[2. Teil] Endlich rauchfrei: Die psychische Komponente beim (nichtmehr) Rauchen (“Gehirnwäsche“)

Im 1. Teil habe ich Tipps aufgelistet, was akut gegen Schmachtattacken getan werden kann. Im 2. Teil geht es mit noch stärkerem Fokus um den psychischen Aspekt beim (nicht mehr) Rauchen, oder wie es Allen Carr formuliert: “die Gehirnwäsche“
(= Bedürfnisse nach einer Zigarette sind Reaktionen auf konditionierte Auslöser. Mehr dazu in den Punkten unten).

INHALT

Nikotin ist eine Droge, die die Sinneswahrnehmung verändert – den Geschmacks- und Geruchssinn. Das Schlimmste am Rauchen: die Konditionierung und Verschränkung der Psyche, man sucht ständig nach Erklärungen, um weiter zu rauchen. Verstehe, wie die Sucht funktioniert und du wirst leichter darüber hinweg kommen. Der größte Gewinn des Nichtrauchens ist psychischer Natur, nämlich eine Stärkung des Selbstvertrauens, mehr Elan und das Verschwinden der schwarzen Schatten aus dem Hinterkopf, die das Leben verdüstern.

Vorab: Denke nicht, dass du eine Aktivität, die du früher immer mit dem rauchen verknüpft hast für immer aufgeben musst. Alles, was du als Raucher_in getan hast, wirst du genauso gut oder vlt sogar besser als Ex-Raucher_in tun können. Mit dem Rauchen aufzuhören bedeutet in keiner Weise Opfer zu bringen!


 

2. Psychische Komponente / Konditionierung / Gehirnwäsche beim Rauchen

  • Die Tabakindustrie verknüpft Zigaretten mit angenehmen Situationen voller Lebensqualität. Ursprünglich neutrale Reize werden mit Rauchen assoziiert und lösen Verlangen nach Zig. aus: Freiheit und Abenteuer werden versprochen, rauchen führt aber zur Sucht, macht träge und krank. Werbung funktioniert wie Hypnose, wir werden dadurch wie der pawlowsche Hund konditioniert und wollen eine rauchen, sobald wir eine Situation erleben, die durch die Tabakwerbung damit verknüpft wurde. Besonders subtil und niederträchtig: Kaugummi- & Schokozigaretten für Kinder.
  • Sei dir bewusst, dass viele Routine-Situationen den Drang nach einer Zigarette auslösen, wie etwa Kaffee und Alkohol, gesellige Events mit Freund_innen, nach dem Essen, bei Telefonieren usw. Wir haben das Rauchen (genauer: den „Genuss des Aufhebens der Entzugserscheinungen“) mit bestimmten Erlebnissen in unserem Kopf verknüpft. Wir sind emotional stark konditioniert und verbinden das Rauchen mit Gefühlen wie Freiheit, Entspannung, Konzentration, Geselligkeit (siehe unten: Mythen). Wenn das Gehirn lernt, dass Rauchen subjektiv gut tut, entsteht ein Suchtgedächtnis und psychische Abhängigkeit. Dadurch reden wir uns vermeintliche „Vorteile“ des Rauchens, oder die „besondere“ Zigarette ein.
  • Wir haben also gelernt, dass Zig. zu gewissen Zeiten angenehm sind. Wer 20 Zig. am Tag raucht, wiederholt 7300 mal die „Erfahrung“, dass Rauchen eine beglückende Tätigkeit ist. Dies prägt sich tief ins Unbewusste ein, somit entsteht das Suchtgedächtnis. Sobald der Niktonspiegel im Gehirn sinkt, oder ein Schlüsselreiz auftritt (Kaffee, Stress, Entspannung etc.) wird dieses Gedächtnis aktiviert und das dringende Verlangen nach einer neuen Dosis Nikotin erwacht. Wer pro Tag 20 Zig. raucht und an jeder 15x zieht, führt seine Hand tägl. 300 mal zum Mund. Diese Bewegung wird 21000 mal in der Woche und jedes Jahr 109500 mal durchgeführt.
  • Durch diese intensive Beschäftigung mit dem Glimmstängel und die Tatsache, dass er uns immer und überall hin begleitet, wird die Zig. ein Teil von uns und somit auch von unserem Selbstbild, sogar zu unserem Ego – dies möchte uns zumindest die Tabakindustrie einreden. Die Nikotinfalle schürt Angst vor einem Leben ohne Zig., obwohl das Rauchen selbst die Gefahr ist. Dass wir uns dies einreden lassen funktioniert aber nur so lange wir das nicht durchschauen.
  • Die psychische Abhängigkeit ist ein größeres Problem als die körperliche: die Illusion/Täuschung zu glauben, dass man durch das Rauchen einen Vorteil oder Mehrwert gegenüber Nichtraucher_innen hat – dies ist „die Gehirnwäsche“ . Wir sind dabei, sie rückgängig zu machen. Rauchenden fehlt etwas, nicht Nichtraucher_innen. 
  • Hör dir mal zu, wenn du denkst: Beseitige deine automatisch aufs Rauchen programmierte Denk- und Verhaltensmuster und löse dich davon! Zerstöre danach alle Gründe für deine Rauchgewohnheiten und wiederhole sie so oft, bis du sie fest eingeprägt hast (Siehe 3. Punkt).
  • Spätestens nach der 10. rauchfreien Woche hast du keine körperlichen Entzugserscheinungen mehr, alles spielt sich ab nun im Kopf ab.
  • Betrachte dich als „Smoke-a-holic“. Nur ein einziger Zug, und du bist wieder süchtig. Denke bloß nicht, du könntest gefahrlos „nur einen einzigen Zug“ nehmen! Dies ist die größte Gefahr und der häufigste Grund, warum Menschen auch nach 5 oder 10 rauchfreien Jahren wieder süchtig werden!
  • Man fängt jeden Morgen wieder neu mit dem Rauchen an. Morgens ist schon vieles überstanden, man muss aber nach dem Aufstehen wieder rauchen. Die erste Kippe schmeckt am stärksten, aber fast keinem_r Raucher_in am besten. Das liegt am Zeitkorridor: Ideal ist es, alle 45 Minuten eine zu rauchen, dann quält man sich nicht zu lange mit Entzugserscheinungen, daher rauchen die meisten ca 20 Zigaretten am Tag. (Außer Alkohol ist im Spiel, denn der betäubt).
  • Die schwarzen Schatten im Hinterkopf stellen eine Behinderung dar: ständig an Zigaretten denken müssen, immer Sorge haben, wie / wo kann ich die Sucht (kurz) befriedigen. Dies ist erlerntes Verhaltensmuster bzw konditioniert.
  • Raucher_innen verspielen *) Selbstachtung *) Energie *) Innere Ruhe *) Gesundheit *) Selbstvertrauen *) Glück. Was bekommt er für alles, das er dafür aufgibt? Die Illusion, den Zustand der inneren Gelassenheit, Ruhe und Selbstsicherheit wiederzuerlangen, dessen sich Nichtraucher_innen ohnehin immer erfreuen.
  • Langfristig ist zB Ausdauersport empfehlenswert, kann – ähnlich wie Nikotin – belohnen, beruhigen, entspannen, aufmuntern, Sicherheit geben und die geistige Leistungsfähigkeit fördern.
  • Viele Raucher_innen glauben, dass sie den Geschmack / Geruch von Zigaretten von Tabak tatsächlich mögen. Das ist eine Illusion. Wenn wir lernen zu rauchen, bringen wir unserem Körper bei, unempfindlich gegen Gestank und inhaliertes Gift zu werden.
  • Als Raucher_in zwingt man sich 20,30,40 mal am Tag in das Gefühl des Mangels herein, nur um dabei die Illusion zu erleben, man könne diesen abstellen. Dieser unnatürliche Mangelzustand war nie da, bevor man damit angefangen hat. Daher bringst du auch kein Opfer, wenn du mit dem Rauchen aufhörst!
  • Denke immer daran: Schmachtattacken werden mit der Zeit immer seltener und schon nach 2 Monaten sind sie fast komplett weg. Es lohnt sich, durchzuhalten, es lohnt sich, nur diese eine jetzt nicht zu rauchen.
  • Arbeite daran, die Einstellung zu entwickeln, dass du dir mit dem Nichtrauchen einen Gefallen tust. Verweile nicht bei dem Gedanken, dass du dir keine Zigarette gönnst. Du befreist dich vom Rauchen und möchtest dir keine anstecken. Sei stolz darauf, nicht zu rauchen.

 

 3. Mache die Konditionierung rückgängig!

  • Konditioniere dich zum_zur Nichtraucher_in: das bedeutet, Denk- und Verhaltensmuster so oft zu wiederholen, bis eine neurologische Verbindung im Gehirn entstanden ist. Dafür musst du nur die Entscheidung, nie wieder einen einzigen Zug zu nehmen immer wieder aufs neue bekräftigen. Mach dir klar was du davon hast, wenn du das Verlangen nach Zig. überwindest. Erinnere dich so lang, bis dir die Idee zu rauchen gar nicht mehr in den Sinn kommt, oder absurd erscheint. Verknüpfe bewusst positive Erfahrungen mit dem Rauchen: es eröffnen sich durchs Nichtmehrrauchen neue persönliche, zeitliche, körperliche, finanzielle Möglichkeiten.
  • Entkopple alle Lebenssituationen von Zigaretten. Das lernst du nur, wenn du dich dieser Situation und den Schlüsselreizen stellst. Jedes überstande Verlangen ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur vollständigen Loslösung von der Zigarette.
  • Ich habe schon andere schwierige Situationen in meinem Leben gemeistert; außerdem hatte ich viele Gründe, mit dem Rauchen aufzuhören, also werde ich jetzt sicher nicht rauchen! Ich werde dem Impuls zu rauchen nicht nachgeben, sondern stattdessen einfach etwas anderes tun.
  • Mach dir den Preis bewusst den du zahlst, wenn du wieder rauchst: also Geld, Zeit, Energie, Gesundheit, schwarze Schatten im Kopf. Sammle die unzähligen Vorteile des Nichtrauchens und verknüpfe damit positive Bilder von Freiheit, Gesundheit, Unabhängigkeit, Zeitgewinn etc. Dieser Veränderungsprozess braucht Zeit, nimm dir diese Zeit!
  • Erkenne die Sinnlosigkeit und die Konditionierung / Gehirnwäsche des Rauchens (siehe oben) und entlarve die Mythen! (siehe unten).
  • Die Einstellung ist so wichtig: Statt “ich möcht eine rauchen“ besser “ich bin frei. Ich muss und will nicht rauchen.“ Weg mit den Zweifeln!
  • Laut stop-simply sinkt nach acht Wochen das Risiko für einen plötzlichen Rückfall deutlich. Je eher du dich selbst als „Nichtraucher_in“ wahrnimmst, desto schneller wird das Nichtrauchen für Dich auch tatsächlich zur Normalität.
  • Bevor du eine Zigarette rauchst, lies alle Punkte hier!
  • Und nicht vergessen: Was die Sucht jahrelang (10? 20? 30? 40 Jahre?) bei uns angerichtet hat ist nicht in ein paar Wochen / Monaten weg. Aber es ist zu schaffen und bereits nach 3 Wochen ist es schon viel einfacher nicht zu rauchen, als in der ersten Woche.

4. Mythen „Ich genieße das Rauchen, weil es mir schmeckt, ich mich besser entspannen und konzentrieren kann, gesellig ist es obendrein!“

  • Dass wir in bestimmten Situationen den Drang nach einer Zigarette verspüren und meinen diese dann besonders zu genießen, hat mit der Situation selber gar nichts zu tun. Diese Verknüpfung des jeweiligen Lebensgefühls mit dem Rauchen ist das Ergebnis sorgfältiger und intensiver Konditionierung der Tabak-Konzerne durch psychologisch geschickte Werbespots. Durch die Bestätigung von anderen ebenso manipulierten Rauchenden hat sich diese Überzeugung zu einem kollektiven Feld in unserem Bewusstsein verstärkt. Wie selbstverständlich zelebrieren wir solche von der Werbung erfundenen Zusammenhänge.
  • Besonders schwerwiegend ist der Irrtum, Rauchen verschaffe Genuss: dabei war Rauchen immer schon ekelhaft. Die erste Zigarette schmeckte scheußlich, unsere Körper mussten sich langsam an das Gift gewöhnen. (Ähnlich wie bei Bier, Wein, Kaffee). Als Raucher_innen haben wir uns also immer eingeredet, die Zig. würde uns gut tun. So schmeckt auch die Kippe nach dem 5-Gänge-Menü nicht, oder nach dem Sex. Der “angebliche Genuss“ besteht ausschließlich in der Tilgung der Entzugserscheinungen. Der Stress steigt so lange, bis man endlich wieder raucht. Es geht um das Nikotin, denn weder in der Luftröhre noch in der Lunge befinden sich Geschmacksknospen. So wird „Geschmack“ und „Wirkung“ verwechselt: die gute Wirkung liegt am vorher gesunkenen Nikotinspiegel. Die Zig. schmeckt also nicht gut, richtig wäre: „Die Zigarette wirkt gut.“
    Beim Mythos „Genuss“ sollte man sich auch fragen, warum man andere Dinge im Leben, die viel genussvoller sind, tun oder bleiben lassen kann. Ich liebe Pizza, Erdbeeren, xy, aber ich esse davon nicht jeden Tag mehrere Kilo: Der “Genuss“ ist nur die vorübergehende Beseitigung der Entzugserscheinungen.
  • Raucher_innen sind pseudoentspannt, nur durch Zig. verschwinden die Entzugserscheinungen (und kommen nach kurzer Zeit wieder zurück). Somit verstärkt Rauchen den Stress, anstatt ihn zu reduzieren: hab ich Feuer und Zig dabei, Kleingeld falls sie ausgehen, Rauchverbot an vielen Orten, Angst, krank zu werden und das Image des Rauchens ist längst nicht mehr das eines erfolgreichen selbstbewussten und verantwortungsvollen Menschen, sondern: rauchen ist Drogensucht.
  • Alle pro “Argumente“ sind Ausreden, um das Rauchen zu rechtfertigen. Rauchen gibt nicht mehr Energie, oder Ausdauer sondern nimmt sie. Rauchen hindert an Aktivitäten, anstatt neue Möglichkeiten zu bieten.
  • Rauchen ist keine Konzentrationshilfe: ohne Zig. fällt es schwer, sich zu konzentrieren, weil man regelmäßig an Zig. denkt und rauchen muss. Nur Raucher_innen leiden an Entzugserscheinungen, Nichtraucher_innen nicht.
  • Da gesellige Anlässe für viele von uns den Anstoß zur 1. Zig. gaben, gelangen wir zur Überzeugung, wir könnten diese ohne Zigaretten nicht genießen: Unsinn! Tabak raubt Selbstvertrauen, Zig. sind bei geselligen Anlässen eher ein Hindernis. Der größte Stress: scheiße hier darf ich nicht rauchen! Falls doch: Man hält in der einen Hand den Drink, in der anderen die Zigarette; es wird versucht, Asche und den ständigen Fluss der Zig loszuwerden, dem Gegenüber keinen Rauch ins Gesicht zu blasen. Ich geh ja mit Leuten weg und treff mich mit ihnen, weil ich sie sehen möchte, nicht weil ich rauchen und / oder trinken muss.
  • ==> Nie wieder auch nur einen einzigen Zug!

5. Großartige Idee von John Oliver: Let’s make Jeff the Diseased Lung the new face of #Marlboro by getting #JeffWeCan to trend worldwide!

Hier ist die ganze Folge von Last Week Tonight mit John Oliver: Tobacco:


Punkte u.a. zusammen getragen aus:

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[1. Teil] Endlich Rauchfrei: Tipps, mit Schmachtattacken umzugehen und rauchfrei zu bleiben

Ich habe am 3. August zum Rauchen aufgehört. Anfangs ist es schwer, nicht rückfällig zu werden, daher habe ich über 40 Punkte gesammelt die helfen sollen, nicht zu rauchen. Diese Tipps möchte ich mit Menschen teilen, die ebenfalls nicht mehr rauchen und auch dabei bleiben wollen: lest unbedingt diese Punkte, bevor ihr euch eine ansteckt! (nur, falls ihr aufgehört habt zu rauchen, Raucher_innen möchte ich nicht überzeugen, aufzuhören.)

Im 2. Teil geht es noch stärker um den psychischen Aspekt (Konditionierung) beim Rauchen und wie man diese Konditionierung rückgängig machen kann.

1. Was kann ich machen, wenn ich akut eine rauchen möchte?

Vorab: Wer mit dem Rauchen aufhört, der muss sich über einen längeren Zeitraum motivieren. Jede Veränderung hat typische Phasen und erfordert eine gewisse Umstellung. Mit der Begeisterung über den gefassten Entschluss fällt es leicht, anfängliche Schwierigkeiten zu meistern. Falls es mal mühsamer wird ist es wichtig, sich selbst effektiv zu motivieren. Das Verlangen ist mentaler Natur, nicht körperlicher und wird schnell verschwinden, wenn du fest entschlossen bist, nie wieder einen Zug zu rauchen und eine positive Grundeinstellung hast.

  • Ich lerne, wieder ohne Zigaretten zu leben. Rauchen ist erlerntes Verhalten. Mit jedem Tag wird es leichter, nicht zu rauchen.
  • Psychische Abhängigkeit: Wenn ich an eine Zigarette denke, dann ist das nur ein Impuls: eine ehem. Rauchsituation (Kaffee, Bier, Telefonieren etc.) verknüpfe ich mit der Zig. Anfangs sind diese Impulse noch recht häufig. Es sind fast alle unsere Erinnerungen mit dem Rauchen verknüpft, da wir in vielen Situation geraucht haben. So erklärt sich die Einbildung, das Leben wäre ohne Zig. sinnlos, was offensichtlich Humbug ist.
  • Manchmal ist es nur die eine Minute, die darüber entscheidet, ob du rückfällig wirst oder nicht: Eine Minute, in der man nicht klar denken kann, in der die Sucht die Oberhand gewinnt und unsere Sinne beherrscht. „Ich bin Chef_in in meinem Kopf und bestimme was geht“. Diskutiere nicht mit der Sucht, bleib stur und schrei: NEIN! Lenk dich ab, du hast das doch schon oft geschafft, der Versuchung zu widerstehen.

< Suchtkurve: Befinden, körperliche Entzugssymptome, Verlangen in den ersten 12 Wochen (Bild von stop-simply.de)

  • Zweifle nicht an deinem Entschluss, mit dem Rauchen aufzuhören, es wird nur dann schwer, wenn du unsicher bist!
  • Der Akt des Rauchens einer Zig. dauert max. nur 3-7 Min., äußerst kurz, kannst es gleich lassen! Das Schlimmste bei einer Schmacht ist in ein paar Minuten vorbei: beschäftige dich mit irgendetwas anderem. Erledige wichtige und zeitaufwendige Aufgaben.
  • Bitte nichtrauchende Freund_innen um Unterstützung – auch zur Ablenkung.
  • Deine fadenscheinigen pro-rauch-Argumente waren nie haltbar. Es ist nicht so, dass Nachteile die Vorzüge überwiegen, sondern vielmehr, dass das Rauchen überhaupt keine Vorteile hat. Raucher_innen schaffen es nicht, den Akt des Rauchens mit positiven Begriffen zu erklären. Das einzig Positive, das übers Rauchen gesagt wird, hat mit den wahrgenommenen Vorteilen zu tun, die Rauchende daraus zu ziehen glauben.
  • Warum hast du geraucht? Mach eine Liste, so kannst du herausfinden, welche positiven Dinge du mit dem Rauchen verknüpfst, bzw. was die Einflussfaktoren waren, um sie anschließend zu zerstreuen.
  • Psychische Abhängigkeit: Routinen entstehen durch Gewöhnung, also durchbreche Rituale, schaffe dir neue Gewohnheiten! Es gibt Situationen, in denen sich das Verlangen nach einer Zigarette „wie von selbst“ einstellt: Tasse Kaffee, Glas Wein, Zigarette danach, auf den Bus warten, oder auch die Projektion auf Zigaretten, mit Unannehmlichkeiten fertig zu werden. Die Zig. richtet sich also nicht nach der Situation, sondern nach dem Anlass. Sie kann belohnen, ermutigen, beruhigen, entspannen, aufmuntern, Sicherheit geben. Mach möglichst viele Situationen durch, in denen du früher geraucht hast und lerne sie kennen!
  • Alle Bedürfnisse nach einer Zigarette, die du heute hast, sind Reaktionen auf konditionierte Auslöser. Mit dem Rauchen aufzuhören ist eine Lernerfahrung. Jedes Mal, wenn du eine Schmachtattacke überwindest, hast du ein weiteres Hindernis am Weg zum_zur langzeit-Nichtraucher_in überwunden.
  • Zigaretten erzeugen das Leeregefühl, anstatt es zu beseitigen: Rauchende müssen immer rauchen, um Ruhe zu finden, um zu „entspannen“, um sich normal zu fühlen, Nichtrauchende nicht.
  • Suchtgedanken austauschen! Aus: „ohne Zig. kann ich mit Stress nicht umgehen“ wird „ich kann wie alle anderen Menschen auch ohne Kippe problemlos durch den Tag kommen.“
  • Zig. bei Stress und zum Entspannen – 2 extreme Gegensätze. Was für eine Wunderdroge schafft das? Keine, es handelt sich beim Rauchen um konditioniertes, erlerntes (Sucht)Verhalten.
  • Wenn man glaubt, das Rauchen sei eine Konzentrationshilfe, dann wird man nicht in der Lage sein, sich zu konzentrieren, weil man regelmäßig an Zig. denkt und rauchen muss. Nur Raucher_innen leiden an Entzugserscheinungen, Nichtraucher_innen nicht.
  • Die „Verdauungszigarette“ ist eine der größten Illusionen. Denn Raucher_innen können nach einem guten Essen nicht entspannen, sie müssen noch (dringend) einen anderen Hunger befriedigen – die kleine Bestie in ihnen schreit nach Nahrung.
  • Eine der größten Freuden ist es, sich von der Sucht zu lösen. Das ist viel entspannender, als dauernd ans Rauchen zu denken und permanent Entzugssymptome bekämpfen zu müssen. Raucher_innen rauchen nicht, weil sie rauchen wollen, sondern weil sie rauchen müssen.
  • Je mehr du nach Zig. jammerst, desto dringender ist der Wunsch danach. Fahre einfach mit dem fort, was du gerade tust. Denk daran: eine einzige Zigarette gibt’s nicht,eine Zig. = Abhängigkeit, denn Rauchen ist eine Drogensucht und Kettenreaktion.
  • Lenk dich ab! Denke daran, wie du der Versuchung das letzte Mal widerstanden hast. Wenn du es einmal geschafft hast, schaffst du es immer wieder. Dieser Überwindungsprozess wird dir allmählich Spaß machen. Du wirst jedes Mal ein bisschen stärker.
  • (Gegenteil zum letzten Punkt, funktioniert aber auch :-) Beseitige nicht die Entzugssymptome, sondern ertrage sie. Es handelt sich nicht um Gewohnheit, sondern um Drogensucht.
  • Mach halt etwas anderes! Zähne putzen, entspannen, lies ein Buch, ruf bei einer Schmachtattacke eine_n Freund_in an, zeichne etwas, gehe spazieren / schwimmen / laufen, trink einen Tee, trinke Wasser, meditiere: achte ganz bewusst auf die Schmacht: was spürst du, wie fühlt sich das an? Wie ist das Gefühl, wenn die Schmacht wieder vorbei ist? Versuche nicht, Gedanken an die Zigarette zu unterdrücken. Denke nicht: „Ich darf nicht rauchen“, sondern „Hurra! Ich bin frei! Ich bin Nichtraucher. Ich möchte nicht rauchen.“
  • Halte dich an Orten auf, wo du nicht rauchen darfst & genieße, dass du nicht rauchen musst.
  • Bemitleide dich niemals selbst! Oft dient die Sucht entweder der Herstellung oder Vermeidung eines emotionalen Zustandes, ist aber vom Süchtigen selbst nicht mehr bewusst willentlich steuerbar.
  • Der Weg aus der Abhängigkeit heraus ist ein Entwicklungsprozess, der nicht von heute auf morgen passiert, es braucht Zeit, sei geduldig.
  • Schreibe statt zu Rauchen mal wieder ietwas ins Tagebuch, oder ein Gedicht, einen Brief, lass dir was einfallen, sei kreativ.
  • Das „Durchziehen“, das angebliche Entspannung brachte, geht toll mittels scharfer Pfefferminze und bei kaltem Wetter kurz vor der Tür tief durchatmen! DAS bringt die Entspannung – nicht der Qualm!
  • Stecke eine Zimtstange in deinen Mund: Der starke Zimtgeschmack ersetzt die Geschmacksstimulation des Tabaks und hält lange an.
  • Stecke irgendetwas anderes in deinen Mund und lutsche es: Süßholz, Holzlöffel, Karotte, Gurke, scharfe Chilli (!), zucker-freie Lutschpastillen, Strohhalm (in Zig.Länge), Oralsex…
  • Leg dir einen Gegenstand zu, den du statt der Zigarette in der Hand hältst: Fidget Spinner, kleiner Holzlöffel, Strohhalm, Zimtstange, dein Lieblingsgegenstand.

    Dieses Sackerl (= Tüte) hab ich fast immer mit: Fidget Spinner für die Hand, Kaugummi, Fisherman’s Friends, Süßholz und Zimt zum Lutschen, Holzstangerl zum kauen

  • Trinke jede Menge Wasser oder andere kalorienarme Getränke. Wasser gibt dir ein Sättigungsgefühl und vermindert das Bedürfnis zu rauchen oder (aus Nervosität) zu essen.
  • Frische Blumen, oder grüne Zweige helfen, die innere Unruhe zu lindern.
  • Viel Obst essen!
  • Ist es wirklich notwendig, mir lebenslang Zig. in den Mund zu stecken, mich damit zu ersticken und auch noch teuer dafür zu bezahlen? Nein. Nie wieder einen einzigen Zug!
  • Atemübungen: Entspanne deinen Körper. Atme die Luft langsam und tief ein, versuche so viel Sauerstoff wie möglich einzuatmen. Halte die Luft kurz an und atme sie dann langsam aus. Puste das letzte bisschen Luft heraus und halte kurz den Atem an. Wiederhole die Übung mehrmals, bis du sie beherrschst.
  • Belohne dich nach jedem rauchfreien Tag / Woche / Monat.
  • Erfolgsjournal schreiben! Immer wieder Fantasien aktivieren, um mich zu motivieren.
  • Wort oder Satz immer wieder vor mich hin sagen, wenn ich mich vom Gedanken an eine Zigarette ablenken möchte, wie zB „rauchen ist keine Option mehr“.
  • Kopfkino aufschalten, an etwas angenehm Motivierendes denken!
  • without cigaretts: more sensitive to your feelings
  • Freu dich, dass du deine Fesseln gesprengt hast! Du hältst nicht durch, sondern hast etwas gewonnen. Viele Raucher_innen beneiden dich darum!
  • Sei stur! Motiviere dich immer wieder aufs neue (denk zB daran, warum du aufgehört hast) und behalte das Ziel im Auge (zB bessere Gesundheit, Geld sparen, mehr schmecken, weniger stinken, mehr Zeit haben usw.)
  • Beim Rauchstopp gibt es nichts aufzugeben! Da es keinen Vorteil beim Rauchen gibt, denke nicht an ein „Aufgeben“, sondern an ein „Entkommen“. Überlege dir, wie groß der Gewinn ist, wenn du weiter nicht rauchst und wie unnötig jeder weitere Tag mit diesem Nervengift wäre.
  • Denke nicht „eine ist keine“. Das ist ein typischer Suchtgedanke, der Dich nie von der Zig. loskommen lässt. Denke besser: „Wenn ich jetzt stark bleibe und diese Zigarette nicht rauche, bin ich meinem Ziel schon wieder ein Stück näher.“ Nie wieder einen einzigen Zug!
  • Lade dir diese kostenlose App herunter – in der Community helfen Leute gerne weiter, wenn du gerade Lust auf eine Zigarette hast. Gemeinsam ist es einfacher, sich langfristig zu motivieren, nicht zu rauchen :-)
  • Gehe auf https://www.stop-simply.de, auch hier gibts viele nützliche Tipps.
  • Ein kurzes Youtube Video von Stefan Frädrich, das schon viele motiviert hat, weiterhin nicht zu rauchen.
  • Zum Schluss noch ein Tipp für Kiffer_innen: raucht keinen Joint mit Tabak, die Gefahr für einen Rückfall ist zu groß. Es gibt großartige Kräuter-Alternativen wie Damiana, Himbeerblätter, Eibisch uvm. Oder wer das Geld dafür hat, kann sich ja einen Vaporizer kaufen.
  • Gehen wir es mal kurz durch: wenn du jetzt eine rauchst, wird dir vom Nikotin schwindelig und die Glücksgefühle springen an. Vlt wird dir gleich darauf schlecht, gefolgt vom schlechten Gewissen „warum hab ich nur eine geraucht“. Nach kurzer Zeit ist das Nikotin wieder aus dem Körper draußen und du musst die nächste rauchen. Jetzt bestimmen neue Regeln dein Leben, dein Körper verlangt nach Nikotin. Ein vorherbestimmter Prozess wird in Gang gesetzt und selbst, wenn du dir nicht darüber im Klaren bist, was hier passiert ist, hat ein Drogen-Rückfall stattgefunden. Dein Bedürfnis und der dringende Wunsch, das Erlebte ungeschehen zu machen, werden durch das Verlangen des Körpers nach Nikotin überwältigt. Über den physiologischen Prozess, der soeben begonnen hat, hast du keine Kontrolle mehr. Bald wird dein Kopf den Forderungen des Körpers nachgeben. Sehr wahrscheinlich empfindest du nun großes Bedauern und hast Gewissensbisse. Bald wirst du dich nach den glücklichen Tagen zurücksehnen, an denen du kaum noch an Zigaretten gedacht hast. Wenn du jetzt keine rauchst, ersparst du dir das alles und erträgst halt die paar Minuten Schmacht, oder lenkst dich davon ab. Beides funktioniert. Bemühe dich aktiv, erfolgreich rauchfrei zu bleiben und nehme all die damit verbundenen Vergünstigungen mit: die körperlichen, emotionalen, wirtschaftlichen, beruflichen und sozialen Vorteile, die es mit sich bringt, wenn man kein_e aktive_r Raucher_in mehr ist. Beginne jeden Tag mit „Heute werde ich nicht rauchen!“
  • Positiv denken: Sag nicht „ich darf nie wieder rauchen“ sondern lieber „ein Glück, dass ich nie wieder rauchen muss!“
  • Du bringst kein Opfer: Zig. haben gar keine Vorteile, also trauere ihnen nicht nach, sondern freu dich, dass der elende Albtraum ein Ende gefunden hat und du sie nun endlich los bist!

  • Drucke diese Tipps aus und gib sie an den Ort, an dem du früher Zigaretten verstaut hast und lese diesen Zettel, bevor du eine rauchst!

  • Kommentiere unten, welche Strategien du hast, um weiterhin rauchfrei zu bleiben. Was machst du, um eine Schmachtattacke zu überwinden?

Im 2. Teil geht es noch stärker um den psychischen Aspekt (Konditionierung) beim Rauchen und wie man diese Konditionierung rückgängig machen kann.

Kurze Ethnologie über die Absurdität des Christbaums

Zur Abwechslung schreibe ich hier mal einen sehr kurzen Artikel über ein nicht so anstrengendes Thema, dennoch geht es um eine der unzähligen Absurditäten dieser bürgerlichen Gesellschaft.

So hat auch Weihnachten viele absurde Facetten, der Christbaum ist nur eine davon. Möglicherweise ist der Christbaum und das ganze Drumherum für viele * nicht mehr * so absurd, weil sie es gewohnt sind und schon als kleines Kind kannten. In dieser kurzen Niederschrift meiner Gedanken möchte ich versuchen, dieses Brauchtum „von außen“ zu betrachten. (Völlig von außen zu betrachten ist natürlich unmöglich, daher bleibt es bei einem Versuch).

Jpeg

Es ist so grotesk: Es beginnt mit der Züchtung von Millionen von Tannenbäumen, damit diese dann kurze Zeit im Wohnzimmer stehen. Ein paar Wochen mutiert mancher Gehsteig zum kleinen Wald (das ist noch der beste Aspekt an dieser Geschichte). Ein Baum wird ausgesucht und nachhause gebracht. (Ein fertiger Tannenbaum muss, bevor er verkauft werden kann 10 bis 14 Jahre lang wachsen) Erst dort wird der Baum dann zum Christbaum: geschmückt, ein paar Kerzen, Kugeln, Lametta, Süßigkeiten drauf. Bei der „Bescherung“ wird der Baum besungen, die Kerzen angezündet. (Manchmal auch der Baum). Nach spätestens zwei Wochen, oder vielleicht auch kürzer kommt der Christbaum von der Wohnung auf den Müll, während im hinterdumpfinger Wald weiterhin Tannenbäume für die nächsten Jahre wachsen.

Würds ja mal witzig finden, Menschen, die Weihnachten nicht kennen zu erzählen: „Es gibt mehrere hundert Millionen Menschen, die stellen sich einen Baum, der bis zu 14 Jahre wachsen muss für 1-2 Wochen in die Wohnung. Hat alles mit dem Jesusfest zu tun, es gibt sogar Leute die machen das und bezeichnen sich selbst als atheistisch.“

Ich finde Weihnachten und alles, was dazu gehört eher schrecklich. Ab Ende Oktober gibts Weihnachtszeugs zu kaufen und Straßen werden „weihnachtsbeleuchtet“. (Natürlich nicht, weils schön ausschaut, sondern ausschließlich deswegen, weil sich dadurch Menschen beim Shoppen angeblich wohler fühlen und mehr einkaufen). Dazu gesellt sich der heuchlerische Weihnachts“friede“, das Ösiland ist Spendenweltmeister_in, weil sie sich so zum Jahresende ihr Gewissen wieder rein kaufen. Gleichzeitig rückt Europa weiter nach rechts, Rassismus verbreitet sich drastisch. Und zu schlechter letzt: An jedem Samstag im Dezember werden wir darüber informiert, ob der Handel zufrieden war, dass es neue positiv / negativ Rekorde beim Konsumrauschfest gegeben hat.

Kein Gott, kein Staat, no border no nations, stop deportation!

Für mehr soziale Wärme! Gegen den heuchlerischen Weihnachtsfrieden!

Unbenannt

Rassismus und Rechtsruck in Europa – Gesetze, Übergriffe, Wahlen, Polizei

INHALT

Es weht ein kalter, menschenverachtender Wind durch Europa. Angriffe auf Flüchtlinge stehen beinahe auf der Tagesordnung, rechtsextreme Parteien erfahren großen Zulauf, EU-Mitgliedsstaaten verschärfen Gesetze bzgl. Asyl und Überwachung. Es entsteht der Eindruck, dass sich Europa einem autoritären System nähert, das möglicherweise bereits Anzeichen eines Präventionsstaats hat. Gleichzeitig sind weltweit mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, oder auf der Suche nach einem besseren Leben. So viele wie noch nie zuvor. Wir benötigen eine Willkommenskultur, Mitgefühl, Respekt (statt bloß Toleranz) vor Menschen. Die Realität sieht allerdings anders aus.

Wie weit sind wir von einem autoritären System entfernt sind, oder befinden wir uns möglicherweise auch bereits in Ansätzen in einem Präventionsstaat? In diesem Artikel geht es vier verschiedene Ebenen von Rassismus und Rechtsruck in Europa.

1. Rassismus und Rechtsruck in Europa

1.1 Refugees not welcome: Staatliche Ebene

Europäische Regierungen scheuen keine Mühen, um Flüchtlingen die Einreise nach Europa zu erschweren. Dafür haben die EU und ihre Mitgliedsländer seit dem Jahr 2000 mehr als 1,5 Milliarden Euro ausgegeben. Die geschätzten Kosten für Abschiebungen belaufen sich auf 13 Milliarden Euro (Stand: Juni 2015, selbe Quelle). Gleichzeitig werden Asylgesetze verschärft (zB. in Schweden, Dänemark, Deutschland, Österreich), Grenzzäune nicht nur in Ungarn, aber auch in Slowenien, Österreich, Bulgarien, Mazedonien gebaut, oder sind bereits fertig gestellt (Siehe dazu diese interaktive Karte). Zugleich wird Schengen aufgehoben, Grenzkontrollen werden verstärkt durchgeführt.

1.2 Refugees not welcome: Individuelle Ebene
Zu dem steigenden Rassismus auf staatlicher Ebene ist eine steigende Fremdenfeindlichkeit in der Bevölkerung zu beobachten: Übergriffe auf Flüchtlingsheime, Pegida, hetzerische Postings in allen (un)möglichen Foren im Internet und somit das immer schärfere Klima gegen Menschen, die keine „Inländer_innen“ sind. (Diese Kategorie ist so absurd – alle Menschen sind Ausländer_innen, fast überall).

Statistik und Fallbeispiele: Übergriffe auf Flüchtlinge

Es ist wichtig, das Problem beim Namen zu nennen und An- bzw. Übergriffe nicht nur zu dokumentieren, sondern im Ernstfall auch einzuschreiten. Formen von Rassismus gegenüber Flüchtlingen (ganz zu schweigen von anderen rassistischen Formen einer „white supremacy“) sind vielfältig, sie passieren beinahe täglich. Hier sind fast ausschließlich Beispiele aus Österreich und Deutschland angeführt, bei weiteren Recherchen würde man wohl in allen anderen EU-Staaten ähnliche Zahlen zu Übergriffen auf Flüchtlinge finden

An dieser Stelle auch ein positives Beispiel, das uns daran erinnert, dass nicht alle Menschen besorgte Rassist_innen sind

1.3 Rechtsextreme und nationalkonservative Wahlsieger_innen
Rechtsextreme und nationalkonservative Parteien gewinnen derzeit in Europa jede Wahl: immer mit dem gleichen, plumpen Konzept: nach unten treten, gegen Ausländer_innen hetzen. In Frankreich (Front National), Österreich (FPÖ), Ungarn (Jobbik) haben rechtsextreme Parteien zum Teil weit über 20%, aber auch Golden Dawn (Griechenland), PVV (Niederlande), MHP (Türkei) bekamen bei den letzten Wahlen zwischen 7 und 12 % der Stimmen. Noch erschreckender ist dies, wenn Autokraten in Ungarn (Fidesz 45 %), Polen (PiS 37%), Türkei (AKP 49%) hinzugezäht werden. (Andere christlich-soziale Parteien in Europa gelten ja auch nicht unbedingt als weltoffen und progressiv, ich denke da zB an die SVP, ÖVP, oder CDU/CSU; diese Parteien haben jeweils auch zw. 20-45%). Das kann jetzt relativiert werden: „Viele waren nicht wahlberechtigt, oder gingen erst gar nicht zu den Wahlen“, dennoch bleibt bei diesen Ergebnissen ein fahler Beigeschmack.

Gleichzeitig rücken auch sogenannte „Sozialdemokrat_innen“ nach Rechts. Anstatt linke Antworten auf Probleme unserer Zeit zu bemühen, passen sie sich immer mehr rechtspopulistischen und rechtsextremen Gedankengut an. Einzige „linke Lichtblicke“ in Europa sind Spanien (Podemos und Vereinigte Linke), Portugal ( Linksblock (BE), Kommunist_innen (PCE)), Griechenland (Syriza). Wobei auch bei diesen Parteien diskutiert werden kann, wie stark diese Parteien tatsächlich linke, progressive Politik machen.

Ein weiteres Beispiel, dass Europa heute mehr rechts ist, als vor 15 Jahren: im Jahr 2000 beschloss die EU Sanktionen gegen die FPÖVP Regierung, eine Argumentation war bekanntlich, dass die FPÖ zu rechts ist. Gegen rechtsnationale Regierungen wie in Ungarn, oder Polen gab es hingegen nie Sanktionen. (Am 23.12.15 wollte die polnische Regierung die Verfassung ändern; ungewöhnlich schnell reagierte die EU-Kommision darauf). Die nationalkonservative PiS in Polen möchte nun auch das Mediengesetz ändern. Selbst als Ungarn im Jahr 2010 mit dem Mediengesetz Meinungs- und Pressefreiheit einschränkte, gab es zwar ein bisschen Kritik, es wurde sogar leicht geändert, Sanktionen gab es hingegen keine.

1.4 Polizei verschweigt / verharmlost Gewalt gegen Flüchtlinge
Dass rechte Parteien breiten Zulauf genießen, äußert sich wiederum in Übergriffen auf Flüchtlinge, wie in den Statistiken oben zu sehen ist. Gleichzeitig werden Täter_innen kaum belangt, die Polizei wird immer wieder dabei erwischt, dass sie untätig ist, oder bei Übergriffen auf, bzw. Drohungen gegen Flüchtlinge wegschaut, wenn Vorfälle nicht sogar verschwiegen werden. Im krassesten Fall rufen Polizist_innen sogar dazu auf, „wie Nazis zu handeln“. Die Polizei Sachsen hingegen bezeichnete besorgte Rassist_innen in fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Heidenau im August 2015 in einer offiziellen Presseaussendung als „Personen, die sich asylkritisch äußerten.“ Das sind mMn keine Einzelfälle, es gibt viele Indizien dafür, dass viele (ja, nicht alle) Polizist_innen rechts Wählen, selbst fremdenfeindlich sind, oder sogar enge Verbindungen zwischen Polizist_innen und rechten Extremist_innen bestehen. Da kann es auch mal vorkommen, dass Polizisten mit Sticker von Rechtsextremen auf dem Schlagstock gesehen werden

Auf einer theoretischen Ebene argumentiert Mathias Wörschning, dass es eine Berufsgruppe gibt, dessen „Neigung zum Faschismus historisch-empirisch feststeht“ (vielen Dank an für diese Quelle).

P & F

Aus: Wörschning, Mathias: Ein oder zwei Dinge, die Sie über Faschismus wissen sollten. Die Elemente einer überfälligen neuen Faschismustheorie liegenlängst vor; Seite 7

Einzelne Beispiele der Verbindungen von Polizist_innen mit Rechtsextremen gibt es viele. So stellte sich zB. 2010 heraus, dass ein Mitarbeiter des Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung eine enge familiäre Beziehung zu einem Mitarbeiter der Alpen-Donau-Nazis hatte. Die Frage ist, ob obiger Textausschnitt der Realität entspricht und die Berufsgruppe der Polizei-Beamt_innen tatsächlich einen erhöhten Hang zu Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit haben. Es spricht zumindest einiges dafür, Indizien gibt es viele; unabhängige Kontrollen und wissenschaftliche Studien über rassistische Einstellungen bei Polizist_innen sind hingegen unerwünscht. „Wenn [Polizist_innen] auch nur ansatzweise wie die Normalbevölkerung denken, wäre das schon hochproblematisch für den Polizeiberuf.“

Weitere Links zum Thema:

 

Kritik und andere Herangehensweise an die Begriffe „Wert“ und „Arbeit“

INHALT

  1. Eine andere Herangehensweise an den Wertbegriff
  2. Kritik des Arbeitsbegriffs
  3. Wandel der Produktion und der Lohnarbeit – Prekarisierung
  4. Literatur- und Quellenverweis

1. Eine andere Herangehensweise an den Wertbegriff

Auch in diesem Blogpost geht es wie in jenem über „Soziale Konstruktion der ‘natürlichen Welt’”. 1. Teil: ‚Raum‘ „ darum, dass im Alltag gängige (und meist unhinterfragte) Begriffe (wie etwa „Raum“, oder „Geschlecht“) nicht „natürlich“ sind, oder „einfach so“ existieren. Im Falle der in diesem Artikel thematisierten Begriffe sind sie durch einen gesellschaftlichen Diskurs entstanden und mit gesellschaftlichen Vorstellungen aufgeladen. In dem nun folgendem Artikel wird nun versucht, diese Fragen zu beantworten:

  • Was kann Wert in einer nicht-ökonomischen Betrachtungsweise bedeuten?
  • Mit welchen (begrifflichen) Problemen ist eins konfrontiert, wenn eins den Begriff „Wert“ beibehält?
  • Die grundlegende Frage ist schließlich: „Was ist Wert, wenn man sich nicht an einer kapitalistischen, marktwirtschaftlichen Logik orientiert?“

Wertvoll sind nicht nur warenförmige Produkte, sondern auch freundschaftliche Beziehungen, das Genießen von Müßiggang jenseits der Lohnarbeit, das Gespräch mit einem geliebten Menschen, aber beispielsweise auch ein Foto welches eine Szenerie abbildet, mit welcher man intensive Emotionen verbindet, oder ein Essen, auf das man sich freut usw. Also Dinge, welche sinnvollerweise nicht mit Geld quantifizierbar sind. Der Wert, der durch das Geld gemessen wird (Tauschwert am Markt) ist nicht unbedingt der Wert, der für Menschen interessant ist. Wenn ich keinen Hunger habe, ist Essen weniger wert als paar Stunden später, wenn ich Hunger habe. Wichtig ist hier, dass es sich im Alltag permanent um zeitlich intersubjektiv wechselnde Werte handelt und zwar abhängig von der Situation, in der sich ein Mensch gerade befindet und v.a.nach seinem_ihrem momentanen, persönlichen Bedürfnis. Diese Thematik hängt auch mit der Umsonstökonomie zusammen, welche im Gegenteil zu kapitalistischen Wertkonzeptionen viel mehr an den Bedürfnissen der Individuen orientiert ist, indem nicht versucht wird, für jeden Gebrauchsgegenstand einen fixen (Geld)Wert zu bestimmen. (Eine Einführung in die Umsonstökonomie findet sich auch hier, hier und hier. Gleichzeitig ist es wichtig, Kritik an der Umsonstökonomie zu üben und diese nicht als „die ultimative Lösung“ zu betrachten).

Im krassen Gegensatz zu kapitalistischem Wirtschaften handelt es sich bei der Umsonstökonomie um geldfreies Wirtschaften jenseits von profitorientiertem Denken. Bei der Frage „Was ist wertvoll?“ ist aber auch immer die Frage relevant: Was möchte ich und was brauche ich (tatsächlich)? In kapitalistisch geprägten Gesellschaften wird es befördert, Güter mit hohem Tauschwert anzuhäufen, selbst wenn diese bereits seit Jahren am Dachboden verstauben, werden sie i.d.R. nicht hergeschenkt. Bei umsonstökonomischen Ansätzen geht es hingegen um die Trennung von „Nutzung“ und „Eigentum“. In dieser Logik besitzt man jene Dinge, die man aktiv nutzt, anstatt etwas in seinem_ihren Eigentum zu horten, ohne es aktiv zu gebrauchen. So fällt etwas dann aus dem persönlichen Besitz, wenn es nur noch rumsteht, dann besitzt man es faktisch nicht mehr.

Eine andere, nämlich handlungstheoretische Definition von „Wert“ bietet Kluckhohn, er definiert „‚values‘ as ‚conceptions of the desirable‘: they were ideas that played some sort of role in influencing the choices people make between different possible courses of action (1951a: 395). By ‚desirable’ he meant that values are not simply what people want (even though desires are largely social, real people want all sorts of different things); they are ideas about what people ought to want. They are the criteria by which people decide whether specific desires are legitimate and worthwhile, or not” (Kluckhohn 1951a: 395 nach Graeber 2005: 446). Für Kluckhohn ist ein Wert also eine Empfindung von etwas Erstrebenswerten, oder auch von etwas, das man „begehren sollte“. Die Formulierung kann so gewählt werden, wenn man Wert als etwas begreift, das sozial und kulturell sozialisiert bzw. gelernt und somit konstruiert ist. Mit Rössler kann man sagen, dass „kulturelle Werte erheblichen Einfluss auf den wirtschaftlichen Prozess aus[üben]” (2012: 104), zudem können sie stabil sein und sich gleichzeitig schnell verändern und sind ferner von sozialen Faktoren abhängig (vgl. ebd.: 114).

Dies kann nun auf sämtliche gesellschaftliche Bereiche erweitert werden. (Soziale Konstruktion von Wert(vorstellung)

Kulturelle und soziale Wertvorstellungen sind nicht nur die Grundlage davon, wie Menschen wirtschaften, sondern auch wie sie miteinander (etwa Natur, Umwelt, Tieren) umgehen. Außerdem aber auch dafür verantwortlich, wie verschiedene gesellschaftliche Bereiche (zB. Bildung, Sexualität, Militär, Gewalt etc.) aufgeladen sind. Weiters bestimmen die entsprechenden Aufladungen von Werten (also jeweils abhängig davon, wie die jeweilige Wertkonzeption des jeweiligen Gebiets überhaupt definiert ist) sämtliche kollektive Vorstellungen davon, wie man mit verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen umgehen soll.

  • Hat bspw. ein Prinzip, das auf der Verwertung der Individuen sowie auf dem Verkauf ihrer Arbeitskraft beruht, einen hohen, oder geringen Wert?
  • Ist eine Gesellschaft so viel wert, wie sie bereit ist, für die (sozial) Schwächsten ein Netz auszuspannen, in dem jede_r aufgefangen werden kann? (vgl. Ringel 2001:: 66).
  • Wie geht man in einer Gesellschaft mit Menschen um, die einer bestimmten Norm nicht entsprechen können oder wollen und wie reagiert diese auf solche Abweichungen? (Beispielsweise mit Homophobie, Sexismus, Rassismus, Klassismus, Transphobie, Heteronormativität etc.).

Somit kann festgestellt werden, dass „Wert […] den Dingen nicht grundsätzlich immanent [ist], er wird ihnen durch das Urteil von Subjekten zugeordnet“ (Dabringer 2014b) und ist somit sozial konstruiert und mit kulturellen Bedeutungen aufgeladen. Jedoch kommt es nicht nur auf das Urteil an, das von den Subjekten jeweils zugeordnet wird, sondern eben auch darauf, wie gesellschaftliche Werte grundsätzlich besetzt sind und wie die verschiedenen Diskurse in einer Gesellschaft darüber beschaffen sind. „Value is the way in which an individual actor’s actions take on meaning, for the actor herself, by being incorporated into a larger social whole” (Graeber 2001: 67).

David Graeber „Toward An Anthropological Theory of Value“

David Graeber konzipiert in seinem Werk „Wert“ als Modell menschlichen Handelns – „Value as the Importance of Actions“ (vgl. Graeber 2001) und möchte somit eine Alternative zu kapitalistischen Wertkonzeptionen aufzeigen. Dieser Ausschnitt beschäftigt sich mit Graebers allgemeinen Überlegungen bezüglich Produktion und Wert und soll zu einer „theory of action“ (Graeber 2001: 58) hinführen. Graeber ist der Ansicht, dass Produktion in allen Gesellschaften

  1. zum ersten dadurch bedingt ist, Bedürfnisse der Produzierenden zu befriedigen (Nahrung und Schutz vor Umwelteinflüssen sind hier immer inkludiert, aber nicht darauf beschränkt (vgl. ebd.). (Kritik an Graeber: in kapitalistischen Gesellschaften wird nicht bedürfnisorientiert produziert).
  2. Den Mensch als soziales Wesen zu begreifen bedeutet gleichzeitig, dass dieser ein System von sozialen Beziehungen schafft (in Form von Familien, Clans, Gilden, Ministerien, etc.), in welchen sie ihre produktiven Aktionen untereinander koordinieren (vgl. ebd.).
  3. Das heißt gleichzeitig, dass „production also entails producing the producer as a specific sort of person (seamstress, harem eunuch, movie star, etc.). In cooperating with others, a person defines herself in a certain way – this can be referred to as the ,reflexive element in action” (ebd.: 59).
  4. „The process is always open-ended, producing new needs as a result of (1), (2) and (3) and thus bearing within it the potential for its own Transformation. So we start with a notion of intentional action, productive action aimed at a certain goal“ (ebd.). Diese Aktionen produzieren soziale Beziehungen (vgl. ebd.), wodurch sich die Produzierenden weiter entwickeln, was ein Anzeichen des zyklisch stattfindenden sozialen Prozesses ist. Dadurch wird gleichzeitig „soziales produziert“.

Schematisch dargestellt aber etwas verkürzt bedeutet nun die theory of action in Zusammenhang mit Wert nun folgendes. „First, value is the way actors represent the importance of their own actions to themselves as part of some larger whole” (Graeber 2005: 453). Akteur_innen bewerten die Wichtigkeit / Bedeutung ihrer eigenen Handlungen unter der Berücksichtigung der gesellschaftlichen Einbettung. Werte sind sozial und kulturell konstruiert, können daher nicht als Totalität betrachtet werden, sondern unterliegen immer dem Vergleich mit etwas anderem, das als Bezug dazu dient: „Second, this importance is always seen in comparative terms. Some forms of value are seen as unique and incommensurable; others are ranked (as in categories of kula valuables […]); for yet others, such as money in market systems, value can be calculated precisely, so that one can know precisely how many of item A are equivalent to one item B. Third, importance is always realised through some kind of material token, and generally is realised somewhere other than the place it is primarily produced” (ebd.: 451-452). Graeber bemerkt bei dem letzten Punkt gleichzeitig, dass es nicht in allen Gesellschaften von größter Wichtigkeit ist, materielles zu produzieren und bringt mit Turners Untersuchung der Kayapo in Brasilien ein Beispiel dafür. „One of Turner’s key points is that in non-capitalist societies the bulk of social labour is not so much directed at creating material objects as at shaping and reshaping human beings and the relations between them; the Kayapo see material production as a subordinate aspect of the reproduction of people“ (ebd.: 452).

Die Kritik an Graeber betrifft nun insbesondere das Faktum, dass Graeber „Wert“ anders definieren möchte, dafür aber die Begrifflichkeit beibehält, anstatt einen neuen, oder anderen Terminus dafür zu finden. Das ist eine begriffliche Problematik in erster Linie: man kann sagen, es gibt Begriffe, die haben verschiedene Bedeutungen. ZB. eine Bank: zum drauf sitzen & für Geldgeschäfte. Daher ist es falsch, wenn Graeber meint: „The study of value, then, invariably takes us beyond what we normally refer to as ‘economics’, for it leads us into moral, aesthetic and symbolic territory that is very hard to reduce to rational calculation and science” (Graeber 2005: 452-3). Denn es ist nicht möglich bei einem umfassend definierten und entwickelten Begriff zu behaupten, „das ist jetzt etwas ganz anderes“. Besser wäre es also Synonyme zu „Wert“ in einem nicht-ökonomischen Sinn zu finden, um begrifflich und analytisch damit umzugehen, um diese Begrifflichkeit weiter zu entwickeln.

2. Kritik des Arbeitsbegriffs

„Denn das Leben und die Zeit des Menschen sind nicht von Natur aus Arbeit, sie sind: Lust, Unstetigkeit, Fest, Ruhe, Bedürfnisse, Zufälle, Begierden, Gewalttätigkeiten, Räubereien etc. Und diese ganze explosive, augenblickhafte und diskontinuierliche Energie muss das Kapital in kontinuierliche und fortlaufend auf dem Markt angebotene Arbeitskraft synthetisieren, was Zwang impliziert: den des Systems der Beschlagnahme“ (Foucault 1976: 117).

Spricht man in kapitalistischen Gesellschaften von „Arbeit“, dann ist meistens direkt „Lohnarbeit“ gemeint, diese Begriffe werden also oft synonym verwendet. Die Frage, warum dem so ist, könnte damit beantwortet werden, dass Lohnarbeit eine Grundlage im Kapitalismus ist, der enorm viel Wert zugesprochen wird. „Die Entwicklung des Kapitalismus ist eng mit der Aufwertung der Arbeit als zentrales Vergesellschaftsungsprinzip verbunden“ (Riegler 2010: 122). Wer nicht arbeitet, so meint der „Volksmund“, lebt auf Kosten anderer, manche Politiker wie etwa der ehemalige Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) zitieren sogar mit einer Abwandlung aus der Bibel: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“. [Das Originalzitat lautet: „Und da wir bei euch waren, geboten wir euch solches, daß, so jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen“ (Bibel 2006: 2. Thessalonicher, 3. Kapitel, 10. Vers)]. Meines Erachtens ist dieser Begriff von Arbeit nicht nur falsch, uneindeutig, zu kurz gegriffen, zu eng, weil Arbeit mehr ist als Lohnarbeit, sondern vor allem menschenfeindlich und klassistisch. Diese Ansichten sind von der Ideologie des Neoliberalismus durchdrungen, wo „Arbeit“ zum Selbstzweck geworden ist, Individuen müssen Kriterien wie Flexibilität und Mobilität erfüllen, aber vor allem fähig sein, sich anzupassen. (Und den damit verbundenen Disziplinierungsmaßnahmen und „Sanktionen“, wenn dem nicht Folge geleistet wird).

Nicht nur um dem Obigen etwas entgegen zu wirken, sondern vor allem um einen sinnvollen Begriff von „Arbeit“ zu schaffen, ist es notwendig, diesen neu zu besetzen. Denn „Arbeit“ ist „nicht nur als die instrumentell gebundene, mehr oder weniger gut entlohnte zielgerichtete Tätigkeit zu verstehen, sondern Arbeit findet ebenso außerhalb der Lohnarbeit […] statt“ (Notz 2011: 13). Gemeint ist hier nicht nur Haus- und Sorgearbeit, sondern auch „Erziehungsarbeit, Pflegearbeit für Alte, Kranke und Behinderte, unbezahlte Konsumarbeit, Subsistenzarbeit, bürgerliches Engagement, ehrenamtliche, politische, soziale und kulturelle Arbeit, unbezahlte Arbeit in Selbsthilfegruppen und andere ‚Gratisarbeit‘“ (ebd.). Das grundlegende Problem des Arbeitsbegriffs ist, dass oftmals ausschließlich bezahlte Arbeit als „wertvoll“, „produktiv“ und sogar als einzige „sinnvolle“ Arbeit gilt, während unbezahlte Arbeit nicht nur abgewertet wird, sondern auch gesellschaftlich einen geringeren Stellenwert hat.

Johanna Riegler beschreibt die Glorifizierung der Arbeit als ein junges Phänomen. Bis ins Mittelalter habe sich eine negative Bewertung der Arbeit erhalten, in den mittelalterlichen Handwerksverbänden wurde Mehrarbeit manchmal auch unter Strafe gestellt. Damals war Arbeit ein Mittel zur Sicherung des eigenen Lebensunterhalts. Es gab nicht nur ein kirchliches Zinsverbot, sondern auch das Verbot des Gewinnstrebens (vgl. Riegler 2010: 119-120). „Der Siegeszug der Arbeit setzte erst mit der Neuzeit ein, mit dem Aufschwung der Naturwissenschaften, der Entdeckung neuer Kontinente und einer Steigerung des Fernhandels. Die Ausweitung der Städte führte zu einer verstärkten Arbeitsteilung und einem Bedeutungszuwachs für Märkte“ (ebd.). Mit dem Bürgertum schließlich „steigt eine Klasse zur Herrschaft auf, die sich über Arbeit definiert und sich durch eine um Leistung zentrierte, methodische Lebensführung von der Aristokratie abgrenzt“ (Eisenberg 1999). Arbeit ist ab diesem Zeitpunkt nicht mehr überlebensnotwendig, sondern Selbstzweck.

Ein Synonym für „Arbeit“ könnte „Tätigkeit“ sein, oder in Hannah Arendts Begriffen Arbeiten, Herstellen und Handeln (vgl. Riegler 2010: 118), welche von ihr unter dem Begriff „Tätigkeit“ zusammengefasst werden. Unter Arbeit versteht Arendt „die Versorgung unseres Körpers mit Lebensmittel. Hergestellt werden kulturelle Dinge, die von der Natur kommen, oder uns vor ihr schützen. Handeln meint das Aushandeln zwischen Menschen, weil wir soziale Wesen sind – also die Politik unter Menschen, die wiederum das Denken und die [Betrachtung] brauchen“ (Gruber 2010a: 171). In der Ethnologie werden Nahrung, Kleidung und Unterkunft als die wichtigsten (physischen) Grundbedürfnisse von Menschen benannt (vgl. Dabringer 2014a; Rössler 2003). Somit können bereits die Reproduktion des eigenen Körpers sowie der Bau eines Hauses als Schutz vor Umwelteinflüssen als „Arbeit“ aufgefasst werden. Arendt schränkt hier den Begriff der Arbeit sogar ein, denn diese „umfasst nur jene Tätigkeiten, die notwendig sind, um mit Lebensmitteln und Verbrauchsgütern versorgt zu sein, die das Weiterleben der Individuen sichern und verbessern“ (Riegler 2010: 118). Wichtig in ihrer Konzeption ist es (und das zählt zu Arendts Verdienst) „Tätigkeiten von Menschen zu benennen und zu differenzieren und nicht umstandslos alles Tun und Lassen als Arbeit oder Produktion zu bezeichnen“ (Riegler 2010: 118).

Für einen erweiterten Arbeitsbegriff ist es gleichzeitig notwendig, andere Termini, welche mit Lohnarbeit untrennbar verknüpft sind, neu zu belegen. Etwa

einen neuen Begriff von Wirtschaft […], den Aufbau gemeinschaftlicher, kollektiver Strukturen, in denen die Menschen wieder selbstverantwortlich tätig werden können, als wichtige Arbeit berücksichtigt und den Zusammenhang zwischen unbezahlter und bezahlter Arbeit herstellt sowie die Trennung zwischen ökonomischen und (scheinbar) außerökonomischen Bereichen überwindet“ (Notz 2011: 15-16).

Außerdem schließt ein solcher Arbeitsbegriff Erweiterungen bezüglich „der Erwerbs-, Gemeinwesen-, Versorgungs-, Subsistenz- und Haushaltsökonomie ein“ (ebd.) und betrachtet sie außerdem als gleichgewichtig (vgl. ebd.). Sabine Gruber nennt einige grundlegende Prinzipien für eine Zusammenarbeit: „Weltverbundenheit mit Menschen und Natur sowie ganzheitliches Denken […] Kooperation, Rücksichtnahme und Gegenseitigkeit […] gemeinschaftlich verwaltete Besitzverhältnisse […] partizipative Entscheidungsprozesse […] Naturverbundenheit und Natur als Gemeinschaftsgut auffassen“ (Gruber 2010a: 185). Diese Ansätze sind zum Teil in solidarökonomischen sowie umsonstökonomischen Ansätzen zu finden.

3. Wandel der Produktion und der Lohnarbeit – Prekarisierung

Zuletzt möchte ich ganz kurz auf neue Formen der Lohnarbeit und der Produktion eingehen. Es fanden im 20. Jahrhundert umfassende Veränderungen statt, vor allem „in the constitutive relationship of production to consumption, and hence of labor to capital. This requires, in turn, that we consider the meaning of social class under prevailing political and economic conditions, conditions that place growing stress on generation, gender, and race as indices of identity, affect, and political action” (Comaroff / Comaroff 2000: 293). Seit dem Ende der Sowjetunion gilt der Kapitalismus als „alternativlos”. „Diese ökonomische Entwicklung geht mit einer veränderten betrieblichen Organisation von Erwerbsarbeit einher. Das Unternehmensrisiko, die entsprechenden Profite zu realisieren, wird an die Beschäftigten weitergegeben“ (Gruber 2010b: 26). Ausbeutung wird intensiviert, soziale Sicherungssysteme im globalen Norden hingegen abgebaut. Schlagworte einer „veränderten betrieblichen Organisationsstrategie“ (ebd.) sind Flexibilisierung, Leistungsdruck, Selbstorganisation der abhängig Beschäftigten, flexibilisierte Arbeitsverhältnisse, staatliche (De-)Regulierungen, Einführung von Mini-Jobs (vgl. ebd.: 26-27). Somit ist ein großer „Bereich prekärer Erwerbsarbeit entstanden“ (Dörre 2005 nach Gruber 2010b: 27), dazu zählen „Leih- und Zeitarbeitende, Teilzeitbeschäftigte, befristet und / oder geringfügig Beschäftigte. Diese […] sind finanziell und sozial wenig abgesichert und gezwungen mit einer permanenten Unsicherheit zurechtzukommen“ (ebd.).

Jene Auswirkungen betreffen die Mikroebene einer neoliberalen Ideologie bezüglich der Lohnarbeitsverhältnisse der Individuen, auf der Makroebene beschäftigt sich Federici mit der Frage, wie die Weltökonomie globalisiert worden ist. „Erstens sei ein auf der Warenproduktion beruhender Akkumulationstyp abgelöst worden durch einen, in dem nun die Finanzialisierung die Oberhand habe. Zweitens sei von der auf der Fabrik beruhenden industriellen Produktion zu einem Arrangement übergegangen worden, in dem Wissenschaft, Wissen, Information und Kultur die wichtigsten Produktionsgegenstände seien“ (Federici 2012: 51). Die Begriffe „Informations- und Wissensgesellschaft“ zielen unter anderem darauf ab, dass es heute wie niemals zuvor von großer Bedeutung ist, informiert und gebildet zu sein, da man andernfalls Gefahr läuft, marginalisiert und diskriminiert zu werden, was von einem entfesselten Kapitalismus mit seiner neoliberalen Ideologie zu verantworten ist. Diese Produktionsgegenstände haben „zu einer wachsenden Entmaterialisierung der Arbeit, aber auch zu einer geringeren Nachfrage nach Arbeit geführt“ (Federici 2012: 51).

Verwendete LITERATUR und QUELLENVERWEIS

Bibel (2006). Erneut durchgesehene Ausgabe der revidierten Elberfelder Bibel unter Berücksichtigung der neuen Rechtschreibung. (Nach der Version des „CID – christliche internet dienst GmbH“). 2. Thessalonicher – Kapitel 3. Wünsche des Apostels für sich selbst und die Gemeinde. Zugriff am 17. April 2015.

Comaroff, Jean / Comaroff, John L. (2000). Millennial Capitalism: First Thoughts on a Second Coming. In: Public Culture 12.2 (2000) 291-343. Duke University Press. Zugriff am 17. April 2015.

Dabringer, Maria (2014b). Arjun Appadurai und Georg Simmel — Der Wert von Waren. Lernunterlage: Konsumption. Kultur- und Sozialanthropologie. Universität Wien. Zugriff am 19. April 2015.

Eisenberg, Götz (1999). “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen”. Zur Sub- und inneren Kolonialgeschichte der Arbeitsgesellschaft. In: krisis. Kritik der Warengesellschaft. Zugriff am 18. April 2015.

Federici, Silvia (2012). Aufstand aus der Küche. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution. Münster: edition assemblage.

Graeber, David (2005). Value: anthropological theories of value. In: Carrier, James. A Handbook of Economic Anthropolgy. Cheltenham. Northampton. S. 339-454.

Graeber, David (2001). Toward An Anthropological Theory of Value. The False Coin of Our Own Dreams.

Gruber, Sabine (2010a).Wie wir leben und arbeiten wollen. . Schritte von der Utopie zur Realität. In: Arbeiten wie noch nie!? Unterwegs zur kollektiven Handlungsfähigkeit. Argument Verlag: Hamburg. S. 167-188.

Gruber, Sabine (2010b). Arbeitsverhältnisse als Geschlechterverhältnisse. Grundannahmen zu Arbeit und Wohlstandsverteilung. In: Arbeiten wie noch nie!? Unterwegs zur kollektiven Handlungsfähigkeit. Argument Verlag: Hamburg. S. 15-36

Foucault, Michel (1976). Die Macht und die Norm. In: Ders.: Mikrophysik der Macht. Über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin. Berlin.

MEW = Marx-Engels-Werksausgabe des Diet-Verlages, Berlin/DDR, erschienen zwischen 1956 und 1990, mit Nummer des jeweiligen Bandes. Auch online verfügbar, Zugriff am 10. Mai 2015.

Notz, Gisela (2011). Theorien alternativen Wirtschaftens. Fenster in eine andere Welt. Schmetterling Verlag: Stuttgart.

Riegler, Johanna (2010). Die Faulen und die Fleißigen… Konfliktlinien der Arbeitsgesellschaft. In: Arbeiten wie noch nie!? Unterwegs zur kollektiven Handlungsfähigkeit. Argument Verlag: Hamburg. S. 115-134.

Ringel, Erwin (2001). Die österreichische Seele. Zehn Reden über Medizin, Politik, Kunst und Religion. Franz Richert Reiter (Hg.). Europa Verlag: Hamburg. Wien. 13. Auflage.

Rössler, Martin (2012/Orig. 1983). Wirtschaftsethnologie. In: Beer, Bettina / Fischer, Hans (Hg.). Ethnologie. Einführung und Überblick. Dietrich Reimer Verlag GmbH: Berlin. 6. Auflage.

3037 Wörter

Christine Nöstlinger: Bewegende Rede gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit im historischen Sitzungssaal des Parlaments (5. Mai 2015)

Christine Nöstlinger auf der Gedenkveranstaltung am 5. Mai 2015 zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen

Manuskript zu ihrer Rede im vollen Wortlaut: (auch als Video)

„Als das Konzentrationslager Mauthausen errichtet wurde, war ich fast zwei Jahre alt, als die letzten Überlebenden von der US-Armee befreit wurden, war ich acht Jahre alt. Man könnte also denken, dass in meinen Erinnerungen an diese Jahre das KZ Mauthausen kein Thema wäre. Dem ist aber nicht so.

Das Wort Mauthausen kannte ich zwar nicht, den Ausdruck KZ aber sehr wohl. Unzählige Male hörte ich ihn, wenn meine Großmutter bei der Milchfrau oder beim Greißler auf die Nazis schimpfte. Dann hieß es, warnend geflüstert, entweder ‚Redens Ihnen nicht um Ihren Kopf!‘ oder ‚Sie reden Ihnen noch ins KZ rein.‘

Und fest eingeprägt hat sich bei mir die Erinnerung daran: Mein Onkel, der ‚kleine Bruder‘ meiner Mutter, ist zu Besuch. Er steht, groß und breit, in SS-Uniform neben meiner kleinen Mutter und sagt: ‚Ella, die Juden gehen alle durch den Rauchfang!‘ Und meine kleine Mutter bekommt ihr rotes Zorngesicht und gibt ihrem großen, kleinen Bruder eine Ohrfeige. Ich glaube, das war die einzige Ohrfeige, die meine friedliebende Mutter jemandem gegeben hat.

Was ‚durch den Rauchfang gehen‘ zu bedeuten hat, war mir natürlich nicht klar, nur, dass es etwas schrecklich Böses sein musste. Und von dem Tag an war mir auch klar, dass der Herr Fischl durch den Rauchfang gegangen ist. Der Herr Fischl hatte bei uns in der Gasse eine Schusterwerkstatt gehabt, hatte Schuhe gedoppelt, neue Absätze gemacht und bei Schuhen die Kappen ‚vorgeschoben‘, damals unter armen Leuten eine billige Lösung für schnell wachsende Kinderfüße.

Im Jahr 1938, kurz nach dem ‚Anschluss‘, sah meine Mutter, von der Arbeit heimgehend, eine grausige Szene: SA-Männer hatten den Herrn Fischl aus dem Laden geholt und zwangen ihn, mit einer Zahnbürste drei weißen Pfeile, die Regimegegner aufs Pflaster gepinselt hatten, wegzuschrubben. Auf der Straße parkte ein Lkw mit grinsenden SA-Männern auf der Ladefläche. Und um den knienden Herrn Fischl rum standen Nachbarn und schauten belustigt zu. Meine Mutter ging klopfenden Herzens auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorbei. Später hörte sie, dass der Herr Fischl schließlich mit dem Lkw abtransportiert worden war.

Ein paar Tage danach übernahm ein ‚arischer‘ Schuster Werkstatt und Wohnung vom Herrn Fischl. Und vom Herrn Fischl redete niemand mehr. Außer meiner Mutter! Sie erzählte mir und meiner Schwester immer wieder, was dem Herrn Fischl angetan worden war. Sie kam nicht damit zurecht, dass sie nicht eingegriffen hatte, und rechtfertigte sich jedes Mal vor sich selbst mit der Erklärung: ‚Hätt ich euch Kinder nicht daheim gehabt, wär ich rüber und hätt die Bagage vertrieben!‘

In dem Alter, in dem ich damals war, muss man seine Mutter, noch dazu, wenn der Vater schon lange weit weg in Russland ist, für groß und stark, also für mächtig halten. Und dass sich Erwachsene manchmal selbst belügen, wusste ich noch nicht. Also war ich der Überzeugung, meine Mutter hätte den Herrn Fischl gerettet, hätte es mich nicht gegeben, und da ich auf meine Frage, wohin denn der Herr Fischl gebracht worden war, die karge Antwort ‚Na, ins KZ‘ erhielt, glaubte ich, am Tod des Herrn Fischl schuld zu sein.

Das unsinnige Schuldgefühl schwand erst, als ich merkte, dass meine Mutter weder stark noch mächtig, sondern klein und ziemlich hilflos war und gegen ‚die Bagage‘ nichts ausgerichtet hätte.

Frei von Schuld zu sein heißt aber nicht, frei von Verantwortung zu sein! Viele Menschen sind dieser Verantwortung gerecht geworden und haben als ‚Zeitzeugen‘ den nachfolgenden Generationen zu erzählen versucht, wohin Rassismus geführt hat, oder sich laut zu Wort gemeldet, wenn wieder gegen Minderheiten Stimmung gemacht wurde.

Leicht gemacht hat man ihnen das nicht immer. Vielen waren sie einfach zu unbequem. Sie störten beim Vergessen, beim Behaupten, völlig ahnungslos gewesen zu sein, beim Beklagen dessen, was man selbst im Krieg erlitten und verloren hatte, und vor allem beim selbstzufriedenen ‚Neuanfang‘.

Im Interesse dieses ‚Neuanfangs‘ waren unsere Nachkriegsregierungen auch nicht besonders emsig bemüht, Täter der NS-Zeit zu verfolgen. Es waren – nüchtern betrachtet – einfach viel zu viele, um ohne sie einen funktionierenden Staat zu machen. Woher hätte man etwa nach Kriegsende auch ausreichend ‚unbelastete‘ Lehrer und Beamte nehmen sollen?

Auch die Anstrengungen, Juden und Antifaschisten, denen die Flucht ins Ausland geglückt war, heimzuholen, waren karg. Und zu überlegen, wie man Roma und Sinti, die überlebt hatten, besser integrieren könnte, war schon gar kein Anliegen. Meine Generation und die meiner Kinder wurden also in einem Land groß, in dem Rassismus keineswegs bloß eine schlimme Erinnerung war, sondern nach wie vor Gesinnung sehr vieler, tradiert vor allem in den Familien.

Zum Positiven verändert hat sich da bis heute nicht allzu viel. Allerdings kommt nun Rassismus in einem anderen Mäntelchen daher. Begriffe wie Herrenrasse, Untermensch, Rassenschande und Endlösung wagt niemand mehr zu sagen und kaum wer zu denken. Da gibt es ein Tabu!

Heutiger Rassismus lehnt schlicht ‚alles Fremde‘ ab, sieht das eigene Volk durch ‚Überfremdung‘ in Gefahr, wittert sogar ‚Bevorzugung der Ausländer‘ und meint – alles in allem: ‚Die wollen von uns leben, die wollen uns etwas wegnehmen!‘

Wer so denkt und unter Gleichgesinnten auch so redet, schmiert noch lange keine rassistischen Parolen, wirft keine jüdischen Grabsteine um, beschimpft keine Frauen, die Kopftuch tragen, verprügelt keinen Schwarzen und zündet kein Asylantenheim an. Aber den Menschen, die es tun, geben sie die Sicherheit, auch in ihrem Interesse zu agieren. Sie sind der Nährboden, aus dem Gewalt wächst.

Und die Auswahl an Minderheiten, gegen die man – im besten Fall – ‚etwas hat‘, – im schlimmsten Fall – ‚etwas unternimmt‘, hat sich enorm gemehrt. Zu den tradierten Objekten für Ablehnung und Aggression kamen hinzu: Asylsuchende und Wirtschaftsflüchtlinge, ganz gleich, woher sie kommen, und Menschen mit Migrationshintergrund, ganz gleich, ob sie bereits österreichische Staatsbürger sind oder nicht. Und Menschen mit anderer Hautfarbe sowieso.

Allerdings schützt heute, im Gegensatz zum Rassismus der NS-Zeit, totale Assimilation vor Anfeindung. Und die große Mehrheit im Lande – fürchte ich – meint Assimilation, wenn sie „mehr Integration“ fordert. Man will sich das Fremde und Unbekannte nicht vertraut machen, sondern wünscht sich die Anpassung der Zugezogenen an die hierorts übliche Lebensweise; was aber in den seltensten Fällen passiert. Also ergeben sich Probleme beim Zusammenleben mit Menschen aus fremden Kulturen.

Darauf zu warten, dass diese Probleme mit der Zeit kleiner werden, durch zunehmende Toleranz der Alteingesessenen und zunehmende Anpassung der Zugezogenen, war sichtlich lange Zeit ein Rezept vieler unserer Politiker. Oft hat dieses Rezept tatsächlich gewirkt, aber zumindest genauso oft hat es versagt.

Was versäumt wurde, müssen wir jetzt nachholen: Kindergartenpflicht und Ganztagsschulen etwa. Dazu Kindergartenpädagoginnen, die dazu wirklich ausgebildet sind, Kinder mit einer anderen Muttersprache so gut Deutsch zu lehren, dass sie, in die Schule gekommen, annähernd die gleiche Sprachkompetenz und somit auch annähernd die gleichen Chancen auf Bildung haben. Nur so verhindert man das Entstehen von Parallelgesellschaften auf Unterschichtsniveau.

Und ebenso ist bessere Bildung das einzige brauchbare Mittel zur Aufweichung von hart verkrusteten rassistischen Vorurteilen in der hiesigen Mehrheitsbevölkerung. Denn: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Auch den größten Unsinn und die schamlosesten Verdrehungen. Wobei allerdings die Frage bleibt, warum so viele Menschen lieber den Rassisten glauben als denen, die sagen, dass friedliches Nebeneinander, wenn schon nicht Miteinander, möglich sei.

Vielleicht ist es ja so: Über den allgemein bekannten sieben Hautschichten hat der Mensch als achte Schicht eine Zivilisationshaut. Mit der kommt er nicht zur Welt. Die wächst ihm ab Geburt. Dicker oder dünner, je nachdem, wie sie gepflegt und gehegt wird. Versorgt man sie nicht gut, bleibt sie dünn und reißt schnell auf, und was aus den Rissen wuchert, könnte zu Folgen führen, von denen es dann betreten wieder einmal heißt: ‚Das hat doch niemand gewollt!‘“

 

„Wirtschaftsflüchtlinge“, Doppelmoral und unterlassene Hilfeleistung

Jeden Tag sterben im Mittelmeer Menschen, jedoch waren es in der Nacht vom 18. zum 19. April 2015 so viele, dass es von internationalen Medien nicht mehr ignoriert werden konnte. Sogenannte „Flüchtlingskatastrophen“ gibt es regelmäßig (tatsächlich geht es ja eher um „unterlassene Hilfeleistung“ von Seiten der EU). Beispielsweise sind im Oktober 2013 vor Lampedusa zwei Flüchtlingsschiffe verunglückt, mehr als 350 Menschen starben. „The Migrants Files“ dokumentiert die unzähligen Todesfälle von Geflüchteten auf ihrem Weg nach Europa. Dies ist ein Projekt „by a European consortium of journalists that aims at precisely assessing the number of men, women and children that died as a result of EU Member States migration policies.“

Bereits im März 2014 wurde die Zahl der Todesopfer des EU-Grenzregimes seit dem Jahr 2000 auf mindestens 23000 geschätzt. Hier gehts es zur Interaktiven Karte.

Quelle: proasyl beruft sich auf Daten von „The migrants Files“

Eine kurze Chronologie verschiedener Flüchtlingskatastrophen der letzten Jahre findet sich zum Beispiel auch hier.

Die EU hat bereits vor drei Tagen erste Ergebnisse eines Gipfeltreffens vorgestellt, welche eher als Farce, anstatt als echte Hilfe bezeichnet werden kann. Die Flüchtlingskatastrophe scheint bloß ein gefundener Vorwand zu sein, Asylgesetze weiter zu verschärfen.

In einem heutigen Beschluss gaben EU-Staaten bekannt, der Frontex-Organisation Triton beizutreten: mit britischen Kriegsschiffen und Hubschraubern, französischen Patrouillenbooten, einem slowenischen Marine-Patrouillenschiff, auch Faymann gab bekannt, das Vorhaben mit „mehr Experten“ zu unterstützen. Eines der Ziele von Triton ist übrigens „der Schutz und die Überwachung der Außengrenzen.“ Daher bleibt die Maxime wohl dieselbe wie vor der letzten Flüchtlingskatastrophe: „Flüchtlinge abwehren, statt retten.“ Ob die Probleme dadurch gelöst werden, ist fraglich vielleicht werden sie durch diesen 10 Punkte-Plan sogar verschärft.

 

„Viele sind ja ohnehin ’nur‘ (sic!) Wirtschaftsflüchtlinge“

In den Kommentaren und Analysen bezüglich der EU-Flüchtlingspolitik mehren sich die Stimmen, dass viele einwandernde Menschen „nur Wirtschaftsflüchtlinge“ wären. Abgesehen davon, dass diese reine Vermutung nicht mit der Wirklichkeit überein stimmt, werden mit dem Begriff „Wirtschaftsflüchtling“ Menschen zweiter Klasse geschaffen und in „nützlich und wertlos“ eingeteilt.

„In der deutschen Debatte heißt es oft, die meisten Bootsflüchtlinge im Mittelmeer kämen aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa.“ Menschen die versuchen, ihre persönliche Situation zu verbessern und unabhängig von Krieg und Verfolgung in ein anderes Land gehen, werden mit dem Wort „Wirtschaftsflüchtlinge“ diskreditiert und abgewertet. Dieses Wort hat den Zweck, Menschen zweiter Klasse zu schaffen und diese zu brandmarken. Allerdings handelt es sich bei dem Wort „Wirtschaftsflüchtlinge“ um eine weitere Episode des „Messens mit zweierlei Maß“, oder um es schärfer auszudrücken: Das ist „verlogen“.

 

Viele Menschen wechseln den Ort / ziehen in eine größere Stadt, um ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern

Das ist weder gut, noch schlecht, sondern zuerst einmal ein Faktum. Menschen ziehen von ihrem Dorf in eine Stadt, weil sie sich dort bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz versprechen, weil es dort mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Universität, oder andere Möglichkeiten zur Fortbildung gibt, eben Binnenmigration. (Trotzdem ist es ein riesiger Unterschied, ob ein junger Mensch sein Dorf und das Haus seiner Eltern zB. im Südburgenland verlässt, um in Wien zu studieren, oder ob Menschen im Sahel vor der Dürre fliehen).

 

Mediale Funktion der Verwendung des Begriffs „Wirtschaftsflüchtling“

Problematisch ist es, wie doppelmoralisch in diesem Kontext viele Politiker_innen, Journalist_innen, Medienunternehmen, agieren, wenn sie Menschen (konkreter: Asylant_innen, Migrant_innen) als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnen: IMMER wenn sie dieses Wort in den Mund nehmen oder darüber schreiben, meinen sie ausschließlich, dass Asylant_innen / Migrant_innen „kein Recht“ dazu hätten, sich in der EU anzusiedeln. Menschen lassen sich dort nieder, wo sie sich einen ökonomischen Vorteil erhoffen. Das machen alle Menschen, immer, nicht nur Flüchtlinge. Warum wird hier bei Migrant_innen aber mit zweierlei Maß gemessen?

Ein Grund dafür ist, dass Flüchtlinge in einer bürgerlichen Gesellschaft eines EU-Staats als Menschen zweiter Klasse behandelt werden (sowohl rechtlich, als auch im gesellschaftlichen Alltag), bzw. in die menschenfeindlichen Kategorien „nützliche und nicht nützliche Ausländer“ eingeteilt werden (was übersetzt so viel heißt wie „für den Kapitalismus verwertbare und nutzlose Menschen“). Ein hochoffizielles Beispiel bietet die Migrationsplattform der österreichischen Bundesregierung. „Qualifizierten Arbeitskräften aus Drittstaaten“, also jene Menschen, die auch „etwas leisten“, sind in Österreich gerne gesehen. Menschen jedoch, die „bloß“ hoffen, in Europa ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten zu verbessern und gar nicht vor Kriegen flüchten, nicht.

Die Rede vom „Wirtschaftsflüchtling“ kommt einem Euphemismus gleich. Gemeint ist damit ein Mensch, der keine Berechtigung hat, „hier“ zu leben, weil er „nur“ aus wirtschaftlichen Gründen sein Land verlassen hat. Bei dem Wort „Wirtschaftsflüchtling“ schwingt immer die Konnotation mit, dass es sich angeblich um „illegale Migrant_innen“ handelt. Kein Mensch ist illgeal, jeder sollte selbst bestimmen können, wo er_sie sich aufhalten möchte.

 

Der neoliberale Begriff der „Standortsicherung“

Die Doppelmoral rund um den Begriff des „Wirtschaftsflüchtlings“ wird noch deutlicher, wenn man das neoliberale Konzept der „Standortsicherung“ betrachtet. Im ökonomischen, neoliberalen Alltag geht es für Konzerne immer darum, billiger zu produzieren, um ungeachtet von sozialen, ökologischen, gesellschaftlichen Folgen höhere Profite zu erzielen. Dies wird oft durch den Wechsel des Standorts gewährleistet. „Standortsicherung“ hat von der Bedeutung des Begriffs viele strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Begriff „Wirtschaftsflüchtling“.

Mit einem entscheidenden Unterschied: „Standortsicherung“ wird in den verschiedenen gesellschaftlichen Diskursen als etwas Positives, Erstrebenswertes, für die Wirtschaft „sinnvoll“ betrachtet. Sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“  hingegen werden im medialen Diskurs niemals positiv konnotiert.

Das besondere am kapitalistischen System ist seine eindeutige und rechenbare Zielsetzung: die Maximierung des Gewinns in einer bestimmten Periode.

Konzerne aus Ländern des globalen Nordens (oder auch: aus OECD Ländern) wechseln permanent zu jenem Standort, der ihnen als der günstigste erscheint. So sind in den letzten Jahrzehnten ganze Industrien in Länder abgewandert, welche ökonomisch ärmer sind und vor allem, in welchen Arbeitsrechte / Gewerkschaften nicht, oder nur wenig vorhanden sind, in welchen für die Sicherheit der Arbeitenden in Fabriken nicht in der gleichen Weise gesorgt wird (etwa wie in Europa, den USA,  Australien, Südkorea, oder Japan). Es gibt viele Beispiele dafür, etwa der Tod von 100 Menschen, nach einem Feuer in einer Textilfabrik in Bangladesch im Jahr 2012. Oder der Großbrand einer Fabrik in Pakistan, der 300 Menschenleben forderte, „weil Fenster vergittert waren und Notausgänge fehlten.“

 

Conclusio

Selbst jene Artikel, die sich darauf beziehen, dass die meisten Menschen keine Wirtschaftsflüchtlinge sind, sondern politische, sind ebenso problematisch: Denn alle Menschen haben das Recht, sich dort anzusiedeln, wo sie sich wirtschaftliche Vorteile versprechen. Dass machen Menschen zB. in Europa genauso (auch wenn die Ausgangsposition für sie grundsätzlich eine andere, nämlich einfachere ist) , warum sollte das Flüchtlingen, die nach Europa kommen wollen verwehrt bleiben? Jede_r siedelt sich dort an, wo es für ihn_sie am besten ist. Das ist doch gerade auch eine kapitalistische Logik (ich finde diese kapitalistische Logik nicht gut, oder wünschenswert, möchte aber deutlich machen, dass mit dem Begriff „Wirtschaftsflüchtlinge“ Menschen zweiter Klasse geschaffen werden und es sich hier vonseiten bürgerlicher Medien um ein Bewerten mit zweierlei Maß handelt).

Zusätzlich ist zu bedenken, dass es laut Genfer Flüchtlingskonvention legal ist, in einem Land aufgenommen zu werden, wenn man verfolgt wird. Dies ist aber schon allein deswegen ein Widerspruch, weil Menschen immer illegalisiert in ein Land einreisen müssen.

Die europäische Flüchtlingspolitik geht in eine völlig falsche Richtung. Letztlich geht es „um die Bekämpfung der Flucht als solcher, zum Schluss der Flüchtlinge selbst.“ Nicht-Europäer_innen stehen in Europa nicht auf einer Ebene mit Europäer_innen und das muss problematisiert werden.

Soziale Konstruktion der ’natürlichen Welt'“: „Raum“ (Rezension der Habilitation „Raumsoziologie“ von Martina Löw)

Nicht nur Geschlecht (damit habe ich mich bzgl. der „Naturalisierung von Männern und Frauen“, Doing Gender, Heteronormativität, Transsexualität, Sozialisation und Geschlechterstereotypen beschäftigt), auch unzählige andere Dinge, denen eine „natürliche Gegebenheit“ unterstellt werden, sind sozial konstruiert. Es geht darum, dass manche Dinge, von denen angenommen wird, sie seien “natürlich” (wie Raum, Geschlecht, Emotionen, Wert, Arbeit) als “Ergebnis von gesellschaftlichen Wertvorstellungen” aufzudecken. Es geht darum, zu zeigen, dass nichts im gesellschaftlichen Alltag “einfach so” existiert, sondern immer ein Prozess von gesellschaftlichen Diskursen ist.

Dieser Artikel soll zeigen, dass Gesellschaft von Menschen und deren Handlungen / Kategorien geschaffen wird, dass Macht- und Herrschaftsverhältnisse niemals ’natürlich‘ sind (was ist denn ’natürlich‘ außer Nahrungsaufnahme, deren Ausscheidung und Wetter? [über letzteres lässt sich heutzutage auch streiten] ), dass wir Gesellschaft verändern können, selbst wenn uns diese manchmal zu erdrücken scheint. Was ist Wirklichkeit? Was ist Natur? Was können wir wissen? Diesen Fragen möchte ich mich (ohne Anspruch auf „Wahrheit“) in diesem und den folgenden Blogposts annähern. Vielleicht habt ihr Interesse an den Themen, oder Anregungen, Gedanken und Kritik zu den folgenden Überlegungen, dann hinterlasst doch unten einen Kommentar. In diesem Blogpost werde ich mich hauptsächlich mit der Habilitation von Martina Löw beschäftigen: [Löw, Martina (2001). Raumsoziologie. Suhrkamp: Frankfurt/Main.] Eine Rezension über dieses Werk findet sich zB. hier. Anmerkung zu dem Begriff „Struktur“ : „Strukturen sind Regeln und Ressourcen, die rekursiv (also „selbstbezogen“; Anm. LY) in Institutionen eingelagert sind und die unabhängig von Ort und Zeitpunkt Geltung haben“ (Löw 2001: 226). Nach Giddens sind Strukturen isolierbare Mengen von Regeln und Ressourcen (zB. rechtliche, ökonomische, politische Strukturen) (vgl. Löw 2001:  178).

Soziale Konstruktion von Raum und Inhalt von Martina Löws Werk

„Nimmt man Welt-Raum in einem wörtlichen Sinne, handelt es sich um eine Mythologie der Beherrschung über Konstruktion dieses Raums durch Rekonstruktion von Ereignissen – wir erschaffen die Welt, indem wir ihr Gewordensein interpretieren und damit strukturieren: das Thema der Geschichte“ (Gehmann 2010: 13).

Martina Löws Ziel ist es, einen soziologischen Raumbegriff zu entwickeln. Durch Technologien des Cyberspaces, Hochgeschwindigkeitstransporte, Verinselung der Lebenswelten / Vereinzelung der Menschen etc. ist es notwendig geworden, über die sozialwissenschaftlichen Raumvorstellungen nachzudenken, bzw. diese gänzlich neu zu überdenken. In ihrer Habilitation „Raumsoziologie“ geht sie der Frage nach, wie Raum als Grundbegriff der Soziologie präzisiert werden kann, um aufbauend auf dieser Begriffsbildung eine Raumsoziologie zu definieren. (Dieses Werk ist aber nicht nur in Sozialwissenschaften, sondern auch für das Verständnis von „Raum“ im Alltag der Menschen von Bedeutung). Löw stellt eine Mikrotheorie auf, welche jedoch sehr wohl makrotheoretische Bezugspunkte aufweist. Löw stellt äußerst viele Studien, unter anderem aus dem Gebiet der Psychologie, Stadt- und Raumplanung, Humanökologie etc. dar, um einen relationalen Raumbegriff zu entwickeln. Wichtig mitzudenken ist, dass für Löw Raum und Zeit nicht voneinander zu trennen sind.

Absolutistisches Raumverständnis (AV) vs. relativistisches Raumverständnis (RV)

Im absolutistischen Raumverständnis wird davon ausgegangen, dass Raum und Körper einen Dualismus bilden, dass also Raum und Körper unabhängig voneinander existieren, wofür Handlungen jeweils unbedeutend seien (vgl. Löw 2001: 17), Räume existieren in dieser Konzeption für sich selbst  (vgl. ebd.: 18). Raum ist in absolutistischen Diskursen ein starrer Behälter, der bloß mit Gegenständen aufgefüllt wird. Im relativistischen Raumverständnis hingegen ergibt sich Raum „aus der Struktur der relativen Lagen der Körper“ (ebd.). (Weiter unten wird dieser Satz genauer behandelt). Argumentiert wird im AV, dass es „bewegte Handlungen in einem an sich unbewegten Raum gibt“ (ebd.), wie zB. abgesteckte Territorien. Im AV wird von der Annahme ausgegangen, dass „Handeln immer im Bezug auf den euklidischen, dreidimensionalen Raum geschieht, welcher das Denken und die Orientierung leitet“ (ebd.). Im absolutistischen Raumverständnis geht es also um die Alltagsvorstellung, dass „Menschen ‚im Raum‘ leben“ (ebd.: 19).  Im relativistischen Diskursen hingegen ist Raum in seiner soziologischen Relevanz immer das Ergebnis von einem Prozess der Anordnung (es muss zuerst eine Handlung von Menschen passieren, dass ein Ort zum Raum wird).

Euklidische Geometrie vs. Relativitätstheorie

Berühmte Männer (zu deren Lebzeiten war es Frauen [heute ist dies ja nur manchen Frauen in manchen Ländern auf der Welt] ja noch nicht in gleicher Weise möglich, am öffentlichen Leben teilzuhaben) wie Kopernikus, Kepler, Galilei, Newton, Kant haben sich für eine absolutische Raumvorstellung stark gemacht. Dafür sind die Vorstellungen einer euklidischen Geometrie notwendig (vgl. Löw 2001: 17; 28-31).

  1. Raum habe keine eigene Realität.
  2. Raum ist ordnendes „Prinzip, das jeder Erfahrung vorausgeht“
  3. Raum „ist etwas, das Menschen durch ihre Vorstellungen schaffen“
  4. Raum erfüllt Funktion, wahrgenommenes wie mit Schablone zu ordnen (vgl. Löw 2001: 29-30).

In diesem Verständnis waren Räume ausschließlich als „zweidimensionale Behälterräume“ (Löw/ Sturm 2005: 32) konzeptualisiert, der ursprünglich leere Raum muss erst aufgefüllt werden. „Soziales war nur verdinglicht […] vorstellbar“, wie z.B. der „Staat als Behälter der Gesellschaft“ (Löw/ Sturm 2005: 32). Dies veränderte sich im 19. Jahrhundert und es werden verstärkt soziale Praxen und Symbole mit einbezogen. Durch physikalische Erkenntnisse (Entdeckung des Elektrons, Röntgenstrahlung, Radioaktivität, Entwicklung einer nichteuklidischen Geometrie) kamen Einstein und seine Kolleg_innen (seine Frau war maßgeblich an den Ergebnissen der Relitivitätstheorie beteiligt, vgl. Löw 2001: 31) schließlich der Relativitätstheorie näher (vgl. ebd.). Somit war es möglich anzunehmen, dass „der Raum nicht eine fertige ‚Mietskaserne‘ ist, in welche die Materie einbezieht, sondern dass die Materie selbst erst die Raumstruktur bestimmt“ (Weizäcker 1990: 149 zit. nach Löw 2001: 31). „Eine Kernaussage der Relativitätstheorie ist, dass zwei Ereignisse, die in einem System gleichzeitig ablaufen, in einem anderen System nicht gleichzeitig ablaufen müssen“ (Löw 2001: 31f.) was die klassische Physik anders sah, ein Stab von einem Meter ist überall ein Meter lang, genauso laufen Uhren in allen Systemen gleich schnell, die Relativitästheorie hat dies widerlegt (vgl. ebd.).

„Das heißt, je nach Bezugssystem der Beobachter, fällt der Stein zu einem anderen Zeitpunkt auf den Erdboden. Daraus folgt, dass Raum und Zeit nicht ‚absolut‘ sind, sondern ‚relativ‘ zum Beobachtungssystem der Beobachterinnen existieren. Einstein spricht […] von einem ‚Raum-Zeit-Kontinuum“ […]. Für Theorien über Räume hat die Relativitätstheorie die Konsequenz, dass der metaphysischen Konstruktion des absoluten Raums gänzlich die wissenschaftliche Basis entzogen wurde“ (Löw 2001: 33).

Eine weitere Schlussfolgerung ist, dass Raum

„nicht länger der starre Behälter [ist], der unabhängig von den materiellen Verhältnissen existiert, sondern Raum und Körperwelt sind verwoben. Der Raum, das heißt die Anordnung der Körper, ist abhängig vom Bezugssystem der Beobachter“ (Löw 2001: 34).

Die Relativitätstheorie hat somit auch im Alltagsverständnis die Vorstellung der Menschen verändert, wie Raum betrachtet werden kann. Dass Raum kein starrer Behälter ist, der erst aufgefüllt werden muss, sondern erst aus der Relation von Struktur und Handlung entsteht (was das genau heißt: siehe unten). Lange Zeit war für Menschen die Erde eine Scheibe, diese „falsche Tatsache“ hat sich mit Galileis Erkenntnissen radikal verändert und somit auch das Verständnis von Raum. Bis zum 15. Jahrhundert dachten zB. die Portugiesen, dass sich südlich von Nordafrika der Eintritt zur Hölle befindet. Dieses falsche Raumverständnis wurde ebenfalls erweitert und zwar mit Entdeckungen und der Löschung weißer Flecken auf den Landkarten. Genauso hat Einsteins Relativitätstheorie das Alltagsverständnis der Menschen bzgl. der Vorstellung von Raum verändert. Somit ist offensichtlich, dass das Raumverständnis der Menschen nicht immer gleich war, vielmehr hat es sich über die Jahrhunderte ständig gewandelt.

Raum als „relationale (An)Ordnung von Körpern“

Im absolutistischen Raumverständnis wird als unumgängliche Voraussetzung angenommen, „Raum“ und „Materie“ werden systematisch unterschieden (vgl. Löw 2001: 63). Daher führt Löw das Konzept der „Theorie der Strukturierung“ von Giddens weiter, „da hier der Dualismus von (objektiven) Strukturen versus (subjektivem) Handeln in eine Dualität übersetzt wird“ (Löw 2001: 36ff). (Dennoch kritisiert Löw den Strukturbegriff von Giddens, weil er zu starr ist; Bourdieu dient in ihrem Konzept als Mittler zwischen Struktur und Handeln (vgl. Löw 2001: 16). Löw versteht Raum als die Wechselwirkung zwischen Struktur und Handeln. Einige Ausgangspunkte im raumsoziologischen Konzept von Martina Löw: 1. Allgemein

  • Die Konstitution von Raum selbst wird als sozialer Prozess aufgefasst, da Handeln als raumbildend verstanden wird.
  • Zentrale Aspekte des absolutistischen Raumbegriffs werden aufgegriffen und in einen prozesshaften Raumbegriff integriert. Daraus ergibt sich nicht ein neuer Begriff des Raums, sondern vielmehr einer, den Löw als „relational“ bezeichnet (vgl. Löw 2001: 67).
  • Bei Nutzung und Aneignung des Raums müssen Klassen- und Machtverhältnisse mitreflektiert werden (vgl. ebd.: 137f. sowie „3. Vier Ebenen sozialer Ungleichheit“).

2. „Soziale Güter“ unterscheidet Löw in

  • primär materielle (etwa Tische, Sessel, Häuser etc.) und
  • primär symbolische (Lieder, Werte, Vorschriften etc.) soziale Güter (vgl. Löw 2001: 152; 193; 224ff)

3. Bei der Analyse der Konstitution von Raum sind vier Ebenen sozialer Ungleichheit zu unterscheiden:

  • Reichtums-Dimension: Verfügungsmöglichkeiten über soziale Güter
  • Wissens-Dimension: Wissen bzw. Zeugnisse
  • Rang-Dimension: Verfügungsmöglichkeiten über soziale Positionen
  • Assoziations-Dimension: Nicht-Zugehörigkeit
  • Ein immanentes Moment von Raum ist das Prinzip der Verteilung: Differenz von Eingeschlossen und Ausgeschlossen (vgl. Löw 2001: 214).

==> Die „Körper“ haben gemein, dass sie Produkte gegenwärtiger und vergangener materieller, sowie symbolischer Handlungen (also soziale Güter) sind (vgl. Löw 2001: 153-154). Dies kann auch mit der sozialen Konstruktion von Geschlecht verknüpft werden, womit ich mich hier, hier und hier beschäftigt habe.

Wie entsteht nun Raum, wenn dieser nicht einfach „für sich selbst“ existiert? (Bei Raum – das macht Löw deutlich – geht es immer auch um Menschen. Auf der ganzen Welt gibt es kaum einen Ort, der von Menschen unbenutzt ist, selbst dann sind diese von Menschen nicht komplett unabhängig, sondern in irgendeiner Weise strukturiert).

Löw definiert Raum schließlich als relationale (An)Ordnung von Körpern (also Lebewesen und sozialen Gütern), welche permanent in Bewegung sind, wodurch sich die (An)Ordnungen selbst ständig verändern (vgl. Löw 2001: 158). Der Begriff „(An)Ordnung“ in genau dieser Schreibweise ist doppeldeutig und weist zum einen auf die Ordnungsdimension von Räumen hin (Verweis auf die gesellschaftliche Struktur), zum anderen wird auf die Handlungs-Dimension (also der Prozess des „Anordnens“) aufmerksam gemacht (vgl. Löw 2001: 131). Löw betont also die Wechselwirkung zwischen Struktur und Handlung. Der Begriff „(An)Ordnung“ weist auf diese Dualität hin, da er einerseits den Prozess des Anordnens, also die Handlungsebene beinhaltet, als auch den Begriff der Ordnung, der auf die Strukturebene hinweist. Nach Löw entstehen Räume erst, wenn diese „aktiv durch Menschen verknüpft werden“ (Löw 2001: 158). Löw definiert Raum also als „relationale (An)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern“ (ebd.) . Relational deutet darauf hin, dass einerseits die einzelnen Elemente, als auch die Beziehung zwischen diesen zu betrachten sind (vgl. Löw 2001: 155f). Handeln differenziert sich im Konzept von Löw in den Prozessen „Spaceing“ und „Syntheseleistung“. Spaceing bedeutet das Platzieren von sozialen Gütern, Menschen und symbolischen Markierungen, bzw. das Platzieren in Relation zu anderen Platzierungen. Durch die Syntheseleistung  wird es hingegen möglich, über Wahrnehmungs-, Vorstellungs-, oder Erinnerungsprozesse Güter und Menschen zu Räumen zusammen zu fassen.  Weil jede Platzierung Orte hervor bringt und Orte Ziel und Resultat der Platzierung sind, können Orte als Ensemble soziale Güter in die Synthese einschreiben (vgl. Löw 2001: 158ff). Da sich Handlungen meistens wiederholen (alltägliche Handlungen können ohne langes Nachdenken ausgeführt werden), spricht Löw auch von „institutionalisierten Räume[n]“. Durch diese repetitiven Handlungen werden Räume immer wieder auf die gleiche Weise hergestellt (Löw 2001: 164). Wichtig mitzudenken ist außerdem, dass Struktur und Handeln immer von „Gesellschaft“ und „Klasse“ durchzogen sind und mit dem Körper, aber auch mit dem Habitus in Beziehung stehen (vgl. Löw 2001: 176). Weitere Strukturprinzipien (Goffman nennt diese „Statuskategorien“) sind Geschlecht, Alter, Herkunft (vgl. Goffman: 1994: 93ff). [Goffman, Erving (1994). Interaktion und Geschlecht. Campus Verlag. Frankfurt/Main. New York.] Diese hängen maßgeblich mit der Reproduktion von Normen zusammen, weil auf ihrer Grundlage permanent Kategorisierungen, Einteilungen und Zuschreibungen, Verallgemeinerungen von Menschen über andere Menschen getroffen werden. Da Statuskategorien für jede gesellschaftliche Betrachtung und Analyse von großer Bedeutung sind, können sie auch für Überlegungen bzgl. Raum nicht ignoriert werden. Die Gesellschaft ist von Strukturprinzipien durchzogen und gehen wie „räumliche, zeitliche, juristische und ökonomische Strukturen in die Körperlichkeit des Menschen [ein] und [drücken] sich somit im Habitus [aus]. Sie sind nicht nur in die Körper eingelagert, sondern strukturieren den gesellschaftlichen Umgang mit Körpern in einer Weise, daß diese als geschlechts- und klassenspezifische in die Welt treten“ (Löw 2001: 176). Daher sind Räume nicht von Machtpraktiken zu trennen (Löw veranschaulicht das in dem Kapitel „Raum und soziale Ungleichheit“, vgl. Löw 2001: 210-218; siehe auch oben „3. Bei der Analyse der Konstitution von Raum sind vier Ebenen sozialer Ungleichheit zu unterscheiden“). Nicht zuletzt maßgeblich für die Konstitution von Raum sind Atmosphäre und Wahrnehmungen, welche für alle Menschen unmittelbar, vorstrukturiert und daher nicht für alle Menschen gleich sind. In einer Forschung (aber auch unabhängig von der Betrachtung von Raum im Alltag, zB. beim Verfassen von Blogposts, oder Kommentaren in Foren) ist schließlich besonders wichtig, seine eigenen Beobachtungen zu reflektieren, somit „bleibt die Erkenntnis, dass die eigene Perspektive immer begrenzt ist und Raum in der wissenschaftlichen Erforschung selbst konstituiert wird“ (Löw 2001: 220), was eine reflexive Analyse sinnvoll erscheinen lässt. Denn wichtig ist, im Hinterkopf daran zu denken, dass „Wissenschaft […] nicht die Wirklichkeit des Raums, ab[bildet], sondern [dazu beiträgt], Raum zu konstruieren“ (vgl. ebd.).

Verdeutlichung des historischen Geworden-seins von Raum

Gabriele Sturm entwickelte ein methodologisches Raummodell, um das persönliche Erkenntnisinteresse, die Reichweite sowie das Zusammenspiel der verschiedenen Komponenten zu bestimmen, welches Löw zu Hilfe nimmt, um ihre Konzeption von Raum zu veranschaulichen (vgl. Löw 2001: 220).

Methodologisches Quadrantenmodell für Raum mit Zeitspirale

Dies ist ein Quadrantenmodell für Raum mit Zeitspirale, welche das historische Geworden-sein von Raum verdeutlichen soll. Es muss nicht jede Untersuchung im Quadranten mit der Nummerierung I. beginnen (Quelle: Sturm 1997a: 210 zit. n. Löw 2001: 221).

  • Im I. Quadranten finden sich die sozialen Güter und Menschen in ihren (An)Ordnungen (inklusive den materiellen und symbolischen Aspekte und ihren atmosphärischen Wirkungen),
  • im II. Quadrant ist die Synthese platziert (wodurch auch Vorstellungen, Wahrnehmungen und Erinnerungsprozesse miterfasst sind).
  • Der III. Quadrant umfasst das Spacing (somit auch das institutionalisierte und das abweichende Handeln, welches durch den Habitus geprägt ist).
  • Im IV. Quadrant sind die Strukturen sowie die Strukturprinzipien verortet. Die kleinen Abbildungen unter der Grafik verdeutlichen die Beziehungsmuster. „Die Zeitspirale im Uhrzeigersinn symbolisiert die veränderten, auflösenden Prozesse, gegen den Uhrzeigersinn drücken sie bewahrende, vergegenständlichende Prozesse aus“ (vgl. Löw 2001: 222).

Abschließend

„Die meisten räumlichen (An)Ordnungen sind institutionalisiert und werden entweder durch Zäune, Mauern etc. abgegrenzt, durch symbolische Zeichen markiert oder durch Erfahrungs- wissen vermittelt. Diese zu Institutionen materialisierten Arrangements verfestigen sich zu Anordnungsstrukturen der Gesellschaft. Sie strukturieren das Handeln vor. Gleichzeitig existieren sie auf Dauer nur, weil im Handeln individuell und kollektiv auf sie Bezug genommen wird“ (Löw 2007: 14). Auch Cyberspace kann als „Raum“ begriffen werden. (Da dieser Blogpost schon so lange ist, möchte ich an dieser Stelle auf das Unterkapitel „virtuelle Räume“ in Löws Habilitation (Löw 2001: 93-104) verweisen, welches komplett online abrufbar ist. Räume können nicht unabhängig von Handlungen betrachtet werden, Menschen schaffen Räume auf ganz unterschiedliche und vielschichte Arten und Weisen: Einrichtung der eigenen Wohnung, Gestaltung des Gartens, (temporäre) Aneignung gesellschaftlicher Räume durch soziale / poltische Gruppierungen, etwa Demonstrationen /Flashmobs, aber auch andere (politische) Aktionen bespielen und gestalten private und öffentliche Räume. Diese Liste ist ein kleiner Ausschnitt und ist noch um viele Beispiele erweiterbar. Raum kann nie neutral sein, da in diesem gesellschaftliche Strukturen gespiegelt werden, zugleich wird Raum durch Handlungen von Menschen (re)produziert.

Weiterführende Literatur

Von Blaumeisen und Rotkehlchen

 

Max Uthoff

„Frühling, Frühling, er ist da, spüren Sie ihn auch? Frühling überall. Sicherheitskräfte schlagen aus, Spekulationen blühen, Hans Werner Sinn schießt ins Kraut und schon reagiert man allergisch. Und in Frankfurt haben sich die diebischen Elstern von der EZB ein neues Nest gebaut.

Wütend protestieren die Rotkehlchen und zünden die Polizeiautos der Blaumeisen an und das freut so manchen gemeinen Journalisten Gimpel, denn wenn er sich über brennende Autos aufregen kann, dann muss er nicht darüber nachdenken, um wie viel schlimmer die Gewalt der EZB ist, die sie in den südlichen Ländern Menschen gegenüber ausübt.“

 

 

 

Gesellschaftliche Formen der Diskriminierung von Menschen. Es geht *nicht ausschließlich* um männliche Privilegien

  • „Männliche Privilegien gibt es nicht, zumindest kann ich diese nicht nachvollziehen“
  • „Ich kann diese Theorien mit meiner konkreten Erfahrung nicht in Einklang bringen“.

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Inhalt

Anmerkung zu diesem Artikel
In der deutschen Sprache wird bzgl. der Anrede und Beschreibung von bzw. dem Sprechen über Personen alles negiert, was außerhalb von „sie“ oder „er“ / „der oder „die“ liegt. Die Art des Sprechens spiegelt jedoch die Tatsache der vollkommenen Ignoranz: Es gibt offiziell nur Frauen* und Männer*, Toiletten existieren ausschließlich für jene Geschlechter. Somit schafft Sprache ebenso eine Norm, bzw. ist sie ein Abbild von Macht- und Herrschaftsprozessen: „Dagegen möchte ich einen anderen Ort von Geschlechtlichkeit setzen, einen Ort, den es zu erforschen gilt und um den wir kämpfen sollten, er sieht so aus: _“. Der * hinter den Worten Mann* / Frau* soll hingegen verdeutlichen, dass es mehr als nur zwei Geschlechter gibt.

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Nicht ein Feminismus, sondern viele verschiedene Feminismen

Ich habe (wieder mal) eine (tagelange) Diskussion mit Maskulisten, Antifeministen und anderen Männern* geführt (möglicherweise war auch die eine, oder andere Frau* dabei), die der Ansicht sind, dass männliche Privilegien „Hirngespinste“ seien und alles nur von der „Genderideologie“ (was für ein Wort) beeinflusst wäre. Eines der Grundprobleme ist ja, dass mann männliche Privilegien nicht nachvollziehen kann, wenn mann Teil einer Norm ist, an der sich alles richtet (siehe unten „Androzentrismus“ / „weitere Formen gesellschaftlicher Diskriminierung“).

Ein weiteres Grundproblem ist, dass Diskussionen rund um Feminismus meist eher oberflächlich geführt werden. Da wird vieles miteinander vermischt, auf Argumente oft nicht eingegangen, bis hin zu absurden generalisierenden Aussagen wie „Der Feminismus hat unrecht“.

(Diesbezüglich gibt es ein sehr zu empfehlendes Werk, das online verfügbar ist: „Gender – Wissenschaftlichkeit – Ideologie“; hier findet sich eine kurze Beschreibung des Inhalts).

Was ist denn Feminismus überhaupt? Grundsätzlich ist das ein Name einer politischen Bewegung, die von dem Ziel geprägt war (und noch immer ist), dass Frauen* nicht mehr aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden, es geht um die Selbstbestimmung von Frauen* und um die Aufsprengung sexistischer Strukturen: in der Gesellschaft als Ganzes sowie im Alltag der Menschen. Somit ist eines der zentralen Ziele die Selbstbestimmung nicht nur über den eigenen Körper (zB. Abtreibung), sondern auch bzgl. Sprache, „Schönheit“, Heirat, Sex und unzähliger anderen Dinge.

Wie bei allen politischen Bewegungen gibt es Strömungen, die problematisch sind, nur weil sich etwas Feminismus nennt, heißt das nicht, dass dem uneingeschränkt zugestimmt werden muss. Es gibt nicht einen Feminismus, sondern viele verschiedene Feminismen, die bunt und vielfältig sind. Für marxistische / sozialistische Feministinnen ist etwa der Zusammenhang zwischen dem kapitalistischen System und den Geschlechterverhältnissen zentral, für Ökofeministinnen sind Begriffe „Hausarbeit und Kolonialisierung“ wesentlich. Diese Strömungen wurden aber ebenso innerhalb der feministischen Theoriebildung für diverse „blinde Flecken“ kritisiert, auf welche hier jedoch nicht im Detail eingegangen werden kann. Zudem gibt es den bürgerlichen / liberalen, radikalen, kulturellen Feminismus und viele andere Strömungen. Das soll nur verdeutlichen, dass es den Feminismus nicht gibt, sondern – wie immer in dieser komplexen Welt – differenziert werden muss. So wurde etwa die „Existenz einer kollektiven Identität oder zumindest Erfahrungsgleichheit aller Frauen […] insbesondere verstärkt seit den 1980er Jahren durch Black Feminists und women of color im US amerikanischen Diskurs und durch MigrantInnen und Schwarze Feministinnen im deutschsprachigen Raum angegriffen.“

Diese Verschiedenheit von Feminismen, anstatt eines einzigen Feminismus muss differenziert werden, was in der Diskussion leider oft völlig ignoriert wird.

Androzentrismus – das Männliche wird als die Norm betrachtet

Die beiden Zitate im Titel spielen genau auf Androzentrismus und die Betrachtung des Männlichen als Norm an:

  • „Männliche Privilegien gibt es nicht, zumindest kann ich diese nicht nachvollziehen.“
  • „Ich kann diese Theorien mit meiner konkreten Erfahrung nicht in Einklang bringen.“

Charlotte Perkins Gilman definierte in ihrem Buch The Man-Made World or Our Androcentric Culture (1911) als erste den Begriff „Androzentrismus“, „welches ein Weltbild beschreibt, das männliche Lebensmuster und Denksysteme als universelle Menschennorm definiert“.
Eine Definition von „Androzentrismus“ findet sich ebenso auf wikipediaQueer Lexikon….

In meinen Artikeln über die Reflexion männlicher Privilegien bin ich an mehreren Stellen darauf eingegangen:

Auch folgender tweet bringt es auf den Punkt was es heißt, sich in dieser Norm ausruhen zu können und nicht über strukturelle Privilegien nachdenken zu müssen:

„Man lernt, solange man sich innerhalb einer weißen, gutsituierten Zweigeschlechtlichkeit bewegt, kann man gleichberechtigt an allen Formen des gesellschaftlichen Lebens teilhaben. Je nach Intensität der Abweichung nimmt auch der Grad der Akzeptanz und gesellschaftlichen Teilhabe ab“ (Voß 2004: 67).

Darüber hinaus ist es essenziell, auch Betroffene zu Wort kommen zu lassen, anstatt immer nur stur dagegen zu argumentieren, dass männliche Privilegien nicht existieren und heutzutage das Patriarchat ja gar nicht mehr existiert. Sexismus / Patriarchat aus der Alltagsperspekte einer jungen Frau*. Ein User_innenkommentar in derstandard.at:

„Ich frage mich, ob ich in einer Parallelwelt lebe oder ob mir nur noch nie aufgefallen ist, dass sich Männer nachts auf dem Heimweg zehnmal umdrehen […]. Dass sie einen Pfefferspray bei sich tragen und den Schlüssel. Dass ihnen von allen Seiten nahegelegt wird, nachts aufzupassen und eventuell mit dem Taxi zu fahren. Wird Männern etwa auch im Vorbeigehen von wildfremden Menschen nachgepfiffen? Oder auf den Hintern geklopft? Müssen sie es akzeptieren, dass sie in Clubs, in der U-Bahn, auf der Straße oder sonst wo als Freiwild gesehen werden, und lässt man sie häufig erst in Ruhe, wenn sie genervt und beunruhigt sagen, dass sie schon wem anderen gehören? Werden in Gruppen Betrunkener ständig Männerwitze gemacht und wird ihnen, wenn sie nicht lachen, vorgeworfen, dass sie humorlos und verklemmt sind? Hören Männer von Zurückgewiesenen, dass sie Schlampen seien und man ja wohl noch schauen dürfe?

 Interessant ist auch folgender Artikel bezüglich Redeverhalten und Dominanz: „Die Normalität des Männlichen“.

Weitere Formen gesellschaftlicher Diskriminierung

Die  „Ungleichheit der Geschlechter“ (bei dieser Formulierung ist immer mitzudenken, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt) ist nicht die einzige Form der Diskriminierung in der Gesellschaft. Diskriminierung von gesellschaftlichen Gruppen selbst in „demokratischen Staaten“ ist allgegenwärtig und Diskriminierungsformen überschneiden sich meist. Es gibt unterschiedliche Ausprägungen der Erniedrigung und Verachtung von Menschen, was auch mit sozialen Ungleichheiten in einer Gesellschaft verknüpft ist und auch von vielen feministischen Strömungen mitgedacht und reflektiert wird (unvollständige Aufzählung): Klassismus, Sexismus, Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus, Transphobie, Homophobie, Heterosexismus, Lookismus, fat shaming, Ageismus, Ableismus, aber auch Stereotype und Vorurteile (zB. wie sich Männer*, wie sich Frauen* verhalten sollen, alle Geschlechter leiden darunter) können gewalthaltig sein und sind meist mit diesen Formen der Diskriminierung verknüpft. Dazu kommen Formen struktureller Gewalt, welche meist direkt mit obigen Diskriminierungsformen zusammen hängen, aber in gewisser Weise „(Herrschafts-)Systeme innerhalb des Systems“ darstellen, aber gleichzeitig auch die Grundlage davon sind.

Es geht also um Vorteile, die für jene, welche sie genießen, unsichtbar und damit normal erscheinen. „Warum soll man sich auch mit Nachteilen von Menschen beschäftigen, die einen nicht betreffen?“ ist hier wohl ein häufiger Gedankengang von Menschen, die von diesen Privilegien profitieren und es leid sind dazu aufgefordert zu werden, die Privilegien mal zu reflektieren.

Das ist der Grund dafür, warum manche Männer* bei dem Thema „männliche Privilegien“ mit derailing (was ist das?) antworten,  diese relativieren, oder auch selbstsicher behaupten „es gibt doch gar keine Privilegien von Männer“. Anstatt darauf einzugehen und im Alltag mal darauf zu achten, ob sie nicht vielleicht „doch“ irgendwo Privilegien entdecken und diese auch ernsthaft reflektieren: Viele Männer* machen keine Erfahrungen mit Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts und gehen daher davon aus, dass diese auch für Frauen* nicht existieren, oder „eh nicht so schlimm“ (sic!) seien. Ist mann in dieser Position, so lassen sich alltägliche sexistische Erfahrungen von Frauen* leicht herunterspielen und relativieren. Dies ist als Weigerung (nicht „bloß“ Ignoranz) zu bezeichnen, sich nicht bewusst und selbstkritisch mit der eigenen Position in der Gesellschaft zu befassen. Tut man das nicht, kann dies als männliches Privileg benannt werden.

 Alle rechtlichen Vorschriften sind darauf zu untersuchen, ob sie Benachteiligungen oder Diskriminierungen direkt oder indirekt voraussetzen oder fördern. In diesem Sinne ist die Rechtswirklichkeit in vielen Bereichen an bestehende Lebensrealitäten anzupassen. Identitäten dürfen nicht mehr behindert werden,

  • auch eine freie Wahl von körperlichen Merkmalen muss selbstbestimmt möglich und durch Krankenkassen voll gedeckt werden.
  • Die Geschlechtsbezeichnung in Ausweisen ist zu entfernen,
  • die Abfrage des Geschlechts und des Familienstandes in amtlichen und nichtamtlichen Fragebögen zu streichen,
  • Sexarbeit als Gewerbe anzuerkennen,
  • unterschiedliche Möglichkeiten beim Zugang zu Bildung anzugleichen,
  • alle öffentlichen und nichtöffentlichen Bauten mit behindertengerechten Zugängen zu versehen,
  • eine soziale Grundsicherung einzuführen, die auch den Zugang zu Kultur ermöglicht,
  • die Trennung von christlicher Kirche und Staat vollständig zu vollziehen, »Migrantinnen« und »Hiergeborene« rechtlich nicht mehr zu unterscheiden…, um nur einige Ansatzpunkte zu nennen (vgl. Voß 2004: 74).

„Weißsein bleibt unsichtbar und wird so beständig als privilegierter Ort reproduziert. Diese strukturelle Unsichtbarkeit gilt auch im Alltäglichen für jene, welche unangezweifelt der Norm angehören – nicht jedoch für jene, welche von Sexismus, Rassismus oder Homophobie betroffen sind. Deren tägliche Erfahrungen machen die Norm meist nur allzu deutlich“ (Walgenbach 2002: 123, zit. n. Habermann 2008: 23).

Somit trifft dies auf sämtliche Formen gesellschaftlicher Diskriminierung zu:

„Privilegien“ von Frauen*

In der Debatte wurde oft erwähnt, dass nicht Männer*, sondern Frauen* privilegiert wären. Diesbzgl. möchte ich auf diesen Artikel verweisen, hier habe ich Gedanken zu „Privilegien“ von Frauen: Pension und Wehrpflicht ausgeführt.

Dazu kommt, dass auch Frauen* von männlichen Privilegien profitieren. Denn auch manche Frauen* haben Anteile an männlichen Privilegien (Stichwort „patriarchale Dividende“), allerdings meist nicht außerhalb der Geschlechterhierarchie. „Im Allgemeinen dadurch, dass sie mit reichen Männern verheiratet sind. Diese Frauen beziehen Nutzen aus dem geschlechtsspezifischen Akkumulationsprozess, d. h. sie leben von einem Strom von Profit, der teilweise durch die unterbezahlte und unbezahlte Arbeit anderer Frauen geschaffen wurde“ (ebd.: 193). Dazu kommt die mindere Wertschätzung dieser Form der Arbeit und wird dazu oftmals nicht mal als „Arbeit“ anerkannt, was mit ihrer Geringschätzung zusammen fällt.

„Somit haben auch jene einen Nutzen vom Patriarchat, die innerhalb der hierarchisch strukturierten Männlichkeit [untergeordnet] sind. Dies betrifft unter anderem nicht-weiße Männer. Gleichzeitig besteht eine solche Dividende für alle Weißen, für alle Heteros, für alle Menschen ohne Behinderungen etc.“ (Habermann 2008: 19).

Zwar haben die meisten Männer* mehr strukturelle Vorteile und gesellschaftliche Macht, als die meisten Frauen*. Gleichzeitig genießen nicht alle Männer* in der gleichen Weise Privilegien, wie auch nicht alle Frauen* gleicher Maßen diskriminiert werden. So besteht die Möglichkeit, dass manche Frauen* mehr Anteile an diesen Vorteilen haben, als manche Männer* (vgl. die Begriffe „patriarchale Dividende“ und „hegeomoniale Männlichkeit“). In den Rollenerwartungen der konstruierten Zweigeschlechtlichkeit (siehe hier und hier) stecken also unzählige Privilegien von Männern* und Diskriminierungen von Frauen* drinnen. Gleichzeitig sind auch Männer* von geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen betroffen.

Oftmals wird ja behauptet, Geschlechter seien nicht sozial konstruiert, sondern biologisch gegeben. Da würde mich ja mal interessieren, warum es dann so notwendig ist, diesen angeblichen Unterschied zw. Männern* und Frauen* (wo kommen interesexuelle Menschen in diesen naturalistischen Theorien vor? Diese werden diesbzgl. doch meistens ausgeklammert!) permanent und immer wieder festzustellen. Damit wird doch meist argumentiert, dass der Mann* über der Frau* steht und Frauen* doch am besten dafür geeignet wären, hinter dem Herd zu stehen und sich um Kinder zu sorgen. Oftmals wurde widerlegt, dass selbst das biologische Geschlecht sozial konstruiert ist.

Menschen leiden unter Geschlechterstereotypen und Rollenklischees

Angebliche „Privilegien“ von Frauen* rütteln nicht am Fundament des Patriarchats, keines dieser Pseudovorteile stellen in irgendeiner Weise das Patriarchat in Frage. Weiters ist es absurd, Rollenbilder gegeneinander auszuspielen, unter welchen alle Geschlechter leiden (v.a. jene, die nicht in die „männlich, weiblich, heterosexuell“ – Norm hineinpassen). Vielmehr geht um Zwänge / stereotype Rollenerwartungen und den damit verbundenen Einschränkungen, denen Menschen jeden Tag ausgesetzt sind.

Wie Männer* unter Geschlechterstereotypen leiden

Benachteiligungen von Männern* gründen sich vor allem auf geschlechtlichen Rollenerwartungen, denen Menschen von der Geburt an ausgesetzt sind. So wird etwa von Männern* erwartet, „männlich“ zu sein, wird diese Erwartung nicht erfüllt, folgt eine Schmähung, welche oftmals Bezeichnungen beinhalten, welche Frauen*, oder homosexuelle Menschen abwerten („du Mädchen/Weichei/Schwuchtel“ etc.).

Denn bei Benachteiligungen gegen Männer* ist immer eine Abwertung / ein lustig machen / Verspottung von weiblich angesehenen Eigenschaften enthalten. Daher gibt es keine Diskriminierung von Männern* ohne Sexismus gegen Frauen. Wenn also eine Benachteiligung von Männern ohne Sexismus gegen Frauen* nicht möglich ist, gibt es gleichzeitig keinen Sexismus gegen Männer*. Rollenklischees, unter denen Männer* wie Frauen* leiden, gegeneinander auszuspielen ist absurd. In dieser Hinsicht geht es also beim Heruntermachen von Männern* mit weiblichen Eigenschaften weniger um das schlecht machen von Männern*, als vielmehr um die Herabsetzung des Weiblichen.

Das ist problematisch und es gilt, dies zu bekämpfen. Nur weil ich als Mann* wahrgenommen werde, möchte ich dennoch emotional sein und weinen dürfen, mir die Nägel lackieren, einen Rock tragen, oder als Kind mit (Barbie-)Puppen spielen. Klar, alle Menschen sollten dies je nach Lust und Laune machen dürfen.

Bei den folgenden Beispielen, wie Männer* unter gesellschaftlichen Rollenerwartungen leiden, liegt es nicht in meinem Interesse, Frauen* dafür anzukreiden, dies sehr wohl tun zu können, oder gar zu meinen, Frauen* hätten in diesen Bereichen Vorteile. Das stimmt nicht. Nur weil Männer* (genauso wie Frauen) unter Rollenstereotypen leiden, ziehen Frauen daraus keine Vorteile. (Umgekehrt haben es Männer* gegenüber Frauen* oft leichter was dadurch begründet ist, dass das Männliche als Norm gilt, wie oben argumentiert wurde und weiter unten mit Beispielen veranschaulicht wird):
– das Lustig machen über Männer*, wenn sie weinen / Schwäche zeigen
– das Absprechen emotionaler Kompetenz
– Männer* werden dazu erzogen, physische und psychische Schmerzen zu leugnen / zu negieren
– von mir als Mann* wird erwartet, dass ich stark bin
– Erwartung, mit anderen Männern* in Wettbewerb zu treten
– Erwartung, bei einem Date den ersten Schritt zu machen
– abgewertet zu werden, wenn ich über meine Gefühle spreche (abgesehen davon, dass „unmännlich sein“ für mich keine Abwertung darstellt)
– als Kind bekommen Buben* oft zu hören, dass sie kräftig sind, dass weinen als „unmännlich“ gelte, während Mädchen* gesagt wird, sie wären schön, niedlich, süß, lieb
– Männern* ist es nicht per se möglich, Make-up zu tragen, sofern sie nicht potentiell mit Schmähungen rechnen wollen (selbst wenn das immer mehr und mehr aufgebrochen wird)
– das unermüdliche darauf hinweisen, was einen „richtigen Mann (sic!)“ ausmacht
– inklusive andere heterosexistische Erwartungshaltungen, welche im Endeffekt alle (unendlich viele) Geschlechter betrifft.

Allerdings darf hier nicht vergessen werden, dass es oft zu einer Täter- Opfer-Umkehr kommt, denn mit dem pauschalen Hinweis, dass auch Männer* unter Sexismus (sic!) und vergeschlechtlichten Erwartungshaltungen leiden (zweiteres ist ja nicht als falsch zu bezeichnen), werden tatsächliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse verschleiert, wenn die Verhältnismäßigkeit nicht berücksichtigt wird.

Sexismus gegen Männer wäre, wenn “grow a vagina” beleidigend wäre. Aber in Wirklichkeit ist es “grow some balls” und “pussy”. Und das ist nicht männer- sondern frauenfeindlich. Auf Misogynie beruhende Beleidigungen werten nicht Männer ab. Männer werden nicht für ihre Männlichkeit “diskriminiert”, sondern für zu wenig Männlichkeit.

Auch zu „Männer* und Gewalterfahrung“ habe ich hier ein paar Zeilen geschrieben.

Vorteile von Männlichkeiten / sexistische Stereotypen / Marginalisierung von Frauen* / Diskriminierungen von Frauen / Männliche Privilegien

Über Diskriminierung in der Sprache habe ich hier einen Artikel geschrieben.

Da ich diese Vorteile bzw. Diskriminierungen in einigen anderen Artikeln bereits ausführlich diskutiert habe, werde ich nun lediglich auf jene Fülle an Beispielen verlinken:

(Homosexuelle, trans- und intersexuelle Menschen sind in keinster Weise gesetzlich gleichgestellt, haben mit umfassenden gesellschaftlichen Benachteiligungen zu kämpfen, oder werden gar verfolgt und ermordet).

Trotz gesetzlicher Gleichstellung zw. Männern* und Frauen* in der EU (stimmt das wirklich??) sind nach Jahrhunderte langer gesetzlicher Schlechterstellungen, gezielter  Tötungen (Hexenverbrennungen) und Ausschließungen von Frauen* aus dem gesellschaftlichen Leben Begünstigungen von Männern* nicht einfach so abgebaut. Sie existieren weiter, zwar nicht gesetzlich festgeschrieben, sondern strukturell. Dies wurde nicht nur mit den theoretischen Überlegungen über das Männliche als Norm, sondern auch in praktischen Beispielen versucht zu veranschaulichen.  

Luca di Blasi: weiße, heterosexuelle Männer* als „Mehrfachgeschonte“

Edit 7.5.2015: Gestern bin ich auf einen interessanten Begriff von Luca di Blasi gestoßen:

„Es gibt nicht nur mehrfach benachteiligte Menschen in unserer Gesellschaft. Sondern auch Mehrfachgeschonte. In Bezug auf die Kategorien Hautfarbe, Ethnie, Geschlecht und sexueller Präferenz sind das die weißen heterosexuellen Männer.“

Diese Perspektive finde ich spannend, weil damit nicht nur Privilegien und Diskriminierungen aufgedeckt werden, sondern auch die umgekehrte Perspektive in den Blick gefasst wird: Luca di Blasi meint, dass weiße, hetereosexuelle Männer (WHM) „lange Zeit von schmerzhaften Markierungen […] verschont geblieben sind“. Sie weisen eine „Geschontheit“ auf, da sich in hegemonialen Kontexten nicht als problematisch erfahren müssen und weniger Verletzungen ausgesetzt sind.

Zudem ist es WHM sehr oft nicht bewusst, dass sie in struktureller Hinsicht nicht von Diskriminierungen betroffen sind, so dass sie in ihrem Selbstverständnis auch gerade keine Gruppe bilden (S. 18). Da die Betrachtung der partikularen sozialen Position von WHM hier ohne eine Verflechtung mit der Kategorie Klasse vollzogen wird, verdeutlicht Di Blasi, dass „die Unmarkiertheit der WHM nicht mit Privilegiertheit schlechthin gleichgesetzt werden kann“ (S. 19), sondern immer nur vor dem Hintergrund dieser sozial konstruierten Kategorisierungen. Für den Autor wird die „Unmarkiertheit und Geschontheit“ der WHM darüber hinaus auch daran offensichtlich, dass für eine „etwaige Abwertung“ ihnen gegenüber keine Begrifflichkeit zur Verfügung steht (S. 20). (Vergleiche Rezension von Gerd Schmitt zu Luca di Blasi (2013). Der weiße Mann. Ein Anti-Manifest.)

Das trifft insbesondere auf viele Maskulisten zu die nicht nur die absurde Ansicht vertreten, dass wir in einer feministischen Gesellschaft leben, sondern zudem noch behaupten, feministische Strömungen würden Frauen privilegieren und Männer benachteiligen. „Sie haben das Gefühl, dass alles, was gesellschaftlich passiert, in die falsche Richtung geht und gegen sie selbst gerichtet ist. Ihr Grundfehler ist, dass die weißen heterosexuellen Männer Privilegienabbau mit Diskriminierung gleichsetzen“.

Kurzbiographie und Publikationen von Luca di Blasi

Methoden mancher Maskulisten

Edit 20.4.2015:  Ich habe ja schon vor ca. einem Monat mit Elmar Diederichs (er hat keinen Nickname, er tritt überall mit seinem echten Namen auf) Email geschrieben. Einer interessanten Diskussion folgten von ihm Drohungen und eine offene „Kriegserklärung“. Warum, weiß ich nicht so genau, er hat aus unerfindlichen Gründen ganz besondere Aggressionen gegen Menschen, die feministisch argumentieren.

Einen neuen Höhepunkt gab es nun in einem Forum: Diederichs droht in einem öffentlichen Forum (pro) Feminist_innen ganz offen mit Gewalt. Selbstverständlich erklärt er nicht, was Feminismus mit Rassismus zu tun hat. Das hat er in dieser aggressiven Schreibweise aber nicht nötig, er behauptet es einfach mal so:

Elmar Diederichs Gewaltdrohungen

(Zum vergrößern anklicken) Elmar Diederichs: „Gegen Feministen (sic!) ist Gewalt moralisch zulässig.“

 

Elmar Diederichs muss anderen Menschen mit Gewalt drohen, um sie von seinen absurden Thesen zu „überzeugen“. Damit relativiert er sämtliche seiner Argumentationen und ist als Diskussionspartner nicht ernst zu nehmen.

Das beantwortet auch eine Frage, die „evochris“ unlängst eher naiv an mich stellte:

evochrist

Diederichs gefällt es, wenn Menschen Angst vor ihm haben. Seine Pseudoargumentationen würden sich also in nichts auflösen, würde er sich mit der konstruktiven Kritik an seine Thesen beschäftigen. Nur mit Drohungen gegen eine ganze Menschengruppe fühlt er sich stark. Mit dieser Atmosphäre soll Angst geschaffen werden in welcher es nicht mehr möglich ist, eine Diskussion auf Augenhöhe zu führen. Maskulismus ist eine Ideologie, die, wenn „notwendig“ mit Gewalt durchgesetzt werden „muss“, wie in diesen Screenshots ersichtlich wird.

Elmar Diederichs Gewaltdrohungen 3

Zuletzt noch ein Screenshot aus einem Forum eines Blogs, der ebenso zeigt, wie ideologisch so manche Männerrechtler, Antifeministen usw. vorgehen (wenn auch deutlich harmloser, als oben beschriebene Methodik):

screenshot

Zum Vergrößern Bild anklicken

Über Maskulismus und Antifeminismus wurde vor längerer Zeit schon mal an dieser Stelle etwas geschrieben. Auch Andreas Kemper beschäftigt sich mit Maskulisten und organisiertem Antifeminismus. Hinrich Rosenbrock  schrieb ebenso etwas über „Die antifeministische Männerrechtsbewegung: Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung“. Diese Expertise kann hier downgeloaded werden.

 

Zuletzt noch ein Hinweis auf eine spannende Dokumentation:

In nomine patris – Die Interessen der Väter“bewegung“

„Viele Maskulisten haben Grundaussagen des Feminismus nicht verstanden, oder noch nie gehört. Da gibt es Leute, denen es nie richtig geschmeckt hat, dass Frauen unabhängig über ihr Leben entscheiden können. Und im Endeffekt macht es sie wütend, dass sich Frauen so leicht scheiden lassen können.“

„Ihr Verständnis von Gleichberechtigung treiben die Maskulisten auf die Spitze, wenn sie behaupten, im gleichen Maße an der Geburt beteiligt zu sein. Im Namen des Vaters wird das Recht der Frau in Frage gestellt, über ihren Körper zu verfügen.“

Conclusio

Warum werden männerdominierte Strukturen meist nicht bemerkt? Weil sie als normal gelten und in zwischenmenschlichen Interaktionen bzw. im Alltag oft nur die Abweichungen dieser Norm betont werden. So kommt es dann auch zu Formulierungen wie „männliche Privilegien gibt es nicht, zumindest kann ich diese nicht nachvollziehen“. Daneben geht es bei männlichen Privilegien nicht ausschließlich um „offensichtlichen, gesetzlich festgeschriebenen Sexismus“, sondern um Dominanzverhalten, Raum einnehmen, Marginalisierung / Ausschluss von Frauen* und anderen Gruppen, die nicht innerhalb einer weißen, männlichen Norm repräsentiert sind.

Wie Sexismus und männliche Privilegien beurteilt werden hängt meist mit Deutungshoheit und einer gesellschaftlichen Definitionsmacht zusammen (wer hat diese inne?).

Ebenso ist es wichtig, Privilegien, aber auch Ängste zu hinterfragen / und darüber nachzudenken. Daher ist es notwendig, über sich selbst zu reflektieren, anstatt über andere zu urteilen. Denn auch, wenn ich meine (männlichen) Privilegien nicht sehen will, sind sie trotz dem da.

Ja klar, in anderen Ländern ist es schlimmer. Das ist aber kein Argument dafür, dass in Österreich, bzw. in der EU und darüber hinaus Menschen diskriminiert, ungleichbehandelt, ausgegrenzt, marginalisiert werden. Für ein gutes Miteinander müssen wir (nicht nur männliche) Privilegien reflektieren, auf unsere Mitmenschen schauen, Solidarität zeigen, Zivilcourage leisten… Apropos „in anderen Ländern ist es schlimmer“: zu sagen „männliche Privilegien und Patriarchat gibt es nicht mehr“ ist in diesem Kontext doch mehr als absurd, da es sich bei diesem Satz wieder um eine Generalisierung handelt, die falsch ist: es gibt Länder auf der Welt, in denen FGM praktiziert wird, Frauen* im Kindesalter verheiratet, vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, oder mit der Angabe von absurden Gründen gesteinigt werden und vieles mehr.

Drei kürzlich (März 2015) erschienene Artikel zum Thema „Antifeminismus“:

„Ein etwas anderer Ausblick“: eine kurze Geschichte

Zum Vergrößern Bild anklicken

Literaturverzeichnis und Quellennachweis schriftlicher Quellen finden sich hier