Gesten der Broker #Zeit #Virilio

“An dieser Zuverflässigkeit (jene der Küchenschabe) hat es uns gemangelt und die Gesten die den Wahnsinn der allgemeinen Aufregung auszudrücken scheinen, gehören der Vergangenheit an.
Die kodierten Verständigungssysteme einer spezialisierten Kaste, deren bunten Jacken wie bei Jockeys auf die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stall hindeuten, gibt es nicht mehr.
Die Wall Street, die City of London, die Börsen in Paris, Frankfurt, Shanghai oder Tokio werden nicht mehr von Handzeichen und Augen beherrscht, sondern von Algorithmen, die die Finanzplätze überschwemmt haben.“

 

Dies ist ein kleiner Ausschnitt (zugegebener Maßen etwas aus dem Zusammenhang gerissen) aus der sehr zu empfehlenden Dokumentation „Paul Virilio – Denker der Geschwindigkeit“. Über „Zeit“ werde ich demnächst im Rahmen einer neuen Blogpost-Serie „soziale Konstruktion der ’natürlichen‘ Welt“ einen Artikel veröffentlichen.

 

Thomas Bernhard – „Die Ursache bin ich selbst“ und „Heldenplatz“

„Wir sind katholisch erzogen worden, wir sind von Grund auf zerstört worden. Der Katholizismus ist der große Zerstörer der Kinderseelen, der große Angsteinjager, der große Charaktervernichter des Kindes. Millionen und schließlich Milliarden verdanken der katholischen Kirche, dass sie von Grund auf zerstört und ruiniert worden sind für die Welt. Dass aus ihrer Natur eine Unnatur gemacht ist.

Die katholische Kirche hat den zerstörten Menschen auf dem Gewissen, den chaotisierten, den letzten Endes durch und durch unglücklichen, das ist die Wahrheit, nicht das Gegenteil. Denn die katholische Kirche duldet nur den katholischen Menschen, keinen anderen, das ist ihre Absicht und ihr fortwährendes Ziel. Die katholische Kirche macht aus Menschen Katholiken, stumpfsinnige Kreaturen, die das selbständige Denken vergessen und für die katholische Religion verraten haben, das ist die Wahrheit.

Wenn wir auch in Betracht ziehen, dass die katholischen Bräuche uns als Kind immer entzückt haben, sie für uns am Anfang nichts anders als ein Märchen gewesen sind – unser schönstes, zweifellos, so haben dieses Märchen und dieses Schauspiel doch alles Natürliche in diesen Menschen ruiniert, sie mit der Zeit zugrunde gerichtet.“

Aus der Dokumentation: „Die Ursache bin ich selbst“

 

„Sie fallen ja immer wieder auf Österreich herein
aber weil Sie einmal in einem Gasthaus gut essen
oder in einem Kaffeehaus einen guten Kaffee trinken
dürfen Sie nicht vergessen
daß Sie sich in dem gemeingefährlichsten aller
europäischen Staaten befinden
wo die Schweinerei oberstes Gebot ist
und wo die Menschenrechte mit Füßen getreten werden“ (Bernhard 1995: 148).

„Ich war nie ein Anhänger der Monarchie
das ist ganz klar
das waren wir alle nicht
aber was diese Leute aus Österreich gemacht haben
ist unbeschreiblich
eine geist- und kulturlose Kloake
die in ganz Europa ihren penetranten Gestank verbreitet
und nicht nur in Europa
dieser größenwahnsinnige Sozialismus
der mit Sozialismus schon seit einem halben (sic!) Jahrhundert
nichts mehr zu tun hat
was die Sozialisten hier in Österreich aufführen ist ja nichts als verbrecherisch […]
den Sozialismus haben die österreichischen Sozialisten
schon in den frühen fünfziger Jahren umgebracht seither gibt es in Österreich keinen Sozialismus mehr
nur noch diesen ekelerregenden Pseudosozialismus“ (Bernhard 1995: 96).

Thomas Bernhard (1995) [1988]. Heldenplatz. Suhrkamp. 1. Auflage.

 

What we do matters

Auf Derridas Bemerkung beziehend, „Ob sie es wollen und wissen oder nicht,
alle Menschen auf der ganzen Erde sind heute in gewissem Maße die Erben Marx´“;
erinnert Simon Critchley daran, dass wir auch alle Erben von Adam Smith und John
Locke sind. Es sei hinzugefügt: Alle nach uns sind Erben von uns.
What we do matters.

Habermann, Friederike (2008). Subjektfundierte Hegemoniekritik.