Kurze Ethnologie über die Absurdität des Christbaums

Zur Abwechslung schreibe ich hier mal einen sehr kurzen Artikel über ein nicht so anstrengendes Thema, dennoch geht es um eine der unzähligen Absurditäten dieser bürgerlichen Gesellschaft.

So hat auch Weihnachten viele absurde Facetten, der Christbaum ist nur eine davon. Möglicherweise ist der Christbaum und das ganze Drumherum für viele * nicht mehr * so absurd, weil sie es gewohnt sind und schon als kleines Kind kannten. In dieser kurzen Niederschrift meiner Gedanken möchte ich versuchen, dieses Brauchtum „von außen“ zu betrachten. (Völlig von außen zu betrachten ist natürlich unmöglich, daher bleibt es bei einem Versuch).

Jpeg

Es ist so grotesk: Es beginnt mit der Züchtung von Millionen von Tannenbäumen, damit diese dann kurze Zeit im Wohnzimmer stehen. Ein paar Wochen mutiert mancher Gehsteig zum kleinen Wald (das ist noch der beste Aspekt an dieser Geschichte). Ein Baum wird ausgesucht und nachhause gebracht. (Ein fertiger Tannenbaum muss, bevor er verkauft werden kann 10 bis 14 Jahre lang wachsen) Erst dort wird der Baum dann zum Christbaum: geschmückt, ein paar Kerzen, Kugeln, Lametta, Süßigkeiten drauf. Bei der „Bescherung“ wird der Baum besungen, die Kerzen angezündet. (Manchmal auch der Baum). Nach spätestens zwei Wochen, oder vielleicht auch kürzer kommt der Christbaum von der Wohnung auf den Müll, während im hinterdumpfinger Wald weiterhin Tannenbäume für die nächsten Jahre wachsen.

Würds ja mal witzig finden, Menschen, die Weihnachten nicht kennen zu erzählen: „Es gibt mehrere hundert Millionen Menschen, die stellen sich einen Baum, der bis zu 14 Jahre wachsen muss für 1-2 Wochen in die Wohnung. Hat alles mit dem Jesusfest zu tun, es gibt sogar Leute die machen das und bezeichnen sich selbst als atheistisch.“

Ich finde Weihnachten und alles, was dazu gehört eher schrecklich. Ab Ende Oktober gibts Weihnachtszeugs zu kaufen und Straßen werden „weihnachtsbeleuchtet“. (Natürlich nicht, weils schön ausschaut, sondern ausschließlich deswegen, weil sich dadurch Menschen beim Shoppen angeblich wohler fühlen und mehr einkaufen). Dazu gesellt sich der heuchlerische Weihnachts“friede“, das Ösiland ist Spendenweltmeister_in, weil sie sich so zum Jahresende ihr Gewissen wieder rein kaufen. Gleichzeitig rückt Europa weiter nach rechts, Rassismus verbreitet sich drastisch. Und zu schlechter letzt: An jedem Samstag im Dezember werden wir darüber informiert, ob der Handel zufrieden war, dass es neue positiv / negativ Rekorde beim Konsumrauschfest gegeben hat.

Kein Gott, kein Staat, no border no nations, stop deportation!

Für mehr soziale Wärme! Gegen den heuchlerischen Weihnachtsfrieden!

Unbenannt

Rassismus und Rechtsruck in Europa – Gesetze, Übergriffe, Wahlen, Polizei

INHALT

Es weht ein kalter, menschenverachtender Wind durch Europa. Angriffe auf Flüchtlinge stehen beinahe auf der Tagesordnung, rechtsextreme Parteien erfahren großen Zulauf, EU-Mitgliedsstaaten verschärfen Gesetze bzgl. Asyl und Überwachung. Es entsteht der Eindruck, dass sich Europa einem autoritären System nähert, das möglicherweise bereits Anzeichen eines Präventionsstaats hat. Gleichzeitig sind weltweit mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, oder auf der Suche nach einem besseren Leben. So viele wie noch nie zuvor. Wir benötigen eine Willkommenskultur, Mitgefühl, Respekt (statt bloß Toleranz) vor Menschen. Die Realität sieht allerdings anders aus.

Wie weit sind wir von einem autoritären System entfernt sind, oder befinden wir uns möglicherweise auch bereits in Ansätzen in einem Präventionsstaat? In diesem Artikel geht es vier verschiedene Ebenen von Rassismus und Rechtsruck in Europa.

1. Rassismus und Rechtsruck in Europa

1.1 Refugees not welcome: Staatliche Ebene

Europäische Regierungen scheuen keine Mühen, um Flüchtlingen die Einreise nach Europa zu erschweren. Dafür haben die EU und ihre Mitgliedsländer seit dem Jahr 2000 mehr als 1,5 Milliarden Euro ausgegeben. Die geschätzten Kosten für Abschiebungen belaufen sich auf 13 Milliarden Euro (Stand: Juni 2015, selbe Quelle). Gleichzeitig werden Asylgesetze verschärft (zB. in Schweden, Dänemark, Deutschland, Österreich), Grenzzäune nicht nur in Ungarn, aber auch in Slowenien, Österreich, Bulgarien, Mazedonien gebaut, oder sind bereits fertig gestellt (Siehe dazu diese interaktive Karte). Zugleich wird Schengen aufgehoben, Grenzkontrollen werden verstärkt durchgeführt.

1.2 Refugees not welcome: Individuelle Ebene
Zu dem steigenden Rassismus auf staatlicher Ebene ist eine steigende Fremdenfeindlichkeit in der Bevölkerung zu beobachten: Übergriffe auf Flüchtlingsheime, Pegida, hetzerische Postings in allen (un)möglichen Foren im Internet und somit das immer schärfere Klima gegen Menschen, die keine „Inländer_innen“ sind. (Diese Kategorie ist so absurd – alle Menschen sind Ausländer_innen, fast überall).

Statistik und Fallbeispiele: Übergriffe auf Flüchtlinge

Es ist wichtig, das Problem beim Namen zu nennen und An- bzw. Übergriffe nicht nur zu dokumentieren, sondern im Ernstfall auch einzuschreiten. Formen von Rassismus gegenüber Flüchtlingen (ganz zu schweigen von anderen rassistischen Formen einer „white supremacy“) sind vielfältig, sie passieren beinahe täglich. Hier sind fast ausschließlich Beispiele aus Österreich und Deutschland angeführt, bei weiteren Recherchen würde man wohl in allen anderen EU-Staaten ähnliche Zahlen zu Übergriffen auf Flüchtlinge finden

An dieser Stelle auch ein positives Beispiel, das uns daran erinnert, dass nicht alle Menschen besorgte Rassist_innen sind

1.3 Rechtsextreme und nationalkonservative Wahlsieger_innen
Rechtsextreme und nationalkonservative Parteien gewinnen derzeit in Europa jede Wahl: immer mit dem gleichen, plumpen Konzept: nach unten treten, gegen Ausländer_innen hetzen. In Frankreich (Front National), Österreich (FPÖ), Ungarn (Jobbik) haben rechtsextreme Parteien zum Teil weit über 20%, aber auch Golden Dawn (Griechenland), PVV (Niederlande), MHP (Türkei) bekamen bei den letzten Wahlen zwischen 7 und 12 % der Stimmen. Noch erschreckender ist dies, wenn Autokraten in Ungarn (Fidesz 45 %), Polen (PiS 37%), Türkei (AKP 49%) hinzugezäht werden. (Andere christlich-soziale Parteien in Europa gelten ja auch nicht unbedingt als weltoffen und progressiv, ich denke da zB an die SVP, ÖVP, oder CDU/CSU; diese Parteien haben jeweils auch zw. 20-45%). Das kann jetzt relativiert werden: „Viele waren nicht wahlberechtigt, oder gingen erst gar nicht zu den Wahlen“, dennoch bleibt bei diesen Ergebnissen ein fahler Beigeschmack.

Gleichzeitig rücken auch sogenannte „Sozialdemokrat_innen“ nach Rechts. Anstatt linke Antworten auf Probleme unserer Zeit zu bemühen, passen sie sich immer mehr rechtspopulistischen und rechtsextremen Gedankengut an. Einzige „linke Lichtblicke“ in Europa sind Spanien (Podemos und Vereinigte Linke), Portugal ( Linksblock (BE), Kommunist_innen (PCE)), Griechenland (Syriza). Wobei auch bei diesen Parteien diskutiert werden kann, wie stark diese Parteien tatsächlich linke, progressive Politik machen.

Ein weiteres Beispiel, dass Europa heute mehr rechts ist, als vor 15 Jahren: im Jahr 2000 beschloss die EU Sanktionen gegen die FPÖVP Regierung, eine Argumentation war bekanntlich, dass die FPÖ zu rechts ist. Gegen rechtsnationale Regierungen wie in Ungarn, oder Polen gab es hingegen nie Sanktionen. (Am 23.12.15 wollte die polnische Regierung die Verfassung ändern; ungewöhnlich schnell reagierte die EU-Kommision darauf). Die nationalkonservative PiS in Polen möchte nun auch das Mediengesetz ändern. Selbst als Ungarn im Jahr 2010 mit dem Mediengesetz Meinungs- und Pressefreiheit einschränkte, gab es zwar ein bisschen Kritik, es wurde sogar leicht geändert, Sanktionen gab es hingegen keine.

1.4 Polizei verschweigt / verharmlost Gewalt gegen Flüchtlinge
Dass rechte Parteien breiten Zulauf genießen, äußert sich wiederum in Übergriffen auf Flüchtlinge, wie in den Statistiken oben zu sehen ist. Gleichzeitig werden Täter_innen kaum belangt, die Polizei wird immer wieder dabei erwischt, dass sie untätig ist, oder bei Übergriffen auf, bzw. Drohungen gegen Flüchtlinge wegschaut, wenn Vorfälle nicht sogar verschwiegen werden. Im krassesten Fall rufen Polizist_innen sogar dazu auf, „wie Nazis zu handeln“. Die Polizei Sachsen hingegen bezeichnete besorgte Rassist_innen in fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Heidenau im August 2015 in einer offiziellen Presseaussendung als „Personen, die sich asylkritisch äußerten.“ Das sind mMn keine Einzelfälle, es gibt viele Indizien dafür, dass viele (ja, nicht alle) Polizist_innen rechts Wählen, selbst fremdenfeindlich sind, oder sogar enge Verbindungen zwischen Polizist_innen und rechten Extremist_innen bestehen. Da kann es auch mal vorkommen, dass Polizisten mit Sticker von Rechtsextremen auf dem Schlagstock gesehen werden

Auf einer theoretischen Ebene argumentiert Mathias Wörschning, dass es eine Berufsgruppe gibt, dessen „Neigung zum Faschismus historisch-empirisch feststeht“ (vielen Dank an für diese Quelle).

P & F

Aus: Wörschning, Mathias: Ein oder zwei Dinge, die Sie über Faschismus wissen sollten. Die Elemente einer überfälligen neuen Faschismustheorie liegenlängst vor; Seite 7

Einzelne Beispiele der Verbindungen von Polizist_innen mit Rechtsextremen gibt es viele. So stellte sich zB. 2010 heraus, dass ein Mitarbeiter des Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung eine enge familiäre Beziehung zu einem Mitarbeiter der Alpen-Donau-Nazis hatte. Die Frage ist, ob obiger Textausschnitt der Realität entspricht und die Berufsgruppe der Polizei-Beamt_innen tatsächlich einen erhöhten Hang zu Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit haben. Es spricht zumindest einiges dafür, Indizien gibt es viele; unabhängige Kontrollen und wissenschaftliche Studien über rassistische Einstellungen bei Polizist_innen sind hingegen unerwünscht. „Wenn [Polizist_innen] auch nur ansatzweise wie die Normalbevölkerung denken, wäre das schon hochproblematisch für den Polizeiberuf.“

Weitere Links zum Thema:

 

Christine Nöstlinger: Bewegende Rede gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit im historischen Sitzungssaal des Parlaments (5. Mai 2015)

Christine Nöstlinger auf der Gedenkveranstaltung am 5. Mai 2015 zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen

Manuskript zu ihrer Rede im vollen Wortlaut: (auch als Video)

„Als das Konzentrationslager Mauthausen errichtet wurde, war ich fast zwei Jahre alt, als die letzten Überlebenden von der US-Armee befreit wurden, war ich acht Jahre alt. Man könnte also denken, dass in meinen Erinnerungen an diese Jahre das KZ Mauthausen kein Thema wäre. Dem ist aber nicht so.

Das Wort Mauthausen kannte ich zwar nicht, den Ausdruck KZ aber sehr wohl. Unzählige Male hörte ich ihn, wenn meine Großmutter bei der Milchfrau oder beim Greißler auf die Nazis schimpfte. Dann hieß es, warnend geflüstert, entweder ‚Redens Ihnen nicht um Ihren Kopf!‘ oder ‚Sie reden Ihnen noch ins KZ rein.‘

Und fest eingeprägt hat sich bei mir die Erinnerung daran: Mein Onkel, der ‚kleine Bruder‘ meiner Mutter, ist zu Besuch. Er steht, groß und breit, in SS-Uniform neben meiner kleinen Mutter und sagt: ‚Ella, die Juden gehen alle durch den Rauchfang!‘ Und meine kleine Mutter bekommt ihr rotes Zorngesicht und gibt ihrem großen, kleinen Bruder eine Ohrfeige. Ich glaube, das war die einzige Ohrfeige, die meine friedliebende Mutter jemandem gegeben hat.

Was ‚durch den Rauchfang gehen‘ zu bedeuten hat, war mir natürlich nicht klar, nur, dass es etwas schrecklich Böses sein musste. Und von dem Tag an war mir auch klar, dass der Herr Fischl durch den Rauchfang gegangen ist. Der Herr Fischl hatte bei uns in der Gasse eine Schusterwerkstatt gehabt, hatte Schuhe gedoppelt, neue Absätze gemacht und bei Schuhen die Kappen ‚vorgeschoben‘, damals unter armen Leuten eine billige Lösung für schnell wachsende Kinderfüße.

Im Jahr 1938, kurz nach dem ‚Anschluss‘, sah meine Mutter, von der Arbeit heimgehend, eine grausige Szene: SA-Männer hatten den Herrn Fischl aus dem Laden geholt und zwangen ihn, mit einer Zahnbürste drei weißen Pfeile, die Regimegegner aufs Pflaster gepinselt hatten, wegzuschrubben. Auf der Straße parkte ein Lkw mit grinsenden SA-Männern auf der Ladefläche. Und um den knienden Herrn Fischl rum standen Nachbarn und schauten belustigt zu. Meine Mutter ging klopfenden Herzens auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorbei. Später hörte sie, dass der Herr Fischl schließlich mit dem Lkw abtransportiert worden war.

Ein paar Tage danach übernahm ein ‚arischer‘ Schuster Werkstatt und Wohnung vom Herrn Fischl. Und vom Herrn Fischl redete niemand mehr. Außer meiner Mutter! Sie erzählte mir und meiner Schwester immer wieder, was dem Herrn Fischl angetan worden war. Sie kam nicht damit zurecht, dass sie nicht eingegriffen hatte, und rechtfertigte sich jedes Mal vor sich selbst mit der Erklärung: ‚Hätt ich euch Kinder nicht daheim gehabt, wär ich rüber und hätt die Bagage vertrieben!‘

In dem Alter, in dem ich damals war, muss man seine Mutter, noch dazu, wenn der Vater schon lange weit weg in Russland ist, für groß und stark, also für mächtig halten. Und dass sich Erwachsene manchmal selbst belügen, wusste ich noch nicht. Also war ich der Überzeugung, meine Mutter hätte den Herrn Fischl gerettet, hätte es mich nicht gegeben, und da ich auf meine Frage, wohin denn der Herr Fischl gebracht worden war, die karge Antwort ‚Na, ins KZ‘ erhielt, glaubte ich, am Tod des Herrn Fischl schuld zu sein.

Das unsinnige Schuldgefühl schwand erst, als ich merkte, dass meine Mutter weder stark noch mächtig, sondern klein und ziemlich hilflos war und gegen ‚die Bagage‘ nichts ausgerichtet hätte.

Frei von Schuld zu sein heißt aber nicht, frei von Verantwortung zu sein! Viele Menschen sind dieser Verantwortung gerecht geworden und haben als ‚Zeitzeugen‘ den nachfolgenden Generationen zu erzählen versucht, wohin Rassismus geführt hat, oder sich laut zu Wort gemeldet, wenn wieder gegen Minderheiten Stimmung gemacht wurde.

Leicht gemacht hat man ihnen das nicht immer. Vielen waren sie einfach zu unbequem. Sie störten beim Vergessen, beim Behaupten, völlig ahnungslos gewesen zu sein, beim Beklagen dessen, was man selbst im Krieg erlitten und verloren hatte, und vor allem beim selbstzufriedenen ‚Neuanfang‘.

Im Interesse dieses ‚Neuanfangs‘ waren unsere Nachkriegsregierungen auch nicht besonders emsig bemüht, Täter der NS-Zeit zu verfolgen. Es waren – nüchtern betrachtet – einfach viel zu viele, um ohne sie einen funktionierenden Staat zu machen. Woher hätte man etwa nach Kriegsende auch ausreichend ‚unbelastete‘ Lehrer und Beamte nehmen sollen?

Auch die Anstrengungen, Juden und Antifaschisten, denen die Flucht ins Ausland geglückt war, heimzuholen, waren karg. Und zu überlegen, wie man Roma und Sinti, die überlebt hatten, besser integrieren könnte, war schon gar kein Anliegen. Meine Generation und die meiner Kinder wurden also in einem Land groß, in dem Rassismus keineswegs bloß eine schlimme Erinnerung war, sondern nach wie vor Gesinnung sehr vieler, tradiert vor allem in den Familien.

Zum Positiven verändert hat sich da bis heute nicht allzu viel. Allerdings kommt nun Rassismus in einem anderen Mäntelchen daher. Begriffe wie Herrenrasse, Untermensch, Rassenschande und Endlösung wagt niemand mehr zu sagen und kaum wer zu denken. Da gibt es ein Tabu!

Heutiger Rassismus lehnt schlicht ‚alles Fremde‘ ab, sieht das eigene Volk durch ‚Überfremdung‘ in Gefahr, wittert sogar ‚Bevorzugung der Ausländer‘ und meint – alles in allem: ‚Die wollen von uns leben, die wollen uns etwas wegnehmen!‘

Wer so denkt und unter Gleichgesinnten auch so redet, schmiert noch lange keine rassistischen Parolen, wirft keine jüdischen Grabsteine um, beschimpft keine Frauen, die Kopftuch tragen, verprügelt keinen Schwarzen und zündet kein Asylantenheim an. Aber den Menschen, die es tun, geben sie die Sicherheit, auch in ihrem Interesse zu agieren. Sie sind der Nährboden, aus dem Gewalt wächst.

Und die Auswahl an Minderheiten, gegen die man – im besten Fall – ‚etwas hat‘, – im schlimmsten Fall – ‚etwas unternimmt‘, hat sich enorm gemehrt. Zu den tradierten Objekten für Ablehnung und Aggression kamen hinzu: Asylsuchende und Wirtschaftsflüchtlinge, ganz gleich, woher sie kommen, und Menschen mit Migrationshintergrund, ganz gleich, ob sie bereits österreichische Staatsbürger sind oder nicht. Und Menschen mit anderer Hautfarbe sowieso.

Allerdings schützt heute, im Gegensatz zum Rassismus der NS-Zeit, totale Assimilation vor Anfeindung. Und die große Mehrheit im Lande – fürchte ich – meint Assimilation, wenn sie „mehr Integration“ fordert. Man will sich das Fremde und Unbekannte nicht vertraut machen, sondern wünscht sich die Anpassung der Zugezogenen an die hierorts übliche Lebensweise; was aber in den seltensten Fällen passiert. Also ergeben sich Probleme beim Zusammenleben mit Menschen aus fremden Kulturen.

Darauf zu warten, dass diese Probleme mit der Zeit kleiner werden, durch zunehmende Toleranz der Alteingesessenen und zunehmende Anpassung der Zugezogenen, war sichtlich lange Zeit ein Rezept vieler unserer Politiker. Oft hat dieses Rezept tatsächlich gewirkt, aber zumindest genauso oft hat es versagt.

Was versäumt wurde, müssen wir jetzt nachholen: Kindergartenpflicht und Ganztagsschulen etwa. Dazu Kindergartenpädagoginnen, die dazu wirklich ausgebildet sind, Kinder mit einer anderen Muttersprache so gut Deutsch zu lehren, dass sie, in die Schule gekommen, annähernd die gleiche Sprachkompetenz und somit auch annähernd die gleichen Chancen auf Bildung haben. Nur so verhindert man das Entstehen von Parallelgesellschaften auf Unterschichtsniveau.

Und ebenso ist bessere Bildung das einzige brauchbare Mittel zur Aufweichung von hart verkrusteten rassistischen Vorurteilen in der hiesigen Mehrheitsbevölkerung. Denn: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Auch den größten Unsinn und die schamlosesten Verdrehungen. Wobei allerdings die Frage bleibt, warum so viele Menschen lieber den Rassisten glauben als denen, die sagen, dass friedliches Nebeneinander, wenn schon nicht Miteinander, möglich sei.

Vielleicht ist es ja so: Über den allgemein bekannten sieben Hautschichten hat der Mensch als achte Schicht eine Zivilisationshaut. Mit der kommt er nicht zur Welt. Die wächst ihm ab Geburt. Dicker oder dünner, je nachdem, wie sie gepflegt und gehegt wird. Versorgt man sie nicht gut, bleibt sie dünn und reißt schnell auf, und was aus den Rissen wuchert, könnte zu Folgen führen, von denen es dann betreten wieder einmal heißt: ‚Das hat doch niemand gewollt!‘“

 

„Wirtschaftsflüchtlinge“, Doppelmoral und unterlassene Hilfeleistung

Jeden Tag sterben im Mittelmeer Menschen, jedoch waren es in der Nacht vom 18. zum 19. April 2015 so viele, dass es von internationalen Medien nicht mehr ignoriert werden konnte. Sogenannte „Flüchtlingskatastrophen“ gibt es regelmäßig (tatsächlich geht es ja eher um „unterlassene Hilfeleistung“ von Seiten der EU). Beispielsweise sind im Oktober 2013 vor Lampedusa zwei Flüchtlingsschiffe verunglückt, mehr als 350 Menschen starben. „The Migrants Files“ dokumentiert die unzähligen Todesfälle von Geflüchteten auf ihrem Weg nach Europa. Dies ist ein Projekt „by a European consortium of journalists that aims at precisely assessing the number of men, women and children that died as a result of EU Member States migration policies.“

Bereits im März 2014 wurde die Zahl der Todesopfer des EU-Grenzregimes seit dem Jahr 2000 auf mindestens 23000 geschätzt. Hier gehts es zur Interaktiven Karte.

Quelle: proasyl beruft sich auf Daten von „The migrants Files“

Eine kurze Chronologie verschiedener Flüchtlingskatastrophen der letzten Jahre findet sich zum Beispiel auch hier.

Die EU hat bereits vor drei Tagen erste Ergebnisse eines Gipfeltreffens vorgestellt, welche eher als Farce, anstatt als echte Hilfe bezeichnet werden kann. Die Flüchtlingskatastrophe scheint bloß ein gefundener Vorwand zu sein, Asylgesetze weiter zu verschärfen.

In einem heutigen Beschluss gaben EU-Staaten bekannt, der Frontex-Organisation Triton beizutreten: mit britischen Kriegsschiffen und Hubschraubern, französischen Patrouillenbooten, einem slowenischen Marine-Patrouillenschiff, auch Faymann gab bekannt, das Vorhaben mit „mehr Experten“ zu unterstützen. Eines der Ziele von Triton ist übrigens „der Schutz und die Überwachung der Außengrenzen.“ Daher bleibt die Maxime wohl dieselbe wie vor der letzten Flüchtlingskatastrophe: „Flüchtlinge abwehren, statt retten.“ Ob die Probleme dadurch gelöst werden, ist fraglich vielleicht werden sie durch diesen 10 Punkte-Plan sogar verschärft.

 

„Viele sind ja ohnehin ’nur‘ (sic!) Wirtschaftsflüchtlinge“

In den Kommentaren und Analysen bezüglich der EU-Flüchtlingspolitik mehren sich die Stimmen, dass viele einwandernde Menschen „nur Wirtschaftsflüchtlinge“ wären. Abgesehen davon, dass diese reine Vermutung nicht mit der Wirklichkeit überein stimmt, werden mit dem Begriff „Wirtschaftsflüchtling“ Menschen zweiter Klasse geschaffen und in „nützlich und wertlos“ eingeteilt.

„In der deutschen Debatte heißt es oft, die meisten Bootsflüchtlinge im Mittelmeer kämen aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa.“ Menschen die versuchen, ihre persönliche Situation zu verbessern und unabhängig von Krieg und Verfolgung in ein anderes Land gehen, werden mit dem Wort „Wirtschaftsflüchtlinge“ diskreditiert und abgewertet. Dieses Wort hat den Zweck, Menschen zweiter Klasse zu schaffen und diese zu brandmarken. Allerdings handelt es sich bei dem Wort „Wirtschaftsflüchtlinge“ um eine weitere Episode des „Messens mit zweierlei Maß“, oder um es schärfer auszudrücken: Das ist „verlogen“.

 

Viele Menschen wechseln den Ort / ziehen in eine größere Stadt, um ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern

Das ist weder gut, noch schlecht, sondern zuerst einmal ein Faktum. Menschen ziehen von ihrem Dorf in eine Stadt, weil sie sich dort bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz versprechen, weil es dort mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Universität, oder andere Möglichkeiten zur Fortbildung gibt, eben Binnenmigration. (Trotzdem ist es ein riesiger Unterschied, ob ein junger Mensch sein Dorf und das Haus seiner Eltern zB. im Südburgenland verlässt, um in Wien zu studieren, oder ob Menschen im Sahel vor der Dürre fliehen).

 

Mediale Funktion der Verwendung des Begriffs „Wirtschaftsflüchtling“

Problematisch ist es, wie doppelmoralisch in diesem Kontext viele Politiker_innen, Journalist_innen, Medienunternehmen, agieren, wenn sie Menschen (konkreter: Asylant_innen, Migrant_innen) als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnen: IMMER wenn sie dieses Wort in den Mund nehmen oder darüber schreiben, meinen sie ausschließlich, dass Asylant_innen / Migrant_innen „kein Recht“ dazu hätten, sich in der EU anzusiedeln. Menschen lassen sich dort nieder, wo sie sich einen ökonomischen Vorteil erhoffen. Das machen alle Menschen, immer, nicht nur Flüchtlinge. Warum wird hier bei Migrant_innen aber mit zweierlei Maß gemessen?

Ein Grund dafür ist, dass Flüchtlinge in einer bürgerlichen Gesellschaft eines EU-Staats als Menschen zweiter Klasse behandelt werden (sowohl rechtlich, als auch im gesellschaftlichen Alltag), bzw. in die menschenfeindlichen Kategorien „nützliche und nicht nützliche Ausländer“ eingeteilt werden (was übersetzt so viel heißt wie „für den Kapitalismus verwertbare und nutzlose Menschen“). Ein hochoffizielles Beispiel bietet die Migrationsplattform der österreichischen Bundesregierung. „Qualifizierten Arbeitskräften aus Drittstaaten“, also jene Menschen, die auch „etwas leisten“, sind in Österreich gerne gesehen. Menschen jedoch, die „bloß“ hoffen, in Europa ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten zu verbessern und gar nicht vor Kriegen flüchten, nicht.

Die Rede vom „Wirtschaftsflüchtling“ kommt einem Euphemismus gleich. Gemeint ist damit ein Mensch, der keine Berechtigung hat, „hier“ zu leben, weil er „nur“ aus wirtschaftlichen Gründen sein Land verlassen hat. Bei dem Wort „Wirtschaftsflüchtling“ schwingt immer die Konnotation mit, dass es sich angeblich um „illegale Migrant_innen“ handelt. Kein Mensch ist illgeal, jeder sollte selbst bestimmen können, wo er_sie sich aufhalten möchte.

 

Der neoliberale Begriff der „Standortsicherung“

Die Doppelmoral rund um den Begriff des „Wirtschaftsflüchtlings“ wird noch deutlicher, wenn man das neoliberale Konzept der „Standortsicherung“ betrachtet. Im ökonomischen, neoliberalen Alltag geht es für Konzerne immer darum, billiger zu produzieren, um ungeachtet von sozialen, ökologischen, gesellschaftlichen Folgen höhere Profite zu erzielen. Dies wird oft durch den Wechsel des Standorts gewährleistet. „Standortsicherung“ hat von der Bedeutung des Begriffs viele strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Begriff „Wirtschaftsflüchtling“.

Mit einem entscheidenden Unterschied: „Standortsicherung“ wird in den verschiedenen gesellschaftlichen Diskursen als etwas Positives, Erstrebenswertes, für die Wirtschaft „sinnvoll“ betrachtet. Sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“  hingegen werden im medialen Diskurs niemals positiv konnotiert.

Das besondere am kapitalistischen System ist seine eindeutige und rechenbare Zielsetzung: die Maximierung des Gewinns in einer bestimmten Periode.

Konzerne aus Ländern des globalen Nordens (oder auch: aus OECD Ländern) wechseln permanent zu jenem Standort, der ihnen als der günstigste erscheint. So sind in den letzten Jahrzehnten ganze Industrien in Länder abgewandert, welche ökonomisch ärmer sind und vor allem, in welchen Arbeitsrechte / Gewerkschaften nicht, oder nur wenig vorhanden sind, in welchen für die Sicherheit der Arbeitenden in Fabriken nicht in der gleichen Weise gesorgt wird (etwa wie in Europa, den USA,  Australien, Südkorea, oder Japan). Es gibt viele Beispiele dafür, etwa der Tod von 100 Menschen, nach einem Feuer in einer Textilfabrik in Bangladesch im Jahr 2012. Oder der Großbrand einer Fabrik in Pakistan, der 300 Menschenleben forderte, „weil Fenster vergittert waren und Notausgänge fehlten.“

 

Conclusio

Selbst jene Artikel, die sich darauf beziehen, dass die meisten Menschen keine Wirtschaftsflüchtlinge sind, sondern politische, sind ebenso problematisch: Denn alle Menschen haben das Recht, sich dort anzusiedeln, wo sie sich wirtschaftliche Vorteile versprechen. Dass machen Menschen zB. in Europa genauso (auch wenn die Ausgangsposition für sie grundsätzlich eine andere, nämlich einfachere ist) , warum sollte das Flüchtlingen, die nach Europa kommen wollen verwehrt bleiben? Jede_r siedelt sich dort an, wo es für ihn_sie am besten ist. Das ist doch gerade auch eine kapitalistische Logik (ich finde diese kapitalistische Logik nicht gut, oder wünschenswert, möchte aber deutlich machen, dass mit dem Begriff „Wirtschaftsflüchtlinge“ Menschen zweiter Klasse geschaffen werden und es sich hier vonseiten bürgerlicher Medien um ein Bewerten mit zweierlei Maß handelt).

Zusätzlich ist zu bedenken, dass es laut Genfer Flüchtlingskonvention legal ist, in einem Land aufgenommen zu werden, wenn man verfolgt wird. Dies ist aber schon allein deswegen ein Widerspruch, weil Menschen immer illegalisiert in ein Land einreisen müssen.

Die europäische Flüchtlingspolitik geht in eine völlig falsche Richtung. Letztlich geht es „um die Bekämpfung der Flucht als solcher, zum Schluss der Flüchtlinge selbst.“ Nicht-Europäer_innen stehen in Europa nicht auf einer Ebene mit Europäer_innen und das muss problematisiert werden.

Von Blaumeisen und Rotkehlchen

 

Max Uthoff

„Frühling, Frühling, er ist da, spüren Sie ihn auch? Frühling überall. Sicherheitskräfte schlagen aus, Spekulationen blühen, Hans Werner Sinn schießt ins Kraut und schon reagiert man allergisch. Und in Frankfurt haben sich die diebischen Elstern von der EZB ein neues Nest gebaut.

Wütend protestieren die Rotkehlchen und zünden die Polizeiautos der Blaumeisen an und das freut so manchen gemeinen Journalisten Gimpel, denn wenn er sich über brennende Autos aufregen kann, dann muss er nicht darüber nachdenken, um wie viel schlimmer die Gewalt der EZB ist, die sie in den südlichen Ländern Menschen gegenüber ausübt.“

 

 

 

Gesellschaftliche Formen der Diskriminierung von Menschen. Es geht *nicht ausschließlich* um männliche Privilegien

  • „Männliche Privilegien gibt es nicht, zumindest kann ich diese nicht nachvollziehen“
  • „Ich kann diese Theorien mit meiner konkreten Erfahrung nicht in Einklang bringen“.

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Inhalt

Anmerkung zu diesem Artikel
In der deutschen Sprache wird bzgl. der Anrede und Beschreibung von bzw. dem Sprechen über Personen alles negiert, was außerhalb von „sie“ oder „er“ / „der oder „die“ liegt. Die Art des Sprechens spiegelt jedoch die Tatsache der vollkommenen Ignoranz: Es gibt offiziell nur Frauen* und Männer*, Toiletten existieren ausschließlich für jene Geschlechter. Somit schafft Sprache ebenso eine Norm, bzw. ist sie ein Abbild von Macht- und Herrschaftsprozessen: „Dagegen möchte ich einen anderen Ort von Geschlechtlichkeit setzen, einen Ort, den es zu erforschen gilt und um den wir kämpfen sollten, er sieht so aus: _“. Der * hinter den Worten Mann* / Frau* soll hingegen verdeutlichen, dass es mehr als nur zwei Geschlechter gibt.

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Nicht ein Feminismus, sondern viele verschiedene Feminismen

Ich habe (wieder mal) eine (tagelange) Diskussion mit Maskulisten, Antifeministen und anderen Männern* geführt (möglicherweise war auch die eine, oder andere Frau* dabei), die der Ansicht sind, dass männliche Privilegien „Hirngespinste“ seien und alles nur von der „Genderideologie“ (was für ein Wort) beeinflusst wäre. Eines der Grundprobleme ist ja, dass mann männliche Privilegien nicht nachvollziehen kann, wenn mann Teil einer Norm ist, an der sich alles richtet (siehe unten „Androzentrismus“ / „weitere Formen gesellschaftlicher Diskriminierung“).

Ein weiteres Grundproblem ist, dass Diskussionen rund um Feminismus meist eher oberflächlich geführt werden. Da wird vieles miteinander vermischt, auf Argumente oft nicht eingegangen, bis hin zu absurden generalisierenden Aussagen wie „Der Feminismus hat unrecht“.

(Diesbezüglich gibt es ein sehr zu empfehlendes Werk, das online verfügbar ist: „Gender – Wissenschaftlichkeit – Ideologie“; hier findet sich eine kurze Beschreibung des Inhalts).

Was ist denn Feminismus überhaupt? Grundsätzlich ist das ein Name einer politischen Bewegung, die von dem Ziel geprägt war (und noch immer ist), dass Frauen* nicht mehr aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden, es geht um die Selbstbestimmung von Frauen* und um die Aufsprengung sexistischer Strukturen: in der Gesellschaft als Ganzes sowie im Alltag der Menschen. Somit ist eines der zentralen Ziele die Selbstbestimmung nicht nur über den eigenen Körper (zB. Abtreibung), sondern auch bzgl. Sprache, „Schönheit“, Heirat, Sex und unzähliger anderen Dinge.

Wie bei allen politischen Bewegungen gibt es Strömungen, die problematisch sind, nur weil sich etwas Feminismus nennt, heißt das nicht, dass dem uneingeschränkt zugestimmt werden muss. Es gibt nicht einen Feminismus, sondern viele verschiedene Feminismen, die bunt und vielfältig sind. Für marxistische / sozialistische Feministinnen ist etwa der Zusammenhang zwischen dem kapitalistischen System und den Geschlechterverhältnissen zentral, für Ökofeministinnen sind Begriffe „Hausarbeit und Kolonialisierung“ wesentlich. Diese Strömungen wurden aber ebenso innerhalb der feministischen Theoriebildung für diverse „blinde Flecken“ kritisiert, auf welche hier jedoch nicht im Detail eingegangen werden kann. Zudem gibt es den bürgerlichen / liberalen, radikalen, kulturellen Feminismus und viele andere Strömungen. Das soll nur verdeutlichen, dass es den Feminismus nicht gibt, sondern – wie immer in dieser komplexen Welt – differenziert werden muss. So wurde etwa die „Existenz einer kollektiven Identität oder zumindest Erfahrungsgleichheit aller Frauen […] insbesondere verstärkt seit den 1980er Jahren durch Black Feminists und women of color im US amerikanischen Diskurs und durch MigrantInnen und Schwarze Feministinnen im deutschsprachigen Raum angegriffen.“

Diese Verschiedenheit von Feminismen, anstatt eines einzigen Feminismus muss differenziert werden, was in der Diskussion leider oft völlig ignoriert wird.

Androzentrismus – das Männliche wird als die Norm betrachtet

Die beiden Zitate im Titel spielen genau auf Androzentrismus und die Betrachtung des Männlichen als Norm an:

  • „Männliche Privilegien gibt es nicht, zumindest kann ich diese nicht nachvollziehen.“
  • „Ich kann diese Theorien mit meiner konkreten Erfahrung nicht in Einklang bringen.“

Charlotte Perkins Gilman definierte in ihrem Buch The Man-Made World or Our Androcentric Culture (1911) als erste den Begriff „Androzentrismus“, „welches ein Weltbild beschreibt, das männliche Lebensmuster und Denksysteme als universelle Menschennorm definiert“.
Eine Definition von „Androzentrismus“ findet sich ebenso auf wikipediaQueer Lexikon….

In meinen Artikeln über die Reflexion männlicher Privilegien bin ich an mehreren Stellen darauf eingegangen:

Auch folgender tweet bringt es auf den Punkt was es heißt, sich in dieser Norm ausruhen zu können und nicht über strukturelle Privilegien nachdenken zu müssen:

„Man lernt, solange man sich innerhalb einer weißen, gutsituierten Zweigeschlechtlichkeit bewegt, kann man gleichberechtigt an allen Formen des gesellschaftlichen Lebens teilhaben. Je nach Intensität der Abweichung nimmt auch der Grad der Akzeptanz und gesellschaftlichen Teilhabe ab“ (Voß 2004: 67).

Darüber hinaus ist es essenziell, auch Betroffene zu Wort kommen zu lassen, anstatt immer nur stur dagegen zu argumentieren, dass männliche Privilegien nicht existieren und heutzutage das Patriarchat ja gar nicht mehr existiert. Sexismus / Patriarchat aus der Alltagsperspekte einer jungen Frau*. Ein User_innenkommentar in derstandard.at:

„Ich frage mich, ob ich in einer Parallelwelt lebe oder ob mir nur noch nie aufgefallen ist, dass sich Männer nachts auf dem Heimweg zehnmal umdrehen […]. Dass sie einen Pfefferspray bei sich tragen und den Schlüssel. Dass ihnen von allen Seiten nahegelegt wird, nachts aufzupassen und eventuell mit dem Taxi zu fahren. Wird Männern etwa auch im Vorbeigehen von wildfremden Menschen nachgepfiffen? Oder auf den Hintern geklopft? Müssen sie es akzeptieren, dass sie in Clubs, in der U-Bahn, auf der Straße oder sonst wo als Freiwild gesehen werden, und lässt man sie häufig erst in Ruhe, wenn sie genervt und beunruhigt sagen, dass sie schon wem anderen gehören? Werden in Gruppen Betrunkener ständig Männerwitze gemacht und wird ihnen, wenn sie nicht lachen, vorgeworfen, dass sie humorlos und verklemmt sind? Hören Männer von Zurückgewiesenen, dass sie Schlampen seien und man ja wohl noch schauen dürfe?

 Interessant ist auch folgender Artikel bezüglich Redeverhalten und Dominanz: „Die Normalität des Männlichen“.

Weitere Formen gesellschaftlicher Diskriminierung

Die  „Ungleichheit der Geschlechter“ (bei dieser Formulierung ist immer mitzudenken, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt) ist nicht die einzige Form der Diskriminierung in der Gesellschaft. Diskriminierung von gesellschaftlichen Gruppen selbst in „demokratischen Staaten“ ist allgegenwärtig und Diskriminierungsformen überschneiden sich meist. Es gibt unterschiedliche Ausprägungen der Erniedrigung und Verachtung von Menschen, was auch mit sozialen Ungleichheiten in einer Gesellschaft verknüpft ist und auch von vielen feministischen Strömungen mitgedacht und reflektiert wird (unvollständige Aufzählung): Klassismus, Sexismus, Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus, Transphobie, Homophobie, Heterosexismus, Lookismus, fat shaming, Ageismus, Ableismus, aber auch Stereotype und Vorurteile (zB. wie sich Männer*, wie sich Frauen* verhalten sollen, alle Geschlechter leiden darunter) können gewalthaltig sein und sind meist mit diesen Formen der Diskriminierung verknüpft. Dazu kommen Formen struktureller Gewalt, welche meist direkt mit obigen Diskriminierungsformen zusammen hängen, aber in gewisser Weise „(Herrschafts-)Systeme innerhalb des Systems“ darstellen, aber gleichzeitig auch die Grundlage davon sind.

Es geht also um Vorteile, die für jene, welche sie genießen, unsichtbar und damit normal erscheinen. „Warum soll man sich auch mit Nachteilen von Menschen beschäftigen, die einen nicht betreffen?“ ist hier wohl ein häufiger Gedankengang von Menschen, die von diesen Privilegien profitieren und es leid sind dazu aufgefordert zu werden, die Privilegien mal zu reflektieren.

Das ist der Grund dafür, warum manche Männer* bei dem Thema „männliche Privilegien“ mit derailing (was ist das?) antworten,  diese relativieren, oder auch selbstsicher behaupten „es gibt doch gar keine Privilegien von Männer“. Anstatt darauf einzugehen und im Alltag mal darauf zu achten, ob sie nicht vielleicht „doch“ irgendwo Privilegien entdecken und diese auch ernsthaft reflektieren: Viele Männer* machen keine Erfahrungen mit Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts und gehen daher davon aus, dass diese auch für Frauen* nicht existieren, oder „eh nicht so schlimm“ (sic!) seien. Ist mann in dieser Position, so lassen sich alltägliche sexistische Erfahrungen von Frauen* leicht herunterspielen und relativieren. Dies ist als Weigerung (nicht „bloß“ Ignoranz) zu bezeichnen, sich nicht bewusst und selbstkritisch mit der eigenen Position in der Gesellschaft zu befassen. Tut man das nicht, kann dies als männliches Privileg benannt werden.

 Alle rechtlichen Vorschriften sind darauf zu untersuchen, ob sie Benachteiligungen oder Diskriminierungen direkt oder indirekt voraussetzen oder fördern. In diesem Sinne ist die Rechtswirklichkeit in vielen Bereichen an bestehende Lebensrealitäten anzupassen. Identitäten dürfen nicht mehr behindert werden,

  • auch eine freie Wahl von körperlichen Merkmalen muss selbstbestimmt möglich und durch Krankenkassen voll gedeckt werden.
  • Die Geschlechtsbezeichnung in Ausweisen ist zu entfernen,
  • die Abfrage des Geschlechts und des Familienstandes in amtlichen und nichtamtlichen Fragebögen zu streichen,
  • Sexarbeit als Gewerbe anzuerkennen,
  • unterschiedliche Möglichkeiten beim Zugang zu Bildung anzugleichen,
  • alle öffentlichen und nichtöffentlichen Bauten mit behindertengerechten Zugängen zu versehen,
  • eine soziale Grundsicherung einzuführen, die auch den Zugang zu Kultur ermöglicht,
  • die Trennung von christlicher Kirche und Staat vollständig zu vollziehen, »Migrantinnen« und »Hiergeborene« rechtlich nicht mehr zu unterscheiden…, um nur einige Ansatzpunkte zu nennen (vgl. Voß 2004: 74).

„Weißsein bleibt unsichtbar und wird so beständig als privilegierter Ort reproduziert. Diese strukturelle Unsichtbarkeit gilt auch im Alltäglichen für jene, welche unangezweifelt der Norm angehören – nicht jedoch für jene, welche von Sexismus, Rassismus oder Homophobie betroffen sind. Deren tägliche Erfahrungen machen die Norm meist nur allzu deutlich“ (Walgenbach 2002: 123, zit. n. Habermann 2008: 23).

Somit trifft dies auf sämtliche Formen gesellschaftlicher Diskriminierung zu:

„Privilegien“ von Frauen*

In der Debatte wurde oft erwähnt, dass nicht Männer*, sondern Frauen* privilegiert wären. Diesbzgl. möchte ich auf diesen Artikel verweisen, hier habe ich Gedanken zu „Privilegien“ von Frauen: Pension und Wehrpflicht ausgeführt.

Dazu kommt, dass auch Frauen* von männlichen Privilegien profitieren. Denn auch manche Frauen* haben Anteile an männlichen Privilegien (Stichwort „patriarchale Dividende“), allerdings meist nicht außerhalb der Geschlechterhierarchie. „Im Allgemeinen dadurch, dass sie mit reichen Männern verheiratet sind. Diese Frauen beziehen Nutzen aus dem geschlechtsspezifischen Akkumulationsprozess, d. h. sie leben von einem Strom von Profit, der teilweise durch die unterbezahlte und unbezahlte Arbeit anderer Frauen geschaffen wurde“ (ebd.: 193). Dazu kommt die mindere Wertschätzung dieser Form der Arbeit und wird dazu oftmals nicht mal als „Arbeit“ anerkannt, was mit ihrer Geringschätzung zusammen fällt.

„Somit haben auch jene einen Nutzen vom Patriarchat, die innerhalb der hierarchisch strukturierten Männlichkeit [untergeordnet] sind. Dies betrifft unter anderem nicht-weiße Männer. Gleichzeitig besteht eine solche Dividende für alle Weißen, für alle Heteros, für alle Menschen ohne Behinderungen etc.“ (Habermann 2008: 19).

Zwar haben die meisten Männer* mehr strukturelle Vorteile und gesellschaftliche Macht, als die meisten Frauen*. Gleichzeitig genießen nicht alle Männer* in der gleichen Weise Privilegien, wie auch nicht alle Frauen* gleicher Maßen diskriminiert werden. So besteht die Möglichkeit, dass manche Frauen* mehr Anteile an diesen Vorteilen haben, als manche Männer* (vgl. die Begriffe „patriarchale Dividende“ und „hegeomoniale Männlichkeit“). In den Rollenerwartungen der konstruierten Zweigeschlechtlichkeit (siehe hier und hier) stecken also unzählige Privilegien von Männern* und Diskriminierungen von Frauen* drinnen. Gleichzeitig sind auch Männer* von geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen betroffen.

Oftmals wird ja behauptet, Geschlechter seien nicht sozial konstruiert, sondern biologisch gegeben. Da würde mich ja mal interessieren, warum es dann so notwendig ist, diesen angeblichen Unterschied zw. Männern* und Frauen* (wo kommen interesexuelle Menschen in diesen naturalistischen Theorien vor? Diese werden diesbzgl. doch meistens ausgeklammert!) permanent und immer wieder festzustellen. Damit wird doch meist argumentiert, dass der Mann* über der Frau* steht und Frauen* doch am besten dafür geeignet wären, hinter dem Herd zu stehen und sich um Kinder zu sorgen. Oftmals wurde widerlegt, dass selbst das biologische Geschlecht sozial konstruiert ist.

Menschen leiden unter Geschlechterstereotypen und Rollenklischees

Angebliche „Privilegien“ von Frauen* rütteln nicht am Fundament des Patriarchats, keines dieser Pseudovorteile stellen in irgendeiner Weise das Patriarchat in Frage. Weiters ist es absurd, Rollenbilder gegeneinander auszuspielen, unter welchen alle Geschlechter leiden (v.a. jene, die nicht in die „männlich, weiblich, heterosexuell“ – Norm hineinpassen). Vielmehr geht um Zwänge / stereotype Rollenerwartungen und den damit verbundenen Einschränkungen, denen Menschen jeden Tag ausgesetzt sind.

Wie Männer* unter Geschlechterstereotypen leiden

Benachteiligungen von Männern* gründen sich vor allem auf geschlechtlichen Rollenerwartungen, denen Menschen von der Geburt an ausgesetzt sind. So wird etwa von Männern* erwartet, „männlich“ zu sein, wird diese Erwartung nicht erfüllt, folgt eine Schmähung, welche oftmals Bezeichnungen beinhalten, welche Frauen*, oder homosexuelle Menschen abwerten („du Mädchen/Weichei/Schwuchtel“ etc.).

Denn bei Benachteiligungen gegen Männer* ist immer eine Abwertung / ein lustig machen / Verspottung von weiblich angesehenen Eigenschaften enthalten. Daher gibt es keine Diskriminierung von Männern* ohne Sexismus gegen Frauen. Wenn also eine Benachteiligung von Männern ohne Sexismus gegen Frauen* nicht möglich ist, gibt es gleichzeitig keinen Sexismus gegen Männer*. Rollenklischees, unter denen Männer* wie Frauen* leiden, gegeneinander auszuspielen ist absurd. In dieser Hinsicht geht es also beim Heruntermachen von Männern* mit weiblichen Eigenschaften weniger um das schlecht machen von Männern*, als vielmehr um die Herabsetzung des Weiblichen.

Das ist problematisch und es gilt, dies zu bekämpfen. Nur weil ich als Mann* wahrgenommen werde, möchte ich dennoch emotional sein und weinen dürfen, mir die Nägel lackieren, einen Rock tragen, oder als Kind mit (Barbie-)Puppen spielen. Klar, alle Menschen sollten dies je nach Lust und Laune machen dürfen.

Bei den folgenden Beispielen, wie Männer* unter gesellschaftlichen Rollenerwartungen leiden, liegt es nicht in meinem Interesse, Frauen* dafür anzukreiden, dies sehr wohl tun zu können, oder gar zu meinen, Frauen* hätten in diesen Bereichen Vorteile. Das stimmt nicht. Nur weil Männer* (genauso wie Frauen) unter Rollenstereotypen leiden, ziehen Frauen daraus keine Vorteile. (Umgekehrt haben es Männer* gegenüber Frauen* oft leichter was dadurch begründet ist, dass das Männliche als Norm gilt, wie oben argumentiert wurde und weiter unten mit Beispielen veranschaulicht wird):
– das Lustig machen über Männer*, wenn sie weinen / Schwäche zeigen
– das Absprechen emotionaler Kompetenz
– Männer* werden dazu erzogen, physische und psychische Schmerzen zu leugnen / zu negieren
– von mir als Mann* wird erwartet, dass ich stark bin
– Erwartung, mit anderen Männern* in Wettbewerb zu treten
– Erwartung, bei einem Date den ersten Schritt zu machen
– abgewertet zu werden, wenn ich über meine Gefühle spreche (abgesehen davon, dass „unmännlich sein“ für mich keine Abwertung darstellt)
– als Kind bekommen Buben* oft zu hören, dass sie kräftig sind, dass weinen als „unmännlich“ gelte, während Mädchen* gesagt wird, sie wären schön, niedlich, süß, lieb
– Männern* ist es nicht per se möglich, Make-up zu tragen, sofern sie nicht potentiell mit Schmähungen rechnen wollen (selbst wenn das immer mehr und mehr aufgebrochen wird)
– das unermüdliche darauf hinweisen, was einen „richtigen Mann (sic!)“ ausmacht
– inklusive andere heterosexistische Erwartungshaltungen, welche im Endeffekt alle (unendlich viele) Geschlechter betrifft.

Allerdings darf hier nicht vergessen werden, dass es oft zu einer Täter- Opfer-Umkehr kommt, denn mit dem pauschalen Hinweis, dass auch Männer* unter Sexismus (sic!) und vergeschlechtlichten Erwartungshaltungen leiden (zweiteres ist ja nicht als falsch zu bezeichnen), werden tatsächliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse verschleiert, wenn die Verhältnismäßigkeit nicht berücksichtigt wird.

Sexismus gegen Männer wäre, wenn “grow a vagina” beleidigend wäre. Aber in Wirklichkeit ist es “grow some balls” und “pussy”. Und das ist nicht männer- sondern frauenfeindlich. Auf Misogynie beruhende Beleidigungen werten nicht Männer ab. Männer werden nicht für ihre Männlichkeit “diskriminiert”, sondern für zu wenig Männlichkeit.

Auch zu „Männer* und Gewalterfahrung“ habe ich hier ein paar Zeilen geschrieben.

Vorteile von Männlichkeiten / sexistische Stereotypen / Marginalisierung von Frauen* / Diskriminierungen von Frauen / Männliche Privilegien

Über Diskriminierung in der Sprache habe ich hier einen Artikel geschrieben.

Da ich diese Vorteile bzw. Diskriminierungen in einigen anderen Artikeln bereits ausführlich diskutiert habe, werde ich nun lediglich auf jene Fülle an Beispielen verlinken:

(Homosexuelle, trans- und intersexuelle Menschen sind in keinster Weise gesetzlich gleichgestellt, haben mit umfassenden gesellschaftlichen Benachteiligungen zu kämpfen, oder werden gar verfolgt und ermordet).

Trotz gesetzlicher Gleichstellung zw. Männern* und Frauen* in der EU (stimmt das wirklich??) sind nach Jahrhunderte langer gesetzlicher Schlechterstellungen, gezielter  Tötungen (Hexenverbrennungen) und Ausschließungen von Frauen* aus dem gesellschaftlichen Leben Begünstigungen von Männern* nicht einfach so abgebaut. Sie existieren weiter, zwar nicht gesetzlich festgeschrieben, sondern strukturell. Dies wurde nicht nur mit den theoretischen Überlegungen über das Männliche als Norm, sondern auch in praktischen Beispielen versucht zu veranschaulichen.  

Luca di Blasi: weiße, heterosexuelle Männer* als „Mehrfachgeschonte“

Edit 7.5.2015: Gestern bin ich auf einen interessanten Begriff von Luca di Blasi gestoßen:

„Es gibt nicht nur mehrfach benachteiligte Menschen in unserer Gesellschaft. Sondern auch Mehrfachgeschonte. In Bezug auf die Kategorien Hautfarbe, Ethnie, Geschlecht und sexueller Präferenz sind das die weißen heterosexuellen Männer.“

Diese Perspektive finde ich spannend, weil damit nicht nur Privilegien und Diskriminierungen aufgedeckt werden, sondern auch die umgekehrte Perspektive in den Blick gefasst wird: Luca di Blasi meint, dass weiße, hetereosexuelle Männer (WHM) „lange Zeit von schmerzhaften Markierungen […] verschont geblieben sind“. Sie weisen eine „Geschontheit“ auf, da sich in hegemonialen Kontexten nicht als problematisch erfahren müssen und weniger Verletzungen ausgesetzt sind.

Zudem ist es WHM sehr oft nicht bewusst, dass sie in struktureller Hinsicht nicht von Diskriminierungen betroffen sind, so dass sie in ihrem Selbstverständnis auch gerade keine Gruppe bilden (S. 18). Da die Betrachtung der partikularen sozialen Position von WHM hier ohne eine Verflechtung mit der Kategorie Klasse vollzogen wird, verdeutlicht Di Blasi, dass „die Unmarkiertheit der WHM nicht mit Privilegiertheit schlechthin gleichgesetzt werden kann“ (S. 19), sondern immer nur vor dem Hintergrund dieser sozial konstruierten Kategorisierungen. Für den Autor wird die „Unmarkiertheit und Geschontheit“ der WHM darüber hinaus auch daran offensichtlich, dass für eine „etwaige Abwertung“ ihnen gegenüber keine Begrifflichkeit zur Verfügung steht (S. 20). (Vergleiche Rezension von Gerd Schmitt zu Luca di Blasi (2013). Der weiße Mann. Ein Anti-Manifest.)

Das trifft insbesondere auf viele Maskulisten zu die nicht nur die absurde Ansicht vertreten, dass wir in einer feministischen Gesellschaft leben, sondern zudem noch behaupten, feministische Strömungen würden Frauen privilegieren und Männer benachteiligen. „Sie haben das Gefühl, dass alles, was gesellschaftlich passiert, in die falsche Richtung geht und gegen sie selbst gerichtet ist. Ihr Grundfehler ist, dass die weißen heterosexuellen Männer Privilegienabbau mit Diskriminierung gleichsetzen“.

Kurzbiographie und Publikationen von Luca di Blasi

Methoden mancher Maskulisten

Edit 20.4.2015:  Ich habe ja schon vor ca. einem Monat mit Elmar Diederichs (er hat keinen Nickname, er tritt überall mit seinem echten Namen auf) Email geschrieben. Einer interessanten Diskussion folgten von ihm Drohungen und eine offene „Kriegserklärung“. Warum, weiß ich nicht so genau, er hat aus unerfindlichen Gründen ganz besondere Aggressionen gegen Menschen, die feministisch argumentieren.

Einen neuen Höhepunkt gab es nun in einem Forum: Diederichs droht in einem öffentlichen Forum (pro) Feminist_innen ganz offen mit Gewalt. Selbstverständlich erklärt er nicht, was Feminismus mit Rassismus zu tun hat. Das hat er in dieser aggressiven Schreibweise aber nicht nötig, er behauptet es einfach mal so:

Elmar Diederichs Gewaltdrohungen

(Zum vergrößern anklicken) Elmar Diederichs: „Gegen Feministen (sic!) ist Gewalt moralisch zulässig.“

 

Elmar Diederichs muss anderen Menschen mit Gewalt drohen, um sie von seinen absurden Thesen zu „überzeugen“. Damit relativiert er sämtliche seiner Argumentationen und ist als Diskussionspartner nicht ernst zu nehmen.

Das beantwortet auch eine Frage, die „evochris“ unlängst eher naiv an mich stellte:

evochrist

Diederichs gefällt es, wenn Menschen Angst vor ihm haben. Seine Pseudoargumentationen würden sich also in nichts auflösen, würde er sich mit der konstruktiven Kritik an seine Thesen beschäftigen. Nur mit Drohungen gegen eine ganze Menschengruppe fühlt er sich stark. Mit dieser Atmosphäre soll Angst geschaffen werden in welcher es nicht mehr möglich ist, eine Diskussion auf Augenhöhe zu führen. Maskulismus ist eine Ideologie, die, wenn „notwendig“ mit Gewalt durchgesetzt werden „muss“, wie in diesen Screenshots ersichtlich wird.

Elmar Diederichs Gewaltdrohungen 3

Zuletzt noch ein Screenshot aus einem Forum eines Blogs, der ebenso zeigt, wie ideologisch so manche Männerrechtler, Antifeministen usw. vorgehen (wenn auch deutlich harmloser, als oben beschriebene Methodik):

screenshot

Zum Vergrößern Bild anklicken

Über Maskulismus und Antifeminismus wurde vor längerer Zeit schon mal an dieser Stelle etwas geschrieben. Auch Andreas Kemper beschäftigt sich mit Maskulisten und organisiertem Antifeminismus. Hinrich Rosenbrock  schrieb ebenso etwas über „Die antifeministische Männerrechtsbewegung: Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung“. Diese Expertise kann hier downgeloaded werden.

 

Zuletzt noch ein Hinweis auf eine spannende Dokumentation:

In nomine patris – Die Interessen der Väter“bewegung“

„Viele Maskulisten haben Grundaussagen des Feminismus nicht verstanden, oder noch nie gehört. Da gibt es Leute, denen es nie richtig geschmeckt hat, dass Frauen unabhängig über ihr Leben entscheiden können. Und im Endeffekt macht es sie wütend, dass sich Frauen so leicht scheiden lassen können.“

„Ihr Verständnis von Gleichberechtigung treiben die Maskulisten auf die Spitze, wenn sie behaupten, im gleichen Maße an der Geburt beteiligt zu sein. Im Namen des Vaters wird das Recht der Frau in Frage gestellt, über ihren Körper zu verfügen.“

Conclusio

Warum werden männerdominierte Strukturen meist nicht bemerkt? Weil sie als normal gelten und in zwischenmenschlichen Interaktionen bzw. im Alltag oft nur die Abweichungen dieser Norm betont werden. So kommt es dann auch zu Formulierungen wie „männliche Privilegien gibt es nicht, zumindest kann ich diese nicht nachvollziehen“. Daneben geht es bei männlichen Privilegien nicht ausschließlich um „offensichtlichen, gesetzlich festgeschriebenen Sexismus“, sondern um Dominanzverhalten, Raum einnehmen, Marginalisierung / Ausschluss von Frauen* und anderen Gruppen, die nicht innerhalb einer weißen, männlichen Norm repräsentiert sind.

Wie Sexismus und männliche Privilegien beurteilt werden hängt meist mit Deutungshoheit und einer gesellschaftlichen Definitionsmacht zusammen (wer hat diese inne?).

Ebenso ist es wichtig, Privilegien, aber auch Ängste zu hinterfragen / und darüber nachzudenken. Daher ist es notwendig, über sich selbst zu reflektieren, anstatt über andere zu urteilen. Denn auch, wenn ich meine (männlichen) Privilegien nicht sehen will, sind sie trotz dem da.

Ja klar, in anderen Ländern ist es schlimmer. Das ist aber kein Argument dafür, dass in Österreich, bzw. in der EU und darüber hinaus Menschen diskriminiert, ungleichbehandelt, ausgegrenzt, marginalisiert werden. Für ein gutes Miteinander müssen wir (nicht nur männliche) Privilegien reflektieren, auf unsere Mitmenschen schauen, Solidarität zeigen, Zivilcourage leisten… Apropos „in anderen Ländern ist es schlimmer“: zu sagen „männliche Privilegien und Patriarchat gibt es nicht mehr“ ist in diesem Kontext doch mehr als absurd, da es sich bei diesem Satz wieder um eine Generalisierung handelt, die falsch ist: es gibt Länder auf der Welt, in denen FGM praktiziert wird, Frauen* im Kindesalter verheiratet, vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, oder mit der Angabe von absurden Gründen gesteinigt werden und vieles mehr.

Drei kürzlich (März 2015) erschienene Artikel zum Thema „Antifeminismus“:

„Ein etwas anderer Ausblick“: eine kurze Geschichte

Zum Vergrößern Bild anklicken

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

Überblick und Inhaltsverzeichnis: „Ein queerfeministischer Ansatz zur Reflexion männlicher Privilegien“

From Gay Oppression to Women’s Equality

Kennst du Ronja? Ronja ist wie du.

  • Dynamisches Inhaltsverzeichnis mit Beschreibungen und Stichwörtern des Inhalts

1. Teil: Soziale Konstruktion statt biologischer Bestimmung. Historische Betrachtungen des Mannes als Norm 
Einleitung
1. Naturalisierung der Kategorien “Männer” und “Frauen“ als Grundlage männlicher Privilegien
Körper werden in jeder Kultur, in jeder Gesellschaft politisch und kulturell mit Bedeutungen aufgeladen und sind daher niemals unabhängig von Geschichte, Kultur, Epoche und Gesellschaft zu denken. Es gibt nicht zwei, sondern unzählige Geschlechter.
1.1 Sozial – historisch: Der weiße, bürgerliche Mann als Norm
Die Einteilung in Männer* und Frauen* gab es zwar auch schon vor dem 18. Jh., allerdings wurde eine angebliche Wesensverschiedenheit von Männern* und Frauen* erst mit dem aufstrebenden Bürgertum betont und institutionalisiert.

2. Teil: „Mann und Frau“ und wie sie konstruiert werden
1.2 Doing Gender, Körper, Sozialisation und Heteronormativität
Bedeutung der “Interaktion” für die soziale Konstruktion von Geschlecht. Geschlechterbezogene Erziehung, „Heteronormativität“ ist damit eng verknüpft. Nicht nur Mann* und Frau*, auch „Heterosexualität“ ist Produkt gesellschaftlicher Diskurse und von Geschichte.
1.3 Geschlechterstereotypen
Männliche und weibliche Symbole: Das, was wir erwarten, fällt uns stärker auf. Geschlechtsspezifische Rollenerwartung.
1.4 Trans- und Intersexualität: “Agnesstudien” von Garfinkel
Menschen, die ihr Geschlecht wechseln, müssen „die selbstverständlichen Methoden der Herstellung des Geschlechtes explizit lernen“ (Knoblauch 2003: 122), während dies für andere Individuen aufgrund ihrer Sozialisation als selbstverständlich erscheint.

3. Teil: Männlichkeit(en)
2. Privilegien, hegemoniale Männlichkeit und Konstruktion von Männlichkeiten
2.1 Intersektionalität, männliche und weiße Privilegien

„Privilegien sind Vorteile, die die Gesellschaft bestimmten Gruppen zuerkennt, und von denen Leute allein aufgrund ihres sozialen Status profitieren. Da sich sozialer Status aus der Positionierung in mehreren Strukturen ergibt („Rasse“, Klasse, Geschlecht, sexuelle Identität, Alter; Anm. LY) sind alle Menschen sowohl privilegiert als auch nicht, profitieren an einer Stelle von einem Privileg während sie an anderer Stelle benachteiligt sein können. Und wie sich Privileg auswirkt, hängt wiederum von der individuellen Position in der sozialen Hierarchie ab.“ (siehe Blog von @sanczny)

2.2 Hegemoniale Männlichkeit und patriarchale Dividende
Männliche und heterosexuelle Privilegien sind das Ergebnis einer Geschlechterhierarchie. Gleichzeitig haben auch manche Frauen* Anteile an der patriarchalen Dividende, allerdings meist nicht außerhalb der Geschlechterhierarchie.
2.3 Konstituierung von Männlichkeiten über den Wettbewerb und Männerbünde
Männerbünde bestehen heute in vielfältigen informellen oder latenten Formen. Es geht nicht nur um deklarierte Männerbünde, sondern um Institutionen, die faktisch wie Männerbünde wirken.

4. Teil: Zwischenfazit und Reflexion männlicher Privilegien
2.4 Zwischenfazit: Der Körper als Vermittler zwischen Struktur und Praxis
„Scharnierfunktion“ des Körpers als Vermittler „zwischen Individuum und Gesellschaft bzw. zw. Handlung und Struktur; Menschen sind von der gesellschaftlichen Struktur beeinflusst, allerdings dieser nicht bedingungslos ausgeliefert und können klarerweise im Alltag sehr wohl ihr Handeln beeinflussen: Ob sie sexistisch agieren oder nicht, ob sie ihr Handeln reflektieren, oder nicht; ob sie andere Menschen bezüglich der Wahl deren Sexualität & Geschlecht die Freiheit lassen, es selbst zu wählen usw.
3. [Hauptteil]: Männliche Privilegien / Vorteile von Männlichkeiten / sexistische Stereotypen / Marginalisierung von Frauen* / Diskriminierungen von Frauen – eine Reflexion
Reflexion findet nicht punktuell statt, sondern ist ein zyklischer Prozess, der nie aufhören sollte. Reflexion ist eine grundlegende Strategie (nicht nur) männlicher Privilegien / Sexismen in der Gesellschaft aufzudecken, sondern auch andere Diskriminierungsformen sowie Macht- und Herrschaftsprozesse.
3.1 Gesellschaftliche Geringschätzung von Haus- und Versorgungsarbeit im Gegensatz zu Lohnarbeit
Gesellschaftliche (Re)Produktion: Lohnarbeit und Sorgearbeit und deren Wertschätzung.

5. Teil: Beispiele für männliche Privilegien
3.2 Thematisierung von „ungleiche Bezahlung“ und „sexualisierte Gewalt“

6. Teil: Weitere Beispiele aus dem Alltag 
3.3 bzgl. Vorteile von Männlichkeiten / sexistische Stereotypen / Marginalisierungen und Diskriminierungen / männliche Privilegien /  von Frauen* aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen
Männerdominierte Strukturen: Straße, Disko, Lokal, Schule, in Gesprächen (Dominanz), in intimen Beziehungen, Familie, Politik, Wissenschaft, Unternehmen usw… in fast allen Lebensbereichen. Die Folge davon ist der Ausschluss von Frauen* und anderen Menschen, welche nicht in die weiße, männliche Norm hinein passen wie homosexuelle Menschen, Queers, Transpersonen etc.
3.3.1 Männliche Dominanz / das Männliche als Norm (vgl. 1.1 / 1. Teil und 1.3 / 2. Teil)
Wenn man von etwas nicht betroffen ist, ist es leicht, darüber zu urteilen. Und der Glaube daran, diese Diskriminierung gäbe es nicht, weil sie nicht auf einen selbst zutrifft.
3.3.2 Reduzierung von Frauen auf Schönsein und Sexualität / Geschlechterstereotypen / Werbung
„Den weiblichen Körper kaufen“ – Frauen* als (Sex)Objekt.

3.3.3 Marginalisierung / Ausschluss von Frauen
Männerdominierte Räume; Warum waren die größten Entdecker, Erfinder, Herrscher fast ausschließlich Männer
?

7. Teil: Noch mehr Beispiele, verschiedenes und weiterführende Links
3.3.4 Unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Tätigkeit von Männern* und Frauen*
3.3.5 Familie / Ehe / Karriere / Kinder
3.3.6 Verschiedenes
3.3.7 Weiterführende Links / Leseempfehlungen

8. Teil: Wie sollen Männer mit männlichen Privilegien umgehen? Und: „Privilegien“ von Frauenen
3.3.8 Was können Männer
tun Wie sollen sie mit männlichen Privilegien umgehen?
3.4 „Privilegien“ von Frauen: Pension und Wehrpflicht

9. Teil: Benachteiligung von Männer* durch Geschlechterstereotypen und Rollenerwartungen
3.5 Auswirkungen von Geschlechterstereotypen / gesellschaftlichen Rollenerwartungen auf Männer
Auch Männer
sind von geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen betroffen. Allerdings werden Männer* nicht für ihre Männlichkeit diskriminiert, sondern für zu wenig Männlichkeit. Benachteiligungen gegen Männer* sind meist eine Abwertung / lustig machen / Verspottung von als weiblich angesehenen Eigenschaften.
3.6 Männer* und Gewalterfahrungen

4. Abschließende Bemerkungen
Männerdominierte Strukturen werden meist nicht bemerkt, weil sie als normal gelten. Daneben geht es bei männlichen Privilegien nicht ausschließlich um „offensichtlichen, gesetzlich festgeschriebenen Sexismus“, sondern um Dominanzverhalten, Raum einnehmen, Marginalisierung / Ausschluss von Frauen* und anderen Gruppen, die nicht innerhalb einer weißen, männlichen Norm repräsentiert sind.

Sexismus und männliche Privilegien haben zu tun mit struktureller Gewalt / Benachteiligung / Diskriminierung (vgl. 1.1 / 1. Teil; 2.2 / 3. Teil; 3.2 / 5. Teil), wobei Sexismus auf Stereotypen / geschlechtlichen Rollenklischees basiert (vgl. 1.2 / 2. Teil) und häufig mit anderen Diskriminierungsformen auftritt (vgl. Intersektionalität, Kapitel 2). Wie Sexismus und männliche Privilegien beurteilt werden hängt meist mit Deutungshoheit und einer gesellschaftlichen Definitionsmacht (wer hat diese inne?) zusammen.

Trotz gesetzlicher Gleichstellung zw. Männern* und Frauen* sind nach Jahrhunderte langer gesetzlicher Schlechterstellungen, gezielter  Tötungen (Hexenverbrennungen) und Ausschließungen von Frauen* aus dem gesellschaftlichen Leben Begünstigungen von Männern* nicht einfach so abgebaut. Sie existieren weiter, zwar nicht gesetzlich festgeschrieben, sondern strukturell.

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

[9. Teil]: Nachteile von Männern* durch Geschlechterstereotype; Abschließende Bemerkungen

<– Themen im 8. Teil: Wie sollen nun Männer* mit Privilegien umgehen? Und: „Privilegien“ von Frauen*

INHALT VON TEIL 9

3.5 Auswirkungen von Geschlechterstereotypen / gesellschaftlichen Rollenerwartungen auf Männer*

Wie in diesem Artikel deutlich wurde, haben die meisten Männer* mehr strukturelle Vorteile und gesellschaftliche Macht, als die meisten Frauen*. Gleichzeitig wurde argumentiert, dass nicht alle Männer* in der gleichen Weise Privilegien genießen, wie auch nicht alle Frauen* gleicher Maßen diskriminiert werden. So besteht die Möglichkeit, dass manche Frauen* mehr Anteile an der patriarchalen Dividende (vgl. 2.2 / 3. Teil) haben, als manche Männer*. In den Rollenerwartungen der konstruierten Zweigeschlechtlichkeit stecken also unzählige Privilegien von Männern* und Diskriminierungen von Frauen* drinnen. Gleichzeitig sind auch Männer* von geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen betroffen. „[L]etztlich gibt es auch ´patriarchale (etc.) Kosten´ für als Männer (etc.) lebende Menschen“ (Habermann 2008: 19). Allerdings „wertet auf Misogynie beruhende Beleidigungen […] nicht Männer ab. Männer werden nicht für ihre Männlichkeit ‚diskriminiert‘, sondern für zu wenig Männlichkeit.“

Sämtliche Benachteiligungen von Männern* gründen sich auf geschlechtlichen Rollenerwartungen. (Während dies auch auf Frauen* zutrifft kommen hier allerdings strukturelle Benachteiligungen hinzu, siehe 3.1-3.4). So wird etwa von Männern* erwartet, „männlich“ zu sein, wird diese Erwartung nicht erfüllt, folgt eine Schmähung, welche oftmals Bezeichnungen beinhalten, welche Frauen* abwerten. Denn weiblich zu sein gilt für viele Männer* als „peinlich“ (vgl. 3.3.1 / 6. Teil: Verwendung der Begriffe „Mädchen“ / „schwul“ als Schimpfwort). Das ist problematisch und es gilt, dies zu bekämpfen. Nur weil ich als Mann* wahrgenommen werde, möchte ich dennoch emotional sein und weinen dürfen, mir die Nägel lackieren, einen Rock tragen, oder als Kind mit Barbie-Puppen spielen. Klar, alle Menschen sollten dies je nach Lust und Laune machen dürfen.

Allerdings ist bei Benachteiligungen gegen Männer* immer eine Abwertung / ein lustig machen/ Verspottung von weiblich angesehenen Eigenschaften implementiert. Daher gibt es keine Diskriminierung von Männern* ohne Sexismus gegen Frauen*. Wenn also eine Benachteiligung von Männern* ohne Sexismus gegen Frauen* nicht möglich ist, gibt es gleichzeitig keinen Sexismus gegen Männer*. Rollenklischees, unter denen Männer* wie Frauen* leiden, gegeneinander auszuspielen ist absurd. In dieser Hinsicht geht es also beim Heruntermachen von Männern* mit weiblichen Eigenschaften weniger um das schlecht machen von Männern*, als vielmehr um die Herabsetzung des Weiblichen. Denn Sexismus ist keine „umkehrbare Relation“.

Sexismus und Rassismus sind von der Art und Weise der Diskriminierung ähnlich zu fassen. Analog zu Sexismus kann also argumentiert werden, dass Rassismus „die Verknüpfung von Vorurteil mit institutioneller Macht [ist]. Entgegen der (bequemen) landläufigen Meinung ist für Rassismus eine ‚Abneigung‘ oder ‚Böswilligkeit‘ gegen Menschen oder Menschengruppen keine Voraussetzung. Rassismus ist keine persönliche oder politische ‚Einstellung‘, sondern ein institutionalisiertes System, in dem soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen für weißen Alleinherrschaftserhalt wirken“ (Noah Sow, zit. nach: Arndt/Ofuatey-Alazard 2011: 37). Somit kann auch Sexismus zum einen als „institutionalisiertes System“ bezeichnet werden, zum anderen werden mittels Sexismus männliche Vorherrschaftsansprüche gestellt. Es kann also per definitionem keinen Sexismus gegen Männer* geben, sondern erst dann, wenn die Ebenen zwischen den Geschlechtern ausgeglichen wären und Männer* keine strukturellen Begünstigungen mehr hätten. Dass Privilegien für die meisten Männer* jedoch bestehen, wurde in den Kapiteln 1 bis 3 ausführlich argumentiert.

Bei den folgenden, weiteren Beispielen, wie Männer* unter gesellschaftlichen Rollenerwartungen leiden, liegt es nicht in meinem Interesse, Frauen* dafür anzukreiden, dies sehr wohl tun zu können, oder gar zu meinen, Frauen* hätten in diesen Bereichen Vorteile. Das stimmt nicht. (Nochmal: Rollenklischees gegenseitig auszuspielen halte ich für äußerst absurd und nicht zielführend):
– das Lustig machen über Männer*, wenn sie weinen / Schwäche zeigen
– das Absprechen emotionaler Kompetenz
– Erziehung Männer* werden dazu erzogen, physische und psychische Schmerzen zu leugnen und zu negieren
. von mir als Mann* wird erwartet, dass ich stark bin; hingegen wird von mir nicht erwartet, dass ich unsicher bin
– Erwartung, mit anderen Männern* in Wettbewerb zu treten
– Erwartung, bei einem Date den ersten Schritt zu machen
– abgewertet zu werden, wenn ich über meine Gefühle spreche (abgesehen davon, dass „unmännlich sein“ für mich keine Abwertung darstellt)
– als Kind bekommen Buben* oft zu hören, dass sie kräftig sind, dass weinen als „unmännlich“ gelte, während Mädchen* gesagt wird, sie wären schön, niedlich, süß
– Männern* ist es nicht per se möglich, Make-up zu tragen
– das unermüdliche darauf hinweisen, was einen „richtigen Mann (sic!)“ ausmacht
– inklusive andere heterosexistische Erwartungshaltungen, welche im Endeffekt alle (unendlich viele) Geschlechter betrifft.

Allerdings darf hier nicht vergessen werden, dass es oft zu einer Täter- Opfer-Umkehr kommt, denn mit dem pauschalen Hinweis, dass auch Männer* unter Sexismus (sic!) und vergeschlechtlichten Erwartungshaltungen leiden (zweiteres ist ja nicht als falsch zu bezeichnen), werden tatsächliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse verschleiert, wenn die Verhältnismäßigkeit nicht berücksichtigt wird.

3.6 Männer* und Gewalterfahrungen

Zuletzt möchte ich kurz auf das Thema „wie Männer* von Gewalterfahrungen betroffen sind“ eingehen. Es stimmt, dass Männer* mehr Gewalt im öffentlichen Raum erfahren, allerdings muss im gleichen Atemzug erwähnt werden, dass diese wiederum von Männern* ausgeht. (Ansonsten würde, wie in so vielen Deraling-Versuchen suggeriert, dass die Täter Frauen* wären). Auf die Relation dieser Gewalthandlungen hinzuweisen ist hier wichtig. Denn im sozialen Nahraum geht Gewalt meistens von Männern* aus. „Sie nimmt unterschiedliche Formen an und trifft nicht nur Frauen und Kinder, sondern auch Männer, die hegemonialen Männlichkeitsbildern nicht entsprechen. Und trotzdem: Gewalt und Männlichkeit gehen kein Zwangsbündnis ein. Männer sind nicht von Natur aus zu Aggression und Gewalt verdammt. Ich möchte umgekehrt die These vertreten, daß Gewalt die (Re-)Präsentation, (Re-)Produktion und Stabilisierung von Männlichkeit erlaubt“ (Forster 2007: 13).

„Männer werden von ihren Partnerinnen nicht so oft zusammengeschlagen, aber Männer laufen Gefahr, anderweitig Opfer von Gewalt zu werden. Die meisten gewaltsamen Übergriffe, die der Polizei in Ländern mit diesbezüglich zuverlässiger Statistik gemeldet werden, werden von Männern gegen andere Männer verübt. Manche Männer werden geschlagen und manche sogar ermordet, nur weil sie für homosexuell gehalten werden; und ein Teil dieser Gewalt geht von der Polizei aus. Die meisten Strafgefangenen sind Männer. In den USA, die das umfangreichste Gefängnissystem der Welt haben, saßen Mitte 2007 1,59 Millionen Menschen im Gefängnis, von denen 92,8 Prozent Männer waren. Die meisten Toten in militärischen Gefechten sind Männer, weil Männer bei weitem die Mehrzahl in Armeen und Milizen stellen. Die meisten Arbeitsunfälle betreffen Männer, weil Männer den größten Teil der Belegschaften in gefährlichen Branchen wie Bergbau und Bauindustrie ausmachen. Das überproportionale Ausmaß, in dem Männer in Gewaltgeschehen verwickelt sind, geht teilweise darauf zurück, dass sie darauf vorbereitet wurden“ (Connell 2013: 20). Wie Männer* in der Erziehung darauf vorbereitet werden, habe ich unter „2.3 Konstituierung von Männlichkeiten über den Wettbewerb und Männerbünde“ ausgeführt.

4. Schluss

Warum werden männerdominierte Strukturen meist nicht bemerkt? Weil sie als normal gelten (vgl. Kapitel 2 / Teile 3-4) und in zwischenmenschlichen Interaktionen bzw. im Alltag oft nur die Abweichung dieser Norm betont wird. Daneben geht es bei männlichen Privilegien nicht ausschließlich um „offensichtlichen, gesetzlich festgeschriebenen Sexismus“, sondern um Dominanzverhalten, Raum einnehmen, Marginalisierung / Ausschluss von Frauen* und anderen Gruppen, die nicht innerhalb einer weißen, männlichen Norm repräsentiert sind. Sexismus und männliche Privilegien haben zu tun mit struktureller Gewalt / Benachteiligung / Diskriminierung (vgl. 1.1 / 1. Teil; 2.2 / 3. Teil; 3.2 / 5. Teil), wobei Sexismus auf Stereotypen / geschlechtlichen Rollenklischees basiert (vgl. 1.2 / 2. Teil) und häufig mit anderen Diskriminierungsformen auftritt (vgl. Intersektionalität, Kapitel 2). Wie Sexismus und männliche Privilegien beurteilt werden hängt meist mit Deutungshoheit und einer gesellschaftlichen Definitionsmacht (wer hat diese inne?) zusammen.

Gleichzeitig ist es eher als Ablenkungsstrategie zu bezeichnen, wenn gesagt wird: „Schau mal nach XY, dort ist es noch viel schlimmer, in Europa hingegen hat sich da in den letzten Jahrzehnten bzgl. Gleichstellung und Emanzipation einiges getan.“ Stimmt, in Europa ist etwa in manchen Ländern die Diskriminierung gegen Frauen* zurück gegangen (als vor etwa 100 Jahren, oder in Relation zu anderen Ländern). Jedoch ist es immer möglich, etwas „arm und reich zu vergleichen“. Fakt ist, dass Menschen aufgrund der Kriterien „Sexualität“ und „Geschlecht“ zB. in Österreich / Deutschland in keinster Weise zu 100 Prozent gleichberechtigt sind. Für Gleichberechtigung ist viel gekämpft worden, beachtet muss aber auch werden, dass es noch gar nicht so lang her ist, dass etwa Diskriminierung von Frauen* gesetzlich festgeschrieben war (vgl. Kapitel 3 / Teile 4-9). Mir ging es in diesem Artikel u.a. darum, männliche Privilegien in Mitteleuropa zu thematisieren und zu reflektieren. Wir kommen nicht weiter, wenn wir sagen „im Verhältnis zu xy ist es hier in der EU ja um vieles besser“. Menschen werden hier und heute aufgrund des ihnen zugeschriebenen Geschlechts diskriminiert, vergewaltigt, in manchen Fällen auch getötet.

Auch wenn es naiv klingt: Es ist so absurd, dass Menschen nicht einfach so sein können, wie sie gerne sein möchten. Menschen werden dafür diskriminiert, dass sie „anders als die Norm“ sind, bzw. von dieser abweichen, oder einfach nur selbstbestimmt über ihren Körper entscheiden wollen (siehe Abtreibgungsdebatte / Fristenlösung): dies betrifft insbesondere (aber nicht ausschließlich) die Zuschreibungen nach Geschlecht, Sexualität und Herkunft. Die Ursachen dafür wurden insbesondere in den Kapiteln 1 und 2 heraus gearbeitet, es geht um (geschlechtliche) Zuschreibungen, Zwänge, Macht, Struktur, Fremdbestimmung, dominantes Verhalten.

Dabei ist es wichtig, alle möglichen Formen / Identitäten zuzulassen. „In Anlehnung an verschiedene Theorierichtungen zeigen sich in queeren Ansätzen die Kategorien Sex/Gender, Hautfarbe, Kultur, Rollen, Ethnizität, Religionen, Gemeinschaften etc. nicht nur als Identitätsmix, sondern führen Konzepten der Trans-, Cross-, Nicht-Identität etc. zur Aufhebung aller eindeutigen und vermeintlich natürlichen Identitäten“ (Perko 2006: 9). Außerdem ist es erforderlich, Privilegien, aber auch Ängste zu hinterfragen / zu reflektieren. Daher ist es wichtig, über sich selbst nachzudenken, anstatt über andere zu urteilen. Denn auch, wenn ich meine männlichen Privilegien nicht sehen will, sind sie trotz¬dem existent.

Wie sollen nun aber neue Formen von Männlichkeiten ausschauen? Wo können wir anknüpfen? Zum Beispiel an diversen Arbeiten von Feministinnen der letzten Jahrzehnte; wahrscheinlich ist es nicht zielführend, neue Formen von Männlichkeit zu schaffen, als andere Formen von Menschlichkeit zu kreieren. Darüber hinaus ist es meiner Meinung nach wichtig, mit einer feministischen Perspektive „Männlichkeiten“ / „Männlichkeitskonstruktionen“ zu betrachten / analysieren und anschließend zu dekonstruieren und zu reflektieren.

Zuletzt soll nochmals darauf hingewiesen werden, dass ich versuchte, kein einseitiges Bild von „Mann* = Täter; Frau* = Opfer“ zu zeichnen. Abgesehen davon, dass es viele, mehr als nur zwei Geschlechter gibt, bestehen selbstverständlich auch zahlreiche Unterschiede jeweils innerhalb der Gruppe der Männer* bzw. Frauen*. Mit den Begriffen „patriarchale Dividende“ und „hegemoniale Männlichkeit“ (vgl. 2.2) wurde dargelegt, dass es einerseits viele Formen von Männlichkeiten gibt, andererseits nicht alle Männer* per se privilegiert sind sowie nicht alle Frauen* per se diskriminiert werden. Allerdings war es in diesem Artikel wichtig, von „Männern* und Frauen*“ als analytische Begriffe zu sprechen, um über gegenwärtige Relationen von Macht- und Herrschaft zu schreiben. Erst wenn alle Geschlechter gleichberechtigt sind ist es möglich, diese Begriffe wegzulassen.

Denn Werte sind gesellschaftlich aufgeladen, gesellschaftliche Gruppierungen wie Männer*, Frauen*, Homosexualität haben ein Image aufgrund der Wertevorstellungen in einer Gesellschaft (vgl. 1.3 „Geschlechterstereotypen“ / 2. Teil). Damit werden Bilder und Metaphern geschaffen und in dieser Weise wird eindimensional „erklärt“, welche Eigenschaften Männer* und Frauen* haben und dass es angeblich nur zwei Geschlechter gäbe. Gleichzeitig sollen diese Konstruktionen männliche Dominanz garantieren und schreiben damit Diskriminierungen gegen Menschen, die von diesem weißen, männlichen Ideal abweichen fest.

Welche Anforderungen an Menschen gestellt werden, ist nicht nur durch Sozialisation erlernt, sondern wird täglich insbesondere durch Massenmedien reproduziert, etwa: Heterosexualität und die bürgerliche Familie gelten als erstrebenswert, Homosexualität sei wider der Natur (sic!), arme Menschen seien bloß faul und zu wenig fleißig (sic!) usw. In unserer Gesellschaft gibt es unzählige solcher Gleichungen. Diese Definitionen werden meist von gesellschaftlichen Eliten erzählt und / oder von Gruppierungen, welche die Diskurshoheit innehaben. Dies entspricht aber keineswegs der Realität, denn gesellschaftliche Werte, Metaphern und Geschichten sind sozial und kulturell gelernt und können daher niemals „natürlich“ sein.

Ich bin daher der Ansicht, dass kulturelle und soziale Wertvorstellungen Grundlagen davon sind, wie Menschen miteinander (aber auch mit Natur, Umwelt, Tieren etc.) umgehen, aber auch dafür verantwortlich sind, wie verschiedene gesellschaftliche Bereiche – etwa Sexualität, Gewalt, Dominanz, Marginalisierung etc. – aufgeladen sind und verhandelt werden. Zudem bestimmen die entsprechenden Aufladungen von Werten (also jeweils abhängig davon, wie die jeweilige Wertkonzeption des jeweiligen Gebiets überhaupt definiert ist), sämtliche kollektive Vorstellungen, wie mit verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen umgegangen werden soll. Gleichzeitig bedeutet das, dass die Charakterisierungen dieser Gruppen sozial konstruiert und mit kulturellen Bedeutungen aufgeladen sind. Dabei spielt es eben auch eine wichtige Rolle, wie gesellschaftliche Werte grundsätzlich besetzt und dass diese in ein größeres soziales / gesellschaftliches Ganze eingebettet sind.

Wichtig ist meines Erachtens daher, Macht- und Herrschaftsstrukturen wie u.a. weiße und männliche Privilegien zu reflektieren. Reflexion kann zu einer Wende beitragen, wenn die Selbstbeobachtung verbunden ist mit einer Selbstkritik und dem Verlernen / dem Abgewöhnen von Verhaltensmustern, welches Menschen einschränkt.

Trotz der Verinnerlichung der sozialen Ordnung gibt es Menschen, die widerständige (queere) Körperroutinen / Körperpraktiken leben, also auf die gesellschaftliche Struktur zurück wirken, indem sie aktiv Handlungen setzen. Somit sind Menschen gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen nicht hilflos ausgeliefert, vielmehr haben sie sehr wohl Handlungsspielräume.

(Ich denke, dass in diesem Artikel weiße Privilegien zwar angesprochen wurden, aber zu kurz gekommen sind. Dies ergibt sich aus dem gesetzten Fokus von diesem Artikel, ist aber ein mögliches Thema für einen weiteren Blogpost, welcher sich mit der Reflexion von weißen Privilegien auseinander setzt.)

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

[8. Teil]: Was können Männer* tun; „Priv“ von Frauen*

<– Themen im 7. Teil: div. Bspe: Unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Tätigkeit von Männern* und Frauen*; Familie / Ehe / Karriere / Kinder; Verschiedenes; Weiterführende Links / Leseempfehlungen

INHALT VON TEIL 8

3.3.8 Was können Männer* tun? Wie sollen sie mit männlichen Privilegien umgehen?

Verschiedene Formen von Männlichkeit sind also in dominanter Art und Weise allgegenwärtig, während Frauen* in vielen Bereichen der Gesellschaft marginalisiert werden, wie in den Beispielen im 3. Kapitel veranschaulicht. Es ist zwar auch möglich, dass einige Frauen* von der patriarchalen Dividende (vgl. 2.2 / 3. Teil) profitieren, allerdings in einer ganz anderen Relation. Dabei gründen sich fast alle dieser Privilegien / Diskriminierungen auf der Naturalisierung und Konstruktion von vermeintlich zwei Geschlechtern, welche angeblich heterosexuelle Liebesbeziehungen miteinander eingehen. Diese strikte Trennung in nur zwei Geschlechter sowie Beschränkung auf Heterosexualität schränkt Menschen ein, eine solche Kategorisierung diskriminiert jene, die nicht in eine solche Zweiteilung aller Menschen hineinpassen können oder wollen. Gleichzeitig ist zu beachten, dass Überschneidungen mit anderen marginalisierten Gruppen bestehen. (Stichwort „Intersektionalität“, vgl. u.a. 2.1; 2.2 / beide: 3. Teil).

Wie können nun Männer* mit den Privilegien, von denen sie tagtäglich profitieren nun umgehen?
(Zur Erinnerung: männliche Privilegien haben mit struktureller / institutionalisierter Gewalt zu tun, was nicht als “kulturell-böswillige Erfindung” zu bewerten, sondern sozial, kulturell, historisch entstanden / gewachsen ist; vgl. Meuser/Scholz 2005: 224).
– Klassische Geschlechterrollenklischees reflektieren: Zunächst ist es eine wichtige Voraussetzung zu erkennen, dass Mann* und Frau* keine natürlichen Kategorien sind.
– Reflektiere in Gruppen Verhaltensmuster von Männern*.
– Reflektiere deine eigenen Verhaltensweisen inklusive der Auswirkungen dieser Verhaltensweisen auf Menschen in einer sozialen Situation.
– Verzichte auf alle Formen der (sexualisierten) Gewalt und der Kontrolle über Menschen.
– Beobachte dich selbst: verhältst du dich dominant? Andere darauf hinweisen, dass sie sich evt. dominant verhalten.
– Männlichkeiten einfach abzuschaffen ergibt keinen Sinn, es ist ja in den Köpfen verwurzelt. Was schwer abzustellen ist, sind männliche Verhaltensweisen. Das ist das, was mann als männliches Privileg unbewusst kennen gelernt hat: Daher sollte eher auf klassische männliche Symboliken verzichtet werden, oder diese zumindest reflektieren (Schusswaffen als „ästhetisches Symbol“, Autos als Statussymbol, Mimik, Gestik, breitbeinig sitzen (zB. in Öffis, auch Frauen* ernst nehmen). Klarerweise hilft es nicht, die Symbolik zu ändern, wenn die Verhaltensweise dieselbe bleibt.
– Strategien: Pluralität! Viele Formen! Aber nicht die eine bessere Form von Männlichkeit.
– Daher ist es notwendig, vielfältige Identitäten denkmöglich und schließlich lebbar zu machen sowie „Sexualität ihrer vermeintlichen Natürlichkeit zu berauben und sie als ganz und gar von Machtverhältnissen durchsetztes, kulturelles Produkt sichtbar zu machen“ (Jagose 2001: 11). Wichtig ist es außerdem, den Stellenwert von Sexualität in (Liebes)Beziehungen zu reflektieren (Oftmals wird allein Penetration als „Sex“ definiert. Damit wird Sex als heterosexuelle, männliche Norm gesetzt, welche abzulehnen ist und kritisiert werden muss).

  • Haben wir gewaltfreie liebevolle (Liebes-)Beziehungen und Umgangsformen?
  • Welche Rolle spielen Liebe und Beziehungen, gehen wir in der Sexualität achtsam miteinander um?
  • Ist unsere Utopie und Praxis offen für vielfältigste Lebensentwürfe (kulturell, sexuell, religiös, spirituell, körperlich)?

Mit „queer“ sollen Identitäten verhandelt und politisiert werden und eine Auseinandersetzung mit Identitäten und den Grenzen von „Identitäts- und Reformpolitik“ stattfinden (vgl. Holzleithner 2001; Jagose 2001: 167).
– „Eine queere Forderung lautet deshalb, dass es nicht darum gehen kann, Politik auf einer Identität aufzubauen, die das Ergebnis von Herrschaft ist. Vielmehr ginge es darum, diejenigen gesellschaftlichen Praktiken und Kontexte, die diese Zuschreibung von ‚Identität‘ begünstigen, aufzuzeigen und anzugreifen“ (Jagose 2001: 167-168). Weiters ist es wichtig festzuhalten, dass queer an keine „bestimmte Identitätskategorie gebunden ist“ (Jagose 2001: 14). Der Begriff stellt auch keine neue Identität dar, sondern möchte vielmehr Kritik an Identitäten üben, um aufzudecken, wie Begriffe konstruiert sind (vgl. Villa 2007: 178).

Weitere Fragen, welche für die Reflexion von Privilegien hilfreich sein können
• Wer macht die reproduktive Arbeit (Raum fegen, Abwasch, Essen vorbereiten, emotionale Beziehungsarbeit, Kindererziehung)?
• Wie ist unser Redeverhalten?
• Wie ist zahlenmäßig das Verhältnis Frauen* – Männer* in Gruppen?
• Warum nehmen Frauen* weniger am öffentlichen Leben teil?
• Wie sind die ökonomischen Verhältnisse, wie gleichen wir diese aus?
• Wer organisiert / plant Kinderbetreuung, wer führt diese schließlich durch?
• Ist unsere Utopie und Praxis offen für vielfältigste Lebensentwürfe (kulturell, sexuell, religiös, spirituell, körperlich)?

3.4 „Privilegien“ von Frauen*

Pension und Wehrpflicht
Oftmals werden als „offensichtliche Privilegien von Frauen“ angeführt, dass diese einerseits die Wehrpflicht im Gegensatz zu Männern nicht leisten müssen und früher in Pension gehen können. Nun sind aber Gewalt-Institutionen des Staates wie Militär und Polizei männlich und männerbündisch organisiert und daher gesellschaftlich wichtige Institutionen, in welchen sich Männlichkeiten begründen (vgl. 2.3 / 3. Teil). Vom Militärdienst waren Frauen* beispielsweise in Deutschland, als auch in Österreich bis 1.1.2001 ausgeschlossen, für die Öffnung aller Laufbahnen der Bundeswehr war etwa eine Verfassungsänderung nach einem Urteil des EuGH erforderlich. (Was bedeutet, dass Frauen* wie in so vielen gesellschaftlichen Bereichen per Gesetz ausgeschlossen waren). Die Formulierung „Frauen* müssen nicht Militärdienst leiten“ ist also irreführend, näher an der Realität ist der Satz „Frauen* durften nicht Militärdienst leisten.“ Daraus folgt: „Hegemoniale Männlichkeit wird in den sozialen Feldern konstituiert, in denen, historisch variabel und von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich, die zentralen Machtkämpfe ausgetragen und gesellschaftliche Einflußzonen festgelegt werden. Das war im imperialen Nationalstaat des 19. Jahrhunderts das Militär, und das sind in den gegenwärtigen globalisierten neoliberalen Gesellschaften des Informationszeitalters vermutlich das technokratische Milieu des Top-Managements und die Massenmedien“ (Meuser/Scholz 2005: 217). Männerbünde sind keine Orte der Gleichheit. Militär und Bürokratie sind Beispiele dafür. Der männliche, soldatische, heroische Mann ist das politische Ideal. Alle anderen werden als „Weiber“ abgewertet (Weber 1972: 616). Militär als Männerinstitution pflegt das Geheimnis, wodurch der Mann* zum Mann* wird (Erdheim 1982: 336). Die Struktur des Militärs reproduziert sich über Initiationsriten, wodurch die ungleiche Ordnung hingenommen wird. Kasernensozialismus macht Rekruten zunächst zu „Frauen“ im sozialen Sinne. (müssen Tätigkeiten übernehmen, die in der Gesellschaft von Frauen erledigt werden).

Das Militär als Institution ist problematisch und müsste als Ganzes abgeschafft werden. Es ist keinem Mann* geholfen, wenn nun auch Frauen* den Militärdienst leisten müssten. Dazu kommt, dass es in der EU nur mehr in 6 Staaten die Wehrpflicht gibt. Außerhalb der EU (zB. in Norwegen und in Israel) gibt es die Wehrpflicht auch für Frauen*.

Ebenso ist es kein Privileg von Frauen*, dass sie früher in Pension gehen dürfen, als Männer*. Dabei muss die Frage gestellt werden, wem dies nutzt. Nach Sibylle Hamann nämlich dem_der Arbeitgeber_in (mit Erreichen des Pensionsalters erlischt der besondere Kündigungsschutz), den Arbeitskollegen (Karrieresprung, Gehaltserhöhung), ggf. ihrem Ehemann (Bewältigung von Hausarbeit), den erwerbstätigen Kindern und Schwiegerkindern (Babysitten), den alten Eltern und Schwiegereltern (Pflegearbeit). „Schließlich nützt es jenen, die alle tatsächlichen Benachteiligungen von Frauen in der Gesellschaft schönreden wollen. Gehaltsschere, Diskriminierung am Arbeitsplatz, ungleiche Verteilung von familiären Pflichten, Doppelbelastung.“ Gleichzeitig würde eine Anhebung des Pensionsantrittsalters Frauen* länger in die Arbeitslosigkeit bzw. in die Altersarmut treiben. Andere argumentieren, es sei ein Nachteil, dass Frauen fünf Jahre früher in Pension gehen können. „Einerseits weil den Frauen die einkommensstärksten Jahre für die Pension fehlen, andererseits weil ihnen oftmals der letzte Karrieresprung aufgrund des ohnehin bald nahenden Ruhestands verwehrt bleibt.“

Viele der „angeblichen Privilegien“ von Frauen* beruhen grundsätzlich auf geschlechtlichen Rollenklischees

  1. Der Mann* sei das starke, die Frau* das schwache Geschlecht: darauf gründet sich etwa der Ausschluss der Wehrpflicht von Frauen*, hinzu kommt die jahrhundertelange männerbündische Organisierung dieser Institutionen. „Systeme wie die Wehrpflicht scheinen zunächst von Vorteil für Frauen zu sein, genauer betrachtet verstärken sie aber die sexistischen Institutionen, die sowohl Männer als auch Frauen an wirklicher Gleichberechtigung hindern. Außerdem sollte angemerkt werden, dass es nicht zwangsläufig den Gegenpart des ‚weiblichen Privilegs‘ geben muss, nur weil ein männliches Privileg existiert. Das liegt daran, dass, obwohl es in den letzten Jahren einige Fortschritte hin zur Gleichberechtigung gab, Frauen als Klasse noch immer nicht das Spielfeld geebnet haben. Weitaus weniger Frauen sitzen in den Machtpositionen der Institutionen, die Männern als Klasse ihre Macht geben.“

  2. Menschen, welche in ein normiertes, gesellschaftliches Bild von „Schönheit“ hineinpassen werden privilegiert (wobei sich dies bei Frauen* anders verhält, als bei Männern* bzw. haben es zweitere in manchen alltäglichen Situationen leichter, weil Männer* nicht so oft wie Frauen* auf Schönsein reduziert werden).
    Ist es tatsächlich ein Privileg, auf Körper, Sexualität, Sexappeal reduziert zu werden (ein als „schön“ wahrgenommener Mann* wird im Gegensatz zu einer Frau* nicht auf diese Kriterien reduziert, da bei diesem immer auch andere „Kriterien“ miteinbezogen werden, eine reine Reduzierung als Objekt ist meist nicht der Fall) und dadurch „Vorteile“ zu haben? Nein! Die angeblichen Vorteile einer „gutaussehenden, jungen Frau*“ können allerdings schnell nach hinten losgehen, etwa wenn sie für „schön dumm“ gehalten und weniger ernst genommen wird. Oder wenn beim neuen Job gesagt wird: „Die hat den Job doch nur bekommen weil sie gut aussieht“.

Intersektionalität und wohlwollender Sexismus
Abermals muss hier intersektional vorgegangen werden, da weitere Diskriminierungen bei dieser Thematik hinzukommen: Ableismus, Lookismus, fat shaming, Ageismus sowie weitere Stereotypen und Vorurteile, welche sich auf Schönheitsnormen gründen. Mit dem Vorteil „schöner Menschen“ sind also auch Benachteiligungen von jenen verbunden, die nicht in dieses Bild passen, was insbesondere Frauen* trifft, da deren Aussehen grundsätzlich mehr beurteilt wird, als jenes von Männer* (vgl. 3.3.2 / 6. Teil).
Wie kann es als Privileg gesehen werden, wenn Frauen* auf ihren Körper reduziert, als Sexsymbol / Verführung konstruiert werden und als Folge dieser Konstruktion angebliche „Vorzüge“ genießen, welche auf der Reduktion als Objekt fußen? Das ist kein Privileg, sondern „wohlwollender Sexismus“. (Siehe auch hier).

Denn „privilegiert“ werden Frauen* ausschließlich dann, wenn sie sich in das gesellschaftliche Konstrukt von Geschlecht und Schönheit anpassen. Frauen*, die weder in diese Schönheitsnorm passen und sich nicht in die Rolle des zu beschützenden Wesens unterordnen wollen, haben auch diese Pseudoprivilegien nicht. Dazu kommt, dass es female Privileges auch aus folgendem Grund nicht gibt: „In einer Geschlechterhierarchie, die von einem binären Geschlechterverhältnis ausgeht, kann nur ein Geschlecht oben stehen. Female Privilege ist eine andere Bezeichnung für wohlwollenden Sexismus, und der ist kein Privileg.“ Diskriminierung von Männern* gibt es ohne Sexismus gegen Frauen* nicht (vgl. 3.5 / 9. Teil). Somit stimmt auch der Satz „Privilegien von Frauen* gibt es ohne Sexismus gegen Frauen*“ nicht.

Außerdem ist zu beachten, dass angebliche „Privilegien“ von Frauen* nicht am Fundament des Patriarchats rütteln, keines dieser Pseudovorteile stellen in irgendeiner Weise das Patriarchat in Frage und genau das ist der springende Punkt, warum female Privileges nicht existieren. Weiters ist es absurd, Rollenbilder gegeneinander auszuspielen, unter welchen alle Geschlechter leiden. Es geht um Zwänge / stereotype Rollenerwartungen und den damit verbundenen Einschränkungen, denen Menschen jeden Tag ausgesetzt sind.

„Größtenteils erfahren Frauen Begünstigungen aus ritterlichem Glauben, die häufig als ‚weibliche Privilegien‘ [wahrgenommen] werden, so wie Männer Vorteile aus dem System der männlichen Privilegien erlangen. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass der Status Quo für die Männer ihnen Status und Macht gewährt, sowohl in öffentlichen als auch privaten Räumen, wohingegen der Status Quo für Frauen einer ist, der ihre Macht auf den deutlich kleineren, eingegrenzteren häuslichen Bereich limitiert.“ 

Wohlmeinender Sexismus, der oft auch noch als „Beschützertum“ oder „Ritterlichkeit“ verkauft wird, ist nämlich eines der zentralen Merkmale dafür, dass unser Konstrukt von Männlichkeit und Weiblichkeit einer konservativen Kultur entspringt. […] Dieses Phänomen wird definiert als „negative Konsequenz einer männlichen Haltung, die Frauen als rein, moralisch und anbetungswürdig idealisiert; als Objekte, die von Männern verehrt, beschützt und versorgt werden müssen. Viele dieser Manieren werden schon in der Kindheit erlernt, und zwar um Mädchen und Jungen dazu zu erziehen, wahre ‚Damen‘ und ‚Kavaliere‘ zu werden (anstatt sie einfach zu anständigen und liebenswürdigen Menschen heranwachsen zu lassen, die zusammenhalten). Kurz, was viele Leute für Ritterlichkeit und ‚männliches Benehmen‘ halten.“ Damit werden Frauen* aber nicht nur als „wunderbare Wesen dargestellt, sondern gleichzeitig auch als schwach, inkompetent, kindlich und schutzbedürftig“. So werden klassische Vorurteile aufrechterhalten.

Weiters soll an dieser Stelle erwähnt werden, dass der Ausschluss von Männern* in manchen Räumen nicht einfach als „umgekehrter oder positiver Sexismus“ bezeichnet werden kann. Vielmehr geht es darum, Räume zu schaffen, die für alle offen sind, unter patriarchaler Unterdrückung leiden. Dies stellt eine antisexistische Strategie dar, da in der Gesellschaft ohnehin extrem viele Räume existieren, die als „Männerräume“ (vgl. 3.3 / 6. Teil) zu bezeichnen sind. Eine Auseinandersetzung mit, bzw. Erklärung davon, was FLIT* Politik ist, findet sich hier.

Zuletzt soll angemerkt werden, dass angebliche Privilegien von Frauen* oftmals dann angeführt werden, wenn männliche Privilegien angesprochen werden. Dies ist eine derailing Strategie. „When this happens, it becomes disruptive of the discussion that’s trying to happen, and has the effect (intended or otherwise) of silencing women’s voices on important issues such as rape and reproductive rights.” Das bedeutet nicht, dass nicht auch über Männer* und Maskulinität diskutiert werden sollte und darüber, wie Männer* unter Gewalt leiden (Dies wird im nächsten Punkt 3.5 angesprochen). Allerdings nicht, wenn es in einer Diskussion gerade um etwas anderes geht.

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 9. Teil:
3.5 Auswirkungen von Geschlechterstereotypen / gesellschaftlichen Rollenerwartungen auf Männer*
3.6 Männer* und Gewalterfahrungen; Schlussfolgerungen

[7. Teil]: Weitere Beispiele für männliche Privilegien aus verschiedenen, gesellschaftlichen Bereichen (II)

<– Themen im 6.Teil: Weitere Bspe männl. Privilegien; Marginalisierungen und Diskriminierungen von Frauen* aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen; Männliche Dominanz / das Männliche als Norm; Geschlechterstereotypen / Sexismus in der Werbung / Reduzierung von Frauen auf Schönsein und Sexualität

INHALT VON TEIL 7

3.3.4 Unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Tätigkeit von Männern* und Frauen*

  • Vieles was Männer* machen, wird per se als positiv bewertet (Männer*, die Kinderwagen schieben: offen, progressiv; Überstunden: toller Karrieremann); vieles was Frauen* tun, wird als negativ beurteilt (in Technikberufen nicht ernst genommen (wie dieses Bsp. zeigt); Frauen*, die Überstunden machen: würden sich nicht um das Kind sorgen).
  • Die Beurteilung einer Tätigkeit eines Menschen erfolgt viel zu oft danach, ob dieser als Mann* oder als Frau* wahrgenommen wird. Wenn zB. ein Bub* an Küchengeräten spielt: „Du interessierst dich für Technik“, wenn das ein Mädchen* macht: „Du wirst bestimmt mal eine gute Hausfrau.“ Dasselbe Verhalten wird völlig unterschiedlich interpretiert; das liegt auch an den Geschlechterstereotypen (vgl. 1.3 / 2. Teil): erwartetes Verhalten wird verstärkt, andernfalls wird es ignoriert.
  • Gedankenexperiment: Ein Mann* und eine Frau* gehen im Abstand von 10 Minuten jeweils allein und oben ohne durch eine belebte Fußgänger_innenzone: Wie reagieren die Passant_innen jeweils auf die beiden? Frauen* haben im Gegensatz zu Männern* nicht die Möglichkeit, oben ohne durch die Straßen zu gehen. Manche vermuten möglicherweise: „Natürlich, können sie ja einfach machen“. Das stimmt nicht, sie können es nicht „einfach machen“, wenn sie sich nicht den (höchstwahrscheinlich) sexistischen Reaktionen (Reduktion auf den Körper, „geil / sexy“, Bewertungen) aussetzen wollen. Auch hier wird Abweichendes von der Norm wieder markiert: Männer* mit nacktem Oberkörper sind allgegenwärtig und in vielen Kontexten anzutreffen. Männer* müssen keinen Bikini tragen, weil männliche Brüste nicht sexualisiert sind.
  • Ähnlich verhält es sich mit dem Privileg von Männern*, in der Öffentlichkeit seine Notdurft zu verrichten. Dieses Privileg hängt mMn etwa nicht mit dem anatomischen Unterschied zusammen, dass dies im Stehen leichter als im Sitzen durchzuführen ist, sondern abermals mit der Reaktion und unterschiedlichen Bewertung auf diese Handlung. Unabhängig davon gibt es auch Möglichkeiten für Menschen mit Vagina, im Stehen zu pinkeln.
  • Bestimmte Dinge werden mit Männlichkeit verknüpft, beispielsweise ein halbnackter Putin. Hingegen gibt es bei halbnackten Frauen völlig andere Assoziationen. Dies liegt unter anderem auch an Geschlechterstereotypen (vgl. 1.3), oder daran, dass wir es gelernt haben, Männer* anders als Frauen* zu bewerten. „Wenn Frauen und Männer das Gleiche tun und sagen, ist es aufgrund der unterschiedlichen Bewertung noch lange nicht das Gleiche!“
  • im Berufsleben, wenn Männer* und Frauen* das Gleiche tun oder sagen u er als ehrgeizig und sie als aggressiv bewertet wird.
  • beim Autofahren, wo Männer* und Frauen*, wenn sie sich gleich verhalten, sie als furchtsam und er als vorsichtig gilt.
  • bei Beschwerden, wenn sie sich gleich ausdrücken, Männer als wütend und Frauen als vulgär gelten.
  • Frauen* werden beim Reden häufiger unterbrochen als Männer* – und zwar meistens durch Männer*. Das, was Frauen* zu sagen haben, wird oft nicht so ernst genommen oder eben belächelt (vor allem wenn auf Formen der Diskriminierung hingewiesen wird); oder bei einem Vortrag werden Fakten von Männern* wiederholt, obwohl es die Rednerin bereits viel besser formulierte.
    Ten simple words every girl should learn

  • Männer*, die sich über ein vergewaltigtes Mädchen* lustig machen.

3.3.5 Familie / Ehe / Karriere / Kinder

  • Frauen* wird „Hauptverantwortung“ der Kindererziehung zugesprochen (vgl. 3.1 / 4. Teil; 3.2 / 5. Teil)
  • Männer* gelten (insbesondere in den Weltreligionen, aber auch in säkularisierten Gesellschaften) noch immer häufig als „Familienoberhaupt“, deren Lohnarbeit mehr Wert zu haben scheint; gleichzeitig müssen sich Frauen* anhören, dass sie als „Hausfrau“ (sic!) „eh nicht arbeiten! (sic!), weil sie von einem Mann* finanziert werden.
  • Daraus folgt, dass der Mann* seiner Karriere nachgehen kann, die Frau* aber für die Kindererziehung und den Haushalt verantwortlich gemacht wird. Weil der Mann* angeblich für die Repräsentation nach außen verantwortlich ist, die Frau* aber nur innerhalb der eigenen vier Wände agiert, genießt der Mann* mehr gesellschaftliches Ansehen.
  • Nach diesem Artikel zu urteilen, sind die ehelichen, sexuellen Pflichten noch immer nicht abgeschafft, da sie eingeklagt werden können.
  • Als Mann* habe ich das Privileg, dass die Entscheidung, mich für einen bestimmten Job einzustellen nichts mit der Vermutung zu tun hat, ob ich in der nächsten Zeit schwanger werde und eine Familie gründen möchte. (Dieses und folgende Beispiele sind zum Teil von hier übernommen).
  • Von mir wird nicht erwartet, dass ich nach einer Eheschließung meinen Nachname ändere; es wird auch nicht in Frage gestellt, wenn ich nicht diesen Namen ändere.
  • Wenn ich keine Kinder habe, wird meine Männlichkeit nicht in Frage gestellt
  • Wenn ich Kinder habe, mich um diese aber nur bedingt kümmere, wird mir meine Männlichkeit nicht abgesprochen;
  • Wenn ich Kinder habe und Karriere mache, wird niemand denken, dass ich egoistisch bin, weil ich nicht zuhause bin und mich um diese kümmere.
  • Es ist nicht von jeder Frau* der größte Wunsch, Kinder zu bekommen.

  • When is she getting married? Will she have children? Is she pregnant now? „My ‚value as a woman‘ isn’t measured by motherhood“. Hier geht es zwar um einen Star, daher fand dieser Artikel auch relativ viel Beachtung. Allerdings trifft diese Reduzierung auf Mutterschaft wohl auf viele Frauen* zu.
  • Oftmals werden stillende Frauen* in der Öffentlichkeit als Provokation empfunden.
  • Immer wieder habe ich es erlebt, dass Männer* (ihnen bekannten) schwangeren Frauen* ohne zu fragen auf den Bauch greifen, als wäre es selbstverständlich, dies zu „dürfen“. Dies ist ein Eingriff in die Privatsphäre, ob dieser Eingriff „schwer oder leicht“ ist, hat hier keine Relevanz.

3.3.6 Verschiedenes

  • Manche meiner männlichen Privilegien fallen mir gar nicht auf bzw. bemerke diese erst, wenn mir Frauen* von diversen Erlebnissen erzählen. Daher ist Reflexion als Prozess / als permanentes Lernen notwendig. Ein Beispiel: Auf einer Party lerne ich einen Mann* kennen. Dieser macht einen recht netten Eindruck, wir unterhalten uns über dieses und jenes, es gibt (für mich) keinerlei Anzeichen, dass dieser ungut / sexistisch sein könnte. (Manchmal fällt es sofort auf, aber das ist eine andere Geschichte). Später erfahre ich von Frauen*, dass er Frauen* permanent angebaggert hat, anzügliche Witze machte. Dies ist eines meiner männlichen Privilegien, dass dieser Typ auf mich „relativ freundlich“, aber auf Frauen* ganz anders wirkt.
    Hier handelt es sich um 2 Privilegien: 1. bin ich nicht vom „anbaggern“ betroffen. 2. muss ich nicht (wenn ich in der Nähe bin und dies miterlebe / beobachte) nicht Stellung beziehen. (Wozu man aber verpflichtet ist, wenn man solidarisch sein möchte). Wie bei Rassismus: Der weiße Mensch hat den Luxus, dass er / sie sich damit nicht auseinandersetzen muss.
  • Letztens hat mir eine Freundin erzählt, was ihr gehörig auf die Nerven geht: Frauen* müssen immer überzeugen (das müssen Männer* zwar auch, aber anders): viele (nicht alle) Männer* haben eine Art „Grund- bzw. Urselbstvertrauen“, dass bei Männern* öfters zu beobachten ist. Kommt dieses bei Frauen* zum Vorschein, sticht sie raus, wird markiert, weil es bei ihr nicht erwartet wird. In der gesellschaftlichen Erwartungshaltung gelten Männer* „immer cool und super“ (vgl. 3.3.4 / siehe oben), Frauen* zuerst mal als schön (vgl. 3.3.2 / 6. Teil). „Und dieses Schönsein-sollen“ macht mich auch fertig. Wir werden im Alltag ja auch eben die ganze Zeit konsumiert und biedern uns an und Männer* suchen aus.“
  • So ist es für Frauen* eben kein Kompliment, wenn sie mit „He Schnecke / Süße / Prinzessin etc.“ etwa auf der Straße angesprochen werden. Es ist nicht höflich oder „nett gemeint“, sondern eine Reduzierung auf den Körper, darüber hinaus ist es eine Verletzung der Privatsphäre.  Männer* müssen sich damit nicht rumärgern.
  • Männer* müssen sich im besten Fall nicht damit beschäftigen, im worst case werden sie von anderen Männern* in der Öffentlichkeit in einer anderen Art und Weise „angemacht“ (vgl. 3.5 / 9. Teil): In Form einer Auseinandersetzung / Streit, bei welchem auch mal Schläge angedroht werden: „Hirschkampf“, anstänkern, sich schlagen wollen – dies hat wiederum andere Ursachen: Wettbewerb, Konstruktionen von Männlichkeiten (2.2 / 3. Teil), zeigen, wer „der Stärkere“ / „der Beste“ ist, „männlich sein“, sich profilieren usw.
    “- When you dance in a ballroom, you won’t have to do it backwards in high heels;
  • When you speak in a boardroom, you won’t have to second-guess yourself in case you’re coming across as “shrill”. You reached that boardroom with the grain, not against it.
  • You don’t judge yourself for eating a cake;
  • „You haven’t, since childhood, been encouraged by the media and by every careless comment from your family to have a relationship with food that borders on psychosis.” 
  • Wenn ein Mann* mit vielen Frauen* schläft, geht die Wahrscheinlichkeit gegen null, dass er als „Schlampe“ bezeichnet wird, außerdem gibt es kein männliches Gegenstück zu „slut-shaming“. Noch genauer: Die Sprache ist von Machos geprägt und zutiefst patriarchal: Es gibt ebenso keine Bezeichnung für eine männliche „Schlampe“. Denn ein Mann*, der Sex mit vielen Frauen* hat, wird „Frauenheld“ genannt, inklusive der positiven Konnotation.
  • Als Mann* kann ich in der Öffentlichkeit zu einer großen Gruppe sprechen, ohne dass ich aufgrund meines (angenommenen) Geschlechts beurteilt werde.
    Nicht zuletzt ist folgendes zu beachten, daher ist Reflexion über Macht- und Herrschaftsstrukturen dermaßen wichtig:

Diese Beispiele sind nur eine Auswahl, die Liste lässt sich bis ins Unendliche fortsetzen. Klarerweise gibt es unzählige Privilegien mehr, welche ich unbewusst innehabe.

3.3.7 Weiterführende Links / Leseempfehlungen

 In nomine patris – Die Interessen der Väter“bewegung“ (Arte Dokumentation)

If Men Were Women
• Aufschreien gegen Sexismus – eine Sammlung: alltagssexismus.de
14 Reasons We All Need Feminism (there are many more reasons, why we need Feminism)
• Follower-Empfehlung: @femInsist auf Twitter: hier werden nicht nur male Privileges gesammelt, sondern auch Sexismus, Misogynie etc.
Die vielen Facetten des Sexismus
#HaekelKon – Dekonstruktion der Männlichkeit (Daniel Schweighöfer)
• Intersexualität und Queer-Politiken: Grenzen und Möglichkeiten der geschwisterlichen Zusammenarbeit
• Die Belästigung von Frauen ist normaler Teil [nicht nur] der österreichischen Gesellschaft geworden. Die kulturelle Definition von Männlichkeit muss hinterfragt werden.
• Wie sähe die Welt aus, wenn es keine Vergewaltigung gäbe? Ein Gedankenspiel: Wie soll man eine solche Welt beschreiben? Wahrscheinlich gliche sie der Welt, in der die allermeisten Männer leben: eine Welt, in der sexuelle Gewalt ein Abgrund ist, von dessen Existenz sie zwar wissen, in dessen Nähe das eigene Leben aber nie kommt.
• Spielzeugindustrie und Rollenklischees

Der feministische Blick
A blog dedicated to ending the oppression and minoritization of women everywhere through critical thinking, writing, expression and visual communication. Fearless Feminism means not taking no for an answer, and facing the demons we are often to afraid to confront, but that we can, and must, overpower.
• Sammlung von #Sexismus / Misogynie
8 Things Women Couldn’t Do On The First Women’s Equality Day In 1971 — And 6 They Still Can’t
Gender: Power and Privilege
Zur gesellschaftlichen Konstruktion von biologischem Geschlecht – Heinz-Jürgen Voß
10 Ways to Be a Better Male Feminist
Antifeminismus und Männerbündelei
Betty Brown – A primer on privilege: what it is and what it isn’t.
• There’s No Comparing Male and Female Harassment Online.

Nicht nur diese Beispiele, sondern sämtliche Argumentationen in diesem Artikel machen deutlich, dass unsere gegenwärtige Gesellschaft (etwa Mitteleuropa, Europäische Union, aber wohl auch darüber hinaus) als androzentristisch und sexistisch zu bezeichnen ist.

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 8. Teil:
3.3.8 Was können Männer* tun? Wie sollen sie mit männlichen Privilegien umgehen?
3.4 „Privilegien“ von Frauen: Pension und Wehrpflicht