit gilt, während unbezahlte Arbeit nicht nur abgewertet wird, sondern auch gesellschaftlich einen geringeren Stellenwert hat.

Johanna Riegler beschreibt die Glorifizierung der Arbeit als ein junges Phänomen. Bis ins Mittelalter habe sich eine negative Bewertung der Arbeit erhalten, in den mittelalterlichen Handwerksverbänden wurde Mehrarbeit manchmal auch unter Strafe gestellt. Damals war Arbeit ein Mittel zur Sicherung des eigenen Lebensunterhalts. Es gab nicht nur ein kirchliches Zinsverbot, sondern auch das Verbot des Gewinnstrebens (vgl. Riegler 2010: 119-120). „Der Siegeszug der Arbeit setzte erst mit der Neuzeit ein, mit dem Aufschwung der Naturwissenschaften, der Entdeckung neuer Kontinente und einer Steigerung des Fernhandels. Die Ausweitung der Städte führte zu einer verstärkten Arbeitsteilung und einem Bedeutungszuwachs für Märkte“ (ebd.). Mit dem Bürgertum schließlich „steigt eine Klasse zur Herrschaft auf, die sich über Arbeit definiert und sich durch eine um Leistung zentrierte, methodische Lebensführung von der Aristokratie abgrenzt“ (Eisenberg 1999). Arbeit ist ab diesem Zeitpunkt nicht mehr überlebensnotwendig, sondern Selbstzweck.

Ein Synonym für „Arbeit“ könnte „Tätigkeit“ sein, oder in Hannah Arendts Begriffen Arbeiten, Herstellen und Handeln (vgl. Riegler 2010: 118), welche von ihr unter dem Begriff „Tätigkeit“ zusammengefasst werden. Unter Arbeit versteht Arendt „die Versorgung unseres Körpers mit Lebensmittel. Hergestellt werden kulturelle Dinge, die von der Natur kommen, oder uns vor ihr schützen. Handeln meint das Aushandeln zwischen Menschen, weil wir soziale Wesen sind – also die Politik unter Menschen, die wiederum das Denken und die [Betrachtung] brauchen“ (Gruber 2010a: 171). In der Ethnologie werden Nahrung, Kleidung und Unterkunft als die wichtigsten (physischen) Grundbedürfnisse von Menschen benannt (vgl. Dabringer 2014a; Rössler 2003). Somit können bereits die Reproduktion des eigenen Körpers sowie der Bau eines Hauses als Schutz vor Umwelteinflüssen als „Arbeit“ aufgefasst werden. Arendt schränkt hier den Begriff der Arbeit sogar ein, denn diese „umfasst nur jene Tätigkeiten, die notwendig sind, um mit Lebensmitteln und Verbrauchsgütern versorgt zu sein, die das Weiterleben der Individuen sichern und verbessern“ (Riegler 2010: 118). Wichtig in ihrer Konzeption ist es (und das zählt zu Arendts Verdienst) „Tätigkeiten von Menschen zu benennen und zu differenzieren und nicht umstandslos alles Tun und Lassen als Arbeit oder Produktion zu bezeichnen“ (Riegler 2010: 118).

Für einen erweiterten Arbeitsbegriff ist es gleichzeitig notwendig, andere Termini, welche mit Lohnarbeit untrennbar verknüpft sind, neu zu belegen. Etwa

einen neuen Begriff von Wirtschaft […], den Aufbau gemeinschaftlicher, kollektiver Strukturen, in denen die Menschen wieder selbstverantwortlich tätig werden können, als wichtige Arbeit berücksichtigt und den Zusammenhang zwischen unbezahlter und bezahlter Arbeit herstellt sowie die Trennung zwischen ökonomischen und (scheinbar) außerökonomischen Bereichen überwindet“ (Notz 2011: 15-16).

Außerdem schließt ein solcher Arbeitsbegriff Erweiterungen bezüglich „der Erwerbs-, Gemeinwesen-, Versorgungs-, Subsistenz- und Haushaltsökonomie ein“ (ebd.) und betrachtet sie außerdem als gleichgewichtig (vgl. ebd.). Sabine Gruber nennt einige grundlegende Prinzipien für eine Zusammenarbeit: „Weltverbundenheit mit Menschen und Natur sowie ganzheitliches Denken […] Kooperation, Rücksichtnahme und Gegenseitigkeit […] gemeinschaftlich verwaltete Besitzverhältnisse […] partizipative Entscheidungsprozesse […] Naturverbundenheit und Natur als Gemeinschaftsgut auffassen“ (Gruber 2010a: 185). Diese Ansätze sind zum Teil in solidarökonomischen sowie umsonstökonomischen Ansätzen zu finden.

3. Wandel der Produktion und der Lohnarbeit – Prekarisierung

Zuletzt möchte ich ganz kurz auf neue Formen der Lohnarbeit und der Produktion eingehen. Es fanden im 20. Jahrhundert umfassende Veränderungen statt, vor allem „in the constitutive relationship of production to consumption, and hence of labor to capital. This requires, in turn, that we consider the meaning of social class under prevailing political and economic conditions, conditions that place growing stress on generation, gender, and race as indices of identity, affect, and political action” (Comaroff / Comaroff 2000: 293). Seit dem Ende der Sowjetunion gilt der Kapitalismus als „alternativlos”. „Diese ökonomische Entwicklung geht mit einer veränderten betrieblichen Organisation von Erwerbsarbeit einher. Das Unternehmensrisiko, die entsprechenden Profite zu realisieren, wird an die Beschäftigten weitergegeben“ (Gruber 2010b: 26). Ausbeutung wird intensiviert, soziale Sicherungssysteme im globalen Norden hingegen abgebaut. Schlagworte einer „veränderten betrieblichen Organisationsstrategie“ (ebd.) sind Flexibilisierung, Leistungsdruck, Selbstorganisation der abhängig Beschäftigten, flexibilisierte Arbeitsverhältnisse, staatliche (De-)Regulierungen, Einführung von Mini-Jobs (vgl. ebd.: 26-27). Somit ist ein großer „Bereich prekärer Erwerbsarbeit entstanden“ (Dörre 2005 nach Gruber 2010b: 27), dazu zählen „Leih- und Zeitarbeitende, Teilzeitbeschäftigte, befristet und / oder geringfügig Beschäftigte. Diese […] sind finanziell und sozial wenig abgesichert und gezwungen mit einer permanenten Unsicherheit zurechtzukommen“ (ebd.).

Jene Auswirkungen betreffen die Mikroebene einer neoliberalen Ideologie bezüglich der Lohnarbeitsverhältnisse der Individuen, auf der Makroebene beschäftigt sich Federici mit der Frage, wie die Weltökonomie globalisiert worden ist. „Erstens sei ein auf der Warenproduktion beruhender Akkumulationstyp abgelöst worden durch einen, in dem nun die Finanzialisierung die Oberhand habe. Zweitens sei von der auf der Fabrik beruhenden industriellen Produktion zu einem Arrangement übergegangen worden, in dem Wissenschaft, Wissen, Information und Kultur die wichtigsten Produktionsgegenstände seien“ (Federici 2012: 51). Die Begriffe „Informations- und Wissensgesellschaft“ zielen unter anderem darauf ab, dass es heute wie niemals zuvor von großer Bedeutung ist, informiert und gebildet zu sein, da man andernfalls Gefahr läuft, marginalisiert und diskriminiert zu werden, was von einem entfesselten Kapitalismus mit seiner neoliberalen Ideologie zu verantworten ist. Diese Produktionsgegenstände haben „zu einer wachsenden Entmaterialisierung der Arbeit, aber auch zu einer geringeren Nachfrage nach Arbeit geführt“ (Federici 2012: 51).

Verwendete LITERATUR und QUELLENVERWEIS

Bibel (2006). Erneut durchgesehene Ausgabe der revidierten Elberfelder Bibel unter Berücksichtigung der neuen Rechtschreibung. (Nach der Version des „CID – christliche internet dienst GmbH“). 2. Thessalonicher – Kapitel 3. Wünsche des Apostels für sich selbst und die Gemeinde. Zugriff am 17. April 2015.

Comaroff, Jean / Comaroff, John L. (2000). Millennial Capitalism: First Thoughts on a Second Coming. In: Public Culture 12.2 (2000) 291-343. Duke University Press. Zugriff am 17. April 2015.

Dabringer, Maria (2014b). Arjun Appadurai und Georg Simmel — Der Wert von Waren. Lernunterlage: Konsumption. Kultur- und Sozialanthropologie. Universität Wien. Zugriff am 19. April 2015.

Eisenberg, Götz (1999). “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen”. Zur Sub- und inneren Kolonialgeschichte der Arbeitsgesellschaft. In: krisis. Kritik der Warengesellschaft. Zugriff am 18. April 2015.

Federici, Silvia (2012). Aufstand aus der Küche. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution. Münster: edition assemblage.

Graeber, David (2005). Value: anthropological theories of value. In: Carrier, James. A Handbook of Economic Anthropolgy. Cheltenham. Northampton. S. 339-454.

Graeber, David (2001). Toward An Anthropological Theory of Value. The False Coin of Our Own Dreams.

Gruber, Sabine (2010a).Wie wir leben und arbeiten wollen. . Schritte von der Utopie zur Realität. In: Arbeiten wie noch nie!? Unterwegs zur kollektiven Handlungsfähigkeit. Argument Verlag: Hamburg. S. 167-188.

Gruber, Sabine (2010b). Arbeitsverhältnisse als Geschlechterverhältnisse. Grundannahmen zu Arbeit und Wohlstandsverteilung. In: Arbeiten wie noch nie!? Unterwegs zur kollektiven Handlungsfähigkeit. Argument Verlag: Hamburg. S. 15-36

Foucault, Michel (1976). Die Macht und die Norm. In: Ders.: Mikrophysik der Macht. Über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin. Berlin.

MEW = Marx-Engels-Werksausgabe des Diet-Verlages, Berlin/DDR, erschienen zwischen 1956 und 1990, mit Nummer des jeweiligen Bandes. Auch online verfügbar, Zugriff am 10. Mai 2015.

Notz, Gisela (2011). Theorien alternativen Wirtschaftens. Fenster in eine andere Welt. Schmetterling Verlag: Stuttgart.

Riegler, Johanna (2010). Die Faulen und die Fleißigen… Konfliktlinien der Arbeitsgesellschaft. In: Arbeiten wie noch nie!? Unterwegs zur kollektiven Handlungsfähigkeit. Argument Verlag: Hamburg. S. 115-134.

Ringel, Erwin (2001). Die österreichische Seele. Zehn Reden über Medizin, Politik, Kunst und Religion. Franz Richert Reiter (Hg.). Europa Verlag: Hamburg. Wien. 13. Auflage.

Rössler, Martin (2012/Orig. 1983). Wirtschaftsethnologie. In: Beer, Bettina / Fischer, Hans (Hg.). Ethnologie. Einführung und Überblick. Dietrich Reimer Verlag GmbH: Berlin. 6. Auflage.

3037 Wörter

Christine Nöstlinger: Bewegende Rede gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit im historischen Sitzungssaal des Parlaments (5. Mai 2015)

Christine Nöstlinger auf der Gedenkveranstaltung am 5. Mai 2015 zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen

Manuskript zu ihrer Rede im vollen Wortlaut: (auch als Video)

„Als das Konzentrationslager Mauthausen errichtet wurde, war ich fast zwei Jahre alt, als die letzten Überlebenden von der US-Armee befreit wurden, war ich acht Jahre alt. Man könnte also denken, dass in meinen Erinnerungen an diese Jahre das KZ Mauthausen kein Thema wäre. Dem ist aber nicht so.

Das Wort Mauthausen kannte ich zwar nicht, den Ausdruck KZ aber sehr wohl. Unzählige Male hörte ich ihn, wenn meine Großmutter bei der Milchfrau oder beim Greißler auf die Nazis schimpfte. Dann hieß es, warnend geflüstert, entweder ‚Redens Ihnen nicht um Ihren Kopf!‘ oder ‚Sie reden Ihnen noch ins KZ rein.‘

Und fest eingeprägt hat sich bei mir die Erinnerung daran: Mein Onkel, der ‚kleine Bruder‘ meiner Mutter, ist zu Besuch. Er steht, groß und breit, in SS-Uniform neben meiner kleinen Mutter und sagt: ‚Ella, die Juden gehen alle durch den Rauchfang!‘ Und meine kleine Mutter bekommt ihr rotes Zorngesicht und gibt ihrem großen, kleinen Bruder eine Ohrfeige. Ich glaube, das war die einzige Ohrfeige, die meine friedliebende Mutter jemandem gegeben hat.

Was ‚durch den Rauchfang gehen‘ zu bedeuten hat, war mir natürlich nicht klar, nur, dass es etwas schrecklich Böses sein musste. Und von dem Tag an war mir auch klar, dass der Herr Fischl durch den Rauchfang gegangen ist. Der Herr Fischl hatte bei uns in der Gasse eine Schusterwerkstatt gehabt, hatte Schuhe gedoppelt, neue Absätze gemacht und bei Schuhen die Kappen ‚vorgeschoben‘, damals unter armen Leuten eine billige Lösung für schnell wachsende Kinderfüße.

Im Jahr 1938, kurz nach dem ‚Anschluss‘, sah meine Mutter, von der Arbeit heimgehend, eine grausige Szene: SA-Männer hatten den Herrn Fischl aus dem Laden geholt und zwangen ihn, mit einer Zahnbürste drei weißen Pfeile, die Regimegegner aufs Pflaster gepinselt hatten, wegzuschrubben. Auf der Straße parkte ein Lkw mit grinsenden SA-Männern auf der Ladefläche. Und um den knienden Herrn Fischl rum standen Nachbarn und schauten belustigt zu. Meine Mutter ging klopfenden Herzens auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorbei. Später hörte sie, dass der Herr Fischl schließlich mit dem Lkw abtransportiert worden war.

Ein paar Tage danach übernahm ein ‚arischer‘ Schuster Werkstatt und Wohnung vom Herrn Fischl. Und vom Herrn Fischl redete niemand mehr. Außer meiner Mutter! Sie erzählte mir und meiner Schwester immer wieder, was dem Herrn Fischl angetan worden war. Sie kam nicht damit zurecht, dass sie nicht eingegriffen hatte, und rechtfertigte sich jedes Mal vor sich selbst mit der Erklärung: ‚Hätt ich euch Kinder nicht daheim gehabt, wär ich rüber und hätt die Bagage vertrieben!‘

In dem Alter, in dem ich damals war, muss man seine Mutter, noch dazu, wenn der Vater schon lange weit weg in Russland ist, für groß und stark, also für mächtig halten. Und dass sich Erwachsene manchmal selbst belügen, wusste ich noch nicht. Also war ich der Überzeugung, meine Mutter hätte den Herrn Fischl gerettet, hätte es mich nicht gegeben, und da ich auf meine Frage, wohin denn der Herr Fischl gebracht worden war, die karge Antwort ‚Na, ins KZ‘ erhielt, glaubte ich, am Tod des Herrn Fischl schuld zu sein.

Das unsinnige Schuldgefühl schwand erst, als ich merkte, dass meine Mutter weder stark noch mächtig, sondern klein und ziemlich hilflos war und gegen ‚die Bagage‘ nichts ausgerichtet hätte.

Frei von Schuld zu sein heißt aber nicht, frei von Verantwortung zu sein! Viele Menschen sind dieser Verantwortung gerecht geworden und haben als ‚Zeitzeugen‘ den nachfolgenden Generationen zu erzählen versucht, wohin Rassismus geführt hat, oder sich laut zu Wort gemeldet, wenn wieder gegen Minderheiten Stimmung gemacht wurde.

Leicht gemacht hat man ihnen das nicht immer. Vielen waren sie einfach zu unbequem. Sie störten beim Vergessen, beim Behaupten, völlig ahnungslos gewesen zu sein, beim Beklagen dessen, was man selbst im Krieg erlitten und verloren hatte, und vor allem beim selbstzufriedenen ‚Neuanfang‘.

Im Interesse dieses ‚Neuanfangs‘ waren unsere Nachkriegsregierungen auch nicht besonders emsig bemüht, Täter der NS-Zeit zu verfolgen. Es waren – nüchtern betrachtet – einfach viel zu viele, um ohne sie einen funktionierenden Staat zu machen. Woher hätte man etwa nach Kriegsende auch ausreichend ‚unbelastete‘ Lehrer und Beamte nehmen sollen?

Auch die Anstrengungen, Juden und Antifaschisten, denen die Flucht ins Ausland geglückt war, heimzuholen, waren karg. Und zu überlegen, wie man Roma und Sinti, die überlebt hatten, besser integrieren könnte, war schon gar kein Anliegen. Meine Generation und die meiner Kinder wurden also in einem Land groß, in dem Rassismus keineswegs bloß eine schlimme Erinnerung war, sondern nach wie vor Gesinnung sehr vieler, tradiert vor allem in den Familien.

Zum Positiven verändert hat sich da bis heute nicht allzu viel. Allerdings kommt nun Rassismus in einem anderen Mäntelchen daher. Begriffe wie Herrenrasse, Untermensch, Rassenschande und Endlösung wagt niemand mehr zu sagen und kaum wer zu denken. Da gibt es ein Tabu!

Heutiger Rassismus lehnt schlicht ‚alles Fremde‘ ab, sieht das eigene Volk durch ‚Überfremdung‘ in Gefahr, wittert sogar ‚Bevorzugung der Ausländer‘ und meint – alles in allem: ‚Die wollen von uns leben, die wollen uns etwas wegnehmen!‘

Wer so denkt und unter Gleichgesinnten auch so redet, schmiert noch lange keine rassistischen Parolen, wirft keine jüdischen Grabsteine um, beschimpft keine Frauen, die Kopftuch tragen, verprügelt keinen Schwarzen und zündet kein Asylantenheim an. Aber den Menschen, die es tun, geben sie die Sicherheit, auch in ihrem Interesse zu agieren. Sie sind der Nährboden, aus dem Gewalt wächst.

Und die Auswahl an Minderheiten, gegen die man – im besten Fall – ‚etwas hat‘, – im schlimmsten Fall – ‚etwas unternimmt‘, hat sich enorm gemehrt. Zu den tradierten Objekten für Ablehnung und Aggression kamen hinzu: Asylsuchende und Wirtschaftsflüchtlinge, ganz gleich, woher sie kommen, und Menschen mit Migrationshintergrund, ganz gleich, ob sie bereits österreichische Staatsbürger sind oder nicht. Und Menschen mit anderer Hautfarbe sowieso.

Allerdings schützt heute, im Gegensatz zum Rassismus der NS-Zeit, totale Assimilation vor Anfeindung. Und die große Mehrheit im Lande – fürchte ich – meint Assimilation, wenn sie „mehr Integration“ fordert. Man will sich das Fremde und Unbekannte nicht vertraut machen, sondern wünscht sich die Anpassung der Zugezogenen an die hierorts übliche Lebensweise; was aber in den seltensten Fällen passiert. Also ergeben sich Probleme beim Zusammenleben mit Menschen aus fremden Kulturen.

Darauf zu warten, dass diese Probleme mit der Zeit kleiner werden, durch zunehmende Toleranz der Alteingesessenen und zunehmende Anpassung der Zugezogenen, war sichtlich lange Zeit ein Rezept vieler unserer Politiker. Oft hat dieses Rezept tatsächlich gewirkt, aber zumindest genauso oft hat es versagt.

Was versäumt wurde, müssen wir jetzt nachholen: Kindergartenpflicht und Ganztagsschulen etwa. Dazu Kindergartenpädagoginnen, die dazu wirklich ausgebildet sind, Kinder mit einer anderen Muttersprache so gut Deutsch zu lehren, dass sie, in die Schule gekommen, annähernd die gleiche Sprachkompetenz und somit auch annähernd die gleichen Chancen auf Bildung haben. Nur so verhindert man das Entstehen von Parallelgesellschaften auf Unterschichtsniveau.

Und ebenso ist bessere Bildung das einzige brauchbare Mittel zur Aufweichung von hart verkrusteten rassistischen Vorurteilen in der hiesigen Mehrheitsbevölkerung. Denn: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Auch den größten Unsinn und die schamlosesten Verdrehungen. Wobei allerdings die Frage bleibt, warum so viele Menschen lieber den Rassisten glauben als denen, die sagen, dass friedliches Nebeneinander, wenn schon nicht Miteinander, möglich sei.

Vielleicht ist es ja so: Über den allgemein bekannten sieben Hautschichten hat der Mensch als achte Schicht eine Zivilisationshaut. Mit der kommt er nicht zur Welt. Die wächst ihm ab Geburt. Dicker oder dünner, je nachdem, wie sie gepflegt und gehegt wird. Versorgt man sie nicht gut, bleibt sie dünn und reißt schnell auf, und was aus den Rissen wuchert, könnte zu Folgen führen, von denen es dann betreten wieder einmal heißt: ‚Das hat doch niemand gewollt!‘“