Überblick und Inhaltsverzeichnis: „Ein queerfeministischer Ansatz zur Reflexion männlicher Privilegien“

1. Teil: Soziale Konstruktion statt biologischer Bestimmung. Historische Betrachtungen des Mannes als Norm
Einleitung
1. Naturalisierung der Kategorien “Männer” und “Frauen“ als Grundlage männlicher Privilegien
Körper werden in jeder Kultur, in jeder Gesellschaft politisch und kulturell mit Bedeutungen aufgeladen und sind daher niemals unabhängig von Geschichte, Kultur, Epoche und Gesellschaft zu denken. Es gibt nicht zwei, sondern unzählige Geschlechter.
1.1 Sozial – historisch: Der weiße, bürgerliche Mann als Norm
Die Einteilung in Männer* und Frauen* gab es zwar auch schon vor dem 18. Jh., allerdings wurde eine angebliche Wesensverschiedenheit von Männern* und Frauen* erst mit dem aufstrebenden Bürgertum betont und institutionalisiert.

2. Teil: „Mann und Frau“ und wie sie konstruiert werden
1.2 Doing Gender, Körper, Sozialisation und Heteronormativität
Bedeutung der “Interaktion” für die soziale Konstruktion von Geschlecht. Geschlechterbezogene Erziehung, „Heteronormativität“ ist damit eng verknüpft. Nicht nur Mann* und Frau*, auch „Heterosexualität“ ist Produkt gesellschaftlicher Diskurse und von Geschichte.
1.3 Geschlechterstereotypen
Männliche und weibliche Symbole: Das, was wir erwarten, fällt uns stärker auf. Geschlechtsspezifische Rollenerwartung.
1.4 Trans- und Intersexualität: “Agnesstudien” von Garfinkel
Menschen, die ihr Geschlecht wechseln, müssen „die selbstverständlichen Methoden der Herstellung des Geschlechtes explizit lernen“ (Knoblauch 2003: 122), während dies für andere Individuen aufgrund ihrer Sozialisation als selbstverständlich erscheint.

3. Teil: Männlichkeit(en)
2. Privilegien, hegemoniale Männlichkeit und Konstruktion von Männlichkeiten
2.1 Intersektionalität, männliche und weiße Privilegien

„Privilegien sind Vorteile, die die Gesellschaft bestimmten Gruppen zuerkennt, und von denen Leute allein aufgrund ihres sozialen Status profitieren. Da sich sozialer Status aus der Positionierung in mehreren Strukturen ergibt („Rasse“, Klasse, Geschlecht, sexuelle Identität, Alter; Anm. LY) sind alle Menschen sowohl privilegiert als auch nicht, profitieren an einer Stelle von einem Privileg während sie an anderer Stelle benachteiligt sein können. Und wie sich Privileg auswirkt, hängt wiederum von der individuellen Position in der sozialen Hierarchie ab.“ (siehe Blog von @sanczny)

2.2 Hegemoniale Männlichkeit und patriarchale Dividende
Männliche und heterosexuelle Privilegien sind das Ergebnis einer Geschlechterhierarchie. Gleichzeitig haben auch manche Frauen* Anteile an der patriarchalen Dividende, allerdings meist nicht außerhalb der Geschlechterhierarchie.
2.3 Konstituierung von Männlichkeiten über den Wettbewerb und Männerbünde
Männerbünde bestehen heute in vielfältigen informellen oder latenten Formen. Es geht nicht nur um deklarierte Männerbünde, sondern um Institutionen, die faktisch wie Männerbünde wirken.

4. Teil: Zwischenfazit und Reflexion männlicher Privilegien
2.4 Zwischenfazit: Der Körper als Vermittler zwischen Struktur und Praxis
„Scharnierfunktion“ des Körpers als Vermittler „zwischen Individuum und Gesellschaft bzw. zw. Handlung und Struktur; Menschen sind von der gesellschaftlichen Struktur beeinflusst, allerdings dieser nicht bedingungslos ausgeliefert und können klarerweise im Alltag sehr wohl ihr Handeln beeinflussen: Ob sie sexistisch agieren oder nicht, ob sie ihr Handeln reflektieren, oder nicht; ob sie andere Menschen bezüglich der Wahl deren Sexualität & Geschlecht die Freiheit lassen, es selbst zu wählen usw.
3. [Hauptteil]: Männliche Privilegien / Vorteile von Männlichkeiten / sexistische Stereotypen / Marginalisierung von Frauen* / Diskriminierungen von Frauen – eine Reflexion
Reflexion findet nicht punktuell statt, sondern ist ein zyklischer Prozess, der nie aufhören sollte. Reflexion ist eine grundlegende Strategie (nicht nur) männlicher Privilegien / Sexismen in der Gesellschaft aufzudecken, sondern auch andere Diskriminierungsformen sowie Macht- und Herrschaftsprozesse.
3.1 Gesellschaftliche Geringschätzung von Haus- und Versorgungsarbeit im Gegensatz zu Lohnarbeit
Gesellschaftliche (Re)Produktion: Lohnarbeit und Sorgearbeit und deren Wertschätzung.

5. Teil: Beispiele für männliche Privilegien
3.2 Thematisierung von „ungleiche Bezahlung“ und „sexualisierte Gewalt“

6. Teil: Weitere Beispiele aus dem Alltag
3.3 bzgl. Vorteile von Männlichkeiten / sexistische Stereotypen / Marginalisierungen und Diskriminierungen / männliche Privilegien / von Frauen* aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen
Männerdominierte Strukturen: Straße, Disko, Lokal, Schule, in Gesprächen (Dominanz), in intimen Beziehungen, Familie, Politik, Wissenschaft, Unternehmen usw… in fast allen Lebensbereichen. Die Folge davon ist der Ausschluss von Frauen* und anderen Menschen, welche nicht in die weiße, männliche Norm hinein passen wie homosexuelle Menschen, Queers, Transpersonen etc.
3.3.1 Männliche Dominanz / das Männliche als Norm (vgl. 1.1 / 1. Teil und 1.3 / 2. Teil)
Wenn man von etwas nicht betroffen ist, ist es leicht, darüber zu urteilen. Und der Glaube daran, diese Diskriminierung gäbe es nicht, weil sie nicht auf einen selbst zutrifft.
3.3.2 Reduzierung von Frauen auf Schönsein und Sexualität / Geschlechterstereotypen / Werbung
„Den weiblichen Körper kaufen“ – Frauen* als (Sex)Objekt.

3.3.3 Marginalisierung / Ausschluss von Frauen
Männerdominierte Räume; Warum waren die größten Entdecker, Erfinder, Herrscher fast ausschließlich Männer
?

7. Teil: Noch mehr Beispiele, verschiedenes und weiterführende Links
3.3.4 Unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Tätigkeit von Männern* und Frauen*
3.3.5 Familie / Ehe / Karriere / Kinder
3.3.6 Verschiedenes
3.3.7 Weiterführende Links / Leseempfehlungen

8. Teil: Wie sollen Männer mit männlichen Privilegien umgehen? Und: „Privilegien“ von Frauenen
3.3.8 Was können Männer
tun Wie sollen sie mit männlichen Privilegien umgehen?
3.4 „Privilegien“ von Frauen: Pension und Wehrpflicht

9. Teil: Benachteiligung von Männer* durch Geschlechterstereotypen und Rollenerwartungen
3.5 Auswirkungen von Geschlechterstereotypen / gesellschaftlichen Rollenerwartungen auf Männer
Auch Männer
sind von geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen betroffen. Allerdings werden Männer* nicht für ihre Männlichkeit diskriminiert, sondern für zu wenig Männlichkeit. Benachteiligungen gegen Männer* sind meist eine Abwertung / lustig machen / Verspottung von als weiblich angesehenen Eigenschaften.
3.6 Männer* und Gewalterfahrungen

4. Abschließende Bemerkungen
Männerdominierte Strukturen werden meist nicht bemerkt, weil sie als normal gelten. Daneben geht es bei männlichen Privilegien nicht ausschließlich um „offensichtlichen, gesetzlich festgeschriebenen Sexismus“, sondern um Dominanzverhalten, Raum einnehmen, Marginalisierung / Ausschluss von Frauen* und anderen Gruppen, die nicht innerhalb einer weißen, männlichen Norm repräsentiert sind.

Sexismus und männliche Privilegien haben zu tun mit struktureller Gewalt / Benachteiligung / Diskriminierung (vgl. 1.1 / 1. Teil; 2.2 / 3. Teil; 3.2 / 5. Teil), wobei Sexismus auf Stereotypen / geschlechtlichen Rollenklischees basiert (vgl. 1.2 / 2. Teil) und häufig mit anderen Diskriminierungsformen auftritt (vgl. Intersektionalität, Kapitel 2). Wie Sexismus und männliche Privilegien beurteilt werden hängt meist mit Deutungshoheit und einer gesellschaftlichen Definitionsmacht (wer hat diese inne?) zusammen.

Trotz gesetzlicher Gleichstellung zw. Männern* und Frauen* sind nach Jahrhunderte langer gesetzlicher Schlechterstellungen, gezielter Tötungen (Hexenverbrennungen) und Ausschließungen von Frauen* aus dem gesellschaftlichen Leben Begünstigungen von Männern* nicht einfach so abgebaut. Sie existieren weiter, zwar nicht gesetzlich festgeschrieben, sondern strukturell.

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

From Gay Oppression to Women’s Equality

Kennst du Ronja? Ronja ist wie du.

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[9. Teil]: Nachteile von Männern* durch Geschlechterstereotype; Abschließende Bemerkungen

<– Themen im 8. Teil: Wie sollen nun Männer* mit Privilegien umgehen? Und: „Privilegien“ von Frauen*

INHALT VON TEIL 9

3.5 Auswirkungen von Geschlechterstereotypen / gesellschaftlichen Rollenerwartungen auf Männer*

Wie in diesem Artikel deutlich wurde, haben die meisten Männer* mehr strukturelle Vorteile und gesellschaftliche Macht, als die meisten Frauen*. Gleichzeitig wurde argumentiert, dass nicht alle Männer* in der gleichen Weise Privilegien genießen, wie auch nicht alle Frauen* gleicher Maßen diskriminiert werden. So besteht die Möglichkeit, dass manche Frauen* mehr Anteile an der patriarchalen Dividende (vgl. 2.2 / 3. Teil) haben, als manche Männer*. In den Rollenerwartungen der konstruierten Zweigeschlechtlichkeit stecken also unzählige Privilegien von Männern* und Diskriminierungen von Frauen* drinnen. Gleichzeitig sind auch Männer* von geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen betroffen. „[L]etztlich gibt es auch ´patriarchale (etc.) Kosten´ für als Männer (etc.) lebende Menschen“ (Habermann 2008: 19). Allerdings „wertet auf Misogynie beruhende Beleidigungen […] nicht Männer ab. Männer werden nicht für ihre Männlichkeit ‚diskriminiert‘, sondern für zu wenig Männlichkeit.“

Sämtliche Benachteiligungen von Männern* gründen sich auf geschlechtlichen Rollenerwartungen. (Während dies auch auf Frauen* zutrifft kommen hier allerdings strukturelle Benachteiligungen hinzu, siehe 3.1-3.4). So wird etwa von Männern* erwartet, „männlich“ zu sein, wird diese Erwartung nicht erfüllt, folgt eine Schmähung, welche oftmals Bezeichnungen beinhalten, welche Frauen* abwerten. Denn weiblich zu sein gilt für viele Männer* als „peinlich“ (vgl. 3.3.1 / 6. Teil: Verwendung der Begriffe „Mädchen“ / „schwul“ als Schimpfwort). Das ist problematisch und es gilt, dies zu bekämpfen. Nur weil ich als Mann* wahrgenommen werde, möchte ich dennoch emotional sein und weinen dürfen, mir die Nägel lackieren, einen Rock tragen, oder als Kind mit Barbie-Puppen spielen. Klar, alle Menschen sollten dies je nach Lust und Laune machen dürfen.

Allerdings ist bei Benachteiligungen gegen Männer* immer eine Abwertung / ein lustig machen/ Verspottung von weiblich angesehenen Eigenschaften implementiert. Daher gibt es keine Diskriminierung von Männern* ohne Sexismus gegen Frauen*. Wenn also eine Benachteiligung von Männern* ohne Sexismus gegen Frauen* nicht möglich ist, gibt es gleichzeitig keinen Sexismus gegen Männer*. Rollenklischees, unter denen Männer* wie Frauen* leiden, gegeneinander auszuspielen ist absurd. In dieser Hinsicht geht es also beim Heruntermachen von Männern* mit weiblichen Eigenschaften weniger um das schlecht machen von Männern*, als vielmehr um die Herabsetzung des Weiblichen. Denn Sexismus ist keine „umkehrbare Relation“.

Sexismus und Rassismus sind von der Art und Weise der Diskriminierung ähnlich zu fassen. Analog zu Sexismus kann also argumentiert werden, dass Rassismus „die Verknüpfung von Vorurteil mit institutioneller Macht [ist]. Entgegen der (bequemen) landläufigen Meinung ist für Rassismus eine ‚Abneigung‘ oder ‚Böswilligkeit‘ gegen Menschen oder Menschengruppen keine Voraussetzung. Rassismus ist keine persönliche oder politische ‚Einstellung‘, sondern ein institutionalisiertes System, in dem soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen für weißen Alleinherrschaftserhalt wirken“ (Noah Sow, zit. nach: Arndt/Ofuatey-Alazard 2011: 37). Somit kann auch Sexismus zum einen als „institutionalisiertes System“ bezeichnet werden, zum anderen werden mittels Sexismus männliche Vorherrschaftsansprüche gestellt. Es kann also per definitionem keinen Sexismus gegen Männer* geben, sondern erst dann, wenn die Ebenen zwischen den Geschlechtern ausgeglichen wären und Männer* keine strukturellen Begünstigungen mehr hätten. Dass Privilegien für die meisten Männer* jedoch bestehen, wurde in den Kapiteln 1 bis 3 ausführlich argumentiert.

Bei den folgenden, weiteren Beispielen, wie Männer* unter gesellschaftlichen Rollenerwartungen leiden, liegt es nicht in meinem Interesse, Frauen* dafür anzukreiden, dies sehr wohl tun zu können, oder gar zu meinen, Frauen* hätten in diesen Bereichen Vorteile. Das stimmt nicht. (Nochmal: Rollenklischees gegenseitig auszuspielen halte ich für äußerst absurd und nicht zielführend):
– das Lustig machen über Männer*, wenn sie weinen / Schwäche zeigen
– das Absprechen emotionaler Kompetenz
– Erziehung Männer* werden dazu erzogen, physische und psychische Schmerzen zu leugnen und zu negieren
. von mir als Mann* wird erwartet, dass ich stark bin; hingegen wird von mir nicht erwartet, dass ich unsicher bin
– Erwartung, mit anderen Männern* in Wettbewerb zu treten
– Erwartung, bei einem Date den ersten Schritt zu machen
– abgewertet zu werden, wenn ich über meine Gefühle spreche (abgesehen davon, dass „unmännlich sein“ für mich keine Abwertung darstellt)
– als Kind bekommen Buben* oft zu hören, dass sie kräftig sind, dass weinen als „unmännlich“ gelte, während Mädchen* gesagt wird, sie wären schön, niedlich, süß
– Männern* ist es nicht per se möglich, Make-up zu tragen
– das unermüdliche darauf hinweisen, was einen „richtigen Mann (sic!)“ ausmacht
– inklusive andere heterosexistische Erwartungshaltungen, welche im Endeffekt alle (unendlich viele) Geschlechter betrifft.

Allerdings darf hier nicht vergessen werden, dass es oft zu einer Täter- Opfer-Umkehr kommt, denn mit dem pauschalen Hinweis, dass auch Männer* unter Sexismus (sic!) und vergeschlechtlichten Erwartungshaltungen leiden (zweiteres ist ja nicht als falsch zu bezeichnen), werden tatsächliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse verschleiert, wenn die Verhältnismäßigkeit nicht berücksichtigt wird.

3.6 Männer* und Gewalterfahrungen

Zuletzt möchte ich kurz auf das Thema „wie Männer* von Gewalterfahrungen betroffen sind“ eingehen. Es stimmt, dass Männer* mehr Gewalt im öffentlichen Raum erfahren, allerdings muss im gleichen Atemzug erwähnt werden, dass diese wiederum von Männern* ausgeht. (Ansonsten würde, wie in so vielen Deraling-Versuchen suggeriert, dass die Täter Frauen* wären). Auf die Relation dieser Gewalthandlungen hinzuweisen ist hier wichtig. Denn im sozialen Nahraum geht Gewalt meistens von Männern* aus. „Sie nimmt unterschiedliche Formen an und trifft nicht nur Frauen und Kinder, sondern auch Männer, die hegemonialen Männlichkeitsbildern nicht entsprechen. Und trotzdem: Gewalt und Männlichkeit gehen kein Zwangsbündnis ein. Männer sind nicht von Natur aus zu Aggression und Gewalt verdammt. Ich möchte umgekehrt die These vertreten, daß Gewalt die (Re-)Präsentation, (Re-)Produktion und Stabilisierung von Männlichkeit erlaubt“ (Forster 2007: 13).

„Männer werden von ihren Partnerinnen nicht so oft zusammengeschlagen, aber Männer laufen Gefahr, anderweitig Opfer von Gewalt zu werden. Die meisten gewaltsamen Übergriffe, die der Polizei in Ländern mit diesbezüglich zuverlässiger Statistik gemeldet werden, werden von Männern gegen andere Männer verübt. Manche Männer werden geschlagen und manche sogar ermordet, nur weil sie für homosexuell gehalten werden; und ein Teil dieser Gewalt geht von der Polizei aus. Die meisten Strafgefangenen sind Männer. In den USA, die das umfangreichste Gefängnissystem der Welt haben, saßen Mitte 2007 1,59 Millionen Menschen im Gefängnis, von denen 92,8 Prozent Männer waren. Die meisten Toten in militärischen Gefechten sind Männer, weil Männer bei weitem die Mehrzahl in Armeen und Milizen stellen. Die meisten Arbeitsunfälle betreffen Männer, weil Männer den größten Teil der Belegschaften in gefährlichen Branchen wie Bergbau und Bauindustrie ausmachen. Das überproportionale Ausmaß, in dem Männer in Gewaltgeschehen verwickelt sind, geht teilweise darauf zurück, dass sie darauf vorbereitet wurden“ (Connell 2013: 20). Wie Männer* in der Erziehung darauf vorbereitet werden, habe ich unter „2.3 Konstituierung von Männlichkeiten über den Wettbewerb und Männerbünde“ ausgeführt.

4. Schluss

Warum werden männerdominierte Strukturen meist nicht bemerkt? Weil sie als normal gelten (vgl. Kapitel 2 / Teile 3-4) und in zwischenmenschlichen Interaktionen bzw. im Alltag oft nur die Abweichung dieser Norm betont wird. Daneben geht es bei männlichen Privilegien nicht ausschließlich um „offensichtlichen, gesetzlich festgeschriebenen Sexismus“, sondern um Dominanzverhalten, Raum einnehmen, Marginalisierung / Ausschluss von Frauen* und anderen Gruppen, die nicht innerhalb einer weißen, männlichen Norm repräsentiert sind. Sexismus und männliche Privilegien haben zu tun mit struktureller Gewalt / Benachteiligung / Diskriminierung (vgl. 1.1 / 1. Teil; 2.2 / 3. Teil; 3.2 / 5. Teil), wobei Sexismus auf Stereotypen / geschlechtlichen Rollenklischees basiert (vgl. 1.2 / 2. Teil) und häufig mit anderen Diskriminierungsformen auftritt (vgl. Intersektionalität, Kapitel 2). Wie Sexismus und männliche Privilegien beurteilt werden hängt meist mit Deutungshoheit und einer gesellschaftlichen Definitionsmacht (wer hat diese inne?) zusammen.

Gleichzeitig ist es eher als Ablenkungsstrategie zu bezeichnen, wenn gesagt wird: „Schau mal nach XY, dort ist es noch viel schlimmer, in Europa hingegen hat sich da in den letzten Jahrzehnten bzgl. Gleichstellung und Emanzipation einiges getan.“ Stimmt, in Europa ist etwa in manchen Ländern die Diskriminierung gegen Frauen* zurück gegangen (als vor etwa 100 Jahren, oder in Relation zu anderen Ländern). Jedoch ist es immer möglich, etwas „arm und reich zu vergleichen“. Fakt ist, dass Menschen aufgrund der Kriterien „Sexualität“ und „Geschlecht“ zB. in Österreich / Deutschland in keinster Weise zu 100 Prozent gleichberechtigt sind. Für Gleichberechtigung ist viel gekämpft worden, beachtet muss aber auch werden, dass es noch gar nicht so lang her ist, dass etwa Diskriminierung von Frauen* gesetzlich festgeschrieben war (vgl. Kapitel 3 / Teile 4-9). Mir ging es in diesem Artikel u.a. darum, männliche Privilegien in Mitteleuropa zu thematisieren und zu reflektieren. Wir kommen nicht weiter, wenn wir sagen „im Verhältnis zu xy ist es hier in der EU ja um vieles besser“. Menschen werden hier und heute aufgrund des ihnen zugeschriebenen Geschlechts diskriminiert, vergewaltigt, in manchen Fällen auch getötet.

Auch wenn es naiv klingt: Es ist so absurd, dass Menschen nicht einfach so sein können, wie sie gerne sein möchten. Menschen werden dafür diskriminiert, dass sie „anders als die Norm“ sind, bzw. von dieser abweichen, oder einfach nur selbstbestimmt über ihren Körper entscheiden wollen (siehe Abtreibgungsdebatte / Fristenlösung): dies betrifft insbesondere (aber nicht ausschließlich) die Zuschreibungen nach Geschlecht, Sexualität und Herkunft. Die Ursachen dafür wurden insbesondere in den Kapiteln 1 und 2 heraus gearbeitet, es geht um (geschlechtliche) Zuschreibungen, Zwänge, Macht, Struktur, Fremdbestimmung, dominantes Verhalten.

Dabei ist es wichtig, alle möglichen Formen / Identitäten zuzulassen. „In Anlehnung an verschiedene Theorierichtungen zeigen sich in queeren Ansätzen die Kategorien Sex/Gender, Hautfarbe, Kultur, Rollen, Ethnizität, Religionen, Gemeinschaften etc. nicht nur als Identitätsmix, sondern führen Konzepten der Trans-, Cross-, Nicht-Identität etc. zur Aufhebung aller eindeutigen und vermeintlich natürlichen Identitäten“ (Perko 2006: 9). Außerdem ist es erforderlich, Privilegien, aber auch Ängste zu hinterfragen / zu reflektieren. Daher ist es wichtig, über sich selbst nachzudenken, anstatt über andere zu urteilen. Denn auch, wenn ich meine männlichen Privilegien nicht sehen will, sind sie trotz¬dem existent.

Wie sollen nun aber neue Formen von Männlichkeiten ausschauen? Wo können wir anknüpfen? Zum Beispiel an diversen Arbeiten von Feministinnen der letzten Jahrzehnte; wahrscheinlich ist es nicht zielführend, neue Formen von Männlichkeit zu schaffen, als andere Formen von Menschlichkeit zu kreieren. Darüber hinaus ist es meiner Meinung nach wichtig, mit einer feministischen Perspektive „Männlichkeiten“ / „Männlichkeitskonstruktionen“ zu betrachten / analysieren und anschließend zu dekonstruieren und zu reflektieren.

Zuletzt soll nochmals darauf hingewiesen werden, dass ich versuchte, kein einseitiges Bild von „Mann* = Täter; Frau* = Opfer“ zu zeichnen. Abgesehen davon, dass es viele, mehr als nur zwei Geschlechter gibt, bestehen selbstverständlich auch zahlreiche Unterschiede jeweils innerhalb der Gruppe der Männer* bzw. Frauen*. Mit den Begriffen „patriarchale Dividende“ und „hegemoniale Männlichkeit“ (vgl. 2.2) wurde dargelegt, dass es einerseits viele Formen von Männlichkeiten gibt, andererseits nicht alle Männer* per se privilegiert sind sowie nicht alle Frauen* per se diskriminiert werden. Allerdings war es in diesem Artikel wichtig, von „Männern* und Frauen*“ als analytische Begriffe zu sprechen, um über gegenwärtige Relationen von Macht- und Herrschaft zu schreiben. Erst wenn alle Geschlechter gleichberechtigt sind ist es möglich, diese Begriffe wegzulassen.

Denn Werte sind gesellschaftlich aufgeladen, gesellschaftliche Gruppierungen wie Männer*, Frauen*, Homosexualität haben ein Image aufgrund der Wertevorstellungen in einer Gesellschaft (vgl. 1.3 „Geschlechterstereotypen“ / 2. Teil). Damit werden Bilder und Metaphern geschaffen und in dieser Weise wird eindimensional „erklärt“, welche Eigenschaften Männer* und Frauen* haben und dass es angeblich nur zwei Geschlechter gäbe. Gleichzeitig sollen diese Konstruktionen männliche Dominanz garantieren und schreiben damit Diskriminierungen gegen Menschen, die von diesem weißen, männlichen Ideal abweichen fest.

Welche Anforderungen an Menschen gestellt werden, ist nicht nur durch Sozialisation erlernt, sondern wird täglich insbesondere durch Massenmedien reproduziert, etwa: Heterosexualität und die bürgerliche Familie gelten als erstrebenswert, Homosexualität sei wider der Natur (sic!), arme Menschen seien bloß faul und zu wenig fleißig (sic!) usw. In unserer Gesellschaft gibt es unzählige solcher Gleichungen. Diese Definitionen werden meist von gesellschaftlichen Eliten erzählt und / oder von Gruppierungen, welche die Diskurshoheit innehaben. Dies entspricht aber keineswegs der Realität, denn gesellschaftliche Werte, Metaphern und Geschichten sind sozial und kulturell gelernt und können daher niemals „natürlich“ sein.

Ich bin daher der Ansicht, dass kulturelle und soziale Wertvorstellungen Grundlagen davon sind, wie Menschen miteinander (aber auch mit Natur, Umwelt, Tieren etc.) umgehen, aber auch dafür verantwortlich sind, wie verschiedene gesellschaftliche Bereiche – etwa Sexualität, Gewalt, Dominanz, Marginalisierung etc. – aufgeladen sind und verhandelt werden. Zudem bestimmen die entsprechenden Aufladungen von Werten (also jeweils abhängig davon, wie die jeweilige Wertkonzeption des jeweiligen Gebiets überhaupt definiert ist), sämtliche kollektive Vorstellungen, wie mit verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen umgegangen werden soll. Gleichzeitig bedeutet das, dass die Charakterisierungen dieser Gruppen sozial konstruiert und mit kulturellen Bedeutungen aufgeladen sind. Dabei spielt es eben auch eine wichtige Rolle, wie gesellschaftliche Werte grundsätzlich besetzt und dass diese in ein größeres soziales / gesellschaftliches Ganze eingebettet sind.

Wichtig ist meines Erachtens daher, Macht- und Herrschaftsstrukturen wie u.a. weiße und männliche Privilegien zu reflektieren. Reflexion kann zu einer Wende beitragen, wenn die Selbstbeobachtung verbunden ist mit einer Selbstkritik und dem Verlernen / dem Abgewöhnen von Verhaltensmustern, welches Menschen einschränkt.

Trotz der Verinnerlichung der sozialen Ordnung gibt es Menschen, die widerständige (queere) Körperroutinen / Körperpraktiken leben, also auf die gesellschaftliche Struktur zurück wirken, indem sie aktiv Handlungen setzen. Somit sind Menschen gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen nicht hilflos ausgeliefert, vielmehr haben sie sehr wohl Handlungsspielräume.

(Ich denke, dass in diesem Artikel weiße Privilegien zwar angesprochen wurden, aber zu kurz gekommen sind. Dies ergibt sich aus dem gesetzten Fokus von diesem Artikel, ist aber ein mögliches Thema für einen weiteren Blogpost, welcher sich mit der Reflexion von weißen Privilegien auseinander setzt.)

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

[8. Teil]: Was können Männer* tun; „Priv“ von Frauen*

<– Themen im 7. Teil: div. Bspe: Unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Tätigkeit von Männern* und Frauen*; Familie / Ehe / Karriere / Kinder; Verschiedenes; Weiterführende Links / Leseempfehlungen

INHALT VON TEIL 8

3.3.8 Was können Männer* tun? Wie sollen sie mit männlichen Privilegien umgehen?

Verschiedene Formen von Männlichkeit sind also in dominanter Art und Weise allgegenwärtig, während Frauen* in vielen Bereichen der Gesellschaft marginalisiert werden, wie in den Beispielen im 3. Kapitel veranschaulicht. Es ist zwar auch möglich, dass einige Frauen* von der patriarchalen Dividende (vgl. 2.2 / 3. Teil) profitieren, allerdings in einer ganz anderen Relation. Dabei gründen sich fast alle dieser Privilegien / Diskriminierungen auf der Naturalisierung und Konstruktion von vermeintlich zwei Geschlechtern, welche angeblich heterosexuelle Liebesbeziehungen miteinander eingehen. Diese strikte Trennung in nur zwei Geschlechter sowie Beschränkung auf Heterosexualität schränkt Menschen ein, eine solche Kategorisierung diskriminiert jene, die nicht in eine solche Zweiteilung aller Menschen hineinpassen können oder wollen. Gleichzeitig ist zu beachten, dass Überschneidungen mit anderen marginalisierten Gruppen bestehen. (Stichwort „Intersektionalität“, vgl. u.a. 2.1; 2.2 / beide: 3. Teil).

Wie können nun Männer* mit den Privilegien, von denen sie tagtäglich profitieren nun umgehen?
(Zur Erinnerung: männliche Privilegien haben mit struktureller / institutionalisierter Gewalt zu tun, was nicht als “kulturell-böswillige Erfindung” zu bewerten, sondern sozial, kulturell, historisch entstanden / gewachsen ist; vgl. Meuser/Scholz 2005: 224).
– Klassische Geschlechterrollenklischees reflektieren: Zunächst ist es eine wichtige Voraussetzung zu erkennen, dass Mann* und Frau* keine natürlichen Kategorien sind.
– Reflektiere in Gruppen Verhaltensmuster von Männern*.
– Reflektiere deine eigenen Verhaltensweisen inklusive der Auswirkungen dieser Verhaltensweisen auf Menschen in einer sozialen Situation.
– Verzichte auf alle Formen der (sexualisierten) Gewalt und der Kontrolle über Menschen.
– Beobachte dich selbst: verhältst du dich dominant? Andere darauf hinweisen, dass sie sich evt. dominant verhalten.
– Männlichkeiten einfach abzuschaffen ergibt keinen Sinn, es ist ja in den Köpfen verwurzelt. Was schwer abzustellen ist, sind männliche Verhaltensweisen. Das ist das, was mann als männliches Privileg unbewusst kennen gelernt hat: Daher sollte eher auf klassische männliche Symboliken verzichtet werden, oder diese zumindest reflektieren (Schusswaffen als „ästhetisches Symbol“, Autos als Statussymbol, Mimik, Gestik, breitbeinig sitzen (zB. in Öffis, auch Frauen* ernst nehmen). Klarerweise hilft es nicht, die Symbolik zu ändern, wenn die Verhaltensweise dieselbe bleibt.
– Strategien: Pluralität! Viele Formen! Aber nicht die eine bessere Form von Männlichkeit.
– Daher ist es notwendig, vielfältige Identitäten denkmöglich und schließlich lebbar zu machen sowie „Sexualität ihrer vermeintlichen Natürlichkeit zu berauben und sie als ganz und gar von Machtverhältnissen durchsetztes, kulturelles Produkt sichtbar zu machen“ (Jagose 2001: 11). Wichtig ist es außerdem, den Stellenwert von Sexualität in (Liebes)Beziehungen zu reflektieren (Oftmals wird allein Penetration als „Sex“ definiert. Damit wird Sex als heterosexuelle, männliche Norm gesetzt, welche abzulehnen ist und kritisiert werden muss).

  • Haben wir gewaltfreie liebevolle (Liebes-)Beziehungen und Umgangsformen?
  • Welche Rolle spielen Liebe und Beziehungen, gehen wir in der Sexualität achtsam miteinander um?
  • Ist unsere Utopie und Praxis offen für vielfältigste Lebensentwürfe (kulturell, sexuell, religiös, spirituell, körperlich)?

Mit „queer“ sollen Identitäten verhandelt und politisiert werden und eine Auseinandersetzung mit Identitäten und den Grenzen von „Identitäts- und Reformpolitik“ stattfinden (vgl. Holzleithner 2001; Jagose 2001: 167).
– „Eine queere Forderung lautet deshalb, dass es nicht darum gehen kann, Politik auf einer Identität aufzubauen, die das Ergebnis von Herrschaft ist. Vielmehr ginge es darum, diejenigen gesellschaftlichen Praktiken und Kontexte, die diese Zuschreibung von ‚Identität‘ begünstigen, aufzuzeigen und anzugreifen“ (Jagose 2001: 167-168). Weiters ist es wichtig festzuhalten, dass queer an keine „bestimmte Identitätskategorie gebunden ist“ (Jagose 2001: 14). Der Begriff stellt auch keine neue Identität dar, sondern möchte vielmehr Kritik an Identitäten üben, um aufzudecken, wie Begriffe konstruiert sind (vgl. Villa 2007: 178).

Weitere Fragen, welche für die Reflexion von Privilegien hilfreich sein können
• Wer macht die reproduktive Arbeit (Raum fegen, Abwasch, Essen vorbereiten, emotionale Beziehungsarbeit, Kindererziehung)?
• Wie ist unser Redeverhalten?
• Wie ist zahlenmäßig das Verhältnis Frauen* – Männer* in Gruppen?
• Warum nehmen Frauen* weniger am öffentlichen Leben teil?
• Wie sind die ökonomischen Verhältnisse, wie gleichen wir diese aus?
• Wer organisiert / plant Kinderbetreuung, wer führt diese schließlich durch?
• Ist unsere Utopie und Praxis offen für vielfältigste Lebensentwürfe (kulturell, sexuell, religiös, spirituell, körperlich)?

3.4 „Privilegien“ von Frauen*

Pension und Wehrpflicht
Oftmals werden als „offensichtliche Privilegien von Frauen“ angeführt, dass diese einerseits die Wehrpflicht im Gegensatz zu Männern nicht leisten müssen und früher in Pension gehen können. Nun sind aber Gewalt-Institutionen des Staates wie Militär und Polizei männlich und männerbündisch organisiert und daher gesellschaftlich wichtige Institutionen, in welchen sich Männlichkeiten begründen (vgl. 2.3 / 3. Teil). Vom Militärdienst waren Frauen* beispielsweise in Deutschland, als auch in Österreich bis 1.1.2001 ausgeschlossen, für die Öffnung aller Laufbahnen der Bundeswehr war etwa eine Verfassungsänderung nach einem Urteil des EuGH erforderlich. (Was bedeutet, dass Frauen* wie in so vielen gesellschaftlichen Bereichen per Gesetz ausgeschlossen waren). Die Formulierung „Frauen* müssen nicht Militärdienst leiten“ ist also irreführend, näher an der Realität ist der Satz „Frauen* durften nicht Militärdienst leisten.“ Daraus folgt: „Hegemoniale Männlichkeit wird in den sozialen Feldern konstituiert, in denen, historisch variabel und von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich, die zentralen Machtkämpfe ausgetragen und gesellschaftliche Einflußzonen festgelegt werden. Das war im imperialen Nationalstaat des 19. Jahrhunderts das Militär, und das sind in den gegenwärtigen globalisierten neoliberalen Gesellschaften des Informationszeitalters vermutlich das technokratische Milieu des Top-Managements und die Massenmedien“ (Meuser/Scholz 2005: 217). Männerbünde sind keine Orte der Gleichheit. Militär und Bürokratie sind Beispiele dafür. Der männliche, soldatische, heroische Mann ist das politische Ideal. Alle anderen werden als „Weiber“ abgewertet (Weber 1972: 616). Militär als Männerinstitution pflegt das Geheimnis, wodurch der Mann* zum Mann* wird (Erdheim 1982: 336). Die Struktur des Militärs reproduziert sich über Initiationsriten, wodurch die ungleiche Ordnung hingenommen wird. Kasernensozialismus macht Rekruten zunächst zu „Frauen“ im sozialen Sinne. (müssen Tätigkeiten übernehmen, die in der Gesellschaft von Frauen erledigt werden).

Das Militär als Institution ist problematisch und müsste als Ganzes abgeschafft werden. Es ist keinem Mann* geholfen, wenn nun auch Frauen* den Militärdienst leisten müssten. Dazu kommt, dass es in der EU nur mehr in 6 Staaten die Wehrpflicht gibt. Außerhalb der EU (zB. in Norwegen und in Israel) gibt es die Wehrpflicht auch für Frauen*.

Ebenso ist es kein Privileg von Frauen*, dass sie früher in Pension gehen dürfen, als Männer*. Dabei muss die Frage gestellt werden, wem dies nutzt. Nach Sibylle Hamann nämlich dem_der Arbeitgeber_in (mit Erreichen des Pensionsalters erlischt der besondere Kündigungsschutz), den Arbeitskollegen (Karrieresprung, Gehaltserhöhung), ggf. ihrem Ehemann (Bewältigung von Hausarbeit), den erwerbstätigen Kindern und Schwiegerkindern (Babysitten), den alten Eltern und Schwiegereltern (Pflegearbeit). „Schließlich nützt es jenen, die alle tatsächlichen Benachteiligungen von Frauen in der Gesellschaft schönreden wollen. Gehaltsschere, Diskriminierung am Arbeitsplatz, ungleiche Verteilung von familiären Pflichten, Doppelbelastung.“ Gleichzeitig würde eine Anhebung des Pensionsantrittsalters Frauen* länger in die Arbeitslosigkeit bzw. in die Altersarmut treiben. Andere argumentieren, es sei ein Nachteil, dass Frauen fünf Jahre früher in Pension gehen können. „Einerseits weil den Frauen die einkommensstärksten Jahre für die Pension fehlen, andererseits weil ihnen oftmals der letzte Karrieresprung aufgrund des ohnehin bald nahenden Ruhestands verwehrt bleibt.“

Viele der „angeblichen Privilegien“ von Frauen* beruhen grundsätzlich auf geschlechtlichen Rollenklischees

  1. Der Mann* sei das starke, die Frau* das schwache Geschlecht: darauf gründet sich etwa der Ausschluss der Wehrpflicht von Frauen*, hinzu kommt die jahrhundertelange männerbündische Organisierung dieser Institutionen. „Systeme wie die Wehrpflicht scheinen zunächst von Vorteil für Frauen zu sein, genauer betrachtet verstärken sie aber die sexistischen Institutionen, die sowohl Männer als auch Frauen an wirklicher Gleichberechtigung hindern. Außerdem sollte angemerkt werden, dass es nicht zwangsläufig den Gegenpart des ‚weiblichen Privilegs‘ geben muss, nur weil ein männliches Privileg existiert. Das liegt daran, dass, obwohl es in den letzten Jahren einige Fortschritte hin zur Gleichberechtigung gab, Frauen als Klasse noch immer nicht das Spielfeld geebnet haben. Weitaus weniger Frauen sitzen in den Machtpositionen der Institutionen, die Männern als Klasse ihre Macht geben.“

  2. Menschen, welche in ein normiertes, gesellschaftliches Bild von „Schönheit“ hineinpassen werden privilegiert (wobei sich dies bei Frauen* anders verhält, als bei Männern* bzw. haben es zweitere in manchen alltäglichen Situationen leichter, weil Männer* nicht so oft wie Frauen* auf Schönsein reduziert werden).
    Ist es tatsächlich ein Privileg, auf Körper, Sexualität, Sexappeal reduziert zu werden (ein als „schön“ wahrgenommener Mann* wird im Gegensatz zu einer Frau* nicht auf diese Kriterien reduziert, da bei diesem immer auch andere „Kriterien“ miteinbezogen werden, eine reine Reduzierung als Objekt ist meist nicht der Fall) und dadurch „Vorteile“ zu haben? Nein! Die angeblichen Vorteile einer „gutaussehenden, jungen Frau*“ können allerdings schnell nach hinten losgehen, etwa wenn sie für „schön dumm“ gehalten und weniger ernst genommen wird. Oder wenn beim neuen Job gesagt wird: „Die hat den Job doch nur bekommen weil sie gut aussieht“.

Intersektionalität und wohlwollender Sexismus
Abermals muss hier intersektional vorgegangen werden, da weitere Diskriminierungen bei dieser Thematik hinzukommen: Ableismus, Lookismus, fat shaming, Ageismus sowie weitere Stereotypen und Vorurteile, welche sich auf Schönheitsnormen gründen. Mit dem Vorteil „schöner Menschen“ sind also auch Benachteiligungen von jenen verbunden, die nicht in dieses Bild passen, was insbesondere Frauen* trifft, da deren Aussehen grundsätzlich mehr beurteilt wird, als jenes von Männer* (vgl. 3.3.2 / 6. Teil).
Wie kann es als Privileg gesehen werden, wenn Frauen* auf ihren Körper reduziert, als Sexsymbol / Verführung konstruiert werden und als Folge dieser Konstruktion angebliche „Vorzüge“ genießen, welche auf der Reduktion als Objekt fußen? Das ist kein Privileg, sondern „wohlwollender Sexismus“. (Siehe auch hier).

Denn „privilegiert“ werden Frauen* ausschließlich dann, wenn sie sich in das gesellschaftliche Konstrukt von Geschlecht und Schönheit anpassen. Frauen*, die weder in diese Schönheitsnorm passen und sich nicht in die Rolle des zu beschützenden Wesens unterordnen wollen, haben auch diese Pseudoprivilegien nicht. Dazu kommt, dass es female Privileges auch aus folgendem Grund nicht gibt: „In einer Geschlechterhierarchie, die von einem binären Geschlechterverhältnis ausgeht, kann nur ein Geschlecht oben stehen. Female Privilege ist eine andere Bezeichnung für wohlwollenden Sexismus, und der ist kein Privileg.“ Diskriminierung von Männern* gibt es ohne Sexismus gegen Frauen* nicht (vgl. 3.5 / 9. Teil). Somit stimmt auch der Satz „Privilegien von Frauen* gibt es ohne Sexismus gegen Frauen*“ nicht.

Außerdem ist zu beachten, dass angebliche „Privilegien“ von Frauen* nicht am Fundament des Patriarchats rütteln, keines dieser Pseudovorteile stellen in irgendeiner Weise das Patriarchat in Frage und genau das ist der springende Punkt, warum female Privileges nicht existieren. Weiters ist es absurd, Rollenbilder gegeneinander auszuspielen, unter welchen alle Geschlechter leiden. Es geht um Zwänge / stereotype Rollenerwartungen und den damit verbundenen Einschränkungen, denen Menschen jeden Tag ausgesetzt sind.

„Größtenteils erfahren Frauen Begünstigungen aus ritterlichem Glauben, die häufig als ‚weibliche Privilegien‘ [wahrgenommen] werden, so wie Männer Vorteile aus dem System der männlichen Privilegien erlangen. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass der Status Quo für die Männer ihnen Status und Macht gewährt, sowohl in öffentlichen als auch privaten Räumen, wohingegen der Status Quo für Frauen einer ist, der ihre Macht auf den deutlich kleineren, eingegrenzteren häuslichen Bereich limitiert.“ 

Wohlmeinender Sexismus, der oft auch noch als „Beschützertum“ oder „Ritterlichkeit“ verkauft wird, ist nämlich eines der zentralen Merkmale dafür, dass unser Konstrukt von Männlichkeit und Weiblichkeit einer konservativen Kultur entspringt. […] Dieses Phänomen wird definiert als „negative Konsequenz einer männlichen Haltung, die Frauen als rein, moralisch und anbetungswürdig idealisiert; als Objekte, die von Männern verehrt, beschützt und versorgt werden müssen. Viele dieser Manieren werden schon in der Kindheit erlernt, und zwar um Mädchen und Jungen dazu zu erziehen, wahre ‚Damen‘ und ‚Kavaliere‘ zu werden (anstatt sie einfach zu anständigen und liebenswürdigen Menschen heranwachsen zu lassen, die zusammenhalten). Kurz, was viele Leute für Ritterlichkeit und ‚männliches Benehmen‘ halten.“ Damit werden Frauen* aber nicht nur als „wunderbare Wesen dargestellt, sondern gleichzeitig auch als schwach, inkompetent, kindlich und schutzbedürftig“. So werden klassische Vorurteile aufrechterhalten.

Weiters soll an dieser Stelle erwähnt werden, dass der Ausschluss von Männern* in manchen Räumen nicht einfach als „umgekehrter oder positiver Sexismus“ bezeichnet werden kann. Vielmehr geht es darum, Räume zu schaffen, die für alle offen sind, unter patriarchaler Unterdrückung leiden. Dies stellt eine antisexistische Strategie dar, da in der Gesellschaft ohnehin extrem viele Räume existieren, die als „Männerräume“ (vgl. 3.3 / 6. Teil) zu bezeichnen sind. Eine Auseinandersetzung mit, bzw. Erklärung davon, was FLIT* Politik ist, findet sich hier.

Zuletzt soll angemerkt werden, dass angebliche Privilegien von Frauen* oftmals dann angeführt werden, wenn männliche Privilegien angesprochen werden. Dies ist eine derailing Strategie. „When this happens, it becomes disruptive of the discussion that’s trying to happen, and has the effect (intended or otherwise) of silencing women’s voices on important issues such as rape and reproductive rights.” Das bedeutet nicht, dass nicht auch über Männer* und Maskulinität diskutiert werden sollte und darüber, wie Männer* unter Gewalt leiden (Dies wird im nächsten Punkt 3.5 angesprochen). Allerdings nicht, wenn es in einer Diskussion gerade um etwas anderes geht.

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 9. Teil:
3.5 Auswirkungen von Geschlechterstereotypen / gesellschaftlichen Rollenerwartungen auf Männer*
3.6 Männer* und Gewalterfahrungen; Schlussfolgerungen

[7. Teil]: Weitere Beispiele für männliche Privilegien aus verschiedenen, gesellschaftlichen Bereichen (II)

<– Themen im 6.Teil: Weitere Bspe männl. Privilegien; Marginalisierungen und Diskriminierungen von Frauen* aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen; Männliche Dominanz / das Männliche als Norm; Geschlechterstereotypen / Sexismus in der Werbung / Reduzierung von Frauen auf Schönsein und Sexualität

INHALT VON TEIL 7

3.3.4 Unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Tätigkeit von Männern* und Frauen*

  • Vieles was Männer* machen, wird per se als positiv bewertet (Männer*, die Kinderwagen schieben: offen, progressiv; Überstunden: toller Karrieremann); vieles was Frauen* tun, wird als negativ beurteilt (in Technikberufen nicht ernst genommen (wie dieses Bsp. zeigt); Frauen*, die Überstunden machen: würden sich nicht um das Kind sorgen).
  • Die Beurteilung einer Tätigkeit eines Menschen erfolgt viel zu oft danach, ob dieser als Mann* oder als Frau* wahrgenommen wird. Wenn zB. ein Bub* an Küchengeräten spielt: „Du interessierst dich für Technik“, wenn das ein Mädchen* macht: „Du wirst bestimmt mal eine gute Hausfrau.“ Dasselbe Verhalten wird völlig unterschiedlich interpretiert; das liegt auch an den Geschlechterstereotypen (vgl. 1.3 / 2. Teil): erwartetes Verhalten wird verstärkt, andernfalls wird es ignoriert.
  • Gedankenexperiment: Ein Mann* und eine Frau* gehen im Abstand von 10 Minuten jeweils allein und oben ohne durch eine belebte Fußgänger_innenzone: Wie reagieren die Passant_innen jeweils auf die beiden? Frauen* haben im Gegensatz zu Männern* nicht die Möglichkeit, oben ohne durch die Straßen zu gehen. Manche vermuten möglicherweise: „Natürlich, können sie ja einfach machen“. Das stimmt nicht, sie können es nicht „einfach machen“, wenn sie sich nicht den (höchstwahrscheinlich) sexistischen Reaktionen (Reduktion auf den Körper, „geil / sexy“, Bewertungen) aussetzen wollen. Auch hier wird Abweichendes von der Norm wieder markiert: Männer* mit nacktem Oberkörper sind allgegenwärtig und in vielen Kontexten anzutreffen. Männer* müssen keinen Bikini tragen, weil männliche Brüste nicht sexualisiert sind.
  • Ähnlich verhält es sich mit dem Privileg von Männern*, in der Öffentlichkeit seine Notdurft zu verrichten. Dieses Privileg hängt mMn etwa nicht mit dem anatomischen Unterschied zusammen, dass dies im Stehen leichter als im Sitzen durchzuführen ist, sondern abermals mit der Reaktion und unterschiedlichen Bewertung auf diese Handlung. Unabhängig davon gibt es auch Möglichkeiten für Menschen mit Vagina, im Stehen zu pinkeln.
  • Bestimmte Dinge werden mit Männlichkeit verknüpft, beispielsweise ein halbnackter Putin. Hingegen gibt es bei halbnackten Frauen völlig andere Assoziationen. Dies liegt unter anderem auch an Geschlechterstereotypen (vgl. 1.3), oder daran, dass wir es gelernt haben, Männer* anders als Frauen* zu bewerten. „Wenn Frauen und Männer das Gleiche tun und sagen, ist es aufgrund der unterschiedlichen Bewertung noch lange nicht das Gleiche!“
  • im Berufsleben, wenn Männer* und Frauen* das Gleiche tun oder sagen u er als ehrgeizig und sie als aggressiv bewertet wird.
  • beim Autofahren, wo Männer* und Frauen*, wenn sie sich gleich verhalten, sie als furchtsam und er als vorsichtig gilt.
  • bei Beschwerden, wenn sie sich gleich ausdrücken, Männer als wütend und Frauen als vulgär gelten.
  • Frauen* werden beim Reden häufiger unterbrochen als Männer* – und zwar meistens durch Männer*. Das, was Frauen* zu sagen haben, wird oft nicht so ernst genommen oder eben belächelt (vor allem wenn auf Formen der Diskriminierung hingewiesen wird); oder bei einem Vortrag werden Fakten von Männern* wiederholt, obwohl es die Rednerin bereits viel besser formulierte.
    Ten simple words every girl should learn

  • Männer*, die sich über ein vergewaltigtes Mädchen* lustig machen.

3.3.5 Familie / Ehe / Karriere / Kinder

  • Frauen* wird „Hauptverantwortung“ der Kindererziehung zugesprochen (vgl. 3.1 / 4. Teil; 3.2 / 5. Teil)
  • Männer* gelten (insbesondere in den Weltreligionen, aber auch in säkularisierten Gesellschaften) noch immer häufig als „Familienoberhaupt“, deren Lohnarbeit mehr Wert zu haben scheint; gleichzeitig müssen sich Frauen* anhören, dass sie als „Hausfrau“ (sic!) „eh nicht arbeiten! (sic!), weil sie von einem Mann* finanziert werden.
  • Daraus folgt, dass der Mann* seiner Karriere nachgehen kann, die Frau* aber für die Kindererziehung und den Haushalt verantwortlich gemacht wird. Weil der Mann* angeblich für die Repräsentation nach außen verantwortlich ist, die Frau* aber nur innerhalb der eigenen vier Wände agiert, genießt der Mann* mehr gesellschaftliches Ansehen.
  • Nach diesem Artikel zu urteilen, sind die ehelichen, sexuellen Pflichten noch immer nicht abgeschafft, da sie eingeklagt werden können.
  • Als Mann* habe ich das Privileg, dass die Entscheidung, mich für einen bestimmten Job einzustellen nichts mit der Vermutung zu tun hat, ob ich in der nächsten Zeit schwanger werde und eine Familie gründen möchte. (Dieses und folgende Beispiele sind zum Teil von hier übernommen).
  • Von mir wird nicht erwartet, dass ich nach einer Eheschließung meinen Nachname ändere; es wird auch nicht in Frage gestellt, wenn ich nicht diesen Namen ändere.
  • Wenn ich keine Kinder habe, wird meine Männlichkeit nicht in Frage gestellt
  • Wenn ich Kinder habe, mich um diese aber nur bedingt kümmere, wird mir meine Männlichkeit nicht abgesprochen;
  • Wenn ich Kinder habe und Karriere mache, wird niemand denken, dass ich egoistisch bin, weil ich nicht zuhause bin und mich um diese kümmere.
  • Es ist nicht von jeder Frau* der größte Wunsch, Kinder zu bekommen.

  • When is she getting married? Will she have children? Is she pregnant now? „My ‚value as a woman‘ isn’t measured by motherhood“. Hier geht es zwar um einen Star, daher fand dieser Artikel auch relativ viel Beachtung. Allerdings trifft diese Reduzierung auf Mutterschaft wohl auf viele Frauen* zu.
  • Oftmals werden stillende Frauen* in der Öffentlichkeit als Provokation empfunden.
  • Immer wieder habe ich es erlebt, dass Männer* (ihnen bekannten) schwangeren Frauen* ohne zu fragen auf den Bauch greifen, als wäre es selbstverständlich, dies zu „dürfen“. Dies ist ein Eingriff in die Privatsphäre, ob dieser Eingriff „schwer oder leicht“ ist, hat hier keine Relevanz.

3.3.6 Verschiedenes

  • Manche meiner männlichen Privilegien fallen mir gar nicht auf bzw. bemerke diese erst, wenn mir Frauen* von diversen Erlebnissen erzählen. Daher ist Reflexion als Prozess / als permanentes Lernen notwendig. Ein Beispiel: Auf einer Party lerne ich einen Mann* kennen. Dieser macht einen recht netten Eindruck, wir unterhalten uns über dieses und jenes, es gibt (für mich) keinerlei Anzeichen, dass dieser ungut / sexistisch sein könnte. (Manchmal fällt es sofort auf, aber das ist eine andere Geschichte). Später erfahre ich von Frauen*, dass er Frauen* permanent angebaggert hat, anzügliche Witze machte. Dies ist eines meiner männlichen Privilegien, dass dieser Typ auf mich „relativ freundlich“, aber auf Frauen* ganz anders wirkt.
    Hier handelt es sich um 2 Privilegien: 1. bin ich nicht vom „anbaggern“ betroffen. 2. muss ich nicht (wenn ich in der Nähe bin und dies miterlebe / beobachte) nicht Stellung beziehen. (Wozu man aber verpflichtet ist, wenn man solidarisch sein möchte). Wie bei Rassismus: Der weiße Mensch hat den Luxus, dass er / sie sich damit nicht auseinandersetzen muss.
  • Letztens hat mir eine Freundin erzählt, was ihr gehörig auf die Nerven geht: Frauen* müssen immer überzeugen (das müssen Männer* zwar auch, aber anders): viele (nicht alle) Männer* haben eine Art „Grund- bzw. Urselbstvertrauen“, dass bei Männern* öfters zu beobachten ist. Kommt dieses bei Frauen* zum Vorschein, sticht sie raus, wird markiert, weil es bei ihr nicht erwartet wird. In der gesellschaftlichen Erwartungshaltung gelten Männer* „immer cool und super“ (vgl. 3.3.4 / siehe oben), Frauen* zuerst mal als schön (vgl. 3.3.2 / 6. Teil). „Und dieses Schönsein-sollen“ macht mich auch fertig. Wir werden im Alltag ja auch eben die ganze Zeit konsumiert und biedern uns an und Männer* suchen aus.“
  • So ist es für Frauen* eben kein Kompliment, wenn sie mit „He Schnecke / Süße / Prinzessin etc.“ etwa auf der Straße angesprochen werden. Es ist nicht höflich oder „nett gemeint“, sondern eine Reduzierung auf den Körper, darüber hinaus ist es eine Verletzung der Privatsphäre.  Männer* müssen sich damit nicht rumärgern.
  • Männer* müssen sich im besten Fall nicht damit beschäftigen, im worst case werden sie von anderen Männern* in der Öffentlichkeit in einer anderen Art und Weise „angemacht“ (vgl. 3.5 / 9. Teil): In Form einer Auseinandersetzung / Streit, bei welchem auch mal Schläge angedroht werden: „Hirschkampf“, anstänkern, sich schlagen wollen – dies hat wiederum andere Ursachen: Wettbewerb, Konstruktionen von Männlichkeiten (2.2 / 3. Teil), zeigen, wer „der Stärkere“ / „der Beste“ ist, „männlich sein“, sich profilieren usw.
    “- When you dance in a ballroom, you won’t have to do it backwards in high heels;
  • When you speak in a boardroom, you won’t have to second-guess yourself in case you’re coming across as “shrill”. You reached that boardroom with the grain, not against it.
  • You don’t judge yourself for eating a cake;
  • „You haven’t, since childhood, been encouraged by the media and by every careless comment from your family to have a relationship with food that borders on psychosis.” 
  • Wenn ein Mann* mit vielen Frauen* schläft, geht die Wahrscheinlichkeit gegen null, dass er als „Schlampe“ bezeichnet wird, außerdem gibt es kein männliches Gegenstück zu „slut-shaming“. Noch genauer: Die Sprache ist von Machos geprägt und zutiefst patriarchal: Es gibt ebenso keine Bezeichnung für eine männliche „Schlampe“. Denn ein Mann*, der Sex mit vielen Frauen* hat, wird „Frauenheld“ genannt, inklusive der positiven Konnotation.
  • Als Mann* kann ich in der Öffentlichkeit zu einer großen Gruppe sprechen, ohne dass ich aufgrund meines (angenommenen) Geschlechts beurteilt werde.
    Nicht zuletzt ist folgendes zu beachten, daher ist Reflexion über Macht- und Herrschaftsstrukturen dermaßen wichtig:

Diese Beispiele sind nur eine Auswahl, die Liste lässt sich bis ins Unendliche fortsetzen. Klarerweise gibt es unzählige Privilegien mehr, welche ich unbewusst innehabe.

3.3.7 Weiterführende Links / Leseempfehlungen

 In nomine patris – Die Interessen der Väter“bewegung“ (Arte Dokumentation)

If Men Were Women
• Aufschreien gegen Sexismus – eine Sammlung: alltagssexismus.de
14 Reasons We All Need Feminism (there are many more reasons, why we need Feminism)
• Follower-Empfehlung: @femInsist auf Twitter: hier werden nicht nur male Privileges gesammelt, sondern auch Sexismus, Misogynie etc.
Die vielen Facetten des Sexismus
#HaekelKon – Dekonstruktion der Männlichkeit (Daniel Schweighöfer)
• Intersexualität und Queer-Politiken: Grenzen und Möglichkeiten der geschwisterlichen Zusammenarbeit
• Die Belästigung von Frauen ist normaler Teil [nicht nur] der österreichischen Gesellschaft geworden. Die kulturelle Definition von Männlichkeit muss hinterfragt werden.
• Wie sähe die Welt aus, wenn es keine Vergewaltigung gäbe? Ein Gedankenspiel: Wie soll man eine solche Welt beschreiben? Wahrscheinlich gliche sie der Welt, in der die allermeisten Männer leben: eine Welt, in der sexuelle Gewalt ein Abgrund ist, von dessen Existenz sie zwar wissen, in dessen Nähe das eigene Leben aber nie kommt.
• Spielzeugindustrie und Rollenklischees

Der feministische Blick
A blog dedicated to ending the oppression and minoritization of women everywhere through critical thinking, writing, expression and visual communication. Fearless Feminism means not taking no for an answer, and facing the demons we are often to afraid to confront, but that we can, and must, overpower.
• Sammlung von #Sexismus / Misogynie
8 Things Women Couldn’t Do On The First Women’s Equality Day In 1971 — And 6 They Still Can’t
Gender: Power and Privilege
Zur gesellschaftlichen Konstruktion von biologischem Geschlecht – Heinz-Jürgen Voß
10 Ways to Be a Better Male Feminist
Antifeminismus und Männerbündelei
Betty Brown – A primer on privilege: what it is and what it isn’t.
• There’s No Comparing Male and Female Harassment Online.

Nicht nur diese Beispiele, sondern sämtliche Argumentationen in diesem Artikel machen deutlich, dass unsere gegenwärtige Gesellschaft (etwa Mitteleuropa, Europäische Union, aber wohl auch darüber hinaus) als androzentristisch und sexistisch zu bezeichnen ist.

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 8. Teil:
3.3.8 Was können Männer* tun? Wie sollen sie mit männlichen Privilegien umgehen?
3.4 „Privilegien“ von Frauen: Pension und Wehrpflicht

[6. Teil]: Weitere Beispiele für männliche Privilegien aus verschiedenen, gesellschaftlichen Bereichen (I)

<– 5. Teil: Thematisierung von „ungleiche Bezahlung“ und „sexualisierte Gewalt“

INHALT VON TEIL 6

3.3 Weitere Beispiele bzgl. männliche Privilegien / Vorteile von Männlichkeiten / sexistische Stereotypen / Marginalisierungen und Diskriminierungen von Frauen* aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen

Männerdominierte Strukturen finden sich fast überall: auf der Straße, in der Disko / im Lokal, in der Schule, bei Gesprächen, in intimen Beziehungen, in der Familie, Politik, Wissenschaft, Unternehmen usw… eigentlich in fast allen Lebensbereichen. Diese können sich auch in Symbolen, oder Metaphern äußern (etwa: „Das ist doch nur ein ‚harmloser‘ Scherz“). Die Folge davon ist der Ausschluss von Frauen* und anderen Menschen, welche nicht in die weiße, männliche Norm hinein passen wie homosexuelle Menschen, Queers, Transpersonen etc.

Dass männliche Privilegien existieren, heißt nicht, dass alle Männer* wie Sklaventreiber ihre Frauen* halten, wie manche Maskulisten „den Feminismus“ (sic!) manchmal gerne darstellen. Weiters bedeutet dies nicht, dass Frauen* nicht auch von der patriarchalen Dividende profitieren können. Das tun manche, wenn etwa die Situation und Lebensrealität einer Frau* aus der Oberschicht, mit jener eines Mannes* aus der Unterschicht verglichen wird. Dieses Faktum habe ich hier näher beleuchtet. (Damit wird deutlich, dass die Gleichstellung „alle Feministinnen betrachten Männer* als Täter, während Frauen immer Opfer wären“ in den meisten feministischen Strömungen nicht existiert.)

 „Achte mal darauf, wer auf den Bus wartet und wer im Auto fährt. Das ist vielleicht der sichtbarste Beleg dafür, in welchem Ausmaß Männer* am Drücker sind.“

 

3.3.1 Männliche Dominanz / das Männliche als Norm (vgl. 1.1 / 1. Teil; 1.3 / 2. Teil)

„Das Männliche gilt als Norm und gegenüber dem Weiblichen als überlegen. Daraus leitet sich der Anspruch auf männliche Autorität ab, die wiederum die Ausübung männlicher Macht legitimiert“ (Meuser/Scholz 2005: 223).

  • Es ist häufig der Fall, dass Männer* durch ihre (u.a. durch Sozialisation) zugeschriebene und daher auch erlaubte Dominanz nicht nur in Gesprächen / Diskussionen leichter das Wort ergreifen und in verschiedenen alltäglichen Situationen selbstbewusster auftreten können. Diesbezüglich spielen auch klassische geschlechtliche Rollenklischees eine wichtige Rolle (vgl. 1.1; 1.3)

  • Medizin ist oft auf den Mann* ausgerichtet. „Forschende sind immer Subjekte innerhalb eines bestimmten psychosozialen und kulturellen Hintergrunds. Ihr Vorgehen, ihre Vorlieben und Abneigungen sind in einer kulturellen Geschlechterdichotomie entstanden und von ihr geprägt. Ihr ‘wissenschaftlicher Blick‘ wird häufig auf das gelenkt, was ihnen in diesem Gebäude plausibel erscheint, die ‘same-sex-sympathy‘. Und immer noch sind es in den Naturwissenschaften vorwiegend Männer, die forschen und damit einen männlichen Blick, einen ‘male Bias‘ in diese Forschung einbringen“ (Schmitz 2002: 7). Dieser „male Bias“ (männerzentrierte Interpretation von Lebenszusammenhängen und Sozialisationsbedingungen) zeigt sich auch in vielen verschiedenen Alltagssituationen, wie in vorliegendem Artikel deutlich werden wird.

  • Männer* wollen permanent irgendetwas erklären / Tipps geben / andere belehren (“mansplaining”): “How to mansplain“ + „Beispiele“ 

  • „Achten Sie einmal spaßeshalber in Gesprächen mit Männern darauf, wie oft er Ihnen etwas erklärt, das sie wissen, anstatt darauf zu vertrauen, dass Sie gegen fragen, wenn Ihnen etwas unklar ist.“ Frauen* werden weniger wichtig und ernst genommen; Rednerinnen werden häufig mit echten oder rhetorischen Fragen aus dem Konzept gebracht, mit Unterbrechungen diskriminiert und belästigt.

  • Frauen* müssen sich mit ihrer Position (zB. Sexismus, Benachteiligungen, Reduzierung auf Schönsein etc.) auseinander setzen, müssen für ihre Rechte kämpfen, die meisten Männer* müssen das nicht : So gibt es etwa auch in linken Zusammenhängen viele feministische Gruppierungen, aber eher wenige antipatriarchale Gruppen, in welchen sich Männer* mit ihren Privilegien auseinander setzen (hier sei nochmals auf 2.2 verwiesen und dies gilt für die meisten der hier angeführten Beispiele: nicht alle Männer* profitieren per se von der patriarchalen Dividende, gleichzeitig sind nicht alle Frauen* per se negativ von dieser beeinflusst).

  • Ein weiteres Beispiel ist Sprache: so wird im Deutschen etwa das generische Maskulinum als Norm gesetzt. Hier habe ich argumentiert, warum dies problematisch ist und das Binnen I nicht weit genug geht. Empfohlen sei auch dieses Interview mit Luise F. Pusch.

  • Dass sich männliche Dominanz und geschlechtliche Rollenklischees in der Sprache wiederspiegeln, kann in unzähligen Beispielen verdeutlicht werden: Etwa in der Verwendung der Begriffe „Triebtäter“ statt „Triebopfer“, Herrschaft / Beherrschung, See-, Zimmer-, etc. mann, Vaterland, patriotisch, „-mann“ in unzähligen Familiennamen, bemannt, Muttersprache, Schutzpatron, jedermann, Putzfrau, Mannschaft, Jungfrau, Gründerväter, Mannsbild / Weibsstück, Fräulein, brüderlich, Frauenkränzchen (abwertend), Oder auch Redewendungen: alle Menschen werden Brüder; Herr der Lage; Beherrschung verlieren; etwas auf Vordermann bringen. Wenn manche dieser Beispiele umgedreht werden, wird möglicherweise die Dominanz des Männlichen deutlich, da es „ungewohnt“ und „anders“ wirkt: matriotisch, Schutzmatronin, Jungherr, Herrlein, befraut, Frauschaft, befrauschen, Frauschaft.

  • Bei der Formulierung „Um 1840 schrieb ein Mathematiker das erste Computerprogramm.“ denken wir zuerst an einen Mann*. Dass eine Frau* (nämlich Ada Lovelace) das erste Computerprogramm geschrieben hat, wird hier verschwiegen und auch nicht „mitgedacht“. Dies ist ein Beispiel dafür (S.3ff), wie Frauen* in der Sprache negiert und ausgeschlossen werden.

  • „Mädchen“ als auch „schwul“ gelten noch immer als „Schimpfwort“, bzw. als Abwertung von Männlichkeit. „Jungen lehnen stärker das andere Geschlecht ab, schon im Vorschulalter legen sie Wert darauf, sich nicht mit Spielsachen und Aktivitäten zu beschäftigen, die als mädchenhaft gelten“.

  • Redeverhalten – Sexismus – Privileg – Dominanz – Abtreibung: (Ich habe diesen Punkt unter „männliche Dominanz“ gesetzt, weil es sich viele Männer* heraus nehmen, nicht nur über Frauenkörper zu urteilen, sondern auch über diese bestimmen wollen). Es gibt tatsächlich Männer*, welche darüber entscheiden (wollen), wie schwangere Frauen* mit ihren Körpern umgehen sollen: Seien es Ärzte, Väter, Ehemänner, die Kirche, Vertreter_innen menschenverachtender Vereine wie Pro-Life, oder andere: Es muss die Entscheidung einer jeden Frau* sein, was sie mit ihrem Körper macht / unterlässt, ob sie eine Abtreibung vornimmt oder nicht. Es ist ihr Körper und somit ihre Verfügung. Maskulisten meinen, es sei auch die Entscheidung des Mannes, des „Befruchters“: grundsätzlich kann diese Thematik nicht so per se und oberflächlich behandelt werden: es kommt immer darauf an, unter welchen Umständen die jeweilige Frau* schwanger geworden ist: im Rahmen einer glücklichen Partnerschaft, im Rahmen einer kaputten / unglücklichen Partnerschaft, nach einer Vergewaltigung, nach einer missglückten Verhütung, ohne Verhütung etc. Der Einwand mancher Maskulisten, dass auch Männer* mitbestimmen sollen, ob die Frau* das Kind bekommt, oder nicht, trifft nur im Falle einer glücklichen Partnerschaft zu (wo ja auch die Fälle „nach einer missglückten Verhütung, ohne Verhütung“ enthalten sein können). Wenn jedoch zwei Menschen glücklich miteinander und zusammen sind, machen sich diese in den meisten Fällen ja ohnehin schon vor einer Schwangerschaft Gedanken, wie sie mit einer potentiellen Schwangerschaft umgehen.

3.3.2 Geschlechterstereotypen (vgl. 2. Teil) / Sexismus in der Werbung / Schönsein und Sexualität

Vergleiche mit „Auswirkungen von Geschlechterstereotypen / gesellschaftlichen Rollenerwartungen auf Männer. Viele der bei diesem Punkt genannten Beispiele gründen sich darauf, dass Frauen zum „Sexobjekt“ / „Objekt der Begierde“ gemacht werden. Damit ist jener Sexismus verknüpft, dem Frauen* ausgesetzt sind, als Objekte keine andere Zuschreibung zu bekommen, als „schön“ zu sein. (.„Schön“ bedeutet immer: nicht intelligent, nicht ehrgeizig, aber hübsche „Dekoration“). Gleichzeitig werden Frauen* permanent angegafft / begutachtet / bewertet. Eine interessante Studie hat diesbezüglich der Soziologe Erving Goffman bereits in den 1980er Jahren gemacht. Goffman, Erving (1981). Geschlecht und Werbung. Suhrkamp: Frankfurt/Main. Deutsche Erstausgabe.

  • In der Werbung wird der weibliche Körper als Fetischisierung instrumentalisiert, um Geld zu machen. Produkte werden oft mit halbnackten Frauen* beworben, welche auf ihren Körper reduziert werden, ohne erkennbaren Zusammenhang mit dem Produkt. Dabei werden die Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle der Frauen ignoriert oder nicht ernstgenommen.

  • Nicht nur in der Werbung, auch in Filmen, Pornos, Magazinen, Fernsehen bzw. beinahe in allen Medien finden sich Bilder von leichtbekleideten Frauen*, welche dadurch objektiviziert und somit herabgewürdigt werden. Männer* müssen etwa keinen Bikini tragen, weil männliche Brüste nicht sexualisiert sind. Siehe diesbzgl. das Gedankenexperiment unter 3.3.4 Unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Tätigkeit von Männern* und Frauen*.

  • Als Mann* ist es nicht erforderlich, im konventionellen Sinn “schön” sein; die Nachteile davon sind relativ klein und leicht zu ignorieren. Die Körper von Männern* werden nicht permanent beurteilt, objektiviert, über Männer* wird nicht abwertend geredet wie zum Beispiel „schau dir mal den an, der ist so häßlich, warum hat er sich den nicht mehr Schminke im Gesicht verwendet?“

  • Unter dem Hashtag #ichkaufdasnicht sind unzählige Beispiele angeführt, welche mit sexistischen, rassistischen, aber jedenfalls stereotypen Klischees „spielen“ und daher boykottiert werden. Ebenso gibt es eine Sammlung diesbzgl. in einem Blog.

  • Als Mann* sagt dir vielleicht dein_e Ärzt_in, dass du ein paar Kilos abnehmen sollst, aber nicht der Taxifahrer. Auch nicht „Fashionmagazine“, welche sich damit beschäftigen, wie du schöner, dünner, sexier werden kannst.

  • Robert Webb über männliche Priviligien: “You won’t open the Sun and compare your own cock to that of a well-endowed model.

  • You won’t get dressed for a party and worry if you look like a slut, or get called a slut, or get raped […] ‘because you look like a slut’.

  • In the rare event that you do get raped, the police won’t seem to mind what you were wearing. Lawyers won’t ask what you were wearing; your mother won’t ask what you were wearing”. 

  • Gedankenexperiment: Ein Paar, ein Mann* und eine Frau* gehen gemeinsam auf einen Ball. An die Frau* werden besondere Anforderungen bzgl. Schönsein gestellt, weswegen sie ein passendes Kleid suchen, sich schminken, die Haare machen, Ohrringe finden, sich die Beine rasieren etc. muss. Der Mann* hingegen schlüpft in seinen Anzug und fertig. Das ist das häufige Klischee, dass Frauen* immer so viel Zeit benötigen, um sich für den Abend im wahrsten Sinne des Wortes „herzurichten“ (um als heterosexuelle Frau* von Männern* als begehrenswert empfunden zu werden). Aber warum ist das so? Es ist eine gesellschaftliche Erwartungshaltung. Männer* tragen Anzüge; welche in der Masse auf einem Ball wie eine Uniform wirkt, es können nicht viele Unterschiede zwischen ihnen erkannt werden. Von Männern* wird in der Hinsicht „Schönsein“ viel weniger erwartet als von Frauen*.

  • Ein anschauliches Beispiel für diesen Umstand liefert Waltraud Posch, sie zitiert ein Interview mit Viktor Klima (österr. Bundeskanzler 1997-2000). „Ich habe für das Geschäft eine Art Montur, blauer Anzug, weißes Hemd und eine rote Krawatte. Es ist einfach, man muss nicht nachdenken in der Früh und zieht immer das gleiche an. Ich habe auch immer das gleiche Paar Schuhe. Schon mehrere, aber immer das gleiche Design. Das sind die Parker, Größe 11, Breite F. Das ist simpel zu kaufen – ich rufe einfach im Geschäft an“ (Posch 2009: 74). Für Männer* ist der Umgang mit Kleidung unbeschwerter, weil sie (von der gesellschaftlichen Erwartungshaltung her) nicht damit glänzen müssen, schön zu sein. Zwar haben auch Frauen* die Möglichkeit, Anzüge zu tragen, allerdings hat das eine andere zugeschriebene Bedeutung. „Das Tragen eines Anzugs gilt als Wahl, als Symbol, als Positionierung und damit als Anlass für die Beurteilung und öffentliche Thematisierung einer Person. Ein Mann im Anzug folgt der Norm. Eine Frau im Anzug gibt ein Statement“ (Posch 2009: 75).

  • Ich als Mann* muss mir keine Gedanken darüber machen, ob ich mir mit bestimmten Klamotten anzügliche Sprüche oder Blicke einfange, oder ungewollt berührt werde (außer es sieht zu „unmännlich“ aus, vgl. 3.5 / 9. Teil). – Mir hat noch nie irgendwer gesagt, dass ich mir an einer bestimmten Stelle am Körper die Haare wachsen lassen (zB. Kopf), oder mich rasieren soll (zB. Beine).

  • Frauen* werden meist eher nach ihrem Aussehen und weniger nach ihren Erfolgen und Fähigkeiten beurteilt.

  • Eines meiner männlichen Privilegien ist, dass ich nicht permanent durch Medien dazu angehalten werde, die Form meines Körpers zu verändern, welche entsprechend eines männlichen Ideal definiert ist. Sei es durch Diät, Bewegung oder Operation – dadurch unterliegen Frauen*körper Reglementierungen und Normierungen. „Liebe Mitmenschen. Es ist nicht eure Aufgabe die Körper anderer Menschen zu beurteilen!“

  • „Nowadays, in a fasion world, especially on the consumer side, where clothing that looks like it has been designed simply for reed-thin adolescent girl bodies is the norm, all females no matter their age are being socialized either consciously or unconsciously to have anxiety about their body, to see flesh as problematic” (Hooks 2000: 35). – ver-dünn-isier dich!

https://twitter.com/RiotMango/status/292995766807576578

  • „Männer* sind also egoistischer, und Frauen* können sich einfühlen“: Hier geht es abermals um gesellschaftliche Erwartungshaltungen und Rollenklischees: Unterschiede zwischen vermeintlich zwei Geschlechtern (sic!) werden betont und überhöht dargestellt, was in diese Kategorisierungen nicht hinein passt wird oftmals ignoriert. Problematisch ist dies insbesondere deswegen, weil damit „natürliche Unterschiede“ zwischen Männern* und Frauen* konstruiert werden und im schlimmsten Fall eine Hierarchisierung des Mannes* über der Frau* rechtfertigt, dass Frauen* für Sorgearbeit zuständig wären (vgl. 3.1 / 4. Teil), Männer* für die öffentliche, repräsentative Sphäre „besser geeignet“ (sic!) wären usw. usf.

  • Ist ein Mann* in einem hohen, staatlichen Amt in dieser Pose vorstellbar?:

https://twitter.com/picturingpe/status/472367611234496512

  • Kritik an Frauen*, die zB. einen tiefen Ausschnitt haben und Mann* dauernd hinein schauen „müsse“; Kritik an Frauen*, die zu dick, oder zu dünn seien, Kritik an Frauen*, die zu viel (zB. eine Burka), oder zu wenig Kleidung angezogen haben. „A dress does not mean yes“: Diese „Kritik“ hat nichts mit Kritik zu tun, sondern ist schlicht und einfach diskriminierend. Alle Menschen sollen genau das anziehen dürfen, was auch immer sie wollen, ohne sich Kommentare bzgl. Kleid, Figur, Frisur etc. anhören zu müssen.

  • Geschlechtertrennung in Kindergarten / Schule (Noch vor 2 Generationen existierten in Österreich jeweils eigene Schulen für Männer* und Frauen): Manche werden es möglicherweise von den eigenen Erfahrungen in Kindergarten / Schule kennen: Bei ersterem etwa gibt es getrennte Spielräume für Buben und Mädchen*, in etwa: Bauklötze vs Küche. Bereits in dieser frühen Phase der Kindheit werden vermeintlich zwei Geschlechter getrennt und ihnen je nach Geschlecht entweder Handarbeit bzw. Technik nahe gelegt. „Eleanor Maccoby beschreibt in einem narrativen Forschungsüberblick die unterschiedlichen Kulturen von Mädchen und Jungen in der Kindheit. Sie vertritt dabei die These, dass eine weitgehende Geschlechtertrennung in der Kindheit die Ursache für Geschlechtsunterschiede im psychischen Erleben und Verhalten Erwachsener ist.“

  • Dass Frauen* oft nur als Objekte gesehen werden kommt in dem Pseudokompliment zum Ausdruck, wenn ein Mann* einem anderen dazu „gratuliert“ (sic!) wie schön seine Freundin ist (sic!).

3.3.3 Marginalisierung / Ausschluss von Frauen*

  • Ausschlussdiagnose Mutter mit Kind
  • Warum lernen wir in der Schule fast nur über große männliche, weiße Dichter / Philosophen / Künstler / Wissenschafter, obwohl doch bei Frauen* angeblich die sprachlichen Gehirnregionen ausgeprägter sind als bei Männern? Und wieso sind dann die Chefredakteure großer Zeitungen Männer, wenn Frauen* doch sprachbegabter wären? Wieso erfahren wir im Kunstunterricht nur über männliche Maler, in Musik nur männliche Komponisten, wenn Frauen* doch angeblich emotionaler und kreativer seien (Männer* hingegen rationaler)? Warum werden Frauen* in die Rolle der „Hausfrau“ gedrängt, welche für Männer* kochen, während die sog.  „Starköche“ fast durchgehend Männer* sind?

  • Marginalisierung / Ausschluss betrifft sämtliche männerdominierten Räume in der Gesellschaft, wenn beispielsweise an den Stellenwert von Fußball, oder Formel 1 gedacht wird (dass „Fußball“ / „Formel 1“ höchstwahrscheinlich zumeist mit „Herrenfußball“ bzw. mit „Männermotorsport‘“ assoziiert wird, macht diese Dominanz deutlich), oder Burschenschaften, Kirche, österreichischer Kartellverband. Viele meinen jetzt möglicherweise: „Mit Kirche und Burschenschaften hab ich nix am Hut, diese Vereine sind veraltet und haben mit Progressivität nix zu tun.“ Das stimmt, allerdings haben etwa Kirche und Burschenschaften in Österreich auf jeden Fall eine große gesellschaftliche Relevanz, Macht und Einfluss, nicht nur im Parlament. So sind beispielsweise 39 Prozent der FPÖ Abgeordnete Burschenschafter, mit Martin Graf als dritter Nationalratspräsident belegte ein Burschenschafter fünf Jahre lang eines der höchsten Ämter des österreichischen Staates. Auch der „neue“ dritte Nationalratspräsident Norbert Hofer beweist, dass er dem rechten Rand sehr nahe steht. Hinzu kommen die chauvinistischen Frauenbilder in Burschenschaften.

  • Darüber hinaus genießen die meisten von Männern* ausgeübten Sportarten hohes gesellschaftliches Ansehen (welche auch im TV übertragen werden), bei welchen Frauen* nicht die geringste Bedeutung haben, außer sie werden als Cheerleaderinnen abermals als Dekoration benutzt. Sport jeweils von Frauen* ausgeübt hat hingegen kaum gesellschaftliche Relevanz, falls dieser Sport für Frauen* überhaupt existiert.

  • Wenn er von Frauen* ausgeübt wird, hängt Sport auch mit Schönheitsidealen zusammen, aber auch mit weiß sein. „Frauen, die einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen, werden anderen – sportlich auch erfolgreicheren – Frauen bevorzugt.“ 

  • Auch in Filmen sind Frauen* unterrepräsentiert – sie kommen zwar vor, reden aber meist nicht miteinander über etwas anderes als über Männer*. Dies zeigt der Bechdel Test eindrucksvoll, welcher sehr niedrige Ansprüche hat, um diesen zu bestehen: 1. It has to have at least two [named] women in it 2. Who talk to each other 3. About something besides a man. Klingt einfach, allerdings können viele Filme nicht einmal diese Kriterien erfüllen. (Ob ein Film den Test besteht oder nicht hat übrigens nichts damit zu tun, ob er gut oder schlecht ist). Wie viele Filme kennst du, in denen Männer* die Hauptrolle spielen, bzw. Frauen* mehr sind, als nur „Dekoration“?

  • Frauen* sind nicht nur in Spitzenpositionen, in Wissenschaft, Politik, sondern auch im öffentlichen Raum / im Stadtbild (etwa Gassennamen, Statuen, Denkmäler…) unterrepräsentiert.

  • Es kann auch mal vorkommen, dass Frauen* n aus der Geschichte „verbannt“ / geleugnet werden

https://twitter.com/marcuschown/status/459380664643903488

  • Bei der Schaffermahlzeit in Bremen werden Frauen* traditioneller Weise ausgeschlossen. Bei diesem handelt es sich um „das älteste fortbestehende, sich alljährlich wiederholende Brudermahl der Welt.“

  • Bis auf einige wenige Ausnahmen sind Frauen* vom Frühlingsfest in Sechsläuten (Zürich) ausgeschlossen.

  • „Den Berg Athos in Griechenland dürfen nur Männer betreten – seit tausend Jahren ist das so.“

  • Golden Rock in Myanmar: Frauen* dürfen, im Gegensatz zu Männern*, das Heiligtum nicht berühren.

  • Ausschluss von Frauen* wird bspw. für Österreich auf Twitter mit einem Hashtag dokumentiert: #50ProzentAT.

  • Ich habe überlegt, eine weitere Punktesammlung anzuführen, in welchem erst kürzlich (etwa innerhalb der letzten drei Jahre) aufgehobene Ausschlüsse von Frauen* thematisiert werden sollten. Ich lasse diesen nun weg, allerdings sei auf folgende, wichtige Anmerkung verwiesen: Nur weil Frauen* in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen (ob Bundesheer, Polizei, Beteiligung an Wahlen, Besuchen einer Universität) partizipieren dürfen, heißt das nicht automatisch, dass eine gleichberechtigte Teilnahme in diesen Institutionen automatisch gewährleistet ist. In den jeweiligen Sphären gibt es noch immer die ein oder andere, größere oder kleinere Hierarchisierung, wobei Männer* jeweils an dessen Spitze stehen.

Trotz gesetzlicher Gleichstellung zw. Männern* und Frauen* in der EU (stimmt das wirklich??) sind nach Jahrhunderte langer gesetzlicher Schlechterstellungen, gezielter  Tötungen (Hexenverbrennungen) und Ausschließungen von Frauen* aus dem gesellschaftlichen Leben Begünstigungen von Männern* nicht einfach so abgebaut. Sie existieren weiter, zwar nicht gesetzlich festgeschrieben, sondern strukturell. Dies wurde nicht nur mit den theoretischen Überlegungen über das Männliche als Norm, sondern auch in praktischen Beispielen versucht zu veranschaulichen.  

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 7. Teil:
3.3.4 Unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Tätigkeit von Männern* und Frauen*
3.3.5 Familie / Ehe / Karriere / Kinder
3.3.6 Verschiedenes
3.3.7 Weiterführende Links / Leseempfehlungen

[5. Teil]: Männliche Privilegien: „Ungleiche Bezahlung“ und „sexualisierte Gewalt“

<– Themen im 4. Teil: Zwischenfazit: Der Körper als Vermittler zwischen Struktur und Praxis; [Hauptteil]: Vorteile von Männlichkeiten; Gesellschaftliche Geringschätzung von Haus- und Versorgungsarbeit im Gegensatz zu Lohnarbeit

INHALT VON TEIL 5

3.2 Thematisierung von „ungleiche Bezahlung“ und „sexualisierte Gewalt“

Es geht nicht nur um männliche Privilegien, sondern auch um Dominanz von Formen von Männlichkeiten: manches sind Beispiele dafür, wie Männer* besser bzw. höher angesehen werden als Frauen*, oder wie viele Männer* davon profitieren, dass sämtliche Bereiche auf Männer* abgestimmt sind und dass das Männliche als Norm fungiert (vgl. 2.2 / 3. Teil). In diesem neunteiligen Artikel wird nicht vernachlässigt, dass auch Männer* unter Rollenerwartungen leiden (vgl. 3.5 / 9. Teil) (allerdings nicht in der gleichen Weise wie Frauen, vgl. 3.4 / 8. Teil). Im Folgenden geht es um ungleiche Bezahlung von Männern* und Frauen* sowie um sexualisierte Gewalt. (Hier wird kein Zusammenhang zwischen diesen Themen hergestellt, dennoch werden die beiden Probleme nicht in zwei unterschiedliche Kapitel unterteilt, da sie jeweils nur angeschnitten werden).

Nach der ungleichen gesellschaftlichen Bewertung von Sorge- und Lohnarbeit ist die ungleiche Bezahlung von Männern* und Frauen* das offensichtlichste männliche Privileg, welches institutionalisiert ist. „Dreißig Jahre, nachdem die Vereinten Nationen die Konvention zur Eliminierung aller Formen der Diskriminierung von Frauen verabschiedet haben, verdienen Frauen nirgendwo auf der Welt gleichviel wie Männer. Sie erreichen in Schweden 81 Prozent des Einkommens der Männer, aber folgende Zahlen sind typischer: 64 Prozent des Einkommens von Männern in Frankreich, 63 Prozent in den USA, 55 Prozent in der Ukraine, 46 Prozent in Indonesien, 39 Prozent in Mexiko“ (Connell 2013: 20). Zusätzlich muss hier ergänzt werden, dass der übliche Vergleichsmaßstab (also Lohn für Vollzeitbeschäftigung) „echte“ Einkommensunterschiede eher verschleiert, da von einer tendenziellen „männlichen“ Normalerwerbsbiographie ausgegangen wird und tendenziell „weibliche“, prekäre, unstetige Erwerbsbiographien mit viel Teilzeitbeschäftigung nicht wirklich berücksichtigt werden (vgl. z.B. Connell 2000: 103).

Darüber hinaus sind es noch immer zumeist Männer*, welche die wichtigen und mächtigen Jobs innehaben – in der Politik, aber auch bzgl. Toppositionen in Unternehmen: „Hier liegt der Anteil 2012 bei den Geschäftsführungen bei 5,1%, bei den Aufsichtsräten bei 11,2%, wovon 42,9% der ArbeitnehmerInnenvertretung angehören. In 43,7% der Unternehmen sind weder in Geschäftsführung noch Aufsichtsrat eine Frau vertreten. Auffällig ist, dass dieser Anteil bei den börsennotierten Unternehmen (ATX, Prime Market, Mid Market, Standard Market Auction, Standard Market Continuous) noch geringer ausfällt. Hier liegt der Frauenanteil bei den Geschäftsführungen bei 1,7%, bei den Aufsichtsräten bei 9,4%)“ (Studie der Arbeiterkammer 2008 nach Bührmann 2012: 20). Zu der Unterrepräsentation von Frauen* in beinahe allen gesellschaftlichen Bereichen (Bsp. siehe unten) kommt, dass männlich zu sein in manchen (aber sehr einflussreichen Kreisen) als „Qualifikation“ gilt: https://twitter.com/aufschreien/status/459304250498363392
Allgemein gilt: je höher der Posten, desto weniger Frauen* sind beteiligt. Ein Beispiel dafür bietet diese Graphik (in dieser wird das generische Maskulinum verwendet, Frauen* werden mitgemeint (sic!); siehe bzgl. dieser Marginalisierung in der Sprache 3.3.1 / 6. Teil)

Somit ist die weitgehend informelle „Karrierekultur“ immer noch von männerbündischen Symbolen und Ritualen bestimmt: Die Zugehörigkeit zu einem „Beziehungsnetz“, einer „Seilschaft“, die Präsenz in der als Informationsbörse nicht unwichtigen Stammtischkultur, all das sind die nicht unbedeutenden Voraussetzungen einer Karriere in der Bürokratie / in Unternehmen und nicht Erfahrungen mit Hausarbeit, Kindererziehung oder Altenpflege. (Hier geht es um gesellschaftliche Wertigkeiten und nicht darum, was bedeutend sein sollte). Das heißt nicht, dass es keine Frauen* gibt, die Karriere in diesen Bereichen machen. Vielmehr handelt es sich hier um eine Erklärung, warum sie auch in diesem Bereich dermaßen unterrepräsentiert sind.

Frauen* werden auch beim Berufszugang nach wie vor benachteiligt. „Das betrifft zunächst das Ausmaß der Erwerbsbeteiligung. Es ist in den vergangenen Dekaden stark gestiegen, doch sind auch heute noch Frauen in geringerem Umfang erwerbstätig als Männer. Insbesondere in der Kindererziehungsphase ziehen sich Frauen entweder ganz aus der Berufstätigkeit zurück oder sind teilzeitbeschäftigt. Teilzeitarbeit ist mit schlechteren Karriereaussichten verbunden, und Erwerbsunterbrechungen trüben diese Aussichten noch weiter. Schließlich lässt sich nach wie vor eine ausgeprägte berufliche Segregation feststellen: Frauen konzentrieren sich auf bestimmte Tätigkeiten wie etwa Heil- und Pflegeberufe, die vergleichsweise schlechte Karrierechancen bieten. Zudem werden Frauen schlechter entlohnt als Männer. Der Brutto-Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen beträgt etwa 30 Prozent […]. [Es] werden Frauen auch bei gleicher formaler Qualifikation, gleicher Tätigkeit und gleicher Stellung in der betrieblichen Hierarchie immer noch schlechter entlohnt als Männer.“

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der „erste Wiener Gleichstellungsmonitor“. Aus diesem geht hervor, dass Wienerinnen täglich vier Stunden unbezahlt arbeiten, dazu haben sie „eine halbe Stunde weniger Freizeit als männliche Bewohner […] und verdienen, wenn sie unselbstständig beschäftigt sind, 2,40 Euro brutto weniger pro Stunde als männliche Kollegen“.

Hier kommt oft das Argument, dass alle Menschen doch die Möglichkeit haben, sich „frei“ zu entscheiden, welchen Beruf sie ausüben. „Chancengleichheit“ gibt es nicht, weil diese von Bildung, Elternhaus, soziales Umfeld etc. abhängig ist. Dazu kommt, dass „typisch männliche / weibliche“ Berufe wiederum oftmals an Sozialisation / Erziehung gebunden sind. Auch wenn es Ausnahmen gibt ist es wichtig, die Relation zu berücksichtigen.

Das dritte Beispiel männlicher Privilegien und Diskriminierungen von Frauen* mit weitreichenden, gesellschaftlichen Konsequenzen ist ([keine] Angst vor) sexualisierte_r Gewalt. Dieser Begriff wird verwendet, da “sexueller MISSbrauch suggeriert, dass es einen akzeptablen GEbrauch geben könnte: Der Gebrauch von etwas bezieht sich immer auf ein Objekt und nicht auf zwei Personen, die sexuelle Handlungen konsensual ausführen. „Mit ’sexualisierte Gewalt‘ soll verdeutlicht werden, dass es sich um Gewalt handelt, die gezielt durch sexuelle Handlungen ausgeübt wird. Ursprung dieser Gewalt ist nicht Sexualität. Vielmehr geht es um die Demonstration von Macht und Überlegenheit. Sexualisierte Gewalt beginnt, wenn Frauen und Mädchen auf ihren Körper reduziert, belästigt und gedemütigt werden.“ (vgl. auch 3.3.2 / 6. Teil). Denn oftmals gilt in der gegenwärtigen, androzentrischen (vgl. 3.3.6 / 7. Teil) Gesellschaft der Körper von Frauen* als etwas, das für Männer* jederzeit zur Verfügung steht. So ist jede dritte Frau* in der EU Opfer von Männergewalt, wie die EU-Grundrechtsagentur in einer weltweit bislang umfangreichsten statistischen Erhebung diesbezüglich erkannte (EU weite Studie): „Sie passiert täglich und in allen Kontexten“ (vgl. European Union Agency for Fundamental Rights 2014), inklusive Diagramme und Graphiken.

„Hinreichend bekannt ist, dass Gewalt und Morde an Frauen Ausdruck strukturell-gesellschaftlicher Bedingtheiten sind. Viele internationale Institutionen wie Vereinte Nationen, Europäische Union, oder Weltgesundheitsorganisation sehen Gewalt an Frauen als häufigste Menschenrechtsverletzung an. So sind Vergewaltigungen in der Ehe als solche gesetzlich strafbar, immer wieder sind Vergewaltigungen Machtausdruck in Kriegen. Immer haben Frauen und Kinder diese Traumatisierungen lebenslänglich zu tragen.“

Zusätzlich muss beachtet werden, dass Frauen* bei sexualisierten Übergriffen bei Anzeigen / vor Gericht oft nicht geglaubt wird. Darüber hinaus kommt es in Deutschland bei Vergewaltigungsprozessen in Deutschland immer seltener zu einer Verurteilung. Das geht aus einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen hervor. Berivan Aslan bezeichnet sexualisierte Gewalt als „‘Verbrechen ohne Sanktionen‘, das zudem mit einer Viktimisierung der Opfer einhergeht.“

In einem Artikel über #rapeculture formuliert es die taz mit einer Metapher: „Man stelle sich vor, in einer Wohnung fängt der Weihnachtsbaum Feuer, bald steht das ganze Wohnzimmer in Flammen. Jemand ruft die Feuerwehr. Aber statt loszufahren, fragt diese erst mal nach: Sind Sie ganz sicher, dass es brennt? Gibt es Zeugen? Haben Sie sich fahrlässig verhalten oder das Feuer womöglich absichtlich gelegt? Ach, Sie haben schon Brandwunden? Die können Sie ja auch vom Plätzchenbacken haben. Kann es sein, dass Sie sich einfach wichtig machen wollen? Und finden Sie es nicht vielleicht auch ein bisschen geil, die Flammen zu sehen und die Hitze zu fühlen?“

Es soll hier nicht bestritten werden, dass auch Männer* unter (häuslicher) Gewalt leiden, welche von Frauen* ausgeübt wird (insbesonders Mütter gegenüber ihren Kindern). Allerdings ist das an dieser Stelle nicht das Thema, denn bei Gewalt an Männer* (vgl. 3.5 / 9. Teil) gibt es andere Umstände, hat andere Ursachen, kommt seltener vor (wenn Gewalt an Männern* von Frauen* ausgeübt wird), abgesehen davon, dass männliche Gewalt sowohl mit Männerbünden, mit Wettbewerb (vgl. 2.2 / 3. Teil), als auch der „Erziehung zum Mann*“ eng verknüpft ist.

Dazu kommt, dass der Satz „auch Männer* leiden unter Gewalt“ meist dann ins Feld geführt wird, um vom Thema „(sexualisierte) Gewalt gegen Frauen“ abzulenken. Denn Männer sind vorrangig gefährdet, Opfer von körperlicher Gewalt durch andere Männer* in der Öffentlichkeit zu werden. Wenn beim Thema „Gewalt an Frauen“ „argumentiert wird, dass „auch Männer Opfer von Gewalt sind“ (was unbestritten ist, aber ganz andere Ursachen hat, vgl. 3.5), wirkt es suggestiv oftmals so, als wären im Umkehrschluss Frauen* die Täterinnen. Es stimmt, dass manche Männer* Gewalt durch ihre Partnerinnen erfahren. Dennoch darf dies „nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Konsequenzen der Übergriffe für weibliche Opfer überwiegend gravierender sind als für männliche Opfer und dass weibliche Opfer zumeist schwerer verletzt werden als männliche Betroffene. Dass Gewalt gegen Männer existiert, rechtfertigt keinesfalls, Gewalt gegen Frauen und die Bedeutung öffentlicher Hilfen für Frauen zu bagatellisieren“  (Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generation, Gewaltbericht 2001: 70).

(Zusätzlich sind die Schlagzeilen der Tageszeitungen täglich mit diesen Stories gefüllt. Das Wording [„Beziehungstat“] in diesem Artikel ist kritisch zu hinterfragen, es wirkt verharmlosend.)

Diese drei Beispiele (unterschiedliche Bewertung von Lohnarbeit/Hausarbeit, ungleiche Bezahlung, (häusliche) sexualisierte Gewalt an Frauen) sind die offensichtlichsten Privilegien von Männern bzw. Diskriminierungen / schlechter Stellung von Frauen*. Sie betreffen (fast) alle Frauen* und sind daher von großer gesellschaftlicher Relevanz, da diese (negative) Auswirkung auf Lebensumstände von Frauen* haben. Im Kapitel 3.3 wird es um Männliche Privilegien / Vorteile von Männlichkeiten / sexistische Stereotypen / Marginalisierung von Frauen* / Diskriminierungen von Frauen im Alltag gehen (welche sich selbstverständlich zum Teil mit den ersten drei Beispielen überschneiden): In den folgenden Beispielen geht es meistens darum, dass das jeweilige diskriminierende Verhalten nicht bewusst so gewählt wird, sondern sich vielmehr daraus ergibt, wie Männlichkeiten in der Erziehung (vgl. 1. / 1. Teil), durch Wettbewerb und Männlichkeitskonstruktionen (vgl. 2.2 / 3. Teil) erlernt wurden, sich aus der Normierung des weißen bürgerlichen Manns ergeben (vgl. 1.1; 2.2), wodurch das „Andere“ markiert wird und Männlichkeiten „unsichtbar“ erscheinen (bzw. schwer zu erkennen sind). Es geht nicht darum, dass absichtlich sexistisch gehandelt wird, vielmehr sind verinnerlichte Strukturen ausschlaggebend. Diese gelten als normal, ihnen wird in zwischenmenschlichen Interaktionen keine besondere Bedeutung beigemessen. Diese sind nicht so leicht zu erkennen, daher muss bewusst auf diese geachtet und nach ihnen geforscht werden. Daher ist die Reflexion von Männlichkeiten / Privilegien essentiell. „[D]ie gesellschaftliche Dominanz von Männern und Männlichkeit(en) sind weniger durch direkten Zwang und Gewalt konstituiert, sondern vielmehr durch eine soziale Vorherrschaft von Männlichkeit, die auf Einverständnis und Konsensbildung beruht“ (Meuser/Scholz 2005: 223).

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 6. Teil:
3.3 Weitere Beispiele bzgl. männliche Privilegien / Vorteile von Männlichkeiten / sexistische Stereotypen / Marginalisierungen und Diskriminierungen von Frauen* aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen
3.3.1 Männliche Dominanz / das Männliche als Norm (vgl. 1.1 / 1. Teil; 1.3 / 2. Teil)
3.3.2 Geschlechterstereotypen / Sexismus in der Werbung / Reduzierung von Frauen auf Schönsein und Sexualität
3.3.3 Marginalisierung / Ausschluss von Frauen*

[4. Teil]: Zwischenfazit, Reflexion männlicher Privilegien (Hauptteil), Sorge- und Lohnarbeit

<– Themen von Teil 3:
Privilegien, hegemoniale Männlichkeit und Konstruktion von Männlichkeiten; Männliche und weiße Privilegien; Hegemoniale Männlichkeit und patriarchale Dividende; Konstituierung von Männlichkeiten über den Wettbewerb und Männerbünde

INHALT VON TEIL 4

2.4 Zwischenfazit: Der Körper als Vermittler zwischen Struktur und Praxis

Trotz der bisherigen eher strukturellen Argumentation (allgegenwärtige soziale Konstruktion, Menschen sind von der gesellschaftlichen Struktur abhängig usw.) und der Kritik daran, dass den Menschen damit zu wenig Handlungsoptionen zugemutet werden, kann dieser scheinbare Widerspruch aufgelöst werden, indem der Körper als „Ort der sozialen Praxis“ konzeptualisiert wird. Denn Körper sind sowohl Produkte der Gesellschaft, indem Macht, Normen und Strukturen auf sie wirken, als auch Produzenten von Gesellschaft als aktiv handelnde Akteure (vgl. Schmincke 2009: 97ff). Damit verweist Schmincke auf die „Scharnierfunktion“ des Körpers als Vermittler „zwischen Individuum und Gesellschaft bzw. zwischen Handlung und Struktur“ (ebd.). Nicht nur Schmincke versucht mit ihren Konzepten zwischen Struktur und Praxis zu vermitteln, das wird ebenso im Habituskonzept von Bourdieu vollzogen (worauf in diesem Artikel jedoch nicht genauer eingegangen wird). Menschen sind von der gesellschaftlichen Struktur beeinflusst, allerdings dieser nicht bedingungslos ausgeliefert und können klarerweise im Alltag sehr wohl ihr Handeln beeinflussen: Ob sie sexistisch agieren oder nicht, inklusive der Reflexion von diesem Handeln; ob sie andere Menschen bezüglich der Wahl deren Sexualität & Geschlecht die Freiheit lassen, es selbst zu wählen usw.

Wie bis jetzt argumentiert wurde, sind also Privilegien von Männern* / Männlichkeiten bereits in Annahmen / Klischees von Geschlechtern sowie vom Glaube, dass Männer* und Frauen* „von Natur aus so sind wie sie sind“ (inklusive der daraus abgeleiteten Charaktereigenschaften) enthalten. Gleichzeitig wird durch die Performance von Männlichkeiten und Weiblichkeiten soziale Wirklichkeit in jeder Situation hergestellt. (vgl. mit dem „Doing Gender – Konzept“). Dabei ist die permanente Reproduktion stereotyper Geschlechterklischees erforderlich, damit diese erhalten bleiben. Andernfalls würde die Norm der Zweigeschlechtlichkeit sehr schnell verwirrt / verflüssigt werden, wenn nicht ständig mit aller Gewalt Abweichungen gesellschaftliche Repression erfahren würden. Diese Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Zuschreibungen / Erwartungen / Vorstellungen, wie Männer* und Frauen* sein sollen (und täglich durch Sozialisation, Erziehung, Werbung, Medien etc. (re)produziert werden) sind maßgeblich für deren ungleiche Behandlung. Denn Zuschreibungen / Erwartungen setzen Rollenbilder fest.

Das Problem ist, dass ein winzig kleiner biologischer Unterschied zwischen Männern* und Frauen* zu einem riesig großen aufgebauscht wird und gleichzeitig auf Charaktereigenschaften von zwei und nur zwei Geschlechtern (sic!) geschlossen wird, wodurch Machtverhältnisse entstehen. Unterschiede werden verstärkt, Ähnlichkeiten ignoriert. Heinz-Jürgen Voß machte in seiner Dissertation deutlich, dass auch biologisches Geschlecht gesellschaftlich konstruiert ist (vgl. Voß 2011). Hier findet sich ein Vortrag von Voß zu dem Thema.

„Aber wenn es unnatürlich ist, Sex mit einer Mit-Frau oder einem Mit-Mann zu haben, warum muss es dagegen ein Gesetz geben? Wir haben keine Strafvorschriften dagegen, wenn jemand den dritten thermodynamischen Hauptsatz verletzt. Gegen Schwule gerichtete Ordnungsvorschriften in US-Städten, polizeiliche Verfolgung schwuler Männer in Senegal, die Kriminalisierung des Ehebruchs von Frauen nach dem islamischen Recht der Scharia, Gefängnisstrafen für transsexuelle Frauen für die Verletzung der öffentlichen Ordnung – all das erhält nur einen Sinn, weil diese Dinge eben nicht durch die Natur festgelegt sind. Diese Vorfälle sind Teil einer gewaltigen gesellschaftlichen Anstrengung, das Verhalten der Menschen zu kanalisieren“ (Connell 2013: 22).

Indem das Männliche als Norm gilt und gleichzeitig eine Hierarchisierung der Geschlechter existiert, ist die Kategorisierung zwischen Männern* und Frauen* inhärent sexistisch. Somit sind Privilegien bestimmter Formen von Männlichkeit in dem System binärer Geschlechter bereits eingeschrieben. Gleichzeitig ist eine intersektionale Betrachtungsweise erforderlich, da auch Status, Klasse, Aussehen, Charakter, gesellschaftliches Ansehen, Krankheiten, etc. bedeutend sind. Niemand ist nur Mann* oder nur Frau*.

In den „interaktiven Handlungen“, die in keiner Weise die „Natur der Zweigeschlechtlichkeit“ reproduzieren, liegt ein wichtiges, widerständiges Moment. Denn prinzipiell geht es darum, Performance von Geschlecht anders zu gestalten, um klassische Geschlechterstereotype aufzubrechen. Denn „Doing Gender“ wird als dynamischer Prozess aufgefasst, nämlich auch, um die Naturhaftigkeit / Selbstverständlichkeit von Geschlecht in Frage zu stellen. Somit ist es etwa mit queeren Konzepten möglich, die Interaktionsordnung zu stören. Die angenommenen zwei Geschlechter sind sozial konstruiert, tatsächlich gibt es so viele Identitäten / Geschlechter, wie es Menschen gibt. Denn es ist absurd, dass Identitäten hauptsächlich am Geschlecht festgemacht werden. Niemand ist nur „Mann“ oder nur „Frau“, sondern auch Sportler_in, Vater/Mutter, Freund_in, Professor_in, Aktivist_in, Blogger_in usw.

3. [Hauptteil]: Männliche Privilegien / Vorteile von Männlichkeiten / sexistische Stereotypen / Marginalisierung von Frauen* / Diskriminierungen von Frauen – eine Reflexion

Zu reflektieren bedeutet für mich: Reflexion von Gruppenprozessen, des problematischen Verhaltens einer Person, Selbstreflexion sowie das Reflektieren von Macht- und Herrschaftsstrukturen, aber auch die Dekonstruktion dieser durch Sozialisation erlernten Verhaltensweisen.

Reflexion findet nicht punktuell statt, sondern ist ein zyklischer Prozess, der nie aufhören sollte. Reflexion ist eine grundlegende Strategie (nicht nur) männlicher Privilegien / Sexismen in der Gesellschaft aufzudecken. Es ist von Bedeutung, sich der Existenz dieser Strukturen nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in jedem_jeder selbst bewusst zu sein, um zu versuchen, diese verinnerlichten, gelernten Muster in einem langjährigen Prozess wenigstens abzuschwächen. Zu diesen inkorporierten Machtstrukturen gehört auch „sexistisches Denken / Beurteilen von Menschen nach dem vermuteten Geschlecht“ sowie sämtliche andere Diskriminierungsformen, welche in der Sozialisation erlernt und ständig reproduziert werden. Daher ist es für ein solidarisches Miteinander notwendig zu versuchen, diese mächtigen Strukturen abzubauen, indem sie permanent reflektiert werden.

Unter dem Verweis auf hegemoniale Männlichkeit (vgl. 2.2 / 3. Teil) möchte ich nochmal betonen, dass Privilegien nicht alle Männer* gleich betreffen, genauso wie nicht alle Frauen* in gleicher Weise von Diskriminierungen betroffen sind. Vielmehr geht es um Privilegien von „Männlichkeiten“, anstatt Männer* per se in eine Täter- und Frauen* in eine Opferrolle zu drängen. Es ist wichtig, dies beim Lesen des Artikels, aber insbesondere in diesem 3. Kapitel (Teile 4-9) im Hinterkopf zu behalten!

3.1 Gesellschaftliche Geringschätzung von Haus- und Versorgungsarbeit im Gegensatz zu Lohnarbeit

Ich möchte als ersten Punkt mit einem sehr großen, weitläufigen Privileg starten, daher widme ich diesem ein eigenes Unterkapitel: Eines der vielen Privilegien von Männern* ist es, dass Lohnarbeit gesellschaftlich höher bewertet / angesehen wird, als Haus- u Sorgearbeit, welche auch im Jahr 2014 noch hauptsächlich von Frauen* durchgeführt wird. „In allen zeitgenössischen Gesellschaften, für die wir über Statistiken verfügen, erledigen Frauen den Großteil des Putzens, Kochens und Nähens, die meiste Arbeit bei der Kinderbetreuung und fast die gesamte Arbeit bei der Babyversorgung. […] Diese Arbeit ist oft verknüpft mit einer kulturellen Definition von Frauen als fürsorglich, sanft, aufopferungsvoll und fleißig, eben als gute Mütter. Mit einem guten Vater verbindet sich selten das Zubereiten von Pausenbroten oder Wickeln von Babys. […] Üblicherweise wird von Vätern erwartet, dass sie Entscheidungen treffen und das Geld verdienen sowie die Dienstleistungen von Frauen konsumieren und ihre Familie nach außen repräsentieren“ (Connell 2013: 21). (Es ist mir bewusst, dass es heute so viele Single-Haushalte wie nie zuvor gibt. Dies spielt allerdings bei diesem Punkt eine untergeordnete Rolle, da hier das strukturelle Verhältnis von Lohnarbeit / Sorgearbeit betrachtet werden soll).

Um die Frage zu klären, was unter gesellschaftlicher (Re)Produktion zu verstehen ist, ist es zunächst erforderlich, mit Frigga Haug den Terminus „Geschlechterverhältnisse“ zu beleuchten. Für sie kann dieser Begriff nützlich sein, um kritisch zu untersuchen, wie die Geschlechter in gesellschaftliche (Arbeits)Verhältnisse eingespannt werden. Der Begriff „setzt voraus, was selbst Resultat der zu untersuchenden Verhältnisse ist: die Existenz von ‚Geschlechtern‘ im Sinne der je historisch vorfindlichen Männer und Frauen. Die Komplementarität bei der Fortpflanzung ist die natürliche Basis, auf der im historischen Prozess sozial geformt wird, auch, was als ‚natürlich‘ zu gelten hat. In dieser Weise treten die Geschlechter als Ungleiche aus dem Gesellschaftsprozess, wird ihre Nicht-Gleichheit zur Grundlage weiterer Überformungen und werden Geschlechterverhältnisse fundamentale Regelungsverhältnisse in allen Gesellschaftsformationen“ (Haug 2002).

(An dieser Stelle muss allerdings Kritik an Haug geübt werden: Sie geht von einem „natürlichen“ Unterbau aus, von dem sich dann alle „kulturellen“ Phänomene ableiten. Ich bin der Ansicht, dass diese „Natürlichkeit“ nicht existiert, da Menschen durch den Einfluss von Gesellschaft geformt werden, anstatt dass von einer „natürlichen Basis“ ausgegangen werden kann. Dennoch bin ich der Meinung, dass der Begriff „Geschlechterverhältnisse“ analytisch wertvoll ist). Hier wird deutlich, dass nicht nur kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse, sondern auch die soziale Reproduktion (Definition siehe unten) mit Abhängigkeits- und Diskriminierungsstrukturen dicht verflochten ist (vgl. Federici 2012: 18). Folglich ist strukturelle Benachteiligung / strukturelle Gewalt zu thematisieren, welche jeweils von unterschiedlichen Machtpositionen ausgehen und sich schließlich in ungleichen Machtverhältnissen äußern (vgl. Galtung 1975: 12). Die Nicht-Gleichheit der Geschlechter „durchqueren bzw. sind wiederum zentral für Fragen von Arbeitsteilung, Herrschaft, Ausbeutung, Ideologie, Politik, Recht, Religion, Moral, Sexualität, Körper und Sinnen, Sprache, ja, im Grunde kann kein Bereich sinnvoll untersucht werden, ohne die Weise, wie Geschlechterverhältnisse formieren und geformt werden, mit zu erforschen“ (Haug 2002).

Haus- und Versorgungsarbeit bedeutet nun „die unter den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen Tätigkeiten“ (Winker 2007: 17). Subsumiert können hier die Begriffe Sorgearbeit und emotionale Arbeit werden, denn Tätigkeiten wie Waschen, Putzen, Kochen, Tisch servieren, Kleider flicken, das Servieren des Essens und das Lächeln dazu, Kinder bekommen, aufziehen, Betreuung von Alten und Kranken etc. (vgl. Mies 2005: 1) müssen ebenso zu Reproduktionsarbeit hinzugezählt werden. Ferner ist die „Befriedigung emotionaler […] Bedürfnisse sowie der Pflege von kranken und gebrechlichen Menschen [zu nennen]. All diese primär von Frauen ausgeführten Tätigkeiten werden auch als soziale Reproduktion bezeichnet“ (Bakker/Gill 2003: 32f. nach Winker 2007: 17).
Folglich ist auch der Haushalt als ein „Ort wahrzunehmen, an dem Produktion stattfindet – allerdings nicht Produktion materieller Waren, sondern Produktion von Arbeiter_innen für den Arbeitsmarkt“ (Federici 2012: 39). Ausgehend von der grundlegenden Tatsache, dass diese Tätigkeiten wertschaffend, produktiv und im Kapitalismus grundlegend für seine Erhaltung sind, stellen die Bielefelder Feministinnen (Mies, Werlhof, Bennholdt-Thomsen) fest: „Diese Arbeit wird von [Frauen] geleistet, und ohne sie ist die Reproduktion der Ware Arbeitskraft auch jenes Lohnarbeiters […] nicht möglich“ (Werlhof/Mies/Bennholdt-Thomsen 1983: 85).

Denn im Haushalt wird „die für die kapitalistische Gesellschaft bedeutendste Ware produziert, diejenige, von denen die Produktion aller weiteren Waren abhängt: die Arbeitskraft“ (Federici 2012: 39). Umso absurder ist es, wenn Männer* gemeinhin als die „Ernährer der Familie“ gelten und Frauen hingegen unterstellt wird, sie arbeiten ohnehin nicht viel und haben ein gemütliches Leben, da sie sich den ganzen Tag „nur“ (sic!) um den Haushalt kümmern, weswegen sie eine gesellschaftliche Geringschätzung erfahren, da diese Arbeit im Kapitalismus keine wertschöpfende Arbeit sei. „Da die familiäre Reproduktionsarbeit nicht warenförmig stattfindet, ist sie in einer kapitalistischen Gesellschaft, deren Entwicklung auf Warenförmigkeit beruht, nichts wert, zählt nichts und wird so unzureichend wahrgenommen“ (Winker 2007: 20). Ein Teil der oben genannten Arbeiten wird dann als wertvoll erachtet, wenn diese jemand als Dienstleistung anbietet, z.B. als Altenpfleger_in oder Au-Pair und es sich also um „wertschöpfende Arbeit“ handelt.

Vergessen wird allerdings, dass die Tätigkeitsbereiche Lohnarbeit / Haus- und Sorgearbeit in öffentliche und häusliche Sphäre getrennt werden, obwohl sie zusammen hängen, untrennbar verknüpft sind und somit die eine ohne die andere nicht vorstellbar ist. Es kann als wichtiger Aspekt patriarchaler Strukturen charakterisiert werden, dass die – Männern* zugeschriebene – öffentliche Seite gesellschaftlich viel höher bewertet wird und mit mehr Macht und Ansehen verbunden ist, als die – Frauen* zugeteilte – private, häusliche Seite (vgl. 1.2 Geschlechterstereotypen /2. Teil), welche nicht nur abgewertet, sondern zum Teil auch als unproduktiv bewertet wird. Weiters ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass die Trennung von öffentlicher und privater Spähern erst mit veränderten Produktionsbedingungen im 18. Jahrhundert geschaffen wurde (vgl. 1.1 / 1. Teil).

Haus-, Versorgungs-, emotionale Arbeit und Lohnarbeit genießen ungleich viel Anerkennung. Es kann als institutionelle bzw. strukturelle Gewalt bezeichnet werden, dass unbezahlte Sorgearbeit gesellschaftlich weniger Wert hat, was in weiterer Folge ein männliches Privileg darstellt. Es ist äußerst problematisch, dass all jene, die Sorgearbeit leisten, „wenig gesellschaftliche Anerkennung [genießen]. Frauen werden mit der Übernahme der gesellschaftlich notwendigen Reproduktionsarbeit entwertet, unabhängig davon, ob sie selbst Lohnarbeiterinnen sind oder nicht“ (Winker 2007: 20). Doch auch unabhängig von Geldeinkommen ist die patriarchale Dividende (welche ja einen „Nutzen durch das Patriarchat“ (vgl. 2.2 / 3. Teil) charakterisiert) wirkmächtig. „Weitere sind Autorität, Respekt, Dienstleistungen, Sicherheit, Wohnung, Zugang zu institutioneller Macht, emotionale Unterstützung und Kontrolle über das eigene Leben“ (Connell 2013: 192). Hinzu kommt, dass diese Frauen*, welche Hausarbeit verrichten, ökonomisch von „ihren“ Männern* abhängig und zusätzlich oftmals von häuslicher Gewalt (vgl. 3.2 / 5. Teil) betroffen sind.

Gleichzeitig gibt es auch Frauen*, welche im Bereich Haus- und Sorgearbeit Vorteile genießen. So partizipieren manche Frauen* an der patriarchalen Dividende, „im Allgemeinen dadurch, dass sie mit reichen Männern verheiratet sind. Diese Frauen beziehen Nutzen aus dem geschlechtsspezifischen Akkumulationsprozess, d. h. sie leben von einem Strom von Profit, der teilweise durch die unterbezahlte und unbezahlte Arbeit anderer Frauen geschaffen wurde“ (Connell 2013: 193); welche zumeist in Ländern des globalen Südens verortet sind. Abermals ist es wichtig, bei der Analyse von Geschlechterverhältnissen intersektional vorzugehen. „´Herrin´ ist hier die beruflich erfolgreiche, in der Regel weiße Frau in einem Land des Nordens bzw. Westens – da Frauen fast ungebrochen weiterhin für die Reproduktion im Privatbereich zuständig sind, gilt: Nur so können sich weiße berufstätige und sozial privilegierte Frauen von der Hausarbeit loskaufen. Die Rolle der ´Magd´ dagegen fällt in der Regel einer zugewanderten, nicht-weißen Frau aus einem Land der Peripherie zu – manchmal unter Bedrohung von Abschiebung, zumindest aber ohne berufliche Alternative, da Ausbildungen nicht anerkannt oder Arbeitserlaubnisse nicht erteilt werden etc. – alles Bedingungen, welche Migrantinnen zwingen, ihre Arbeitskraft billig zu verkaufen“ (Habermann 2008: 264).

Bereits die sprachliche Bezeichnung, die Differenzierung in Lohnarbeit und Hausarbeit, offenbart das Problem: Im Kapitalismus zählt bzw. hat jene Tätigkeit wert, die ein verkaufbares Produkt erzeugt. In dem Kontext sollte man auch bedenken, dass unterschieden wird zwischen freiwilliger, ehrenamtlicher und bezahlter Arbeit. Deutlich wird dabei nicht nur der ökonomische Aspekt, sondern auch die Anerkennung der Gesellschaft, die bestimmten Tätigkeiten einen Wert verleiht und zuschreibt, anderen hingegen nicht.

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Im 5. Teil: Thematisierung von „ungleiche Bezahlung“ und „sexualisierte Gewalt“

[3. Teil]: Privilegien, hegemoniale Männlichkeit und Konstruktion von Männlichkeiten

<– Themen im 2. Teil: Doing Gender, Körper, Sozialisation und Heteronormativität; Geschlechterstereotypen

INHALT VON TEIL 3

2.Privilegien, hegemoniale Männlichkeit und Konstruktion von Männlichkeiten

2.1Männliche und weiße Privilegien und Intersektionalität

In der Erwartung / Beurteilung wie Männer* und Frauen* sein sollen, sind nicht nur Bevorzugungen von Männern*, sondern auch Diskriminierungen von Frauen enthalten. Gleichzeitig ist es auch möglich, dass Männer* unter Geschlechterstereotypen leiden (vgl. 1.3 Geschlechterstereotypen und 3.5 Auswirkungen von Geschlechterstereotypen / gesellschaftlichen Rollenerwartungen auf Männer), allerdings ist Diskriminierung von Männern ohne Sexismus gegen Frauen* nicht möglich. Die Begriffe „hegemoniale Männlichkeit“ und „patriarchale Dividende“ spielen für dieses Verständnis eine zentrale Rolle.

Lucy Gillam führt in “When Worlds Collide: Fandom and Male Privilege” aus, dass männliche Privilegien so allgegenwärtig sind, dass sie unsichtbar erscheinen; dass sie dermaßen universell sind, dass sie als „normal“ aufgefasst werden und höchstens dann bemerkt werden, wenn sie abwesend sind.

Sanczny schreibt in ihrem ausführlichen und sehr zu empfehlenden Blogartikel „Was ist Sexismus?“ über „Privilegien“ unter anderem: „Privilegien sind Vorteile, die die Gesellschaft bestimmten Gruppen zuerkennt, und von denen Leute allein aufgrund ihres sozialen Status profitieren. […] Da sich sozialer Status aus der Positionierung in mehreren Strukturen ergibt („Rasse“, Klasse, Geschlecht, sexuelle Identität, Alter… vgl. „Statuskategorien“ 1.2 / 2. Teil, Anm. LY) sind alle Menschen sowohl privilegiert als auch nicht, profitieren an einer Stelle von einem Privileg während sie an anderer Stelle benachteiligt sein können. Und wie sich Privileg auswirkt, hängt wiederum von der individuellen Position in der sozialen Hierarchie ab.“

(Nicht nur aufgrund dieser Unsichtbarkeit von Privilegien ist es meiner Meinung nach für eine emanzipatorische Praxis von grundlegender Wichtigkeit, dass sich Männer* über strukturelle männliche Privilegien in der Gesellschaft Gedanken machen. Diese zu reflektieren ist auch deswegen so wichtig, weil sie eine wichtige Säule des Patriarchats darstellen, welches sowohl im Kopf, als auch in der Praxis zurück gedrängt werden können.)

Es haben also nicht per se alle Männer* dieselben Privilegien, genauso wie Sexismus nicht alle Frauen* gleich betrifft. (Dieser Punkt wird u.a. unter „2.2 Hegemoniale Männlichkeit“ genauer behandelt, ). So haben z.B. „ökonomisch privilegierte Frauen (gewöhnlich die politisch einflussreichsten) […] ebenso wie Männer ein Interesse, wirtschaftlichen Reformen Widerstand entgegenzusetzen, die die Geschlechterungleichheit tiefgehend verändern könnten. Dies würde das System der Konzerne, von dem sie profitieren, stark erschüttern“ (Connell 2013: 128).

Male Privileges verschwinden nicht, „weil ein Mann in einer anderen Struktur benachteiligt ist. Eine Person kann mehrfach benachteiligt sein. […] Eine Frau aus der Oberschicht, die insgesamt einen höheren sozialen Status hat, orientiert sich nicht an einem Mann aus der Unterschicht als Bezugspunkt für Geschlechtergerechtigkeit. Wogegen eine Frau aus der Unterschicht gegenüber Männern aufgrund ihres Geschlechts, und gegenüber Männern aus höheren Schichten aufgrund ihrer Klasse diskriminiert ist. Eine Person of Color entgeht nicht Rassismus oder Frauenfeindlichkeit, weil sie der Oberschicht angehört“.

Connell hingegen formuliert es so: „Die meisten Geschlechterordnungen privilegieren [strukturell] auf der ganzen Welt Männer und benachteiligen Frauen, […] aber die Einzelheiten sind nicht so einfach. Es gibt unterschiedliche Formen der Privilegierung und Benachteiligung. Sie reichen von purer Symbolik bis zu brutaler Gewalt“ (Connell 2013: 14).

Um die Überschneidung von Diskriminierung genauer zu bestimmen, ist ein kurzer Einschub notwendig, indem eine intersektionale Analyse betont wird: Der Begriff der Intersektionalität meint unter anderem, dass „soziale Kategorien wie Gender, Ethnizität, Nation oder Klasse nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden können, sondern in ihren ‚Verwobenheiten’ oder ‚Überkreuzungen’ (intersections) analysiert werden müssen. Additive Perspektiven sollen überwunden werden, indem der Fokus auf das gleichzeitige Zusammenwirken von sozialen Ungleichheiten gelegt wird. Es geht demnach nicht allein um die Berücksichtigung mehrerer sozialer Kategorien, sondern ebenfalls um die Analyse ihrer Wechselwirkungen.“

„Male Privilege ist eine Reihe von Privilegien, die die Gesellschaft Männern (als Gesamtheit) aufgrund ihrer institutionellen Macht zuerkennt. […] Privileg entsteht aus Dominanz und dient dazu, diese zu sichern. Male Privilege und die Heteronorm basieren auf der Geschlechterhierarchie […]. Oft wird es erst bemerkt, wenn es fehlt. Männliche Interessen werden fast überall privilegiert. Und weil das Männliche als Norm und Weibliches [Weiter kann Abweichung als alles „Nicht-Männliche“ gefasst werden: Frauen*, Trans*, Inter*, wer nicht als männlich gelesen wird, Anm. LY] als Abweichung gilt, werden in unserer Gesellschaft männliche Interessen oft gar nicht als geschlechtsspezifische erkannt.“ 

Somit sind nicht nur männliche, sondern auch weiße Privilegien wirkmächtig. „Privilege makes you blind. Privilege is a big bag of stuff you’re not forced to think about. If you’re white, have you ever wondered to what extent those who find you sexually attractive do so because of your race? Have you ever wondered why a certain colour is called “flesh-tone?” Have you ever worried that the way you act might cause someone to judge your entire race? If the answer to any of those question is […] no, this is your opportunity to change that.”

Das bestätigt auch Friederike Habermann: „Weißsein bleibt unsichtbar und wird so beständig als privilegierter Ort reproduziert. Diese strukturelle Unsichtbarkeit gilt auch im Alltäglichen für jene, welche unangezweifelt der Norm angehören – nicht jedoch für jene, welche von Sexismus, Rassismus oder Homophobie betroffen sind. Deren tägliche Erfahrungen machen die Norm meist nur allzu deutlich“ (Walgenbach 2002: 123, zit. n. Habermann 2008: 23). Es geht also um Vorteile, die für jene, welche sie genießen, unsichtbar und damit normal erscheinen. Das ist auch der Grund dafür, warum manche Männer* bei dem Thema „männliche Privilegien“ mit derailing antworten,  diese relativieren, oder auch selbstsicher behaupten „es gibt doch gar keine Privilegien von Männer“. Anstatt darauf einzugehen und im Alltag mal darauf zu achten, ob sie nicht vielleicht „doch“ irgendwo Privilegien entdecken und diese auch ernsthaft reflektieren: Viele Männer* machen keine Erfahrungen mit Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts und gehen daher davon aus, dass diese auch für Frauen* nicht existieren, oder „eh nicht so schlimm sind“ (sic!). Ist mann in dieser Position, so lassen sich alltägliche sexistische Erfahrungen von Frauen* leicht herunterspielen und relativieren. Dies ist als Weigerung (nicht „bloß“ Ignoranz) zu bezeichnen, sich nicht bewusst und selbstkritisch mit der eigenen Position in der Gesellschaft zu befassen, die Lebensumstände von einem selbst im Kontext (im Vergleich mit anderen) zu betrachten und daher ein Privileg.

2.2 Hegemoniale Männlichkeit, patriarchale Dividende und Intersektionalität

Das Modell ‚hegemoniale Männlichkeit‘ wurde in den 1980er-Jahren von Raewyn Connell (geboren als Robert William Connell) entwickelt. Sie „geht davon aus, dass hegemoniale Männlichkeit eine gesellschaftliche Strategie darstellt. Diese Strategie beschreibt das zu einer bestimmten Zeit kulturell maßgebliche Deutungsmuster von Männlichkeit. Mit dieser Deutung wird die gesellschaftliche Machtstellung von Männern* legitimiert. Hegemoniale Männlichkeit ermöglicht die Überlegenheit von Männern* und die Diskriminierung von Frauen. Das ist möglich, weil die Beschreibung hegemonialer Männlichkeit stets Männer als kraft- und machtvoll beschreibt. Kulturell ist sie so fest verankert, dass die Hegemonie unhinterfragt als normal gilt. Selbst nicht herrschende Gruppen unterstützen dieses Bild aktiv.“

Die doppelte Relation des Begriffs ist hier ausschalggebend: „Hegemoniale Männlichkeiten werden verstanden als Hegemonie gegenüber Frauen einerseits und gegenüber untergeordneten undmarginalisierten Männern andererseits“ (vgl. Tunç 2012: 3).

Nicht eine, sondern viele Formen von Männlichkeit
Nach Connell greife es aber zu kurz, „von männlicher Hegemonie zu sprechen, denn es vernachlässige, dass es nicht die Männlichkeit gibt, sondern auch hier Identitätsunterschiede bestehen. Männer* und Frauen* sind jeweils keine homogenen Gruppen, es gibt jeweils unzählige Differenzen in diesen (vgl. Spannbauer 1999: 62), , abgesehen davon sind unzählige Ausprägungen von Geschlecht(ern) und Identitäten möglich.

Connell sieht den Manager, welcher sich auf globalen Märkten bewegt, als Inbegriff einer hegemonialen Männlichkeit – nur wenige Männer näherten sich diesem Ideal tatsächlich an, es diene vielmehr als soziales Orientierungsmuster“ (Habermann 2008: 19).  Die Betonung des „Orientierungsmusters“ ist wichtig, denn kaum ein Mann* entspricht diesem Bild hegemonialer Männlichkeit, eher werden verschiedenste Männlichkeiten gelebt.

Hegemoniale Männlichkeit und Intersektionalität
„Obwohl verschiedene Privilegien bestimmte gemeinsame Charakteristika haben (etwa Mitgliedschaft in der Norm), kann die Form eines Privilegs je nach dem Machtverhältnis, das es produziert, variieren. Männliche und heterosexuelle Privilegien sind das Ergebnis einer Geschlechterhierarchie;  Klassen Privilegien stammen aus wirtschaftlicher, auf Reichtum basierter Hierarchie“ (Übersetzung von Stephanie Wildman 1996: 17)

Um Privilegien analysieren / beschreiben zu können, ist „Intersektionalität“ (s.o.) ein wichtiges Stichwort. Denn Formen von Diskriminierung überschneiden sich genauso wie soziale Zugehörigkeiten, etwa soziale Herkunft, Ethnizität, Generation usw. (vgl. Meuser/Scholz 2005: 213). In weiterer Folge handelt es sich also bei hegemonialer Männlichkeit nicht um Privilegien von allen  Männern* in gleicher Weise, sondern um die „Privilegierung einer bestimmten Form von weißer Männlichkeit, und nicht notwendigerweise von weißen Männern. Diese symbolische/ kulturelle/ diskursive Hierarchisierung aber schlägt sich als naturalisierte körperliche/ materielle/ ökonomische/ strukturelle Machtbeziehungen nieder“ (Peterson 2003: 14 nach Habermann 2008: 19).

Bei hegemonialer Männlichkeit handelt es sich um keine Eigenschaft von einer individuellen Person, sondern um ein in einem bestimmten gesellschaftlichen und historischen Kontext dominantes kulturelles Ideal. „Hegemoniale Männlichkeiten entsprechen somit auch den hegemonialen Subjektpositionen. Es geht hier um das, was als gesellschaftlich bedeutsam artikuliert ist und welche Nahelegungen damit verbunden sind, bzw., was darüber marginalisiert, ausgeblendet oder delegitimiert wird. Die Herausforderung besteht darin, dies nicht allein als Privilegien und Machtpositionen von Männern, sondern als eine bestimmte Form von Männlichkeit zu fassen“ (Brenssell 2009: 177). Nicht nur in diesem Zitat wird deutlich, dass hier kein Bild von „alle Männer sind böse“ vs. „alle Frauen sind gut“ gezeichnet wird, wie es manche Maskulisten „dem Feminismus“ (sic!) pauschal vorwerfen.

Patriarchale Dividende und Intersektionalität
Ein weiterer, wichtiger Begriff, der ebenso von Cornell geprägt wurde ist „patriarchale Dividende“. Dies wird von ihr als „Überschuss von Ressourcen“ (Connell 2013: 192) bezeichnet sowie als der Vorteil, „den Männer als Gruppe davon haben, dass die ungleiche Geschlechterordnung aufrechterhalten wird. Geldeinkommen ist nicht die einzige Form von Nutzen. Weitere sind Autorität, Respekt, Dienstleistungen, Sicherheit, Wohnung, Zugang zu institutioneller Macht, emotionale Unterstützung und Kontrolle über das eigene Leben“ (ebd.). Dies spielt beim Punkt „3.1 Lohnarbeit / Haus- und Sorgearbeit“ eine wichtige Rolle. Dabei geht es darum, dass diese noch immer meist von Frauen* unbezahlt ausgeführt und gesellschaftlich geringer wertgeschätzt wird, als Lohnarbeit. Weiters beschreibt der Begriff der patriarchalen Dividende den „Nutzen durch das Patriarchat auch für jene, die innerhalb der hierarchisch strukturierten Männlichkeit [untergeordnet] sind. Dies betrifft unter anderem nicht-weiße Männer. Gleichzeitig besteht eine solche Dividende für alle Weißen, für alle Heteros, für alle Menschen ohne Behinderungen etc.“ (Habermann 2008: 19). Bei dieser Dividende geht es also darum, dass manche Männer* mehr  „als andere [bekommen], andere Männer kriegen weniger oder nichts, je nach ihrer Verortung in der sozialen Ordnung“ (Connell 2013: 192). Hier ist es wieder notwendig, die Überschneidungen von Diskriminierungsformen (Intersektionalität) mitzudenken. „Hegemoniale Männlichkeit ist nicht geschlechtsneutral und doch nicht den Männern vorbehalten“ (Brenssell 2009: 177). Hier beschreibe ich, dass im gesellschaftlichen Alltag Diskriminierung nicht auf Geschlecht allein beschränkt ist.

Connell macht das anhand eines Beispiels deutlich: „Ein reicher Geschäftsmann bezieht hohe Dividenden aus dem geschlechtsspezifischen Akkumulationsprozess im fortgeschrittenen Kapitalismus“ (ebd.: 193). Connell nennt hier die drei reichsten Menschen / Männer* der Welt: Bill Gates, Warren Buffet, Carlos Slim Helú, welche alle ein Vermögen um die 50 Mrd. US Dollar besitzen. Daneben steht beispielsweise ein nicht erwerbstätiger Mann* aus der Arbeiter_innenklasse, welcher  ökonomisch gar keine patriarchale Dividende bezieht (vgl. ebd.), aber im Gegensatz dazu durchaus im Alltag (vgl. 3. Kapitel / Teile 4 bis 9) Privilegien genießt. Darüber hinaus werden weitere, bestimmte Gruppen von Männern* „ausdrücklich von Teilen der patriarchalen Dividende ausgeschlossen. […] So sind homosexuelle Männer in den meisten Teilen der Welt von der Autorität und dem Respekt ausgeschlossen, die mit Männern verbunden werden, die hegemoniale Formen der Männlichkeit verkörpern; allerdings können sie Anteil an den allgemeinen wirtschaftlichen Vorteilen von Männern haben und tun dies in den reichen Ländern auch häufig“ (Connell 2013: 193).

Gleichzeitig haben auch manche Frauen* Anteile an der patriarchalen Dividende, allerdings meist nicht außerhalb der Geschlechterhierarchie. „Im Allgemeinen dadurch, dass sie mit reichen Männern verheiratet sind. Diese Frauen beziehen Nutzen aus dem geschlechtsspezifischen Akkumulationsprozess, d. h. sie leben von einem Strom von Profit, der teilweise durch die unterbezahlte und unbezahlte Arbeit anderer Frauen geschaffen wurde“ (ebd.: 193). Dazu kommt die mindere Wertschätzung dieser Form der Arbeit und wird dazu oftmals nicht mal als „Arbeit“ anerkannt, was mit ihrer Geringschätzung einher geht.

Das Andere vs die Norm (vgl. auch mit 1.1 Der weiße, bürgerliche Mann als Norm)
„Sprachliche Markierungen des ‚Anderen‘ sind zulässig – sie sind ja auch nicht böse gemeint. Wenn ‚das Andere‘ aber die Normalität der vermeintlichen Mehrheit in Frage stellt und deren unbekannt Identitäten (und jenen zu­­grun­­de lie­­gen­­de Macht­ver­­hält­­nis­­se) be­­nen­nt: Ze­ter und Mor­­dio! Dann ist ein Wort auf ei­n­mal nicht mehr nur ein Wort, son­­dern ei­ne Be­­lei­­di­­gung, gar eine Agen­­da. Dann sind auf einmal die Ge­füh­le der Be­trof­fenen nicht mehr nur Ge­jammer, son­dern ein legi­ti­mer Ein­wand.“ 

In diesem Blogpost soll u.a. herausgearbeitet werden, dass (nicht nur aber vor allem) der weiße, bürgerliche Mann eine gesellschaftliche Norm verkörpert und Abweichungen davon als das „andere“ markiert werden. (Dabei ist es ebenso ein männliches Privileg, dass Abweichungen von dieser männlichen Norm markiert werden). Der Begriff „das Andere“ taucht in der Philosophie sehr unterschiedlich auf (vgl. Habermann 2008: 16), in den cultural studies wird das „Andere“ „auf Gemeinschafts-Identitäten bezogen. Auch hier bildete ´das Andere´ nicht ein binär verstandenes Andere im neutralen Sinne ab, sondern das Außen bzw. die ausgeschlossenen Seiten der hegemonialen Identitäten: der Weißen, der EngländerInnen, der Männer, der Heterosexuellen. Wieder impliziert diese Binarität Hierarchisierung, denn die ausgeschlossene Gruppe verkörpert das Gegenteil der Tugenden, welche die Identitätsgemeinschaft auszeichnen“ (ebd.). Der einzelne Mann verkörpert niemals das „Männliche“ an sich, und das „Männliche“ ändert von Zeit zu Zeit seine Zusammensetzung, aber es bleibt immer ein Gegensatz zum „Weiblichen“. (Dies spiele wieder darauf an, dass nicht alle Männer* per se privilegiert und nicht alle Frauen* per se diskirminiert sind; vielmehr sind strukturelle, männliche Privilegien gemeint). Praktische Beispiele dafür, dass Merkmale von Menschen, mit welchen sie von der Norm abweichen markiert werden, finden sich hier: 3.3.1 / 6. Teil.

„Frauen, People of Color oder Homosexuelle [werden] in jeweiligen (historischen) Situationen als das ´Andere´ stigmatisiert […], sei es offen oder implizit“ (Habermann 2008: 17). Dafür sind die Begriffe „patriarchale Dividende“ und „hegemoniale Männlichkeit“ zentral: „Als Ausschließungen damit verbunden sind die Konstruktionen der ´Anderen´, doch heisst das gerade nicht, dass alle oder nur weiße Männer Gewinner der Globalisierung wären und dass Frauen, People of Color oder Homosexuelle keine Karriere machen könnten – im Gegenteil ist die hegemoniale Bedeutung des homo o als Rollenmodell so stark, dass er auch für Frauen / People of Color Gültigkeit erlangt hat: unabhängig zu sein, flexibel und erfolgreich“ (Habermann 2008: 18). Der Soziologe Georg Simmel hat bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert „als ein wesentliches Merkmal der Herrschaft der Männer über die Frauen beschrieben, daß ihr eine Hypostasierung (= Grundlage, Anm. LY) des Männlichen zum Allgemein- Menschlichen zugrunde liegt – in welcher sie sich als Herrschaft unkenntlich macht und einer Wahrnehmung als geschlechtlich markiert entzieht“ (Meuser/Scholz 2005: 225).

2.3 Konstituierung von Männlichkeiten über den Wettbewerb und Männerbünde

Männerbünde bestehen heute in vielfältigen informellen oder latenten Formen. Es geht nicht nur um deklarierte Männerbünde, sondern um Institutionen, die faktisch wie Männerbünde wirken.

Männerbünde sind durch folgende Charakteristika geprägt:
„1. Es handelt sich um freiwillige und oft bewusste Zusammenschlüsse von Männern (Mitgliedschaft)

  1. Zwischen den Männern besteht eine solidarische Verbindung. Sie ist nicht rational, sondern emotional begründet (Verbindung)
  2. Die Mitgliedschaft im Männerbund impliziert die Anerkennung bestimmter Werte und Ziele. Häufig stellen sie eine Überhöhung des gesellschaftlichen Wertekanons dar (Teilen von Werten)
  3. Männerbünde sind hierarchisch strukturiert. Es gibt Anführer und Geführte (hierarchische Struktur)
  4. Zwischen den Mitgliedern gelten spezifische Verkehrsformen, Verhaltensmuster und Werte, die wiederum von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben sind (code of conduct)
  5. Männerbünde grenzen sich durch die Abwehr von Anderen, Fremden und vornehmlich des Weiblichen ab (Abgrenzungspolitiken)
  6. Schließlich ist der Zugang zum Männerbund durch spezifische Riten und bisweilen magische Techniken geregelt (Zugangsrituale)“ (Kreisky 1996: 593ff nach Bührmann 2012: 18).

Ein zentrales Element sowohl von Männerbünden, als auch von Männlichkeiten allgemein ist der Wettbewerb. „Der Modus, in dem unterschiedliche Männlichkeiten sich in ein hierarchisches Verhältnis zueinander setzen, ist der des Wettbewerbs. Der Wettbewerb, das Bemühen, einem anderen Mann – in welcher Weise auch immer – überlegen zu sein, wird frühzeitig eingeübt, er ist ein zentrales Mittel männlicher Sozialisation. Er ist jedoch nicht nur ein Modus der Distinktion, sondern vielfach auch – und in ein- und derselben Interaktion-, so paradox das möglicherweise erscheinen mag, ein Mittel männlicher Vergemeinschaftung […]. Tosh betont die Dialektik zwischen Kameradschaft und Wettbewerb“ (Meuser/Scholz 2005: 221). Formen von Männlichkeiten werden vorgelebt, weiter getragen und somit als erlerntes Geschlecht reproduziert. Bei Männlichkeitskonstruktionen ist somit auch eine ständige Verstärkung und Bestätigung notwendig, um diese Konstruktionen aufrecht zu erhalten. „Die Ritualisierung des Wettbewerbs verweist auf eine zentrale Funktion. In sozialisationstheoretischer Perspektive stellt sich der Wettbewerb als eine ‚Strukturübung‘ dar. Bourdieu unterscheidet drei Formen der Sozialisation: erstens ein ‚Lernen durch schlichte Gewöhnung‘, zweitens die explizite Unterweisung. Drittens und zusätzlich zu diesen Formen sieht ‚jede Gesellschaft Strukturübungen vor‘, mit denen bestimmte Formen ‚praktischer Meisterschaft‘ übertragen werden. In diesen Strukturübungen erwerben Männer praktische Meisterschaft nicht nur in dem Sinne, daß sie sich die Modalitäten bzw. Spielregeln der ernsten Spiele des Wettbewerbs aneignen, vor allem lernen sie, diese Spiele zu lieben“ (Meuser/Scholz 2005: 222).

Gleichzeitig gehören auch „gewaltförmige Formen des Wettbewerbs“ zu dieser Strukturübung (vgl. ebd.). Zu beachten ist allerdings, dass darin Gewalt nicht „als normaler Modus männlicher Dominanz erlernt [wird] – charakteristischerweise lassen die weitaus meisten gewaltaffinen männlichen Adoleszenten nach dem Übergang in den Erwachsenenstatus vom Gewalthandeln ab. Eingeübt wird die formale Logik des männlichen Geschlechtshabitus. In diesem Sinne einer strukturellen Homologie mit anderen, ernsten Spielen des Wettbewerbs ist Gewalt ein typisch männliches Phänomen und eine Handlungsressource, welche Männern mehr als Frauen kulturell zur Verfügung steht“ (Meuser/Scholz 2005: 222-223). Allerdings ist „die gesellschaftliche Dominanz von Männern und Männlichkeit(en) […] weniger durch direkten Zwang und Gewalt konstituiert, sondern vielmehr durch eine soziale Vorherrschaft von Männlichkeit, die auf Einverständnis und Konsensbildung beruht. Unter ‚männliche Hegemonie‘ ist die Dominanz männlicher Wert- und Ordnungssysteme, Interessen, Verhaltenslogiken und Kommunikationsstile etc. zu verstehen“ (Meuser/Scholz 2005: 223). Männlichkeit wird geformt und weitergegeben durch Geschichten, die wir uns erzählen, d.h. auch durch Diskurse wird gesellschaftliche Realität geschaffen.

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 4. Teil:
2.4 Zwischenfazit: Der Körper als Vermittler zwischen Struktur und Praxis
3. [Hauptteil]: Männliche Privilegien / Vorteile von Männlichkeiten / sexistische Stereotypen / Marginalisierung von Frauen* / Diskriminierungen von Frauen – eine Reflexion
3.1 Gesellschaftliche Geringschätzung von Haus- und Versorgungsarbeit im Gegensatz zu Lohnarbeit

[2. Teil]: Körper und Geschlecht sind niemals unabhängig von Geschichte, Kultur, Wertvorstellungen, Sozialisation

<– Themen im 1. Teil: Einleitung; Essentialisierung der Kategorien “Männer” und “Frauen“ als Grundlage männlicher Privilegien; Sozial – historisch: Der weiße, bürgerliche Mann als Norm

INHALT VON TEIL 2

1.2 Doing Gender, Körper, Sozialisation und Heteronormativität

Die „getrennte Kultur“ von „Mann und Frau“ beginnt in der Kindheit und zieht sich durch fast alle gesellschaftlichen Bereiche. Dazu kommt die Behauptung, Unterschiede zwischen Männern* und Frauen* seien genetisch bedingt oder natürlich. Diese Argumentation wird oft dazu verwendet, Männer* und Frauen* in verschiedene Rollen hinein zu drängen (Kindererziehung,  Schönheit, das „starke“ / „schwache“ Geschlecht usw) und v.a. als Ausrede und Legitimation für Hierarchien zu verwendet.

Bei „Doing Gender“ geht es also um die Frage, in welcher Weise Geschlechter sozial konstruiert werden, zudem spielt „die Ebene der Interaktion“ (Villa 2011: 108, H.i.O.) eine zentrale Rolle. Oftmals wird die (De)Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit an der Transsexualität festgemacht (vgl. Knoblauch 2002: 119). Denn Transsexualität erschüttert die Annahme des dichotomen Verhältnisses von Mann* und Frau* sowie dass „die Geschlechtszugehörigkeit am Körper eindeutig ablesbar, angeboren und unveränderbar [sei]“ (Gildemeister 2008: 175).

„Doing Gender“ fragt auch danach, „was [wir tun], um das Geschlecht zu sein“ (Villa 2011: 89), die „Frage ist nicht, wie wirklich ist die Zweigeschlechtlichkeit […], sondern, wie sie eine Wirklichkeit ist“ (Hirschauer 1993: 241) bzw. erst eine Wirklichkeit wird. Anzumerken ist, dass Körper nicht „einfach existieren“, sondern immer in einem bestimmten Kontext betrachtet werden, in welchem eine Bewertung / Beurteilung stattfindet. Menschen können „nicht nicht kommunizieren“ (Marc/Picard 1991: 55; Watzlawick/Beavin/Jackson 1972 zit.n. Gugutzer 2004: 93), denn der Körper sendet allein durch „status-bestimmende Merkmale“ (Alter, Geschlecht, Klasse, ethnische Zugehörigkeit) immer Symbole und Zeichen aus und wird permanent von Menschen kategorisiert.

Diese Statuskategorien hängen maßgeblich mit der Reproduktion von Normen zusammen, weil auf ihrer Grundlage permanent Einteilungen, Zuschreibungen, Verallgemeinerungen von Menschen über andere Menschen getroffen werden. „Da ,ist‘ irgendein vorsozialer Körper, aber sobald wir ihn musternd erblicken oder gar anfangen zu beschreiben, was wir in ihm sehen, hat er aufgehört ein unkonstruierter,  natürlicher Körper zu sein“ (Hirschauer 1989: 112). Zu- und Beschreibungen von Körpern beginnen aber bereits vor der Geburt eines Menschen, was etwa durch die Frage „wird es ein Bub oder ein Mädchen?“ deutlich wird. (Hier sind Debatten rund um pränatale Diagnostik interessant. Etwa die Frage, ab welchem Zeitpunkt von „Leben“ gesprochen wird und wie dieses gleich kategorisiert wird (vgl. Orland 2003)). Somit ist festzuhalten, dass der Körper „als integrale[r] Bestandteil sozialen Handelns“ (Gugutzer 2004: 92) enorme Bedeutung hat, worin auch Macht- und Herrschaftsprozesse verankert bzw. sichtbar sind. Darauf geht auch Anne Fausto-Sterling ein, indem sie betont, dass soziale Interaktion als auch Sozialisation nicht nur die Wahrnehmung prägen, sondern sich direkt in den Körper einschreiben (vgl. Voß 2010: 66). „Beispielsweise Trainings, Bewegungsspielräume, Ernährung wirkten sich direkt auf die Konstitution aus und beeinflussten die Größe, die Ausbildung von Muskel- und Fettgewebe, die Beweglichkeit, aber auch die physiologischen Prozesse, die einen Menschen, einen Organismus kennzeichnen bzw. zu denen er in der Lage ist“ (ebd.).

Geschlechterbezogene Erziehung
Privilegien von Buben* / Männern*, bzw. Diskriminierungen von Mädchen* / Frauen* schreiben sich also bereits in der frühen Sozialisierung eines Menschen fest. Bei Mädchen* wird besonderen Wert auf den Körper gelegt, bei Buben* wird eher darauf geschaut, dass „sie sich austoben“ können: Buben* und Mädchen* werden geprägt, indem erstere entweder angehalten werden körperbetonte, aggressive Ballsportarten zu spielen, indem ihnen gelehrt wird, Schmerzen möglichst nicht zu zeigen, bzw. zweitere dazu erzogen, auf ihren Körper / ihre Körperhaltung / Gesichtsausdruck zu achten. Während Mädchen* / Frauen* Emotionalität zugeschrieben wird, werden Buben* / Männer* dazu erzogen, physische und psychische Schmerzen zu leugnen und zu negieren.

Weitere gesellschaftliche Erwartungen an Kinder: Jungen* sollen  stark, kräftig, durchsetzungsfähig sein und dürfen Aggressivität und Grobheit an den Tag legen. Mädchen* hingegen sollen nachgiebig sein, auf die Bedürfnisse anderer achten und Rücksicht nehmen. Außerdem sollen sie nicht aggressiv sein, sondern schön und niedlich und sich ihrer „Rolle im Haushalt“ (vgl. Universität Duisburg-Essen 2008)  bewusst werden. Diese sind als kulturell und gesellschaftlich gelernte Verhaltenscodes zu bezeichnen. Denn Geschlecht wird „im praktischen Einsatz spezifischer Gesten, Gesichter, Gangarten und Kleidungsstücke [konstituiert]“ (Hirschauer 2004: 77). Das zeigt sich beispielsweise an „geschlechtsspezifischen Spielzeug“: Für Mädchen* gibt es Puppen, Küche, Backofen, für Buben* Baukästen, Autos. „Dabei wird überprüft, inwiefern geschlechtskonforme Verhaltensweisen durch Eltern und andere Erwachsene geprägt werden. So zeigte sich in einer Reihe von Studien, dass Mädchen und Jungen von ihren Eltern unterschiedliches Spielzeug angeboten wird und dass mit Jungen ausgelassener und wilder gespielt wird. […] Während Eltern (insbesondere Mütter) mit ihren Töchtern häufiger und ausführlicher über Gefühle sprechen, werden Gefühlsäußerungen von Jungen insbesondere von den Vätern eher unterdrückt“.

Darüber hinaus ist das Geschlecht ebenso in die Kleidung eingeschrieben, wenn daran gedacht wird, dass ein Mädchen* / eine Frau* in einem Kleid beispielsweise gar nicht die Möglichkeit hat, „lässig dazustehen“, bzw. mit ihren Stöckelschuhen wegzulaufen. Röcke, welche die Bewegungsfreiheit einschränken, Nagellack, um immer auf die Verwendung der Hände zu achten usw. (Früher trugen Frauen* sogar Korsette!). Indem von Frauen* (im Gegensatz zu Männern) erwartet wird, vorsichtig mit ihren Körpern umzugehen und auf diese zu achten sind Einschränkungen in die gesellschaftliche Erwartungshaltung des Frau-Seins bereits eingeschrieben. (An dieser Stelle soll die gesellschaftliche Funktion dieser geschlechtsspezifischen Kleidung / Symbolik betrachtet werden, anstatt Menschen vorzuschreiben, was sie (nicht) anziehen (sollen)). Damit wird unterstrichen, dass geschlechtsspezifische Bewegungs- und Verhaltensweisen sozial konstruiert sind, womit schließlich der Annahme der „Naturhaftigkeit“ von Männern und Frauen* jede Argumentationsbasis entzogen wird.

Heteronormativität
Sämtliche Privilegien / Hierarchien / Herrschaftsverhältnisse in der konstruierten Bipolarität von Mann* und Frau* bauen auf dieser Essentialisierung bzw. Naturalisierung auf und sind maßgeblich für Rollenbilder, Kategorien, Wertvorstellungen von Männern*, Frauen*, Heterosexualität. Damit ist der Begriff der „Heteronormativität“ eng verknüpft. Nicht nur Mann* und Frau*, auch „Heterosexualität“ ist Produkt gesellschaftlicher Diskurse und von Geschichte. „Es ist nicht die Natur, die uns in eine heterosexuelle Welt hineinstellt. Dass wir das soziale Leben ‚heterosexualisiert‘ erfahren, ist viel mehr eine Folge von historisch gewachsener Praxis und institutionalisierten Bahnen des Redens, Denkens und Wahrnehmens“ (Ziegler 2008: 13). So wird Heterosexualität allgemein als Grundform jeder sozialen Beziehung gesehen, sie ist nicht nur im Staat und gesellschaftlichen Institutionen wie Schule, Ehe, Militär eingeschrieben, sondern auch in jenen Rahmen zu finden, die nicht auf den ersten Blick etwas mit sexuellem Begehren zu tun haben (vgl. Woltersdorff 2003). Die Bedeutung von Heterosexualität in der Gesellschaft, mit der jeder Mensch als eines von zwei Geschlechtern verstanden und in seinem Begehren auf das „andere“ Geschlecht bezogen gilt, wird als „Heteronormativität“ bezeichnet. Das „Prinzip der Heteronormativität [werde] in die gesellschaftliche Arbeitsteilung, in die Institution Familie, in die herrschenden Geschlechterverhältnisse und Geschlechterbeziehungen und in deren Vorstellungswelt eingeschrieben“ (Ziegler 2008: 13). Die zweite Ebene, auf welcher die Heteronormativität als strukturierendes Prinzip wirkt, ist die Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung (vgl. ebd.). Somit erscheint die Heterosexualität als die einzige „natürliche“ Form der Sexualität und Partnerschaft, Rich prägte daher den Begriff der „Zwangsheterosexualität“ (vgl. Rich 1989: 268, 270, 272ff. nach Villa 2007: 167). Zudem gibt es unzählige weitere Formen der sexuellen Orientierung wie Pansexualität, Homosexualität, Heteroflexibilität, queer, oder die eigene Definition eines jeden Menschen. Hier wird deutlich, dass Normatives – wie Mann*, Frau*, Heterosexualität – etwas Wirkmächtiges ist, von dem nicht nur subtile Zwänge ausgehen, sondern auch Verbote, Autorität, oder das Einschränken von Individuen. Konkrete sexistische Ausformungen dieser Heteronormativität sind beispielsweise, dass Männer* als triebgesteuert, potent, aggressiv, Frauen* als gefühlsbetont konstruiert werden, welche sexualisierter Gewalt „ausgesetzt sind“, was als Normalität innerhalb einer „rape culture“ angesehen werden kann. „In Anlehnung an verschiedene Theorierichtungen  zeigen sich in queeren Ansätzen  die Kategorien Sex/Gender, Hautfarbe, Kultur, Rollen, Ethnizität, Religionen, Gemeinschaften etc. nicht nur als Identitätsmix, sondern führen Konzepten der Trans-, Cross-, Nicht-Identität etc. zur Aufhebung aller eindeutigen und vermeintlich natürlichen Identitäten“ (Perko 2006: 9).

1.3 Geschlechterstereotypen

An dieser Stelle soll mit Kate Bornstein deutlich gemacht werden, wie „die beiden Geschlechter“ (sic!) im sozialen Kontext verankert sind, bzw. woran sie im Alltag oftmals festgemacht werden. Folgende sieben Punkte werden meist auch dazu verwendet, Menschen in Männer* und Frauen* einzukategorisieren, oder ihnen die Attribute männlich / weiblich zuzuordnen. Zum Teil sind darin männliche Privilegien und Diskriminierung von Frauen (in Ansätzen) erkennbar.

Bornstein, Kate (1994). Gender outlaw. On men, women and the rest of us. Routledge. New York.:
„Hinweise auf Geschlecht“ (im Original: „gender cues“) im Alltag:

  • Verhalten (Auftreten, „Benimmregeln“, wie Männer* und Frauen* sich verhalten bzgl. der gesellschaftlich erwarteten Norm)
  • textlich (Orig.: „textual“) (historisch, Namen von Gassen / Gebäuden)
  • Mythisch (archetypisch: „das schwache / starke Geschlecht“)
  • Machtverhältnisse (Durchsetzungsvermögen, Beharrlichkeit, Aggression)
  • Sexuelle Orientierung (jedem Mensch wird unterstellt, dieser sei heterosexuell, bis das Gegenteil bewiesen wird (sic!))
  • Biologisch (das zugewiesene Geschlecht eines Menschen, Chromosomen, Hormone)

Zu den Symbolen, welche spezifisch mit einem der angeblich zwei Geschlechtern verknüpft werden, kommen unzählige Erwartung(en)(shaltungen) an Rollen von Männern* und Frauen*:

Von Männern* wird erwartet (oder manchmal auch gefordert), dass sie stark, intelligent, Familienoberhaupt, Ernährer sein sollen, bzw. wird ihnen dies zugeschrieben. Weitere männliche Eigenschaften, welche von einer bürgerlichen Mainstream-Kultur definiert werden sind: tiefe Stimme, kurze Haare, bestimmend, Zurückhalten von Emotionen, Männern* wird eher Aggressivität zugemutet / das Ausüben von Aggression unterliegt weniger Restriktionen, technikversiert, dominant, Beschützerrolle usw.

Frauen* hingegen werden als schwach, zierlich, zurückhaltend, hohe Stimme, zurückhaltend, als schön konstruiert, oftmals in die Rolle der „Hausfrau“ hinein gedrängt, welche unbezahlte Haus- und Sorgearbeit verrichtet (vgl. 3.1 / 4. Teil), schutzbedürftig, emotional, passiv, für Erziehung zuständig, mütterlich, pflegend, mögen romantische Komödien, unentschlossen, finanziell abhängig, höflich, zickig, hysterisch etc. erwartet.

(Wie zwischen Männern* und Frauen* plakativ unterschieden wird zeigt sich in einer beliebigen Bildersuchmaschine, wenn nach den Begriffen „Mann“ / „Frau“ gesucht wird.)

„What gender cues do you think you respond to the most? How do you identify someone’s gender, especially if you’re uncertain? (*hint: it never hurts to ask politely if someone has a pronoun preference, and it is generally appreciated by the answerer.)“ aus: „Empower yr sexy self. A workbook“.

In einem Interview geht Reawyn Connell auf diese Darstellung und Beurteilung von Geschlecht im Alltag ein: „Manche Männer sind vielleicht aggressiver, manche Frauen emotionaler, daraus aber eine Generalisierung abzuleiten, ist falsch. Vielmehr fällt uns das, was wir erwarten, am stärksten auf. Es ist keine Kunst zu sehen, dass ein kleiner Bub aggressiv ist, denn wir erwarten ja nichts anderes von einem Buben. Falls er davor andere Verhaltensweisen an den Tag gelegt hat, haben wir das womöglich nicht einmal bemerkt. Unter Umständen fördern wir sein Verhalten auch, indem wir ihm bestimmte Aufgaben übertragen. Aus den daraus aufgebauten Erfahrungen baut er ein Repertoire an Verhaltensmustern auf. […] Die alten Muster der Ungleichheit bringen Privilegien für Männer. Sie haben in diesem System Macht und bekommen Unterstützung, weil sie Frauen in die Rolle der Unterstützerinnen gegossen haben. Ich nenne das patriarchale Dividende – ein Vorteil, den viele Männer nicht aufgeben wollen.“ (Zu dem Begriff der „patriarchalen Dividende“ vgl. 2.2 / 3. Teil).

In den geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen kommt in gewaltvoller Art und Weise zum Ausdruck, wie begrenzt / einschränkend ein binäres Geschlechtermodell ist. Hier zeigt sich, dass alles, was nicht in das enge Schemata von Mann* oder Frau* hinein passt diskriminiert, ja nicht einmal Beachtung findet, weil es als  medizinisch „krank“  im Sinne einer Abweichung von der Norm bezeichnet wird. In der wissenschaftlichen Literatur wird dafür oftmals der Begriff der „symbolischen Gewalt“ verwendet: „Mit dem Begriff symbolische Gewalt erfaßt [Connell] die soziale Wirkmächtigkeit der hierarchischen symbolischen Zweigeschlechtlichkeit. Bourdieu zeigt, daß in die kognitiven Strukturen und in die Körper der Individuen die Zweiteilung der sozialen Welt in männlich und weiblich sowie die Vorstellung von der männlichen Überlegenheit bereits eingeschrieben ist“ (Meuser / Scholz 2005: 224). Eine Frage, die sich an dieser Stelle jede_r  selbst stellen (und beantworten) kann:

“Why is that a lot of gender and sexual norms are defined based on one’s gender presentation?” aus: „Empower yr sexy self. A workbook“.

gender_back

Der „Doing Gender“ –Ansatz verweist darauf, dass Geschlecht in jeder sozialen Situation interaktiv hergestellt,  bzw. reproduziert wird. Der Körper eines Menschen dient als Medium sozialen Handelns und als „Mittel“ zur Selbstdarstellung. Umgekehrt können Männlichkeiten und Weiblichkeiten gleichzeitig auch verwirrt / verflüssigt werden, indem Menschen durch das Anlegen von Zeichen mit der Wahrnehmung der Menschen brechen, weil diese jeweils geschlechtlich gelesen werden, aber nicht in die vorgegebenen Kategorien von „Mann“ oder „Frau“ hinein passen: Hier können Beispiele queerer Aktionsformen wie „Radical cheerleading“, „cross dressing“, öffentliche „kiss ins“  angeführt werden, weil hier der Körper als Medium für Selbstdarstellung und Performativität fungiert (vgl. Gugutzer 2006: 20).

Weitere Beispiele: wenn ein als Mann* wahrgenommener Mensch eine Oberweite hat, kann eine solche „Sexuierung“ (vgl. Hirschauer 1989: 103 bzw. 2.1) Verwirrung stiften, oder

  • wenn der Rufname eines als Frau u interpretierten Mensch männlich ist
  • wenn eine Frau* mit einer Pinkeltüte im Stehen ihrem Harndrang nachgibt oder
  • wenn ein Mann* mit „atypischen“ Gesten, die nicht von ihm erwartet werden, einen Bruch mit männlicher Identität erzeugt
  • indem sich Frauen* einen Bart aufmalen, die Brüste abbinden, die Haare auf den Beinen nicht rasieren.

Denn „[z]entral für den interaktiven Einsatz des Körpers bei der Konstruktion des Geschlechts sind […] Ressourcen, die sichtbar und hörbar die Geschlechtszugehörigkeit darstellen“ (Villa 2011: 116).

Dazu zählen jene Sexuierungsprozesse, welche notwendig sind, um im Alltag Geschlechterdifferenz herzustellen: „Stimme, Kosmetik, Kleidung, Gesten, Mimik“ (ebd.), welche von Kessler/McKenna auch als „kulturelle Genitalien“ (Kessler/McKenna 1978: 155 zit.n. Hirschauer 1993: 26, vgl. auch 2.1 / 3. Teil) bezeichnet wurden. Indem Menschen sich nicht so repräsentieren, wie es von ihnen erwartet / zugeschrieben wird, können klassische Geschlechterrollen irritiert werden. Anne Fausto-Sterling betont, dass soziale Interaktion, als auch Sozialisation nicht nur die Wahrnehmung prägen, sondern sich direkt in den Körper einschreiben (vgl. Voß 2010: 66). „Beispielsweise Trainings, Bewegungsspielräume, Ernährung wirkten sich direkt auf die Konstitution aus und beeinflussten die Größe, die Ausbildung von Muskel- und Fettgewebe, die Beweglichkeit, aber auch die physiologischen Prozesse, die einen Menschen, einen Organismus kennzeichnen bzw. zu denen er in der Lage ist“ (Voß 2010: 66).

„Die stereotypen gemeinschaftlichen Attribute, die Frauen zugeschrieben werden, sind ebenfalls Merkmale die, wenn sie im täglichen Umgang übernommen werden, eine Person in eine untergeordnete, weniger starke Position bringen. So können die positiven Charakterzüge, die Frauen zugeschrieben werden, den niedrigeren Status noch verstärken.“ 

1.4 Trans- und Intersexualität: „Agnesstudien“ von Garfinkel

Der „Doing Gender“ Ansatz geht also weiter also die „sex-gender Unterscheidung“ (vgl. Gildemeister 2004: 132), weil darin nicht nur die Naturhaftigkeit von „Mann und Frau“ kritisiert wird. Es geht darum, dass gender in der Interaktion, also in sozialen Situationen dargestellt und somit hergestellt wird, indem Individuen miteinander handeln (vgl. Villa 2011: 109; bzgl. der Begriffe „(soziale) Interaktion“ siehe 2.3.1).

Das wurde von Harold Garfinkel in den „Agnes-Studien“ begründet, welche die „Verkörperung von Geschlechtszugehörigkeit“ (Hirschauer 1993: 24) behandeln. In diesen Studien beobachtete er wie Agnes, eine Mann zu Frau Transsexuelle „nach ihrer Operation […] auf allen Ebenen des Verhaltens in das kulturelle Frau-Sein im Kalifornien der sechziger Jahre einübte“ (Kotthoff 2003: 126).

Damit hat Garfinkel deutlich gemacht, dass Menschen, die ihr Geschlecht wechseln, „die selbstverständlichen Methoden der Herstellung des Geschlechtes explizit lernen [müssen]“ (Knoblauch 2002: 122), während dies für andere Individuen aufgrund ihrer Sozialisation als selbstverständlich erscheint.

Zudem ist unmissverständlich geworden, dass Menschen, die als Mann* oder Frau* erzogen werden, eine permanente wie komplexe und aufwendige Reproduktion ihres Geschlechts vollbringen (müssen). Im Alltag wird „gender gesellschaftlich so inszeniert […], dass es als natürliche Unterscheidung hingenommen werden kann, die unhinterfragt gilt“ (Kotthoff 2003: 127, H.i.O.). Dabei ist der „Rekurs auf ‚natürliche Unterschiede‘ […] ein Rekurs auf eine kulturell konstituierte Zeichenrealität“ (Hirschauer 1993: 22, H.i.O.). Das bedeutet, dass Geschlecht immer mit Zeichen (siehe oben „kulturelle Genitalien“) sowie mit Zuschreibungen verknüpft ist. Somit werden weibliche und männliche Symbole als „natürlich“ wahrgenommen, weswegen sie unhinterfragt bleiben (vgl. Hirschauer 1989: 110).

Zuletzt möchte ich noch in aller kürze auf eine neue, naturwissenschaftliche Studie verweisen. In „Nature“ (laut wiki eine der angesehensten Zeitschrift für Naturwissenschaften) erschien der aktuelle Beitrag (April 2015) „Sex redefined„. Die_der Autor_in Claire Ainsworth „weist die noch immer geläufige Sicht zurück, dass männliches Geschlecht eine Fortentwicklung aus dem basalen weiblichem Geschlecht darstelle. (Diese Sicht wird heute teilweise noch in zu simplen Beschreibungen der Testosteron-Wirkung und der Bedeutung von SRY geäußert.) Und sie stellt fest: „Die allgemeine Annahme, jede Zelle eines Individuums hätte dasselbe Set von Genen, ist schlichtweg falsch.“

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 3. Teil:
2. Privilegien, hegemoniale Männlichkeit und Konstruktion von Männlichkeiten
2.1 Männliche und weiße Privilegien
2.2 Hegemoniale Männlichkeit und patriarchale Dividende
2.3 Konstituierung von Männlichkeiten über den Wettbewerb und Männerbünde

[1. Teil]: Gesellschaftliche Prozesse sind immer auch vergeschlechtlichte Prozesse. Ein queerfeministischer Ansatz zur Reflexion männlicher Privilegien

INHALT VON TEIL 1

Einleitung

Kennst du Ronja?
Ronja ist wie du.

Gewalt, Privileg, Diskriminierung ist ein Teil einer jeden Gesellschaft, sie sind alltäglich und werden permanent ausgeübt; Manche Personen streiten ab (allen voran Maskulisten, Antifeministen, aber auch andere), dass Männer* in unserer Gesellschaft Privilegien genießen und diese überall vorhanden sind: nicht nur strukturell in staatlichen Institutionen vorhanden, in traditionellen Vorstellungen von „Familie“, sie können von reiner Symbolik bis zu ganz offensichtlicher Gewalt reichen.

„ABER Frauen haben auch Privilegien bzw. Männer leiden auch unter Gewalt” bekommt man oft zu hören, wenn man männliche Privilegien anspricht. Dieser Satz stimmt zum Teil (und dann wieder nicht) und ist zudem sehr verkürzt und vor allem aus dem Zusammenhang gerissen, weshalb ich das in den folgenden 9. Teilen etwas detaillierter ausführen möchte. (Grundsätzlich meine ich, dass es ignorant und einfältig ist, wenn als Reaktion auf das gesellschaftliche Problem x mit “ja, aber auf x geh ich jetzt nicht ein, ich finde y wird noch viel mehr diskriminiert“ reagiert wird. Diese Strategie wird auch als derailing bezeichnet).

Ich schreibe diese Serie, weil ich mich als als Ally / Profeminist sehe, der sich mit seinen männlichen Privilegien auseinandersetzt und diese reflektiert. Im Folgenden werde ich auf Themen eingehen, welche von Feministinnen in diversen Artikeln / Blogposts bereits behandelt wurden (und hier zum Teil zitiert werden); ich möchte nicht mansplainen (falls dennoch der Eindruck entsteht: ich bin offen für Kritik). Vor allem möchte ich mich in einem queer-feministischen Rahmen in einem anti-sexistischen Kontext mit meiner eigenen Position als Mann* sowie mit Männlichkeit beschäftigten und Männer* auffordern, dies auch zu tun. Außerdem wird darauf eingegangen, dass „Mann und Frau“ keine natürlichen Kategorien sind, sondern sozial / kulturell aus einem langen gesellschaftlichen Diskurs entstehen.

INHALT

Bevor ich mich mit praktischen Beispielen männlicher Privilegien und Diskriminierungen von Frauen* beschäftige (hier und hier und hier), möchte ich im theoretischen Teil (1. und 2. Veröffentlichung) auf Geschlechterverhältnisse und deren gesellschaftliche Aufladung / Bewertung / Beurteilung eingehen. Diese stellen das Fundament dieser Privilegien dar, denn die „beiden“ (sic!) Geschlechter stehen gesellschaftlich in einem hierarchischen Verhältnis zueinander. Dabei handelt es sich auch um strukturelle Privilegien, welche meist mit einer biologistischen Argumentation der Unterschiede zwischen Männern* und Frauen* mit natürlichen Wesensmerkmalen konstruiert werden. Weiters werde ich im Theorieteil auf Privilegien, hegemoniale Männlichkeit und Konstruktion von Männlichkeiten eingehen sowie auf Intersektionalität, männliche und weiße Privilegien, als auch auf die Begriffe „hegemoniale Männlichkeit“ und „patriarchale Dividende“. Abgerundet wird der Theorieteil mit der Ausführung, wie sich Männlichkeiten über Wettbewerb und Männerbünde konstituieren.

Zu betonen ist hier folgendes: Es ist nicht so, dass alle Männer* per se immer und unter allen Umständen gegenüber Frauen* privilegiert wären. Vor allem heißt das nicht, dass alle Männer* kollektiv „schuldig“ wären und schon gar nicht zeichne ich das Bild vom Mann* als Täter per se und der Frau* als Opfer per se. Eine reiche Frau* aus der Oberschicht genießt etwa mehr Lebensqualität als ein Mann* aus der Unterschicht und hat aufgrund eines höheren Vermögens auch mehr Handlungsspielräume in der Gesellschaft. Dafür ist es wichtig, Analysen über Gesellschaft immer intersektional durchzuführen, was dieser Begriff genau bedeutet, habe ich unter 2.1 erklärt.

Daher haben nicht alle Männer in gleicher Weise Privilegien, genauso sind nicht alle Frauen in gleicher Weise diskriminiert. (Damit diese Analyse nicht oberflächlich und einseitig vollzogen wird ist nämlich mitzudenken, dass es nicht „die Männer / die Frauen“ gibt, da beide Gruppen jeweils sehr heterogen beschaffen sind). Vielmehr handelt es sich um die „Privilegierung einer bestimmten Form von weißer Männlichkeit und nicht notwendigerweise von weißen Männern. Diese symbolische/ kulturelle/ diskursive Hierarchisierung aber schlägt sich als naturalisierte körperliche/ materielle/ ökonomische/ strukturelle Machtbeziehungen nieder“ (Peterson 2003: 14 nach Habermann 2008: 19).

Weiters wäre es ein Fehler, sich lediglich mit der Kategorie Geschlecht zu beschäftigen, da viele weitere Formen alltäglicher, gesellschaftlicher Diskriminierung vorherrschend sind.

Den Begriff „das Männliche als Norm“ habe ich in einem kürzeren Blogpost behandelt, aber auch

Anmerkung: Ich gehe prinzipiell davon aus, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt – also auch Trans-, Inter-, etc. Personen, jedoch muss in folgender Diskussion von „Männern“ und „Frauen“ gesprochen werden, um Elemente der patriarchalen Unterdrückungsstrategien beleuchten zu können, welche immer nur das naturalisierte Verhältnis innerhalb der einschränkenden Mann – Frau Dichotomie kannte. Denn so lange Menschen in einem gesellschaftlichen Kontext in dieser Zweiteilung wahrgenommen werden, ist die Unterscheidung zwischen Männern* und Frauen* als analytische Kategorien notwendig, um den Status quo zu beschreiben / zu analysieren. Herrschende Verhältnisse werden etwa mit dem „Postgender-Konzept“ verschleiert und ad absurdum geführt. In anderen Worten:

„Ich meine die Unterscheidung zwischen Geschlecht als sozialer Konstruktionauf der einen und Geschlecht als Bezugspunkt gesellschaftlicher Strukturierung auf der anderen Seite“ (Becker-Schmidt 2013: 19)

In diesem Blogpost geht es darum, dass der weiße, bürgerliche Mann in dieser Gesellschaft (etwa in Staaten des globalen Nordens, aber auch darüber hinaus) als Norm gilt (siehe Auflistung oben) und Privilegien genießt, welche reflektiert werden sollen (vgl. 3. Kapitel / ab 4. Teil). Damit werden gleichzeitig u.a. People of Color, Frauen*, untere Klassen diskriminiert, indem sie als „die anderen“ markiert werden, was damit zusammen hängt, dass sie kein Teil der Norm sind. Auch im Jahr 2015 sind Menschen noch immer nicht etwa in der Hinsicht gleichberechtigt, dass Frauen* und Männer* für die gleiche Lohnarbeit die gleiche Bezahlung bekommen (vgl. 3.2 / 5. Teil), gleichzeitig kann die geschlechtliche Arbeitsteilung und die Art und Weise, wie Haus- und Sorgearbeit gesellschaftlich (minder) bewertet wird, als sexistisch und männliche Bevorteilung bezeichnet werden.

Zudem ist jede dritte Frau* in der EU Opfer von Männergewalt, wie die EU-Grundrechtsagentur in einer weltweit bislang umfangreichsten statistischen Erhebung diesbezüglich erkannte (vgl. European Union Agency for Fundamental Rights 2014; vgl. 3.1). Daneben sind Frauen* in Spitzenpositionen, in Wissenschaft, Politik, aber auch im öffentlichen Raum / im Stadtbild (etwa Gassennamen, Statuen, Denkmäler…) unterrepräsentiert, darüber hinaus werden Frauen oftmals auf ihren Körper reduziert, was sich nicht nur in sexistischer Werbung äußert (vgl. 3.3.2 / 6. Teil), oder sie werden von diversen Veranstaltungen / aus verschiedenen Bereichen komplett ausgeschlossen (vgl. 3.3.3 / 6. Teil). Ferner ist es häufig der Fall, dass Männer* durch ihre (u.a. durch Sozialisation) zugeschriebene und daher auch erlaubte Dominanz nicht nur in Gesprächen / Diskussionen leichter das Wort ergreifen und in verschiedenen alltäglichen Situationen selbstbewusster auftreten können (vgl. 3.3.1 / 6. Teil). Die Kategorie „Geschlecht“, die Aufteilung und somit Kategorisierung aller Menschen in „Männer“ und „Frauen“ ist wirkmächtig und hat im Alltag unzählige Konsequenzen auf Menschen (s.u. 1. Kapitel). In den letzten 100 Jahren hat sich bezüglich der Gleichberechtigung der Geschlechter sehr viel getan, allerdings sind Männer*, Frauen*, Trans*, Inter* und alle anderen Geschlechter noch keineswegs gleichberechtigt. Um dort hinzukommen ist viel emanzipatorisches Streiten / Kämpfen erforderlich. Aber erstmal der Reihe nach…

Allgemeine Anmerkungen für diesen Artikel:

  • In der deutschen Sprache wird bzgl. der Anrede und Beschreibung von bzw. dem Sprechen über Personen alles negiert, was außerhalb von „sie“ oder „er“ / „der oder „die“ liegt. Die Art des Sprechens spiegelt jedoch die Tatsache der vollkommenen Ignoranz: Es gibt offiziell nur Frauen* und Männer*, Toiletten existieren ausschließlich für jene Geschlechter. Somit schafft Sprache ebenso eine Norm, bzw. ist sie ein Abbild von Macht- und Herrschaftsprozessen (vgl. 3.3.1): „Dagegen möchte ich einen anderen Ort von Geschlechtlichkeit setzen, einen Ort, den es zu erforschen gilt und um den wir kämpfen sollten, er sieht so aus: _.“ Der * hinter den Worten Mann* / Frau* soll hingegen verdeutlichen, dass es mehr als nur zwei Geschlechter gibt.

  • Da der Artikel aufgrund des umfangreichen Themas etwas lang geraten ist, wurde er in 9 Teilen veröffentlicht.

  • Bei jedem „vgl. xy“ (sofern es sich um einen Verweis auf einen Punkt innerhalb des Artikels handelt) ist nach dem Schrägstrich auch auf den Teil des Artikels verwiesen, in welchem dieses Thema zu finden ist.

  • Das Literaturverzeichnis für schriftliche Quellen findet sich hier, bzw. ist auch immer am Ende von jedem Teil verlinkt. Onlinequellen wurden (mit sieben Ausnahmen) immer direkt im Text verlinkt.

1. Naturalisierung der Kategorien “Männer” und “Frauen“ als Grundlage männlicher Privilegien

Geschlecht und Sexualität sind nicht „von Natur“ aus determiniert, vielmehr ist es unmöglich, sie unabhängig von einem gesellschaftlichen Umfeld zu denken. „Einen Organismus losgelöst von ihn umgebenden Faktoren zu betrachten, einen Menschen ohne die ihn umgebenden Einflüsse anderer Menschen zu sehen ist praktisch unmöglich“ (Voß 2011: 52-53). Körper werden in jeder Kultur, in jeder Gesellschaft politisch und kulturell mit Bedeutungen aufgeladen und sind daher niemals unabhängig von Geschichte, Kultur, Epoche und Gesellschaft zu denken. „Nichts den Menschen Umgebendes ist außergesellschaftlich, nichts für den Menschen Wahrnehmbares ist außerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse und außerhalb gesellschaftlicher Prägung denkbar“ (Voß 2011: 50).  (Dies wird im 2. Teil mit dem „doing gender Ansatz“ verdeutlicht).

„Unser symbolisches Leben ist nachhaltig vom Unterschied zwischen Frauen und Männern gezeichnet. Namen, Anredeformen, Sprechstile, Stimmen, Haartracht, Körperpflege, Körperpräsentationen etc. symbolisieren ihre Geschlechtsidentitäten“ (Kotthoff 2003: 128). Darin sind bereits männliche Privilegien erkennbar, worin sich auch die Hierarchisierung des weißen, heterosexuellen, bürgerlichen Mannes als Norm zeigt. Hingegen werden Frauen*, Proletarier_innen, homosexuelle Menschen, Schwarze etc. als „anders“ markiert. Eine kurze, historische Betrachtung, wie diese Zweiteilung ab dem 18. Jahrhundert explizit betont wurde, erfolgt im nächsten Abschnitt unter 1.1.

„Die Vorstellungen von dem, was  Frauen und Männer sind, spiegeln nicht Natur. Sie rühren von kulturellen Gewohnheiten her, die in soziale Machtbeziehungen eingebettet sind: Ideen über die ‚Natur der Geschlechter‘ entstehen aus Machtbeziehungen, in denen Diskurse mit Institutionen, Gesetzen, Programmen [eingelagert sind]“ (Bublitz 2002: 67). Ein Ansatz queerer und feministischer Positionen ist, dass gender in jeder Interaktion hergestellt wird, was mit dem „Doing Gender“ Konzept erklärt werden kann. Dieser Ansatz geht weiter als die sex/gender Unterscheidung (vgl. Gildemeister 2008: 167), weil darin nicht nur die Naturhaftigkeit von Mann und Frau kritisiert wird. Es geht darum, dass gender in der Interaktion, also in sozialen Situationen dargestellt und somit hergestellt wird, indem Individuen miteinander handeln (vgl. Villa 2011: 109). Bevor darauf unter 1.3 / 2. Teil näher eingegangen wird, erfolgt zunächst eine historische Betrachtung davon, wie mit dem Aufkommen von Industrialisierung / Bürokratisierung angebliche Unterschiede zwischen vermeintlich zwei Geschlechtern betont wurde.

1.1 Sozial – historisch: Der weiße, bürgerliche Mann als Norm

Geschlecht und Körper können nicht unabhängig von Geschichte, Sozialisation, Erziehung, Kultur, gesellschaftlicher Struktur betrachtet werden. Die Einteilung in Männer* und Frauen* (vgl. insbes. 1.2; 1.3 / 2. Teil) gab es zwar auch schon vor dem 18. Jahrhundert, allerdings wurde eine angebliche Wesensverschiedenheit von Männern* und Frauen* erst mit dem aufstrebenden Bürgertum betont und institutionalisiert. „‘Geschlechtscharakter‘, dieser heute in Vergessenheit geratene Begriff bildete sich im 18. Jahrhundert heraus und wurde im 19. Jahrhundert allgemein dazu verwandt, die mit den physiologischen korrespondierend gedachten psychologischen Geschlechtsmerkmale zu bezeichnen. Ihrem Anspruch nach sollten Aussagen über die ‚Geschlechtscharaktere‘ die Natur bzw. das Wesen von Mann und Frau erfassen“ (Hausen 2012: 19).

Die Wörterbuchdefinitionen der Stichwörter „Geschlechtseigentümlichkeiten“ / „Geschlechtscharaktere“ aus „Meyers‘ Großem Konversationslexikon“ von 1904, dem „Brockhaus“ (1895) und anderer Lexika (Zedler 1735; Krünitz 1778) (vgl. Hausen 2012: 22ff.). sollen an dieser Stelle nicht im Detail wiedergegeben werden, lassen sich aber damit zusammen fassen, dass Männern* Aktivität und Rationalität, Frauen* hingegen Passivität und Emotionalität zugeschrieben wurde (vgl. ebd.), bzw. auch im Jahr 2014 zum Teil immer noch wird. „Die variationsreichen Aussagen über ‚Geschlechtscharaktere‘ erweisen sich als ein Gemisch aus Biologie, Bestimmung und Wesen und zielen darauf ab, die ‚naturgegebenen‘, wenngleich in ihrer Art durch Bildung zu vervollkommnenden Gattungsmerkmalen von Mann und Frau festzulegen“ (Hausen 2012: 23). („Der Glaube an die Charakter-Dichotomie ist noch immer stark“ (Connell 2013: 90)); diese Geschlechterstereotypen haben sich bis heute erhalten und werden in vielen Situationen des alltäglichen Lebens reproduziert, vgl. 1.3). „Demgegenüber sind die älteren vor allem in der Hausväterliteratur und den Predigten überlieferten Aussagen über den Mann und die Frau Aussagen über den Stand, also über soziale Positionen und die diesen Positionen entsprechenden Tugenden“ (Hoffmann 1959 nach Hausen 2012: 25), anstatt Männer* und Frauen* in unterschiedliche Wesensmerkmale einzuteilen.

So ordnete auch Chr. Wolff den Geschlechtern Anfang des 18. Jahrhunderts „der ehelichen, väterlichen und herrschaftlichen Gesellschaft zu und bestimmt danach die erforderlichen Tugenden der Herrschaft bzw. des Gehorsams und der Tüchtigkeit des Wirtschaftens bzw. Arbeitens“ (Wolff 1725 nach Hausen 2012: 26). Dies zeigt sich ebenso in „Zedlers Universal-Lexikon“ von 1735: „Frau oder Weib ist eine verehelichte Person, so ihres Mannes Willen und Befehl unterworfen, die Haushaltung führet, und in selbiger ihrem Gesinde vorgesetzt ist“ (Zedler 1735 nach Hausen 2008: 26). Diese Zitate belegen zwar ein hierarchisiertes Verhältnis zwischen den Geschlechtern und eine Unterordnung von Frauen* unter Männer*, allerdings ist es ein Unterschied, Geschlechter anhand von gesellschaftlichen Aufgaben oder nach Wesensmerkmalen zu differenzieren. Denn erst mit einer Zuordnung von männlichen und weiblichen Charaktereigenschaften findet eine Trennung von weiblicher (häuslicher) und männlicher (öffentlicher) Arbeit statt, wie weiter unten gezeigt wird. So nennt auch Krünitz (1778) „unter dem Stichwort ‚Frau‘ nicht Charaktereigenschaften, sondern die Rechte, Pflichten und Verrichtungen der Hausfrau und spezifiziert seine Aussagen für die Handwerks- und Kaufmannsfrau“ (Krünitz 1778 nach Hausen 2012: 26).

Gleichzeitig und analog zur Betonung einer angeblichen Wesensverschiedenheit der Geschlechter erfolgte in dieser Zeit eine Trennung in eine häusliche, weibliche und eine öffentliche, männliche Sphäre, welche „um die Wende zum 19. Jahrhundert mit der verallgemeinerten Durchsetzung bürokratischer Prinzipien im Instanzenzug der Behördenorganisation und im Berufsbeamtentum erheblich beschleunigt wurde“ (Hausen 2012: 40). Reinhard Spree beschäftigt sich ebenso mit der veränderten Beziehung zwischen Männern* und Frauen* im 19. Jahrhundert. „Aus Frauen und Männern mit einem partnerschaftlichen Verhältnis bei jeweils eigenen, aber gleichwertigen und auch nicht prinzipiell fixierten Aufgabenbereichen im Haushalt wurde ein Unterordnungsverhältnis von biologisch dichotomisierten Wesen, in dem angeblich die Natur dem Manne eine grundsätzliche Dominanz der Frau zuwies.“

Hingegen arbeiteten nach derzeit weitverbreiteter Auffassung Männer gemeinsam mit Frauen „in der vorindustriellen Haushalts- und Familienform des ‚ganzen Hauses’, die typischerweise bei Bauern, Handwerksmeistern und Kaufleuten anzutreffen war, mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen, aber partnerschaftlich zusammen. Im ‚ganzen Haus’ waren Erwerbs- und Privatsphäre unter einem Dach vereinigt und auch symbolisch kaum getrennt, indem die Kernfamilie […] gemeinsam arbeitete, wohnte und aß. Das ‚ganze Haus’ ‚bezeichnete somit eine Rechts-, Arbeits-, Konsum- und Wirtschaftseinheit‘“ (vgl. auch Hausen 2012: 28).

Dennoch bestand ein Unterordnungsverhältnis, welches sich darin zeigt, welche Arbeit Männern* und Frauen* zugemutet wird. Im Brockhaus von 1815 ist zu lesen: „Aus dem Manne stürmt die laute Begierde; in dem Weibe siedelt sich die stille Sehnsucht an. Das Weib ist auf einen kleinen Kreis beschränkt, den es aber klarer überschaut; es hat mehr Geduld und Ausdauer in kleinen Arbeiten. Der Mann muß erwerben, das Weib sucht zu erhalten; der Mann mit Gewalt, das Weib mit Güte oder List. Jener gehört dem geräuschvollen öffentlichen Leben, dieses dem stillen häuslichen Cirkel […]. Der Mann stemmt sich dem Schicksal selbst entgegen, und trotzt schon zu Boden liegend noch der Gewalt; willig beugt das Weib sein Haupt und findet Trost und Hilfe noch in seinen Thränen“ (Brockhaus 1815 nach Hausen 2012: 22). Mit der Zeit wurde die Arbeit von Frauen aus der öffentlichen Anerkennung verdrängt und in der kleinbürgerlichen Familie geradezu isoliert und als ökonomisch wertlos herab gesetzt (vgl. Duden / Bock 1977 in Wichterich 1998). Denn „Mitte des 19. Jahrhunderts war die Familie und der Haushalt ein wesentlicher Ort für die Konstruktion, Verkörperung und Weitergabe der Werte des Bürgertums geworden“ (Habermann 2008: 233).

Der Punkt ist hier, dass diese Unterscheidung von männlicher und weiblicher Arbeit und die damit einhergehende scharfe Trennung davon, was die „beiden“ (sic!) Geschlechter ausmacht nicht schon immer vorhanden, sondern entstand vielmehr mit der zunehmenden Kapitalisierung, Marktabhängigkeit, Industrialisierung, der Herausbildung bürokratischer Systeme. „Die ideologische Neubegründung der Unterordnung der Frau unter den Mann, vor allem im Bürgertum, seit dem frühen 19. Jahrhundert kann als Abwehrkampf der Männer gegenüber den die familialen Machtverhältnisse in Frage stellenden Forderungen der Französischen Revolution und der Aufklärung gesehen werden“ (Gestrich 1999: 102) Somit kann auch die Funktion der Charakterbestimmung von Männern* und Frauen* als „ideologische Absicherung von patriarchaler Herrschaft“ (Hausen 2008: 31) gesehen werden. Dies wurde auch explizit so argumentiert, beispielsweise von Carl Theodor Welcker im Staatslexikon unter dem Stichwort „Geschlechtsverhältnisse“ (vgl. ebd.). „Welcker hält die durch das Menschenrecht begründete Gleichheit im bürgerlichen Recht im Hinblick auf die Frauen für problematisch; ist doch ’so vielfache Ungleichheit zwischen dem Manne und der Frau, so große Verschiedenheit ihrer Lebensaufgaben und ihrer Kräfte, also auch ihrer Rechtsverhältnisse, schon durch die Natur selbst bestimmt‘“ (ebd.). Gleichzeitig argumentiert Welcker gegen eine rechtliche Gleichstellung von Mann* und Frau* (vgl. Welcker 1838 nach Hausen 2012: 34).

Unterdessen muss hier betont werden, dass sich dieses Ideal der Trennung von weiblicher und männlicher Arbeit zuerst im Bürgertum breit machte und sich erst mit der Zeit auch auf andere Klassen übertragen hat (vgl. Hausen 2012: 38). Zwar waren auch Familien im Mittelalter patriarchalisch organisiert, jedoch wurden Frauen erst mit dieser anderen Produktionsweise „in die ökonomische und emotionale Abhängigkeit von Männern gedrängt“ (vgl. (Opitz [Ayim] 1997 [1986]: 25 nach Voß / Wolter 2013: 79). Erst mit „der Trennung in Privatsphäre und außerhäuslicher Produktion kam der […] Bürgersfrau die Rolle der treusorgenden Gattin, Hausfrau und Mutter zu. Diese Entmachtung wurde verklärt und idealisiert, wobei im 18. Jahrhundert die Mehrzahl der deutschen Frauen dem neuen Frauenideal nicht entsprechen konnte, weil sie in Manufakturen und Fabriken Schwerstarbeit leistete“ (Opitz [Ayim] 1997 [1986]: 25 zit. nach Voß / Wolter 2013: 79).

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier

–> Themen im 2. Teil:
1.2 Doing Gender, Körper, Sozialisation und Heteronormativität
1.3 Geschlechterstereotypen