Der Satz „weiße, alte Männer“

Gestern war ich auf einem Vortrag vom Gegenstandpunkt am Campus in Wien, es ging um das neue Freihandelsabkommen TTIP. Viel zu spät angekommen hab ich mir das mal ein bisschen angeschaut und dann schnell bemerkt (naja, es war offensichtlich), das sich permanent und immer dieselben Männer melden. (Dass es beim GSP angeblich weniger Frauen gibt, die Vorträge halten, ging es mir in folgendem Tweet nicht primär). Daher schrieb ich:

Aus der Kritik an dem Tweet ist eine Diskussion entstanden: dass dies ageistisch sei (zunächst stimmt diese Kritik, wenn der Satz zusammenhanglos so stehen gelassen wird. Daher schreib ich u.a. diesen Blogpost), warum ich mich als weißer Mann über weiße Männer aufrege (was mMn etwas aus dem Kontext gerissen ist, Erklärung siehe unten), bis hin zu einer Beschimpfung („jung, aber dumm wie stroh“) (was mir ja grundsätzlich egal ist, das soll kein mimimi sein, versteh jedoch nicht, warum diese Beschimpfung kommt, bevor ich gefragt werde, wie ich das denn meine).

Schließlich wurde von einer anderen Person konstruktiv gefragt, wie das gemeint ist:

Dies möchte ich in diesem Post ausführen.

Grundsätzlich geht es mir nicht darum, dass der GSP per se schlecht / dumm / die falschen Argumente hat, weil viele weiße, alte Männer im Publikum sitzen. Vielmehr kann ich mit vielen Inhalten des GSP etwas anfangen, kritisiere aber gleichzeitig, dass im Publikum oft Männer sitzen, von welchen immer dieselben 2-3 permanent das Wort ergreifen, anstatt dass diese schauen, ob nicht auch andere Menschen im Raum etwas sagen wollen.

Ich argumentiere strukturell und darauf war auch der erste Tweet bezogen: es geht mir um eine strukturelle Kritik – der weiße Mann gilt und galt immer als Norm. (Hab dies im ersten Teil meines Artikels über die Reflexion (meiner) männlichen Privilegien ausgeführt).  Ebenso bin ich in diesem auf männliche und weiße Privilegien eingegangen: weiße und männliche Privilegien sind so allgegenwärtig, dass sie unsichtbar erscheinen. Dies hat ebenso mit dem sozialen Status einer Person zu tun. Dieses Argument habe ich hier ausgeführt.

Ich finde nicht alles scheiße, was weiße, alte Männer sagen, manchmal ist dies inspirierend, oder ich bin auch mal davon begeistert. Vielmehr geht es um die Raumnahme von diesen, um Gesprächsverhalten und darum, dass „weiße, alte Männer“ gesellschaftliche Macht haben (nicht nur in Konzernen oder Religionen, sondern allgemein in wichtigen / prestigeträchtigen Positionen), dass sie gesellschaftliche Dominanz ausüben, während Frauen in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen oftmals marginalisiert, oder ganz ausgeschlossen werden (in den folgenden Teilen der Reflexion männlicher Privilegien werde ich darauf im Detail eingehen, würde in diesem Blogpost aber den Rahmen sprengen).

Natürlich war die Phrase „weiße, alte Männer“ auch etwas polemisch und vielleicht auch als Kampfbegriff gemeint, aber v.a. um darauf hinzuweisen, dass v.a. die Norm hier vertreten ist (also insbes. auf jene bezogen, die sprechen).

Es geht aber insbesondere um strukturelle Kritik: der weiße Mann gilt als Norm, Abweichungen von diesem werden markiert. Dabei geht es gleichzeitig um Gesprächsverhalten sowie um Sozialisation und allgemeine Geschlechterstereotypen: Frauen werden nicht dazu erzogen, dass sie viel und permanent reden, selbst wenn es ein völliger Humbug ist; es geht ebenso um die Selbstdarstellung vieler Männer, die sich gerne reden hören. Oder dass Frauen und Männer inhaltlich dasselbe sagen, Männern aber mehr geglaubt wird. Dies ist ein strukturelles Problem, wie kann damit umgegangen werden, wie kann dies verbessert werden?

Im Kontext des GSP Vortrags heißt das natürlich keineswegs, dass dieser allein aufgrund dieser Tatsache, dass so viele weiße, ältere Männer anwesend waren, per se schlecht war. „Aber“ vielleicht hat der GSP ein Problem mit Mobilisierung und könnte sich die Frage stellen, wie es geschafft werden kann, ein breiteres Spektrum dazu zu bewegen, dass AUCH jüngere, bzw. mehr Frauen zu den Vorträgen kommen, bzw. diese gleich in die Struktur des GSP mehr eingebunden werden.

Bei der Phrase „weiße Männer“ gehts auch um die Kritik, dass beispielsweise die linke Szene in Wien (wahrscheinlich auch in anderen mitteleurp. Städten, aber das kann ich nicht beurteilen) beinahe durch und durch weiß ist. Das ist ein Problem, wie kann damit umgegangen werden? Gleichzeitig geht es um Raumnahme, wer wird inkludiert, wer wird exkludiert? Wie kann dazu beigetragen werden, dass mehr Inklusion statt findet?

Räume sollten möglichst niederschwellig sein, damit Leute nicht aufgrund einer (nicht) Zugehörigkeit zu einer Szene per se aus- / eingeschlossen werden. Daher ist es wichtig, Räume so zu gestalten, dass viele verschiedene Menschen Zugang dazu haben, indem physische und ideelle Schranken möglichst abgebaut werden. Dabei ist es notwendig, nicht nur potentielle Barrieren abzubauen, die körperlich eingeschränkte Menschen ausschließen könnten, wesentlich ist es außerdem zu versuchen, dass sich verschiedene Menschen mit verschiedenem Hintergrund aus verschiedenen Szenen an diesen Orten wohl fühlen.

Als weißer Mann kann ich mich natürlich über weiße Männer aufregen, welche Raum einnehmen und sich selbst gerne permanent sprechen hören wollen. Als weißer Mann habe ich einen Artikel geschrieben (siehe Inhaltsverzeichnis), in dem ich über männliche und weiße Privilegien reflektiere. Mir geht es am oasch, dass in der Linken Konsens über „Nazis aufs Maul“ oder „Kapitalismus abschaffen“ besteht, männliches, dominantes Verhalten aber oftmals (natürlich nicht immer) großzügig toleriert, oder zu wenig kritisiert wird (zumindest von Männern selbst).